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Chrysologus

Joseph Ratzinger und die Juden

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Spadafora

Warum tut der alte Herr nicht was er 2013 ankündigte ein verborgenes Leben des Gebets  zu führen?

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OneAndOnlySon
vor 1 Stunde schrieb Spadafora:

Warum tut der alte Herr nicht was er 2013 ankündigte ein verborgenes Leben des Gebets  zu führen?

Weil das von Anfang an unrealistisch war. Solang er nur Besuch empfängt und es freundliche Fotos vom Emeritus mit rompilgernden Lokalpolitikern, Bischöfen und Nonnen gibt, sehe ich auch kein Problem darin, dass er nicht in strenger Klausur lebt.

 

Im Durchschnitt scheinen die seltenen fachlichen Beiträge Ratzingers ja auch korrekt als ein Debattenbeitrag verstanden zu werden, dem ruhig widersprochen werden kann (und soll). Aber leider gibt es da noch diese Fan-Gruppe, die jeden Widerspruch zu den Texten Ratzingers als Angriff auf dessen Person und ehemaliges Amt betrachten. Wäre Ratzinger etwas aufmerksamer in Sachen Außenwirkung und Kirchenpolitik, würde er sich solche Texte sparen.

 

Wahrscheinlich ärgert er sich aber immer noch über die Kritik im Zuge der Williamson Affäre und der Änderung der Karfreitagsfürbitte. Diesen Makel an seinem Pontifikat will er jetzt reinwaschen. 

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ThomasB.

Ich staune, in welch kurzer Zeit Ihr nicht nur den Text gelesen habtm sondern auch zu grundlegenden Erkenntnissen über seine Berechtigung und Motivationslage gekommen seid. Da kann ich leider nicht mithalten.

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OneAndOnlySon
vor 5 Minuten schrieb ThomasB.:

Ich staune, in welch kurzer Zeit Ihr nicht nur den Text gelesen habtm sondern auch zu grundlegenden Erkenntnissen über seine Berechtigung und Motivationslage gekommen seid. Da kann ich leider nicht mithalten.

Da muss ich passen. Ich habe nur eine inhaltliche Zusammenfassung im Netz gelesen und einige Reaktionen darauf auf den einschlägigen Seiten. Außerdem fühle ich mich nicht in der Lage, den Text theologisch zu bewerten. Das überlasse ich gerne anderen. Mein Beitrag war sichtbar eine Antwort auf die Frage, ob es einem emeritierten Papst gut ansteht, sich derart öffentlich zu äußern, nachdem er selbst ein zurückgezogenes Leben als Mönch angekündigt hatte.

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Mistah Kurtz
vor 1 Stunde schrieb OneAndOnlySon:

 Mein Beitrag war sichtbar eine Antwort auf die Frage, ob es einem emeritierten Papst gut ansteht, sich derart öffentlich zu äußern, nachdem er selbst ein zurückgezogenes Leben als Mönch angekündigt hatte.

 

Ich glaube nicht, dass er ein Schweigegelübde ablegte. Und selbst Trappistenmönche, die sich ja tatsächlich  strengeren Schweigeregeln unterwerfen, sahen und sehen - von Bernhard von Clairvaux bis Thomas Merton - keinen Anlass dies auch auf die schriftstellerische Arbeit auszudehnen.

 

Also ja, auch Joseph Ratzinger in seinem Ruhestand "steht es gut an", sich in seinem Denken schriftstellerisch theologisch zu äußern, auch wenn "er selbst ein zurückgezogenes Leben angekündigt hatte". Was er, nebenbei angemerkt ja auch tut. Und wie ich mit gutem Grund vermute,  sehr gerne tut. Er war ja nie gerne Papst (eine ausgezeichnete Voraussetzung Papst zu sein; mit Päpsten, die das Papsttum genossen, ist imo die Kirche nicht so gut gefahren).

 

Was den Artikel selbst betrifft, hatte ich auch noch keine Zeit ihn mir durchzulesen, einzig kurz hinein gelesen ging sich aus. Wie immer bei Ratzinger gut und verständlich geschrieben, so weit ich das gesehen habe. Ich habe auch kurz in die Kritik auf dem Theologieblog hinein gelesen. Auf den ersten Blick: von einem Beitrag, der in einem Blog erscheint, das sich selber als "Charakter: jung. hip. irgendwas." definiert, war nicht anderes zu erwarten. Der Autor dieser Kritik ist mir unbekannt. 

