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Popper und die Wissenssoziologie


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GermanHeretic
vor 24 Minuten schrieb duesi:

Ich bin der Meinung, dass die Aussage, dass das stattgefunden hat, dennoch nur eindeutig wahr oder falsch sein kann.

 

Der aristotelische Wahrheitsbegriff ist bei fraktaler Logik natürlich absolut nicht mehr haltbar. Wo man wieder im Problem der Semantik angelangt ist, denn der aristotelische hat sich fest eingebürgert. Dennoch reicht er nicht aus, wie Russel schon gezeigt hat. Es gibt Aussagen, auf die er schlichtweg nicht paßt. Man braucht mindestens einen dritten Begriff wie "nicht entscheidbar".

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vor 6 Minuten schrieb GermanHeretic:

 

Der aristotelische Wahrheitsbegriff ist bei fraktaler Logik natürlich absolut nicht mehr haltbar. Wo man wieder im Problem der Semantik angelangt ist, denn der aristotelische hat sich fest eingebürgert. Dennoch reicht er nicht aus, wie Russel schon gezeigt hat. Es gibt Aussagen, auf die er schlichtweg nicht paßt. Man braucht mindestens einen dritten Begriff wie "nicht entscheidbar".

Von Bertrand Russel kenne ich nur die Aussage mit der Teekanne und seine Religionskritik. "Nicht entscheidbar" ist eine sinnvolle Kategorie und nicht unbedingt ein Widerspruch zum binären Wahrheitsbegriff. Was genau hat Russel gezeigt? Bzw., wenn die Erläuterung zu lang wäre, wo kann ich das nachlesen?

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GermanHeretic
vor 7 Minuten schrieb duesi:

Von Bertrand Russel kenne ich nur die Aussage mit der Teekanne und seine Religionskritik. "Nicht entscheidbar" ist eine sinnvolle Kategorie und nicht unbedingt ein Widerspruch zum binären Wahrheitsbegriff. Was genau hat Russel gezeigt? Bzw., wenn die Erläuterung zu lang wäre, wo kann ich das nachlesen?

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Barbier-Paradoxon

 

Im Prinzip läuft man immer bei selbstbezüglichen Definitionen in die Falle. Obwohl sich natürlich die Frage stellt, hebelt das den aristotelischen Wahrheitsbegriff aus, oder sind die Definitionen einfach nur Kappes.

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vor 13 Minuten schrieb GermanHeretic:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Barbier-Paradoxon

 

Im Prinzip läuft man immer bei selbstbezüglichen Definitionen in die Falle. Obwohl sich natürlich die Frage stellt, hebelt das den aristotelischen Wahrheitsbegriff aus, oder sind die Definitionen einfach nur Kappes.

Ich würde auf zweiteres tippen. Der Barbier kann nicht gleichzeitig alle rasieren, die sich nicht selbst rasieren und nur diejenigen rasieren, die sich nicht selbst rasieren. Die erste Bedingung impliziert, dass er sich selbst rasiert. Die zweite Bedingung impliziert, dass er sich selbst nicht rasiert. Also kann die Definition schon mal auf niemanden zutreffen. Und der nicht existente Barbier rasiert sich auch nicht selbst. Also kann die Frage mit "nein" beantwortet werden. Also ist die Frage hier entscheidbar.

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vor 16 Stunden schrieb GermanHeretic:

 

Der aristotelische Wahrheitsbegriff ist bei fraktaler Logik natürlich absolut nicht mehr haltbar. Wo man wieder im Problem der Semantik angelangt ist, denn der aristotelische hat sich fest eingebürgert. Dennoch reicht er nicht aus, wie Russel schon gezeigt hat. Es gibt Aussagen, auf die er schlichtweg nicht paßt. Man braucht mindestens einen dritten Begriff wie "nicht entscheidbar".

Damit kann ich gut leben. Das "nicht entscheidbar" ist eine schöne Herausforderung für das gebildete Ego.

 

Gruss, Martin

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Marcellinus

Nun seid ihr also bei der Wahrheitsfrage gelandet. Es ist paradox. Der Begriff „Wahrheit“, der wie kein anderer für den Wunsch nach Erkenntnis, Eindeutigkeit, Gewissheit und Sicherheit seht, hat wie kein anderer Begriff für Unklarheit, Dissens und Verwirrung gesorgt (höchstens noch übertroffen vom Gottesbegriff). 

 

„Wahrheit“ ist ein von Menschen geschaffenes, sprachliches Symbol, ein Begriff, und was man damit zu begreifen versucht, das ist die Frage. Was immer man unter „Wahrheit“ versteht, es ist verbunden mit denn Begriffspaar „wahr/falsch“. Ob es sich um eine Aussage, Theorie oder sonstige Vorstellung handelt, immer ist sie entweder definitiv und absolut „wahr“ oder eben nicht. 

 

Nun gibt es viele Fälle des täglichen Lebens, in denen das scheinbar unproblematisch ist. Der Wahrheitsgehalt von Aussagen wie „Ich hab mir den Arm gebrochen“, „Hier regnet es gerade“ oder „Caesar hatte eine Glatze“ ist prinzipiell kein erkenntnistheoretisches Problem, auch wenn der letzte Fall vielleicht nach 2000 Jahren in der Praxis schlecht zu recherchieren ist. Nur hat das eben nichts mit der „Wahrheit™“ zu tun, und auch im täglichen Leben kommen auf jeden Fall, den ich nach einem schwarz-weiß-Muster beurteilen kann, hundert andere, bei denen das nicht geht. In der Mathematik oder Logik dagegen ist Existenz wie Bestimmbarkeit des Wahrheitswertes einer Aussage nicht die Ausnahme, sondern die Regel, allerdings nicht, weil die Fragen immer einfach zu beantworten wären, sondern weil Mathematik wie Logik als menschengemachte Symbolsysteme eben so eingerichtet sind, daß Problemstellung wie Lösung nur aus eben diesen Symbolen bestehen. 

 

Nur in den theoretisch-empirischen Wissenschaften will das mit der „Wahrheit“ nicht so richtig klappen. Da hilft es auch nichts, zu behaupten, Wahrheit und Wirklichkeit seine irgendwie identisch, oder „Wahrheit eine Wesenseigenschaft der Wirklichkeit“, denn damit behauptet man ja nichts mehr und nichts weniger als daß „Wahrheit“ kein von Menschen erfundener Begriff ist. Das ist reine Esoterik.

 

Modelle in den theoretisch-empirischen Wissenschaften bestehen aus menschengemachten Begriffen und Symbolen; die Zusammenhänge, die man mit ihnen beschreiben will, dagegen nicht. Das ist der eigentliche Grund dafür, daß diese Modelle immer unvollständig, vorläufig oder beides sind. Wenn man sie nicht allesamt für falsch erklären will, kommt man mit einem alles-oder-nichts-Schema nicht zurecht. Manche helfen sich dann mit der gedanklichen Konstruktion einer „Annäherung an die Wahrheit“, ein ganz besonderer Witz, denn wie will ich das Maß einer solchen „Annäherung“ bestimmen, wenn ich nicht weiß woran? 

 

In der Praxis habe ich außerhalb der Physik noch keinen Wissenschaftler erlebt, der sich getraut hat, seine Modelle „wahr“ zu nennen, und die Physiker lernen auch gerade auf die harte Tour, daß ihre Wissenschaften mehr Fragen als Antworten hat, und das Verfallsdatum ihrer Theorien immer kürzer wird, wenn sie überhaupt das Stadium der Hypothese verlassen.

