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Sakrale Kunst


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Eigentlich wollte ich keinen Faden eröffnen, habe aber nichts Passendes zu Kunst und Kirche finden können.

 

In der Sankt-Clemens Kirche in Drolshagen ist ein modernes Altarbild geweiht worden. Ich musste herzlich lachen.

 

Hier sieht man es gut.

Hier ein Video.

Und hier ein Zeitungsartikel.

 

Ich kann das Anliegen gut verstehen, Jesus, Maria und die Heiligen vor allem als Menschen zeigen zu wollen und finde das Bild originell. Aber ist nicht heute eher das Problem, dass man sich Jesus eh schon als friedlichen Öko-Revoluzzer vorstellt und die Evangelisten ein paar Wunder hinzugedichtet haben? Und Maria (2.0?) als diejenige, die den Laden alleine geschmissen hat (wo war eigentlich dieser Josef?).

Edited by pipa
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Alfons

In einem Kirchlein in der Nähe von Bregenz, der Pfarrkirche St. Viktor in dem Dörfchen Viktorsberg, sah ich dieser Tage ein modernes Glasbild (dieser Link, und dann das Bild 6 von 10). Es beeindruckte vor allem durch seine satten, goldgelben Farben, die durch unterschiedlich dicke Glasschichten entstehen. Geschaffen wurde es 2010 von Valentin Oman, einem österreichischen Künstler slowenischer Herkunft.

 

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nannyogg57

Wenn man auf dein Link drückt @Alfons, dann kommt man exakt zu diesem Thread hier ...

 

Sogenannte moderne sakrale Kunst ist das, was man oft als "expressionistischen Kitsch" bezeichnen kann: Die Zeit des Expressionismus ist in der Kunstgeschichte schon lange vorbei, lebt aber fröhlich und unangefochten in der sakralen Kunst weiter.

 

Diese böse Erkenntnis nahm ich aus einer musischen Werkwoche mit und sie lässt mich genauer hinschauen, was so an Bildmaterial im Raum der Kirche als modern verkauft wird: Etwas gröberer Farbauftrag, vielleicht irgendwelche Farbkleckse, tiefsinnige Symbolistik.

 

Und dann wieder eine Fortbildung zum Thema "Kreuz", ein Kunstkenner kommt und zeigt als Erstes dieses Bild. Ein leises Protestgemurmel unter den anwesenden Religionslehrkräften, meistens ältere Damen, im Dienst ergraut.

 

Auch ich schrecke zurück: Blasphemie!

 

Was ist ein Kreuz denn anderes als Blasphemie, egal ob Jesus daran hängt oder ein Mensch oder ein Frosch? Und wurde Jesus nicht wegen Blasphemie gekreuzigt?

 

Ich komme ins Grübeln.

 

Das war an dem Nachmittag mein Lieblingsbild

 

Es ist eine Installation. Der Gedanke, dass Kunst freigelassen wird und das, was damit geschieht, Teil der Kunst ist.

 

In diesem Sinn ist das Kunstwerk von Drolshagen sehr wohl geeignet, zum Nachdenken und zum Diskurs anzuregen. Interessanterweise bietet es dann doch ganz oben den gewohnten expressionistischen Kitsch, künstlerisch mehrere Ebenen, rechts das alte Bild des ungläubigen Thomas, um 90 Grad gewendet.

 

Ich persönlich finde es, also das Altarbild, als Hintergrund für den Gottesdienst für zu heftig. Unsere Pfarrkirche bietet uns sehr viel leere Wände, die wunderbar geeignet sind, zu gestalten, Bilder an die Wand zu projizieren, sogar bei Nacht mit Lichtern Effekte zu setzen. Wie sich das Altarbild in den Vollzug des Gottesdienstes einbringen soll, das ist mir eher ein Rätsel.

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Inwiefern sich Kunst in die Liturgie integrieren muss, ist glaube ich noch ein gesondertes Thema.

 

Alles in der Liturgie verwendete sollte so gestaltet sein, daß es auf der einen Seite funktional ist, auf der anderen Seite aber auch der Inhalt seiner liturgischen Funktion auch außerhalb der Liturgie erkennbar ist.

 

Hochaltäre bzw. solche Altarretabeln haben in unseren liturgischen Vollzügen im Grunde keine Funktion mehr. Sieht man von historischen Hochaltären in ihrer Weiternutzung als Tabernakel mal ab, sind solche Installationen entweder Reminiszenz an die ursprüngliche Raumgliederung oder "Lückenfüller", weil Sichtklinker oder Sichtbeton schlicht keine rechte Andacht bereichern.

 

Nun bin ich der letzte, der kahle Wände befürwortet, allerdings denke ich da eher traditionell in dem Sinne, daß die Kunst das Geschehen der Liturgie reflektiert und ausdeutet. Und das auf einem Niveau, daß sich auch Kindern und "Einfältigen" erschließt.

 

Eine Gemeinde mit einer Herausforderung wie in Drolshagen an derart prominenter Stelle unter Druck zu setzen finde ich eher suboptimal. Das Werk erschließt sich eben nicht auf anhieb und ist von der Intention als Stolperstein angedacht. Das stiftet entweder Verwirrung, weil liturgisches Erleben und Kunst nicht zusammenhängen, Frustration, weil man zu keiner befriedigenden Interpretation kommt oder zu Langeweile aus demselben Grund.

