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Latein oder Griechisch?


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10 Antworten in diesem Thema

#1 Ute

Ute

    Die Mäpstin

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Geschrieben 09 May 2002 - 17:55

Hallo Leiner und Griechies (bevorzugt wegen bewiesener Kompetenz Robert oder iris........ (finde sie nicht mehr),

heute Nachmittag fiel mir an einer roten Ampel etwas auf: die Kirche Jesu Christi.

Kirche ist klar. Aber Jesu Christi nicht. Ich würde erst einmal beides für einen Genitiv halten. Aber ich erinnere mich aus einem Thread mit iris...... (?), dass das nicht ganz so einfach ist, weil Griechisch und Latein hier neben- und durcheinander gebraucht werden.

Griechisch kann ich nicht. Ich habe zwar großes Latinum, aber mangels Praxis ziemlich rostig.

Welche Deklination ist Jesus in Latein (us oder u-Deklination?). Genitiv wäre Jesi  bzw. Jesus.

Bei den Wort Christus wäre Christi (das könnte ja richtig sein) bzw. Christus richtig.

Christus ist aber eine Abwandlung des griechischen Christos. Griechisch deklinieren kann ich nicht.

Wie kommt die Kombination zustande?

#2 Guest_Ketelhohn_*

Guest_Ketelhohn_*
  • Gaeste

Geschrieben 09 May 2002 - 19:26

Hallo Ute, „Jesus“ ist mitsamt Deklination aus dem Griechischen ins Lateinische übernommen, „Christus“ aus der griechischen in die lateinische o-Deklination hinüberlatinisiert worden. „Jesus“ ist allerdings schon im Griechischen ein aramäisches Fremdwort (Ješua). Die Griechen haben Jesu- als Wortstamm aufgefaßt und analog zu anderen, damals modernen Personennamen fremder (lateinischer) Herkunft dekliniert, wie z. B. Lukâs (zu Lucanus oder auch Lucius) und Silâs (zu Silvanus). Modell dieser Sonderdeklination sind die Contracta (kontrahierte Formen) der a-/o-Deklination, nur daß im Falle Jesu der Stammauslaut -a- bzw. -o- durch -u- ersetzt wurde.
[*]Lateinische Deklination:
nom.: Jesus Christus
gen.: Jesu Christi
dat.: Jesu Christo
acc.: Jesum Christum
abl.: Jesu Christo
voc.: Jesu Christe
[*]Griechische Deklination (nom./gen./dat./acc./voc):

IhsouV Cr[e]istoV
Ihsou Cr[e]istou
Ihsou Cr[e]istw{i}
Ihsoun Cr[e]iston
Ihsou Cr[e]iste

Im Lateinischen ist jeweils die erste Silbe betont, im Griechischen die letzte.

#3 Ute

Ute

    Die Mäpstin

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Geschrieben 09 May 2002 - 19:43

Danke, Robert!

#4 werner

werner

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Geschrieben 09 May 2002 - 22:25

Lieber Robert,

da du dich offenbar gut in alten Sprachen auskennst meine Frage:

Ist "Jeshua" nicht nur aramäisch sondern auch hebräisch oder gibt es da Unterschiede? Mich interessiert das deswegen , weil in jüdisch-christlichen Foren neuerdings einige behaupten in hebräisch müsse es Yahshua heissen.
Die Behauptungen gehen dann bei solchen sogar soweit, dass sie den Namen Jesus als heidnisch bezeichnen. Ursache ist ein Rückfall in jüdische Buchstabengesetzlichkeit, wovor uns Gott bewahren möge.
Messianische Juden, die ich kenne verwenden bis dato das Wort Jeshua. Juden die antichristlich sind machen sogar immer das Wortspiel seit vielen, vielen Jahrhunderten Yeshu, was in etwa heisst: er sei auf immer vergessen oder verflucht. Demnach wäre wohl in hebräisch Jeshua richtig. Aber vielleicht weisst du das ganz präzise.

Gruss werner

#5 Guest_Ketelhohn_*

Guest_Ketelhohn_*
  • Gaeste

Geschrieben 10 May 2002 - 09:05

Zitat von Werner (09.05.2002): »[...] einige behaupten in hebräisch müsse es Yahshua heißen.«

Lieber Werner, nach anderen wieder ist die hebräische Vollform „J[eh]ošua“ ...

Das Problem besteht darin, daß das Hebräische eine Konsonantenschrift ist. Die heutige vorliegende Punktation und Akzentuierung, die uns Vokalbestand und Aussprache der Wörter liefern, stammen von den Masoreten des neunten bis zehnten Jahrhunderts. Konkret hat sich die Fassung des Aaron ben Ascher vom Ende des zehnten Jahrhunderts in der Folgezeit – bis etwa ins vierzehnte Jahrhundert – durchgesetzt.