 

Was theoretisch-empirische Wissenschaftler tun, ist der Versuch, zu zeigen, daß ihre Modelle besser sind als die bisherigen, besser durch Tatsachenbeobachtungen belegt, besser in ihrem Erklärungs- oder vielleicht sogar Prognosewert, was immer in ihrem jeweiligen Fach als Qualitätskriterium etabliert ist. Dieser Komparativ, dieses „besser als vorher“, ist der eigentliche, und realistische Maßstab, mit dem Fortschritt in den theoretisch-empirischen Wissenschaften bestimmt wird. „Wahrheit“ (außerhalb von Mathematik und Logik) ist einfach eine veraltete Glaubensvorstellung.

 

Daß es sich beim Wahrheitsbegriff eigentlich um eine Glaubensvorstellung handelt, daß also Subjektivismus und Wahrheit untrennbar verbunden sind, ist übrigens keine so neue Erkenntnis. Das folgende Zitat fand ich bei meiner Beschäftigung mit Popper (womit wir wieder beim Threadthema wären):

 

„Das ummittelbar Erlebte ist subjektiv und absolut […] Die objektive Welt hingegen, welche die Naturwissenschaft rein herauszukristallisieren sucht, [..] ist notwendigerweise relativ […] Dieses Gegensatzpaar: subjektiv - absolut und objektiv - relativ scheint mir eine der fundamentalsten erkenntnistheoretischen Einsichten zu enthalten, die man aus der Naturforschung ablesen kann. Wer das Absolute will, muß die Subjektivität, die Ichbezogenheit, in Kauf nehmen; wen es zum Objektiven drängt, der kommt um das Relativitätsproblem nicht herum.“

(Hermann Weyl, Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft, 1966, S. 150f, zitiert bei Karl Raimund Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1984, S. 75)

 

Popper selbst schreibt dazu:

 

„Das alte Wissenschaftsideal, das absolut gesicherte Wissen (episteme), hat sich als Idol erwiesen. Die Forderung der wissenschaftlichen Objektivität führt dazu, daß jeder wissenschaftliche Satz vorläufig ist. Er kann sich wohl bewähren - aber jede Bewährung ist relativ, eine Beziehung, eine Relation zu anderen, gleichfalls vorläufigen Sätzen. Nur in unserem subjektiven Überzeugungserlebnissen, in unserem Glauben können wir absolut sicher sein." (Popper a.a.O. S. 225)

 

Und um diese „subjektiven Überzeugungserlebnisse“, diese persönlichen Gewißheiten, scheint es mir bei der Debatte um den Wahrheitsbegriff eigentlich zu gehen. Diese Gewißheit wollen manche offenbar mit allem (sprachlichen) Mitteln retten. Aber es hilft nichts: immer wenn jemand davon spricht, dieses oder jenes sei „wahr“, begeht er entweder eine sprachliche Ungenauigkeit oder formuliert einen Glauben , und zwar ganz egal, ob religiös oder nicht.

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iskander
Am 28.6.2020 um 23:18 schrieb Marcellinus:

 

Einiges findest du im Wikipedia-Artikel über Karl Popper. Letztlich läuft es darauf hinaus, daß Popper, und vor allem sein Schüler Hans Albert, sehr zutreffend die Erkenntnisgrenzen der von Religion, Philosophie und Wissenschaft aufgezeigt hat, nämlich die Unmöglichkeit von Letztbegründungen, und damit die Nicht-Erkennbarkeit von „Wahrheit“. Die einzigen Gewißheiten sind daher negativer Art. Falschheit läßt sich begründen, Wahrheit nicht. Daher sein Prinzip der Falsifikation, und der berechtigte Anspruch an jede Theorie, die Bedingungen anzugeben, unter denen sie widerlegt wäre.

 

 

Da ich hier zufällig darauf gestoßen bin, kann ich es mir nicht "verkneifen", zu antworten. Um das auch für Dritte verständlich zu machen, schildere ich kurz Alberts Position. (Ich muss dazu sagen, dass es schon lange her ist, dass ich die Sache bei Albert im Original gelesen habe; inwsoweit lege ich hier hauptsächlich sekundäre Darstellungen zugrunde, die nach meiner Erinnerung aber mit Albert übereinstimmen.)

 

Die Ausgangsfrage ist, wie man zu einem Anfang des Begründens kommt. Wenn man etwas begründet, wie wird die Begründung ihrerseits begründet? Wo kann man zu einem Abschluss - oder besser: Anfang - kommen? Denn eine noch so elegante Begründungskette nutzt ja nichts, wenn die ersten Prämissen, auf denen sie beruht, wertlos sind.

Albert gibt auf diese Fragestellung eine dezidiert negative Antwort; er behauptet nämlich, dass letztlich alle Begründungsketten selbst unbegründet seien und somit in der Luft hingen. Die Wikipedia gibt Alberts entsprechende Begründungs-Figur, das sog. "Münchhausen-Trilemma", wie folgt wieder: 
 

Zitat

Das Münchhausen-Trilemma bedeutet, dass jeder Versuch des Beweises eines letzten Grundes zu einem von drei möglichen Ergebnissen führt:

  1. zu einem Zirkelschluss (die Conclusio soll die Prämisse beweisen, benötigt diese aber, um die Conclusio zu formulieren)
  2. zu einem infiniten Regress (es wird immer wieder eine neue Hypothese über die Begründbarkeit eines letzten Grundes formuliert, die sich jedoch wiederum als unzureichend erweist oder wieder in einen Zirkel führt)
  3. zum Abbruch des Verfahrens an einer Stelle und der Dogmatisierung der dortigen Begründung.

 

Alle drei Wege sind natürlich unzulässig; sie haben erkenntnistheoretisch keinerlei Wert. Die entscheidende Prämisse des Trilemmas lautet, dass es nur diese drei Möglichkeiten für Begründung gebe.

Hieraus folgt nun aber nicht etwa, dass wir nichts "sicher" wissen können (wie das immer wieder fälschlicherweise behauptet wird); sondern es würde folgen, dass wir überhaupt nichts wissen können. Denn jeder Satz, mit dem wir etwas behaupten, wäre nichts als eine vollkommen willkürliche Äußerung ohne jede vernünftige Rechtfertigung; und mit demselben (fehlenden) Recht könnte man also gerade das Gegenteil behaupten. Das entspricht einem Skeptizismus der denkbar stärksten Art.

 

Dazu will ich dreierlei kurz darlegen: Erstens hebt die Argumentation ihren eigenen Geltungsanspruch auf. Zweitens würde, wenn die Schlussfolgerung gültig wäre, auch Alberts Programm des kritischen Rationalismus selbst aufgehoben werden (denn auch ein Negativ-Beweis setzt Wissen voraus und schafft Wissen). Drittens ist die These, dass es nur die genannten Arten von (erfolglosen) Begründungen geben könnte, falsch.

 

Zu eins eine Fallunterscheidung: a) Nehmen wir an, die Prämissen des Trilemmas sind unbegründet; dann sind sie nichts als willkürliche Annahmen. Dann gibt es keinen vernünftigen Grund, sie oder die sich aus ihnen abgeleiteten Schlussfolgerung für wahr zu halten. Damit hätte sich das Trilemma erledigt.

Option b): Es gibt einen vernünftigen Grund, die Prämissen des Trilemmas für wahr zu halten (etwa, weil sie "einsichtig" seien). Dann folgt aus den Prämissen, dass es keinen einzigen Satz gibt, den für wahr zu halten es einen vernünftigen Grund gibt. Das gilt dann natürlich auch für die Prämissen des Trilemmas selbst. Anders gesagt: Ist das Trilemma "begründet", dann ist es unbegründet. Damit haben wir eine klassische "Reductio ad absudum". (Von da aus lässt sich dann auch schnell zeigen, dass das Trilemma nicht nur unbegründbar, sondern auch falsch ist.)