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Chrysologus

Ich finde das Bild so schlecht nicht, auch wenn ich nicht weiß, ob ich es an dieser Stelle auf Dauer haben wollte.

 

Kunsthistorisch entstehen Altarbilder aus den Altarvorderseiten, auf denen abgebildet wurde, wer im Altar drin liegt. In dem Moment, in dem man den Schrein auf den Altar stellte, wanderte das Bild auch mit nach oben, wurde nach und nach größer und wechselte das Thema - heute hat es seine Funktion an das auf oder über dem Alter befindliche Kreuz abgegeben, das den Mittelpunkt der Versammlung symbolisiert. Daher meine Zweifel, dass solche Bilder im Scheitelpunkt der Apsis noch angebracht sind, aber das hat mit dem konkreten Bild wenig zu tun.

 

Spannend finde ich es, die biblischen Personen zu Zeitgenossen zu machen - darin liegen wie so oft Chance und Risiko beieinander:

 

Die klassische Mariendarstellung ist vom 19. Jahrhundert geprägt, Maria und die Apostel in pseudomitelalterlichen Gewandungen, was die historische Distanz sicher stellt. Maria, die Apostel und auch Jesus sind keine Zeitgenossen von mir, sie lebten in einer mir fremden Welt, in der sie sich auskannten, ich aber nicht. Diese Distanz erlaubt es mir, sie als historische Personen wahrzunehmen, mit denen mich derselbe Glaube verbindet, und die doch ein Stück fremd bleiben können. Diese Marien würde ich auf der Straße sicher erkennen, an der Kleidung, am Gestus, am ganzen Habitus - aber in ihrer Alterslosigkeit bleiben sie mir fern, eine 16-jährige mit Kind löst bei mir großväterliche Gefühle aus, aber nicht den Hauch eines Gedankens daran, in ihr "meine" Mutter zu sehen (abgesehen davon, dass meine Mutter nur knapp älter war als Maria, auf dem Weg geht es dann wieder).

 

Anders die Darstellung im drolshagener Bild: Da werden sie ahistorisch zu Zeitgenossen, dieser Maria, dieser Veronika und diesem Thomas kann ich im wahren Leben begegnen, ohne sie zu erkennen. An denen und wichtiger noch ihrem Zeugnis kann und muss ich mich in derselben Weise abarbeiten, wie ich das mit den Zeugnissen anderer Mitmenschen tun muss. Der geschützte Rahmen der Tradition verschwindet und so stellt sich mir die Frage: Kann ich den Auferstandenen glauben, weil ein anderen Mensch mir das sagt?

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Alfons
vor 10 Stunden schrieb nannyogg57:

Wenn man auf dein Link drückt @Alfons, dann kommt man exakt zu diesem Thread hier ...

 

Oh. Danke für den Hinweis.
Ich hoffe, dieser Link funktioniert. Wie gesagt: Bild Nr. 6.

 

Das Fischdosen-Kreuz gefällt mir gut. Merci für den Link.

Über Kunstrichtungen in der Glasmalerei - das ist ein weites Thema. Ich empfehle das Glasmalerei-Museum in Linnich. Habe ich schon mal erzählt, dass ich ein Fan sakraler Glasmalerei bin? Ludwig Schaffrath und Janet Brooks-Gerloff schätze ich besonders.

 

 

 

 

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gouvernante
vor 35 Minuten schrieb Chrysologus:

Diese Marien würde ich auf der Straße sicher erkennen, an der Kleidung, am Gestus, am ganzen Habitus - aber in ihrer Alterslosigkeit bleiben sie mir fern, eine 16-jährige mit Kind löst bei mir großväterliche Gefühle aus, aber nicht den Hauch eines Gedankens daran, in ihr "meine" Mutter zu sehen (abgesehen davon, dass meine Mutter nur knapp älter war als Maria, auf dem Weg geht es dann wieder).

Wobei ich es schon spannend finde, wie sehr wir darauf gepolt wurden, in Maria "unsere Mutter" zu sehen. Wie schwer es bereits ist, das Bild "Maria, unsere Schwester (im Glauben" zuzulassen. Aber natürlich war Maria auch Tochter und Enkelin - warum sollte man also keine (groß-)mütterlichen oder (groß-)väterlichen Gefühle für Maria entwickeln?

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Higgs Boson
vor 12 Stunden schrieb nannyogg57:

Und wurde Jesus nicht wegen Blasphemie gekreuzigt?

 

Nein. Er wurde von den Römys gekreuzigt, wie sie das mit allen gemacht haben, die den Anspruch gestellt haben 'König der Juden' zu sein. Messianisches Königsreich war kein Konzept, das sich mit der Pax Romana vertragen hätte.

 

Gottessöhne hingegen waren hingegen im griechisch-römischem Kulturkreis nichts ungewöhnliches. Das wäre schlimmstenfalls ein Grund den Delinquenten eben nicht zu kreuzigen, damit man sich, sollte der Anspruch stimmen, nicht den Zorn des Gottes zuzieht.

 

 

Edited by Higgs Boson
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