 

Die Reaktionen im Münsteraner Forum für Theologie und Kirche: das nenne ich ja mal eine Breitseite: 14 "Schüsse" abgefeuert. Ob da auch ein Treffer dabei ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht hat ja jemand anderer Zeit und Muße sich da durchzuarbeiten. 

 

bearbeitet von Mistah Kurtz
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Julius

Ich greife jetzt nur heraus, woran ich auf Anhieb hängen geblieben und worüber ich gestolpert in:


"Zunächst ist festzustellen, dass es eine «Substitutionstheorie» als solche vor dem Konzil nicht gegeben hat: Keine der drei Auflagen des «Lexikons für Theologie und Kirche» (Buchberger – Rahner – Kasper) kennt ein Stichwort Substitutionstheorie ..."

 

Mal abgesehen davon, dass mir die Beweisführung dafür, dass es die Substitutionstheorie nie gegeben hätte, ein bisschen dünn erscheint, frage ich mich halt, weswegen uns die nun Substitutionstheorie vorkonziliar vom Klerus als Lehre verbraten worden ist, und ich frage mich obendrein, was für Fronleichnamslieder klein Josef Ratzinger einst abgesungen hat ...

Es ist fast dasselbe Lied wie das mit dem Limbus. Der war ja lt. Ratzinger auch nie "Lehre", sondern eine theologische Spekulation, die den Gläubigen als Lehre verbraten wurde. Pech, wenn die darauf reingefallen sind und sich gehärmt haben, dass ihre ungetauft verstorbenen Kinder ausserhalb der Friedhofsmauern verscharrt worden sind.

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Mistah Kurtz
vor 1 Stunde schrieb gouvernante:

Warum es also vor Veröffentlichung keine vernünftiges Lektorat oder peer review gab, kann ich mir nur so erklären, dass der Herausgeber davon ausging, das man mit einem Text eines emeritierten Papstes Aufmerksamkeit schinden kann (und das deshalb die theologische Qualität von nachrangiger Bedeutung war).

 

Lektorat ist das eine. Peer review  etwas ganz anderes. Bei einer naturwissenschaftlichen Arbeit ist ein Peer Review normalerweise eine relativ klare Sache. Eine Arbeit entspricht wissenschaftlichen Standards, angefangen von der Gewinnung von Daten bis hin zu deren Verarbeitung und ihrer Interpretation. Bei theologischen Arbeiten ist das vergleichsweise "a slippery slope". In den Naturwissenschaften ist die Richtschnur gewöhnlich die messbare Realität. 

 

Aber in der Theologie, da gibt es nichts das auch nur annähernd als Richtschnur tauglich und unstrittig wäre. Überspitzt formuliert, gibt es nur, was gerade Konsens ist, was theologisch gerade "in", zeitgemäß etc. ist. Vor allem aber gibt es die Bemühung, nur ja keine Unterschiede, keine sogenannten Gräben mit den lieben Nachbarn, mögen sie Juden oder Moselms sein, aufzureißen. Alles ist gut,  nichts ist schlechter oder besser.

 

Ich habe mir einen in dem Blog kritisierten Aspekt, nämlich jenen der Subsitution, bei Ratzinger angeschaut. R. stellt die Frage, ob die Eucharistie an Stelle des kultischen Opfer (Tieropfer) tritt , oder ob diese an sich weiter notwendig sind. Nach seiner Ansicht ist aus christlicher Sicht  der Weg des Tempelkultes ein Fortschreiten in der Zeit auf das Opfer Jesu Christi hin. Insofern gibt es, meint er, in der Tat keine Substition, kann doch nicht etwas durch etwas substitiert werden, das noch nicht ist. Erst  der Eintritt Christi in die Heilsgeschichte und sein Opfer lösen (substituieren) den Tempelkult und das kultische (Tier)opfer ab. An die Stelle einer statistischen Sicht auf Substitution oder Nicht-Substition möchte er, R., eine dynamische Betrachtungsweise setzen, einen Heilsweg, der in Christus sein Ziel hat, und mit dessen Eintritt in die Heilsgeschichte Tieropfer obsolet geworden sind. 