 

Zu zwei:

Der kritische Rationalismus anerkennt einen Fortschritt der Wissenschaft durch Falsifikation. Nur:

Auch das Wissen, das eine bestimmte These falsch ist, ist ein Wissen. Zudem: Jedem Wissen, dass eine bestimmte Aussage falsch ist, entspricht auch das Wissen, dass eine andere Aussage (nämlich mindestens ihre Negation) wahr ist. Jedes "Widerlegen" ist daher immer auch ein "Beweisen" und umgekehrt. Es sind zwei Seiten einer Medaille.

Konkret, und um nochmals auf das berühmte Beispiel der australischen schwarzen Schwäne zurückzukommen, mit deren Hilfe sich der Satz "Alle Schwäne sind weiß" falsifizieren lässt:

 

Um diese Falsifizierung vollziehen zu können, muss ich unter anderem Folgendes wissen können, wenn ich nach Australien gehe: "Dies ist ein Schwan." Und: "Dies ist schwarz". Zumindest mit einer hinreichend hohen Wahrscheinlichkeit muss ich es wissen. Handelt es sich nämlich um nichts als willkürliche Annahmen meinerseits, dann kann ich auf ihrer Basis auch nichts widerlegen.
Zudem ist der Satz "Nicht alle Schwäne sind weiß" natürlich auch Wissen; weiß ich, dass es sich so und nicht anders verhält, dann weiß ich mehr als jemand, dem diese Tatsache unbekannt ist.

Und man könnte den Satz im Übrigen auch umformulieren in "Es gibt auch Schwäne, die nicht weiß sind" bzw. (zusammen mit der ja notwendig vrausgesetzten Erkenntnis von schwarzen Schwänen): "Es gibt mindestens weiße und schwarze Schwäne".

Indem ich also "negativ" widerlege, dass alle Schwäne weiß sind, beweise ich zugleich "positiv", dass es Schwäne von anderer Farbe (nämlich schwarze) gibt.

Beim Voranschreiten einer Wissenschaft mittels Falsifizikation lautet die Frage also nicht, ob es Wissen ist, was man so erhält, sondern höchstens welcher Art das Wissen ist. Würde das Trilemma gelten, würde es auch jenes Wissen vernichten, welches für das Falsifizieren notwendig ist, und ebenso jenes Wissen, das durch die Falsifizierung generiert wird. Das Trilemma würde nicht zum kritischen Rationalismus führen, sondern zum extremen Irrationalismus.

 

Zu drei:

Es gibt vieles, was man einsehen kann, manches mit Sicherheit (hierher gehören viele ideale Zusammenhänge), manches mit mehr oder weniger hoher Plausibilität; es gibt ein unmittelbares Bewusstsein der eigenen psychischen Akte und Zustände (warum dieses nicht "Täuschung" sein kann, wird schnell ersichtlich, wenn man sich klar macht, was "Täuschung" bedeutet); und es gibt die sinnlichen Erfahrungen, die sich in komplexer und kohärenter Weise ergänzen, auch wenn es m.E. keinen "definitiven" Beweis der realen Außenwelt gibt. So gibt es in jedem Fall Anfänge von Begründungsketten, die nicht einfach aus der Luft gegriffen sind.

 

Ein häufiger Fehler derjenigen, die eine Letztbegründung - und damit jede gültige Begründung -  ablehnen, liegt in der Meinung, dass alles Wissen immer nur "von einem anderen" her gewusst werden kann. Daraus würde dann in der Tat folgen, dass man nie an einen Anfang kommen könnte, so dass alles unbegründet in der Luft hinge. (Dies ist natürlich eine selbstwidersprüchliche These, sobald sie mit Erkenntnisanspruch versehen wird. Denn wenn es so wäre, könnte diese These nicht gewusst werden.)

Hinter dieser These stehen vermutlich verschiedene Missverständnisse, u.a. auch die Verwechslung zweier Arten von "Voraussetzung".

- Voraussetzung im Sinne von Prämisse: Wenn ich die Wahrheit des Satzes S nur mithilfe der Prämisse P erschließen kann, zugleich aber nicht wissen kann, ob P wahr ist, dann ist das in der Tat fatal.

-  Voraussetzung im Sinne von notwendiger Bedingung: "X kann nur dann der Fall sein, wenn auch Y der Fall ist." Dann ist Y eine notwendige Bedingung für X. 

 

In diesem letzteren Sinne hat jedes Wissen Voraussetzungen - aber das ist gerade nicht fatal. Denn man muss eben nicht erst bewiesen haben, dass die notwendige Bedingung zutrifft, bevor man wissen kann, dass der entsprechende Satz X gilt. (Sonst ließe sich auch überhaupt gar nichts beweisen.) Das Gegenteil ist der Fall:

 

Ein bestimmter Gegenstand auf einer einsamen Insel, der dort tief verwurzelt ist, kann beispielsweise nur dann ein Baum sein, wenn es auf dieser Insel überhaupt Pflanzen geben kann. Kann es dort keine Pflanzen geben, kann es dort auch keine Bäume geben. Die Möglichkeit, dass es überhaupt Pflanzen auf der Insel geben kann, ist also eine notwendige Bedingung dafür, dass der Gegenstand, den ein Forscher dort untersucht, ein Baum sein kann. Deswegen muss der Forscher nun aber nicht erst beweisen, dass es auf der Insel überhaupt Pflanzen geben kann, bevor er wissen kann, dass der Gegenstand vor ihm ein Baum ist! Umgekehrt: Indem er erkennt, dass dies ein Baum ist, kann er schlussfolgern, dass es Pflanzen auf dieser Insel gibt (und also auch geben kann). Man schließt auf die notwendige Bedingung, nicht umgekehrt.

 

Um das logisch verständlich zu machen, sei die Wikipedia zitiert:

 

Zitat

Aussagenlogisch betrachtet ist eine notwendige Bedingung B für eine Aussage K eine Aussage, die zwingend wahr (erfüllt) sein muss, wenn K wahr ist. Es kommt also nicht vor, dass K erfüllt ist, ohne dass B erfüllt ist.

Der Zusammenhang wird durch die symbolische Schreibweise KB ausgedrückt, sprich „K impliziert B“ oder „aus K folgt B“.

 

Der springende Punkt hier ist: Die notwendige Bedingung ist nicht die Prämisse, sondern das Implikat!

 

Insofern: Um wissen zu können, dass es Wahrheit, Erkennen usw. gibt, muss tatsächlich im Sinne einer notwendigen Bedingung gegeben sein, dass es Wahrheit gibt, dass Erkenntnis möglich ist usw; das heißt aber nicht, dass wir "fatalerweise" zuerst wissen müssten, dass es Wahrheit gibt und dass Erkennen möglich ist, bevor wir wissen können, dass es Wahrheit gibt und Erkenntnis möglich ist.

 

Edited by iskander
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iskander

... und noch ein kleiner Nachtrag zu meinem Kommentar von vorhin:

 

Am 30.6.2020 um 17:59 schrieb Marcellinus:

In der Praxis habe ich außerhalb der Physik noch keinen Wissenschaftler erlebt, der sich getraut hat, seine Modelle „wahr“ zu nennen, und die Physiker lernen auch gerade auf die harte Tour, daß ihre Wissenschaften mehr Fragen als Antworten hat, und das Verfallsdatum ihrer Theorien immer kürzer wird, wenn sie überhaupt das Stadium der Hypothese verlassen.

[...]