War das aber auch die ursprüngliche Aussprache, oder wenigstens die zur Zeit Jesu gültige? – Die vorliegenden Hinweise geben eine eindeutige Antwort: nein. Die Aussprache des Hebräischen war von der Zeit nach der Zerstörung des Tempels bis ins achte, neunte Jahrhundert – obschon nurmehr Sprache der gelehrten Theologen, nicht einmal mehr der Synagoge – erheblichem Wandel unterworfen. Hinweise darauf geben uns insbesondere hebräische Texte in griechischer oder lateinischer Umschrift – darunter die Fragmente der Hexapla des Origenes – sowie einige ältere, teils erst vor kurzem (etwa in Qûmrân) aufgefundene, vokalisierte Texte; auch der Vokalismus des samaritanischen Pentateuch gibt wertvolle Hinweise.

Nach all dem ahnst du es wohl schon: „Ganz präzise“ weiß das keiner. Muster einer hebräisch korrekten Aussprache sollte insbesondere der Name des Nachfolgers von Moses sein: „Josuë“. Aber schon da wird es schwierig. Die hellenistischen Juden schreiben in der LXX gräzisiert „
IhsouV Nauh [Jesus Nave]“.

Hieronymus greift in der Vulgata auf hebräische Vorlagen zurück und schreibt (in lateinischer Umschrift) „Josuë Bennun“. Daraus läßt sich ein „Jošu
e“ erschließen, freilich bloß als bethlehemitische Aussprache Ende des vierten Jahrhunderts – oder auch nicht, denn welche Vorlagen Hieronymus eigentlich verwendete, wissen wir gar nicht.

Fragt sich allerdings, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine „original“ hebräische Aussprache des Namens Jesu herausfinden zu wollen. Denn Jesus dürfte seinen Namen selber aramäisch ausgesprochen haben. Da wird die Frage nach der hebräischen Version müßig. Interessanter ist, inwieweit Jesus möglicherweise auch die griechische Namensform selbst verwendet hat. Wir dürfen davon ausgehen, daß er sich des Griechischen oft bediente. In seinem Zivilberuf als Bauhandwerker vor dem öffentlichen Auftreten dürfte das unausweichlich gewesen sein: In Sepphoris etwa nahe Nazareth, wo es reichlich Arbeit gab, sprach man griechisch.

Mit Vertretern Roms mußte man in der Regel Latein reden, das offizielle Amtssprache war. Mit Pilatus also hat Jesus ziemlich sicher lateinisch gesprochen. Auch im Lateinischen hat man sich aber der griechischen Namensform bedient (abgesehen vom Betonungswechsel). Einen Dualismus von aramäischem und griechischem oder gar lateinischem Namen treffen wir nun bei vielen damaligen Juden an: weshalb nicht auch bei Jesus? Darum bin ich ziemlich sicher richtig zu liegen, wenn ich annehme, Jesus sei in Nazareth „Ješua“ genannt worden, in Jerusalem aber überwiegend „Iesûs“.

Gruß
Robert



(Geändert von Ketelhohn um 12:18 - 10.Mai.2002)

#6 Cano

Cano

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Geschrieben 10 May 2002 - 09:18


Zitat von Ketelhohn am 10:05 - 10.Mai.2002
Zitat von Werner (09.05.2002): »[...] einige behaupten in hebräisch müsse es Yahshua heißen.«

[font=palatino linotype, garamond, times new roman, times, serif][size=3]

In seinem Zivilberuf als Bauhandwerker vor dem öffentlichen Austreten dürfte das unausweichlich gewesen sein:



Von Jesu öffentlichem Austreten steht aber nichts in den Evangelien. Woher weiß man, daß die Bauhandwerker das damals in aller Öffentlichkeit gemacht haben?

#7 Guest_Ketelhohn_*

Guest_Ketelhohn_*
  • Gaeste

Geschrieben 10 May 2002 - 11:20

Fehler korrigiert! Danke für den Hinweis, Cano! :)
Als ich das schrieb, rutschte ich vermutlich selber schon vor lauter Druck auf dem Stuhl hin und her ...


#8 Ute

Ute

    Die Mäpstin

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Geschrieben 10 May 2002 - 11:31

Zu spät, Robert! >;-)

#9 Guest_Ketelhohn_*

Guest_Ketelhohn_*
  • Gaeste

Geschrieben 10 May 2002 - 12:10

Nee, Ute, ich hab’s noch rechtzeitig bis aufs Klo geschafft!

#10 Explorer

Explorer

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Geschrieben 10 May 2002 - 13:51

Sie meinte wohl, dass du nun wieder in den Stilblüten verewigt wirst...:)

#11 werner

werner

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Geschrieben 10 May 2002 - 15:40

Lieber Robert,

vielen Dank für deine ausführlichen Hinweise, es hat mir und andern sicher geholfen, auf der Ebene zu antworten, wo argumentiert worden ist.

Gruss werner




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