 

Für den Autor in dem Blog, Benjamin Bartsch, ist dieser Heilsweg, das  „Unterwegssein“ auf Christus hin, einfach nur "Wortgeklingel". Er kritisiert, dass Ratzinger, wie er meint, die Eucharistie "als religiöse Ersetzung der Tieropfer versteht. Auf diese Weise betreibt der Text eine theologische Delegitimation des nachbiblischen Judentums, der m.E. entschieden widersprochen werden muss."

 

Das verdutzt mich denn doch ein wenig. Ist es nun tatsächlich so, dass es substanziell keinen Unterschied gibt zwischen Kreuzestod und Tieropfer? Können wir also nach diesem Denken ersatzweise, wenn gerade kein Priester für eine Eucharistiefeier zur Hand ist, gleich gut einen Ochsen auf dem Altar schlachten, weil es ja keine Substition gibt? Oder ist es so, dass der liebe Gott denkt, er hätte den Juden den Ochsen zum Schlachten gegeben, den Christen aber das Kreuzesopfer des Sohns? Und das für alle Zeit? Alles ist gut, nichts ist schlechter oder besser,  nichts ersetzt etwas, und der alte Ratzinger, der  „nun also wieder zugeschlagen“ hat, sollte besser schweigen, denn "Nicht nur Theolog*innen, sondern auch die katholische Kirche sind – Gott sei Dank – längst viel weiter."

 

Na, da bin ich lieber bei dem, der hinten geblieben ist. Die Lemminge, die ganz vorne laufen, fallen als erste ins Meer.  

bearbeitet von Mistah Kurtz
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Moriz
vor 9 Stunden schrieb OneAndOnlySon:

Im Durchschnitt scheinen die seltenen fachlichen Beiträge Ratzingers ja auch korrekt als ein Debattenbeitrag verstanden zu werden, dem ruhig widersprochen werden kann (und soll). Aber leider gibt es da noch diese Fan-Gruppe, die jeden Widerspruch zu den Texten Ratzingers als Angriff auf dessen Person und ehemaliges Amt betrachten. Wäre Ratzinger etwas aufmerksamer in Sachen Außenwirkung und Kirchenpolitik, würde er sich solche Texte sparen.

Daher ist es vielleicht ganz gut, daß Ratzinger diese Schrift zu Lebzeiten veröffentlicht hat. So kann er zur Not seinen Fans widersprechen, wenn diese zu eifrig werden sollten. Falls er es mitbekommt...

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Studiosus

Den Aufsatz Ratzingers - Benedikts - habe ich goutiert. Obgleich er an vielen Stellen zu zaghaft geblieben ist. Doch immerhin wagt sich ein erudierter Theologe einmal vor, um die Verhältnisbestimmung von altem und neuem Bund - wie sie im Zuge der Tragödie des 20. Jahrhunderts auch in der Kirche einem nicht unerheblichen Transformationsprozess unterworfen wurde - zu hinterfragen und vor dem Hintergrund der Tradition auszulegen. Sicher kann man einzelne Methodenschritte ablehnen (den Blick ins lexikalische Verzeichnis etc.), doch legt Ratzinger hier meiner Ansicht nach den Finger in die Wunden der unausgesprochenen Hindernisse des Dialogs von Rom und Jerusalem. Nicht zuletzt geht es auch um die Frage an den katholischen Theologen, wie das Alte Testament im Lichte der Inkarnation Christi und seines Kreuzesopfers zu lesen ist. Im zeitgenössischen Betrieb der universitären Theologie ist es beispielsweise inzwischen Konvention, dass die "jüdische Bibel" nicht unter christlichen Vorzeichen gelesen und nach christologischen Aspekten ausgelegt werden darf (vgl. die einschlägige Einführung von Zenger). Das "erste Testament" ist als gleichwertiges Glaubenszeugnis (und seiner Erfüllung weiterhin harrende) Bundesurkunde von christlicher "Vereinnahmung" fern zu halten. Eine für die Ausbildung katholischer Theologen durchaus fragwürdige Hermeneutik. Die Fragen nach Substitution Israels und Gültigkeit der Bünde Gottes mit seinem Volk berühren einen wesentlichen Kern christologischer und ekklesiologischer Lehren: Was ist unter den genannten Prämissen die Kirche? Welchem eschatologischen Ziel strebt Israel zu? Wer ist Jesus Christus? Wie stehen sich Kirche und Synagoge im dritten Jahrtausend gegenüber?