 

Daß es sich beim Wahrheitsbegriff eigentlich um eine Glaubensvorstellung handelt, daß also Subjektivismus und Wahrheit untrennbar verbunden sind, ist übrigens keine so neue Erkenntnis. Das folgende Zitat fand ich bei meiner Beschäftigung mit Popper (womit wir wieder beim Threadthema wären):

 

„Das ummittelbar Erlebte ist subjektiv und absolut […] Die objektive Welt hingegen, welche die Naturwissenschaft rein herauszukristallisieren sucht, [..] ist notwendigerweise relativ […] Dieses Gegensatzpaar: subjektiv - absolut und objektiv - relativ scheint mir eine der fundamentalsten erkenntnistheoretischen Einsichten zu enthalten, die man aus der Naturforschung ablesen kann. Wer das Absolute will, muß die Subjektivität, die Ichbezogenheit, in Kauf nehmen; wen es zum Objektiven drängt, der kommt um das Relativitätsproblem nicht herum.“

(Hermann Weyl, Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft, 1966, S. 150f, zitiert bei Karl Raimund Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1984, S. 75) 

 

Ohne auf die ganzen Beiträge im Detail eingehen zu können (was ich zum Teil ja anderswo schon gemacht habe), muss ich zumindest zwei Anmerkungen machen:

 

Wahrheit in der Wissenschaft muss nicht bedeuten, dass eine umfassende Theorie (z.B. die Relativitätstheorie) richtig ist; der Wahrheitsbegriff kann sich auch auf partikuläre Dinge beziehen (Abstand der Sonne von der Erde). Man sollte sozusagen den Wahrheitsbegriff im Dorf lassen. 😉

 

Vor allem aber scheinst Du mir, verschiedene Bedeutungen von "Subjektivität" nicht hinreichend zu trennen. Es ließen sich da unterschiedliche Differenzierungen vornehmen, aber das Folgende genügt vielleicht:

Wir können nämlich sagen, dass etwas "subjektiv" sei im Sinne von: Nur Meinung, Gefühl oder Einbildung; nichts was die Wirklichkeit trifft, wie sie ist. Etwa, wenn ich einen Film im Kino langweilig finde, mein Nachbar aber begeistert ist, sind unsere Werturteile in diesem Sinne wohl "subjektiv".

 

Dagegen kann "Subjektives" einfach eine "Erste-Person-Ontologie" (Searle) beschreiben: In diesem Sinne ist meine Langweile oder mein Wärme-Empfinden gerade so real und "objektiv vorhanden" wie ein Berg oder ein Haus.

Nur sind meine Langweile oder meine Wärmeempfindung von anderer Art oder Qualität - sie sind etwas "Erlebtes", etwas von der Art "wie es für mich ist, in diesem Zustand zu sein". Dieses mein eigenes Erleben ist mir sicher gegeben, soweit ich nicht im Urteilen über das unmittelbar Gegebene hinausgehe. (Wenn ich Wärmegefühl habe, habe ich ein Wärmegefühl; das "Erlebt-Sein" ist hier das "Sein".)

 

Zugleich ist diese Art der Realität erst mal nur mir selbst zugänglich. Gehe ich darüber hinaus auf die physische Welt, dann relativiert sich diese Gewissheit. Denn diese Welt ist mir nur über mein Bewusstsein vermittelt, und ob wie akkurat sie vermittelt ist, kann immer hinterfragt werden. (Ich würde vermuten, dass Popper das ähnlich gemeint hat, weiß es aber nicht sicher.)

 

Edited by iskander
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Soulman

Hi, 

 

Ich denke Popper meint: Absolutheit impliziert Subjektivität und Relativität impliziert Objektivität (als notwendige Bedingungen). Das bedeutet dann auch, dass es durchaus Objektivität geben kann, die sich außerhalb der Relativität bewegt, wir können sie nur dann nicht mehr als solche erkennen. Wie und womit auch?

 

Ich bin da pragmatischer bei dem „Warum wird Wissenschaft betrieben“?

Sie ist der Weg aus einer magischen Welt in die Freiheit. Freiheit ist die Möglichkeit zwischen Optionen zu wählen, weil man die unterschiedlichen! Folgen abschätzen kann. Ikarus baut sich immer bessere Flügel.

 

Gruss, Martin

Edited by Soulman
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iskander
vor 8 Stunden schrieb Soulman:

Hi, 

 

Ich denke Popper meint: Absolutheit impliziert Subjektivität und Relativität impliziert Objektivität (als notwendige Bedingungen). Das bedeutet dann auch, dass es durchaus Objektivität geben kann, die sich außerhalb der Relativität bewegt, wir können sie nur dann nicht mehr als solche erkennen. Wie und womit auch?

 

Ich kenne die Stelle im Original nicht; die Frage wäre, was Popper in diesem Zusammenhang genau mit den Begriffen "absolut", relativ", "subjektive" und "objektive" versteht, denn diese Begriffe sind "schillernd" und haben verschiedene Bedeutungen. Ich bin mir nicht mal sicher, wie Du sie meinst, und so, wie Du es sagst, ergibt es für mich auch nicht so viel Sinn.

 

"Subjektiv" kann bedeuten, dass das Subjekt der Erkenntnis dem Objekt der Erkenntnis etwas "beilegt" (etwa im Sinne von "subjektiven" Geschmacks-Urteilungen oder reinen Meinungen); "subjektiv" heißt dann etwa so viel wie "nicht wirklich" oder wenigstens "nicht sicher beurteilbar".

"Subjektiv" kann aber einfach auch bedeuten, dass etwas zu einem "Subjekt" (im ontologischen Sinne) gehört; in diesem Sinne kann das "Subjektive" so "echt" und "real" sein wie eine Tasse oder ein Baum (und kann auch rational untersucht werden).

 

Den entscheidenden Punkt, hier bezogen auf den wissenschaftlichen Zugang, erklärt Searle wie folgt (ich habe mir diesen Text sonst nicht genauer angeschaut; es ging mir nur darum, einen zu finden, in dem er diesen speziellen Gedanken ausführt; Nachtrag: Inzwischen gibt es eine dt. Übersetzung, siehe nächster Beitrag):

 

Zitat

Many philosophers and scientists also think that the subjectivity of conscious states makes it impossible to have a strict science of consciousness. For, they argue, if science is by definition objective, and consciousness is by definition subjective, it follows that there cannot be a science of consciousness. This argument is fallacious. It commits the fallacy of ambiguity over the terms objective and subjective. Here is the ambiguity: We need to distinguish two different senses of the objective-subjective distinction.

In one sense, the epistemic sense (“epistemic” here means havingto do with knowledge), science is indeed objective. Scientists seek truths that are equally accessible to any competent observer and that are independent of the feelings and attitudes of the experimenters in question. An example of an epistemically objective claim would be "Bill Clinton weighs 210 pounds". An example of an epistemically subjective claim would be "Bill Clinton is agood president". The first is objective because its truth or falsity is settleable in a way that isindependent of the feelings and attitudes of the investigators. The second is subjective because it is not so settleable.

 

But there is another sense of the objective-subjective distinction, and that is the ontological sense (“ontological” here means having to do with existence). Some entities, such as pains, tickles, and itches, have a subjective mode of existence, in the sense that they exist only as experienced by a conscious subject. Others, such as mountains, molecules and tectonic plates have an objective mode of existence, in the sense that their existence does not depend on any consciousness.

 

The point of making this distinction is to call attention to the fact that the scientific requirement of epistemic objectivity does not preclude ontological subjectivity as a domain of investigation. There is no reason whatever why we cannot have an objective science of pain, even though pains only exist when they are felt by conscious agents. The ontological subjectivity of the feeling of pain does not preclude an epistemically objective science of pain. Though many philosophers and neuroscientists are reluctant to think of subjectivity as a proper domain of scientific investigation, in actual practice, we work on it all the time. Any neurology textbook willcontain extensive discussions of the etiology and treatment of such ontologically subjective statesas pains and anxieties.

 

(Absätze von mir inzugefügt. Wenn es nicht zu viel Aufwand ist, will ich das später mit Google sHilfe noch ins Deutsche übersetzen.)

 

Man könnte auch noch einwenden, dass man ja nur von sich selbst sicher weiß, in welchem psychischen Zustand man sich befindet und es im Fall anderer Leute nur "glauben" kann. Man muss allerdings im Rahmen jeder (empirischen) Wissenschat anderen Leuten glauben, dass sie in der Regel ehrlich berichten. Denn man kann nicht alle Beobachtungen und Versuche persönlich durchführen.

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iskander

Hier also noch die Übersetzung von Searle: Alles Gelungene und Korrekte stammt von mir; eventuelle Fehler und holprige Stellen hingegen gehen allein auf das Konto von Google. 😁

 

Zitat

 

Viele Philosophen und Wissenschaftler glauben auch, dass die Subjektivität bewusster Zustände es unmöglich macht, eine strenge Wissenschaft des Bewusstseins zu haben. Denn sie argumentieren, wenn Wissenschaft per Definition objektiv und Bewusstsein per Definition subjektiv ist, folgt daraus, dass es keine Wissenschaft des Bewusstseins geben kann. Dieses Argument ist trügerisch. Es begeht den Fehlschluss der Ambiguität hinsichtlich der Begriffe objektiv und subjektiv. Hier ist die Ambiguität: Wir müssen zwei verschiedene Sinne der objektiv-subjektiven Unterscheidung unterscheiden.

In gewisser Hinsicht, dem epistemischen Sinn („epistemisch“ bedeutet hier, mit Wissen zu tun zu haben), ist die Wissenschaft in der Tat objektiv. Wissenschaftler suchen nach Wahrheiten, die jedem kompetenten Beobachter gleichermaßen zugänglich sind und die unabhängig von den Gefühlen und Einstellungen der betreffenden Experimentatoren sind. Ein Beispiel für eine erkenntnistheoretisch objektive Behauptung wäre "Bill Clinton wiegt 210 Pfund". Ein Beispiel für eine erkenntnistheoretisch subjektive Behauptung wäre "Bill Clinton ist ein guter Präsident". Die erste [Behauptung] ist objektiv, weil ihre Wahrheit oder Falschheit auf eine Weise festgestellt werden kann, die unabhängig von den Gefühlen und Einstellungen derjenigen ist, die die Untersuchung durchführen. Die zweite ist subjektiv, weil dies nicht auf diese Weise feststellbar ist.

 

Aber es gibt noch einen anderen Sinn für die objektiv-subjektive Unterscheidung, und das ist der ontologische Sinn („ontologisch“ bedeutet hier, mit Existenz zu tun zu haben). Einige Entitäten, wie Schmerzen, Kitzeln und Juckreiz, haben eine subjektive Existenzweise in dem Sinne, dass sie nur dadurch existieren,  dass sie von einem bewussten Subjekt erfahren werden. Andere, wie Berge, Moleküle und tektonische Platten, haben eine objektive Existenzweise in dem Sinne, dass ihre Existenz von keinem Bewusstsein abhängt.

 

Mit dieser Unterscheidung soll darauf hingewiesen werden, dass das wissenschaftliche Erfordernis der epistemischen Objektivität die ontologische Subjektivität als Untersuchungsgebiet nicht ausschließt. Es gibt keinen Grund, warum wir keine objektive Wissenschaft des Schmerzes haben können, obwohl Schmerzen nur dann existieren, wenn sie von bewussten Agenten empfunden werden. Die ontologische Subjektivität des Schmerzgefühls schließt eine erkenntnistheoretisch objektive Schmerzwissenschaft nicht aus. Obwohl viele Philosophen und Neurowissenschaftler zögern, Subjektivität als einen geeigneten Bereich wissenschaftlicher Forschung zu betrachten, arbeiten wir in der Praxis ständig mit ihr. Jedes neurologische Lehrbuch wird ausführliche Diskussionen über die Ätiologie und Behandlung solch ontologisch subjektiver Zustände wie Schmerzen und Ängste enthalten.

 

Man könnte auch noch einwenden, dass man ja nur von sich selbst sicher weiß, in welchem psychischen Zustand man sich befindet und es im Fall anderer Leute nur "glauben" kann. Man muss allerdings im Rahmen jeder (empirischen) Wissenschat anderen Leuten glauben, dass sie in der Regel ehrlich berichten. Denn man kann nicht alle Beobachtungen und Versuche persönlich durchführen.

Edited by iskander
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iskander
Am 28.6.2020 um 23:18 schrieb Marcellinus:

Um es auf eine knappen Punkt zu bringen: Popper hat sehr klar die Grenzen menschlicher Erkenntnis herausgearbeitet. Was die Möglichkeiten menschlicher, und vor allem wissenschaftlicher Erkenntnis betrifft, fehlte ihm als Philosoph allerdings das wissenssoziologische Analyse- und Synthesewerkzeug. Die Möglichkeiten und Leistungen der theoretisch-empirischen Wissenschaften konnte er nicht erfassen, weil sie seinen philosophischen Theorien einfach nicht zugänglich waren.

 

Da wäre es interessant, wenn Du das genauer erläutern könntest.

 

Ganz allgemein dazu die Anmerkung, dass die Wissenschaft in der Praxis tatsächlich nicht einfach so verfährt, wie Popper das für richtig hielt. Es wurden dementsprechend auch wissenschaftstheoretische Ansätze entwickelt, die der Wirklichkeit (jedenfalls in manchen Punkten) näher kommen dürften - z.B. der Ansatz von Lakatos, der von Popper beeinflusst wurde. Es wäre interessant, inwieweit derartige wissenschaftstheoretischen Bemühungen und jene "wissenssoziologischen" Ansätze, an die Du denkst, Parallelen aufweisen. (Nicht, dass ich alle Annahmen von Lakaos teilen würde, aber der Kontrast zu Popper ist interessant; Lakatos hat z.B. sicher damit recht, dass das mit dem Falsifizieren nicht immer so einfach ist.)

Edited by iskander
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Marcellinus
vor 14 Minuten schrieb iskander:

Ganz allgemein dazu die Anmerkung, dass die Wissenschaft in der Praxis tatsächlich nicht einfach so verfährt, wie Popper das für richtig hielt.

 

Das wußte Popper durchaus:

 

„Und nicht aus diesem Grund verwerfen wir es [das Induktionsprinzip], nicht weil in der Wissenschaft ein solches Prinzip tatsächlich nicht angewendet wird, sondern weil wir seine Einführung für überflüssig, unzweckmäßig, ja, für widerspruchsvoll halten.“

 

"Wir geben also offen zu, daß wir uns bei unseren Festsetzungen in letzter Linie von unserer Wertschätzung, von unserer Vorliebe leiten lassen."

 

(Karl Raimund Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1984)

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Marcellinus

Popper stellte sich die ideale Wissenschaft als eine rein theoretische Beschäftigung vor, in der Empirie keinen Platz hat, weil sie, wie er sagt, keine „gültigen Sätze“ hervorzubringen vermag, weil die Wirklichkeit für ihn ein relativistischer Morast ist.