 

Dialog - und das ist eine ganz grundsätzliche Feststellung - darf nie zum Verschweigen oder Aufgeben der eigenen Glaubensüberzeugung führen. Falls doch hat er seine Absicht verfehlt.

 

Joseph Ratzinger aufgrund dieser berechtigten Nachfragen Antijudaismus (oder gar Antisemitismus und ein Nahverhältnis zu Richard Williamson und dessen kruden Theorien) zu unterstellen, zeugt hingegen von einer besonderen Form der Niedertracht, wie sie dem Kreis der sich nun mit "sprungbereiter Feindseligkeit" hervortuenden Kritiker (u.a. Böhnke in Münster) eigen zu sein scheint. Ich bin nie ein besonderer Freund der ratzingerschen Theologie gewesen, aber die - offenen und verdeckten - Vorwürfe gegen Person und Werk sind gänzlich absurd.

 

Dies nur als erster Gedanke zum Thema. Bei mehr Zeit gerne ausführlicher.

 

 

Saluti cordiali, 

Studiosus. 

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Petrus
vor 12 Stunden schrieb Chrysologus:

In der durchaus renomierten Zeitschrift Communio

 

hmm ... diese Zeitschrift wurde doch gegründet als Gegenentwurf zur Zeitschrift Concilium, in der sich Ratzinger und Kaczynski so richtig gefetzt haben? 

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ThomasB.

Zum Ratzinger-Text kann ich noch nichts sagen. Die Replik von Bartsch strotzt von bösartigen Unterstellungen, in denen der Autor vorgibt, Ratzinger besser zu verstehen als dieser sich selbst. Diese unredliche Vorgehensweise und die Verwendung der Gendersternchen zeigen schnell, dass Bartsch Ratzinger intellektuell nicht das Wasser reichen kann. 

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gouvernante
vor 1 Stunde schrieb Petrus:

hmm ... diese Zeitschrift wurde doch gegründet als Gegenentwurf zur Zeitschrift Concilium, in der sich Ratzinger und Kaczynski so richtig gefetzt haben?

Ja. Ist hier aber OT.

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gouvernante
vor 1 Stunde schrieb ThomasB.:

die Verwendung der Gendersternchen zeigen schnell, dass Bartsch Ratzinger intellektuell nicht das Wasser reichen kann

Das ist mE ein non sequitur und hilft der sachlichen Auseinandersetzung mit dem Text nicht auf.

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Petrus

 

 

vor 9 Minuten schrieb gouvernante:

Ja. Ist hier aber OT.

 

 

für Deinen hilfreichen Hinweis herzlichen Dank.

 

 

bearbeitet von Petrus

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Mistah Kurtz
vor einer Stunde schrieb gouvernante:

Das ist mE ein non sequitur und hilft der sachlichen Auseinandersetzung mit dem Text nicht auf.

 

Der überaus gönnerhafte und ad hominem gespikte Tonfall des Artikels auch nicht (von dessen einseitiger Argumentation und einem schon beinahe zwanghaft erscheinenden bewussten Missverstehens dessen, was Ratzinger schreibt und meint mal ganz abgesehen). Das ist menschlich erbärmlich und intellektuell dürr. Aber dafür ganz Zeitgeist. Dialog mit dem jüdischen Glauben impliziert nicht Aufgabe dessen, was zu Kernelementen des Christentums zählt, sondern einfach nur Gespräch über das, was die einen wie die anderen glauben, und warum sie glauben, was sie glauben. 

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Julius
vor 2 Stunden schrieb Mistah Kurtz:

Dialog mit dem jüdischen Glauben impliziert nicht Aufgabe dessen, was zu Kernelementen des Christentums zählt, sondern einfach nur Gespräch über das, was die einen wie die anderen glauben, und warum sie glauben, was sie glauben.


Dialog kann es christlicherseits wohl immer nur mit Menschen jüdischen Glaubens geben, nicht mit "dem jüdischen Glauben". Ein Dialog ist es jedenfalls nicht, den Ratzinger in seiner Abhandlung führt, eher schon ein - sein - christliches Selbstgespräch.