 

„Die erste Hälfte dieser Tätigkeit [sc. des wissenschaftlichen Forschers], das Aufstellen von Theorien, scheint uns einer logischen Analyse weder fähig noch bedürftig zu sein: An der Frage, wie es vor sich geht, daß jemandem etwas Neues einfällt - sei es nun ein musikalisches Thema, ein dramatischer Konflikt oder eine wissenschaftliche Theorie -, hat wohl die empirische Psychologie Interesse, nicht aber die Erkenntnislogik. Diese interessiert sich nicht für Tatsachenfragen (Kant: quid facti), sondern nur an Geltungsfragen (quid juris) -das heißt an Fragen von der Art: ob und wie ein Satz begründet werden kann; ob er nachprüfbar ist; ob er von gewissen anderen Sätzen logisch abhängt oder mit ihnen in Widerspruch steht usw.“

(Karl Raimund Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1984 S. 41)

 

Poppers Fragestellung ist mit anderen Worten die nach der Arbeitsweise eines einzelnen Wissenschaftlers, und da auch nur nach dem Teil der Arbeit, nachdem er seine Theorie formuliert hat. Alles andere, woher er die Fragestellung seiner Theorie hatte, welche anderen Forscher ihn beeinflußt haben, usw. sind alles Tatsachenfragen, die Popper nicht interessieren.

 

Streng genommen interessiert ihn die tatsächliche Arbeit der Wissenschaftler und der Wissenschaften überhaupt nicht.

 

Wir nennen das gewöhnlich Metaphysik, der Versuch, unbekannte Zusammenhänge und ungelöste Problem allein durch Fantasie, durch Spekulation zu erklären, zwar ohne Bezug zu übermenschlichen Mächten wie in der Religion, aber eben auch ohne Rückgriff auf beobachtbare Fakten oder nachprüfbares Wissen. Ursprünglich hatten die Philosophen keine Wahl, da ihnen Wissen über die Gegenstände ihrer Betrachtungen nicht zur Verfügung standen. Heute wäre das Wissen schon da; um trotzdem zur Metaphysik zu kommen, muß man es also ignorieren. Und so schreibt Popper:

 

„Wir glauben auch nicht, daß es möglich ist, mit den Mitteln einer empirischen Wissenschaft Streitfragen von der Art zu entscheiden, ob die Wissenschaften ein Induktionsprinzip anwenden oder nicht.“

(Popper a.a.O. S. 25)

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iskander

Ja, Popper war wohl von der Art, dass er der Wissenschaft sagte, wie sie "nach seinem Geschmack" zu funktionieren habe. 😁

 

Es verhält sich wohl so, dass die Leute in den Naturwissenschaften Poppers Ansatz sehr schätzen, aber - ohne sich dessen richtig bewusst zu sein - in der Praxis doch eher anders vorgehen...

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Marcellinus
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vor 19 Minuten schrieb iskander:

Ja, Popper war wohl von der Art, dass er der Wissenschaft sagte, wie sie "nach seinem Geschmack" zu funktionieren habe. 😁

 

Es verhält sich wohl so, dass die Leute in den Naturwissenschaften Poppers Ansatz sehr schätzen, aber - ohne sich dessen richtig bewusst zu sein - in der Praxis doch eher anders vorgehen...

 

Ich denke, das ist ein allgemeines Problem der philosophischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Philosophen neigen dazu, zu sagen, wie Erkenntnis und Wissenschaft sein sollte, nicht wie sie wirklich ist. Andere, wie Lakatos. Ludwig Fleck oder Thomas S. Kuhn haben versucht, aus der Wissenschaftsgeschichte Wissenschaftstheorien abzuleiten, also aus dem, wie Wissenschaften wirklich arbeiten. Am Ende sind sie gescheitert.

 

Der Grund ist relativ einfach. Wissenschaften sind soziale Prozesse, den man nicht verstehen kann, wenn man nicht in den Blick nimmt, daß diese Prozesse innerhalb umfassenderer sozialer Prozesse stattfinden. Man kann also sagen, daß man nur erklären kann, wie Wissenschaften funktionieren, wenn man sie versteht als einen Teil der Wissensproduktion von Gesellschaften insgesamt, wenn man zu beobachten und theoretisch zu verarbeiten sucht, wie Wissenschaften aus vorwissenschaftlichen Wissensformen entstanden sind, und wie das mit den Entwicklungen der Gesellschaften zusammenhängt, von denen sie ein Teil sind. Man kann nicht erklären, wie Wissenschaften entstanden sind und arbeiten, wenn man nicht erklären kann, wie die Gesellschaften entstanden sind, die diese Wissenschaften hervorgebracht haben. 

 

Das ist der Punkt, wo die Wissenssoziologie ins Spiel kommt, die allerdings eine Soziologie als Wissenschaft voraussetzt, die es bis heute nicht gibt. Es gibt unterschiedliche Konzepte, aber eben keine allgemein akzeptierte theoretische Grundlage, wie sie in der Physik oder der Biologie existieren. 

 

Edited by Marcellinus
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iskander

@Marcellinus:

 

vor einer Stunde schrieb Marcellinus:

Streng genommen interessiert ihn die tatsächliche Arbeit der Wissenschaftler und der Wissenschaften überhaupt nicht.

 

Da würde ich Popper dann aber doch ein Stück weit in Schutz nehmen; es geht ihm darum, wie gute Wissenschaft "geltungsmäßig" funktioniert. Und da es nach seiner Meinung wesentlich ist, fruchtbare und falsifizierbare Thesen aufzustellen und diese zu prüfen, ist es sozusagen im Hinblick auf die Geltung tatsächlich zweitrangig, wie nun die konkrete These zustandegekommen ist. Wenn man Wissenschaft anders begreift als Popper - etwa, weil man die Bedeutung der Falsifikation geringer ansetzt - werden natürlich auch andere Fragen relevanter.

 

Zu dem Popper-Zitat sage ich gleich noch was, möchte Popper aber umfassender zitieren nachdem ich das nach-recherchiert habe).
 

Zitat

 

Diese Auffassung, nach der die Methodenlehre eine empirische Wissenschaft ist - sei es nun eine Lehre von dem tatsächlichen Verhalten der Wissenschaftler oder von den "tatsächlichen Verfahren der Wissenschaft" -, kann man naturalistisch nennen. Eine naturalistische Methodenlehre (manche sagen: "induktive Wissenschaftslehre"5) hat zweifellos ihren Wert: Jeder Erkenntnislogiker wird für solche Bestrebungen Interesse haben und von ihnen lernen. Dennoch fassen wir das, was wir hier "Methoden-Lehre" nennen, nicht als eine empirische Wissenschaft auf; und wir glauben auch nicht, daß es möglich ist, mit den Mitteln einer empirischen Wissenschaft Streitfragen von der Art zu entscheiden, ob die Wissenschaft ein Induktionsprinzip anwendet oder nicht; um so weniger, aIs es ja durchaus Sache der Festsetzung ist, was man als Wissenschaft und wen man als Wissenschaftler anerkennen will.

 

 

Das ist natürlich so ein bisschen eine heikle Sache; man kann auf der einen Seite natürlich immer schauen, wie die Wissenschaft praktisch funktioniert - und wenn sie gut funktioniert, dann werden wohl auch ihre Methoden brauchbar sein. Auf der anderen Seite ist die Sinnhaftigkeit methodische Prinzipien natürlich keine rein empirische Feststellung; und es stellt sich auch die Frage, woran man im Zweifel erkennt, dass eine Wissenschaft gut funktioniert, und in welchem Sinne von "gut"?

 

Nehmen wir als extremes Beispiel, eine empirische Wissenschaft ginge im Sinn eines methodischen Prinzips davon aus, dass sie jenseits aller Zweifel mithilfe der Induktion strenge allgemeingültige Gesetze beweisen könnte. Nachdem in einem Experiment 1000 mal dasselbe Ergebnis X beobachtet wurde, würde allgemein akzeptiert werden, dass damit streng bewiesen sei, dass das Ergebnis immer entsprechend ausfalle und ausfallen müsse.

Nehmen wir weiter an, dass diese Wissenschaft (vielleicht, weil sie noch sehr jung ist) bisher immer "Glück" gehabt habe und mit ihrem Optimismus bisher noch nicht auf die Nase gefallen sei.

Dann bliebe doch richtig - auch wenn man die Kritik nicht so radikal fasst wie Popper - dass der induktive Schluss in der beschriebenen Form ungültig ist; man kann nicht aus einzelnen Fällen schließen, dass es ein Gesetz ohne jede Ausnahme geben muss. Das nun ist aber keine "empirische", sondern eine "meta-wissenschaftliche" Erkenntnis; trotzdem ist es eine echte Erkenntnis, und sie liegt in einem gewissen Sinne "vor" der Empirie. Ich glaube allerdings, dass Poppers Kritik an der Induktion zu hart ausfällt, aber das steht auf einem anderen Blatt.

 

Ansonsten würde ich meinen, dass Deine Auffassung von Metaphysik doch etwas problematisch ist, es sei denn, wir hätten es wirklich mit "schlechter" Metaphysik zu tun. Gute Metaphysik basiert auf vernünftigen Überlegungen, die, soweit dies zur Sache gehört, durch die Empirie informiert ist. Im weitesten Sinne machen wir auch nichts anderes, wenn wir uns z.B. überlegen, welche Wissenschaftsauffassung sinnvoll ist; denn unsere Überlegungen mögen davon, wie Wissenschaft faktisch verläuft, informiert sein; aber sie gehen über das rein Empirische (das rein Faktische) sicher hinaus. So wie eben beispielsweise die Erkenntnis, dass sich mittels Induktion kein gültiger Beweis für ein streng allgemeines Gesetz führen lässt. Wir haben da eine wichtige und gültige Einsicht. (Sie mag simpel sein, aber ist sie auch dem durchschnittlichen Grundschüler oder "dem Mann von der Straße" spontan und ohne Erklärung und Darlegung klar?)

 

Was die Wissenschaftstheorie angeht, wäre ich persönlich nicht so pessimistisch. Eine gelungene Theorie wird sowohl sowohl "geltungsmäßige" Gesichtspunkte (nochmals das Beispiel mit der Induktion und dem generellen Gesetz) wie empirisch-faktisch Gesichtspunkte vereinen müssen. Inwieweit da moderne Wissenschaftstheorien eine gute oder schlechte Figur machen, müsste man sich im Einzelnen überlegen. Zu Bedingungen von Wissenschaft gehört selbstverständlich auch das Soziale; ob man dafür aber wirklich eine "umfassende" soziologische Analyse und Theorie braucht?

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Marcellinus
vor 19 Stunden schrieb iskander:

Ansonsten würde ich meinen, dass Deine Auffassung von Metaphysik doch etwas problematisch ist, es sei denn, wir hätten es wirklich mit "schlechter" Metaphysik zu tun. Gute Metaphysik basiert auf vernünftigen Überlegungen, die, soweit dies zur Sache gehört, durch die Empirie informiert ist. Im weitesten Sinne machen wir auch nichts anderes, wenn wir uns z.B. überlegen, welche Wissenschaftsauffassung sinnvoll ist; denn unsere Überlegungen mögen davon, wie Wissenschaft faktisch verläuft, informiert sein; aber sie gehen über das rein Empirische (das rein Faktische) sicher hinaus. So wie eben beispielsweise die Erkenntnis, dass sich mittels Induktion kein gültiger Beweis für ein streng allgemeines Gesetz führen lässt. Wir haben da eine wichtige und gültige Einsicht. (Sie mag simpel sein, aber ist sie auch dem durchschnittlichen Grundschüler oder "dem Mann von der Straße" spontan und ohne Erklärung und Darlegung klar?)

 

Entschuldige, aber hat das mit den theoretisch-empirischen Wissenschaften (aka Naturwissenschaften) noch überhaupt irgendetwas zu tun? Wo behaupten Wissenschaftler noch, "allgemeine Gesetze" zu entdecken? Ja, es gibt immer noch Philosophen, die meinen, entscheiden zu können was eine "sinnvolle Wissenschaftsauffassung" sei, aber zum einen fehlt ihnen in der Regel die Sachkenntnis, und zum anderen entscheidet in den Wissenschaften längst, was sich entweder als ökonomisch verwertbar erweist, oder sonstwie Forschungsgelder zu mobilisieren in der Lage ist. Zum Guten oder zum Schlechten, Philosophie ist wesentlich fürs Feuilleton. Metaphysik schließlich, als die Lehre vom "Sinn allen Seins" ist schlicht eine Glaubenssache. Womit wir wieder beim Verhältnis zwischen Religion und Philosophie wären. ;)

 

 

 

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iskander

@ Marcellinus:

 

Vielleicht erst etwas zur Wissenssoziologie: Es scheinen sich doch mehr Wissenschafts-Philosophen mit wissenssozilogischen Fragen beschäftigt zu haben, als ich gedacht hätte. Ob das jetzt genau dem entspricht, worauf Du abhebst, weiß ich nicht, aber ich vermute, es ist auch was in dieser Art dabei.

 

Dazu ist allerdings auch zu sagen, dass Wissenschaftssoziologie im strengen Sinne für die Wissenschaftstheorie vor allem dort relevant ist, wo sie Erkenntnisse zu "Geltungsfragen" beiträgt; wo sie also sozusagen dazu hilft zu verstehen, was "gute" Wissenschaft ist und warum.

 

Es geht ansonsten nicht darum, dass Philosophen etwas "entscheiden" müssen; aber es geht etwa darum, zu erklären, wieso die Wissenschaft gut daran tut, wenn sie auf eine bestimmte Weise vorgeht und nicht auf eine andere. Wissenschaftstheorie als Reflexionsprozess, der über die Wissenschaften nachdenkt.

 

Natürlich muss einen das nicht interessieren; man kann sich einfach damit zufriedengeben, dass die Wissenschaften so und so vorgehen und damit meistens auch erfolgreich sind und das dann als "factum brutum" hinnehmen. Man kann dann sagen: Ja, es ist halt so, dass die Wissenschaftler allgemeine Gesetzes-Aussagen typischerweise nur noch als Postulate verstehen, die im Prinzip widerlegbar sind. (Obwohl das nach meinem Eindruck gar nicht so allgemein stimmt; man denke nur daran, wie viele Leute, darunter auch Naturwissenschaftler, etwa gegen die Möglichkeit von Willensfreiheit oder von Wundern mit Berufung auf "Naturgesetze" Stellung nehmen.)

 

Aber natürlich kann man sich auch fragen: Ist das nur zufällig so, dass man auf eine Rechtfertigung von Allgemeingesetzen mittels Induktion verzichtet; oder liegt es einfach nur daran, dass dieser Verzicht sich bewährt hat? Oder gibt es vielleicht auch A-priori-Gründe? Für solche Fragen muss man sich nicht interessieren, aber man kann es.

 

Und wenn z.B. ein Physiker erkennt, dass und warum es a priori klar ist, dass eine sichere Begründung streng allgemeingültiger Gesetze durch Induktion nicht möglich ist, dann wird ihm da keine physikalische Erkenntnis zuteil (die er etwa aus einem physikalischen Experiment ableiten könnte), sondern eine wissenschaftstheoretische.

 

Es gibt viele Fragen, die einen nicht interessieren müssen; aber wenn man sie stellt, betritt man das Gebiet der Philosophie. Hierher gehört beispielsweise die Frage, ob Wissenschaft realistisch oder instrumentalistisch verstanden werden sollte, und ob der Prozess der Wissenschaft sinnvollerweise als "Annäherung an die Wahrheit" beschrieben werden kann. Die Einzelwissenschaften allein geben auf diese Fragen keine Antwort, sie stellen solche Fragen noch nicht einmal. Und das gilt letztlich auch für die Wissenssoziologie. Daraus, wie die meisten Wissenschaftler faktisch arbeiten oder was für Ansichten sie zum Status der Wissenschaft haben (z.B. Realismus vs. Instrumantalismus), folgt noch nicht, was richtig ist. Grundsätzliche Fragen zum allgemeinen Status der Wissenschaft sind eben wissenschaftstheoretischer Natur.

 

Und das gilt erst recht für noch allgemeinere Fragen derart, was der Mensch denn überhaupt erkennen kann; wie sein Erkenntnisvermögen sich überhaupt zur Wirklichkeit verhält; und wo er Wahrheit finden kann oder nicht; wie sich Philosophie, Logik, Wissenschaft usw. zum menschlichen Erkennen und zueinander verhalten. Das sind keine einzelwissenschaftlichen Fragen, und sie können auch nicht im Rahmen von Einzelwissenschaften allein diskutiert werden. Denn dort geht es nie "ums Ganze" und schon gar nicht auf so einer grundsätzlichen Ebene.

Der Biophysiker untersucht, welches Licht das menschliche Auge sehen kann; aber er fragt nicht, was überhaupt die prinzipiellen Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis sind, und in welch grundsätzlicher Weise etwa vernünftige Einsicht und sinnliche Erfahrung zueinander stehen. Der Soziologe untersucht, inwieweit Wissenschaftler durch sachliche Erwägungen vs. Herdendenken, Eigeninteressen, Mode und ähnliche sachfremde Faktoren beeinflusst werden mögen; aber welche grundlegenden "Teile" der Wirklichkeit es "gibt", und was der der Mensch davon wie gut erkennen kann, ergibt sich allein hieraus nicht.

 

Bei Fragen wie "Was ist Wahrheit?", "Was ist Wirklichkeit?", "Was kann der Mensch überhaupt erkennen?" handelt es sich um philosophische und sogar metaphysische Fragen im strikten Sinne. Und wer solche Fragen stellt und zu beantworten versucht, argumentiert metaphysisch. Markus Willaschek führt das in seinem Text "Was ist schlechte Metaphysik" wie flogt aus:

 

Zitat

... Was metaphysisches Denken von diesen empirisch verfahrenden Wissenschaften unterscheidet, ist zunächst der stete Rückbezug auf einen umfassenden Begriff von Wirklichkeit: es geht nicht nur um die Erforschung etwa der physikalischen Grundkräfte, sondern zugleich um die Konsequenzen für unser Gesamtbild der Wirklichkeit; [...]. Auch ein Physikalist, der behauptet, daß die Erforschung des Physischen und seiner Grundkräfte mit der Aufdeckung der Grundstrukturen der Wirklichkeit völlig zusammenfällt, vertritt in diesem Sinn eine metaphysische These, die über den Bereich der Physik hinausgeht. Metaphysische Fragen, auch wenn sie spezifische Bereiche der Wirklichkeit betreffen, gehen letztlich immer aufs Ganze. [...]

Das muß nicht bedeuten, daß empirisches Wissen, sei es wissenschaftlichen oder vorwissenschaftlichen Ursprungs, nichts zur Beantwortung metaphysischer Fragen beitragen könnte [...]. Jedoch reichen Beobachtungen und Induktion allein zur Begründung metaphysischer Thesen nicht aus. [...]

Der Grund dafür [dass auch die Metaphysik-Kritik sich auf metaphysischen Boden begeben muss] ergibt sich unmittelbar aus den beiden genannten Charakteristika metaphysischen Denkens: seinem aufs Ganze gehenden Allgemeinheitsanspruch und seinem nicht-empirischen Status. Wer nämlich die Berechtigung und prinzipielle Möglichkeit solchen Denkens mit Gründen bestreiten will, wird sich dazu äußern müssen, wie sich unser Denken, in seinen verschiedenen Formen und Ausprägungen, zu einzelnen Aspekten der Wirklichkeit, aber auch zur Wirklichkeit insgesamt verhält: Was ist Denken überhaupt? Was sind seine möglichen Inhalte? Wie weit reicht unser Denken, wie weit reicht unser mögliches Wissen? Was sind die Unterschiede, was die Gemeinsamkeiten zwischen erfahrungsnahen Formen des Denkens (etwa im Alltag und in den empirischen Wissenschaften) und erfahrungsfernen Formen (etwa in der Mathematik und der Philosophie)? [...] Und vor allem: Kann es uns gelingen, die Wirklichkeit insgesamt und ihre allgemeinen Strukturen begrifflich zu fassen und näher zu bestimmen? Wer auf die letzte dieser Fragen unter Angabe von Gründen mit Nein antwortet, hat das Feld der Metaphysik bereits betreten. [...]

Natürlich kann man widerspruchsfrei behaupten, Ausdrücke wie "die Wirklichkeit" seien in ihrer metaphysischen Verwendung leer und die mit ihnen gebildeten Sätze sinnlos. Doch woher will man das wissen? Zunächst ist klar, daß es sich dabei um keine rein empirische Aussage handelt. Um sie zu begründen, wird man zu philosophisch-begrifflichen Formen des Argumentierens greifen müssen. [...]  Es liegt aber auf der Hand, daß sich über das Verhältnis von Denken und Sprache nichts ausmachen läßt, ohne das Verhältnis beider zur außersprachlich-außermentalen Wirklichkeit insgesamt näher zu bestimmen. Spätestens an dieser Stelle würde die Begründung einen metaphysischen Charakter annehmen. [...]

Epistemische Metaphysikkritik, so die Konsequenz, kann niemals die Metaphysik insgesamt treffen. Sofern sie sich nicht in einen Selbstwiderspruch verwickelt, ist sie bestenfalls Kritik an schlechter Metaphysik vom Standpunkt einer (wirklich oder vermeintlich) besseren Metaphysik.

Diese Einsicht ließe sich an philosophiegeschichtlichen Fallbeispielen belegen: Ob Nietzsches Willensmetaphysik, William James' pragmatistischer Pluralismus, Deweys Metaphysik der Erfahrung, Wittgensteins früher Sprachidealismus, das »empiristische«, aber selbst nicht empirische Sinnkriterium der Logischen Positivisten, Heideggers späte Verabsolutierung der Sprache, der Materialismus der kritischen Theorie - stets stützt sich die Kritik, die aller Metaphysik ein Ende bereiten will, explizit oder implizit selbst auf metaphysische Thesen. Der mit dieser Art von Metaphysikkritik häufig verbundene bilderstürmerische Gestus erweist sich als rein rhetorische Selbstauszeichnung [...]

 

Der letzte große Versuch der Metaphysik-Kritik dürfte der "sprachbasierte" Ansatz des logischen Positivismus gewesen sein. Er beeinflusste nachfolgend die "analytische Tradition", welche die angelsächsische Welt philosophisch dominiert. Diese "antimetaphysische" Haltung ist heute aber auch aus der analytischen Tradition schon lange verschwunden. Der zeitgenössische Philosph Ansgar Beckermann konstatiert:

"Schon in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts blieb somit nur die Feststellung: Das Projekt der Abschaffung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache war grandios gescheitert."

 

Und wie man nun allein auf der Basis einer soziologischen Analyse -  also letztlich allein auf Grundlage faktischer sozialer Gegebenheiten - überzeugend die prinzipielle Unmöglichkeit oder Unsinnigkeit von Metaphysik darlegen könnte, ohne dabei selbst "metaphysisch" zu werden, kann ich mir ebenfalls nicht vorstellen. Es wäre an denen, die solches behaupten, dies zu zeigen... 😉

 

Edited by iskander
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