 

bearbeitet von Julius

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gouvernante
vor 8 Stunden schrieb Julius:

eher schon ein - sein - christliches Selbstgespräch

Genau so ist es ja auch von Arie Folger eingeordnet worden. Dessen Kritik am Ratzinger-Text ist inhaltlich im Übrigen nicht minder scharf als die von Bartsch.

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Mistah Kurtz

gelöscht, weil unnötig polemisch

bearbeitet von Mistah Kurtz

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Mistah Kurtz
vor 9 Stunden schrieb Julius:


Dialog kann es christlicherseits wohl immer nur mit Menschen jüdischen Glaubens geben, nicht mit "dem jüdischen Glauben". 

 

 

Wirklich? Das war mir nicht bekannt. Ich dachte, man könne mit "dem jüdischen Glauben" nicht minder reden wie mit dem christlichen ...

 

Mit anderen Worten: wenn mir jemand so kommt, erinnere ich mich spontan an den Schürhakenvorfall, das heftige Aufeinandertreffen der Welten Karl Poppers und Ludwig Wittgensteins. Und wie Popper sind mir semantische Winkelzüge ein Gräuel. Glaubst Du wirklich im Ernst, dass ich nicht weiß, dass wir nicht mit "dem Judentum" oder "dem jüdischen Glauben", sondern nur mit Menschen, also mit Juden und Menschen jüdischen Glaubens ein Gespräch bzw. einen Dialog führen können?

 

Aber in Wahrheit glaubst Du das gar nicht. Das ist eben einer dieser semantischen Winkelzüge, die nur dazu da sind, um in einer Diskussion - auch eine Form des Dialogs - Oberwasser zu haben, den anderen, der dann nicht ein Gesprächspartner, sondern der Gesprächsfeind ist, ins Unrecht zu setzen, ganz egal, was der denn eigentlich meint. Das ist vollkommen sinnbefreiter Bedeutungsessentialmus, ein kleiner mieser rhetorischer Trick, der mich mitunter so auf die Palme treibt, dass ich in solchen Fällen am liebsten selber zum Schürhaken greifen würde. Es muss nicht immer Wittgenstein, auch ein Popper kann mal zum Haken greifen.

bearbeitet von Mistah Kurtz

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Julius
vor 16 Minuten schrieb Mistah Kurtz:

Wirklich? Das war mir nicht bekannt. Ich dachte, man könne mit "dem jüdischen Glauben" nicht minder reden wie mit dem christlichen ...
Aber in Wahrheit glaubst Du das gar nicht

 

 

*achselzuck*
Ich bitte untertänigst um Entschuldigung, dass ich in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit "geglaubt" habe, dass Du meinst, was Du schreibst. Ich verspreche allerdings nicht, dass es nicht wieder vorkommen soll. :rolleyes:

Ich kann es auch anders formulieren: Herr Ratzinger/Papst em. Benedikt XVI. kann meinetwegen mit seinem christlichen Glauben reden so oft und so lange er will. Teilweise hat er sich jedoch auch völlig unnütz den Kopf der Juden über ihren Bund/ihre Bünde mit Gott zerbrochen. Ich betrachte das als übergriffig. Unfreundlich ausgedrückt. Der Wiener Oberrabbiner hat es wesentlich freundlicher formuliert.

bearbeitet von Julius

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Mistah Kurtz
Gerade eben schrieb Julius:

Teilweise hat er sich jedoch auch völlig unnütz den Kopf der Juden über ihren Bund/ihre Bünde mit Gott zerbrochen. Ich betrachte das als übergriffig. Unfreundlich ausgedrückt. Der Wiener Oberrabbiner hat es wesentlich freundlicher formuliert.

 

Ach Quatsch. Das ist ebenso wenig übergriffig wie es von seiten der Juden übergriffig ist, wenn sie sich den Kopf zerbrechen über Jesus und seine Anhängerschaft, und ob diese ihrerseits einen Bund mit Jahwe schlossen. Das sind einfach unterschiedliche Sichtweisen von unterschiedlichen Ausgangspunkten, nicht mehr, nicht weniger. Wenn Juden erklären, Jesus wäre nicht der Messias gewesen, ist das nicht übergriffig, sondern normaler Ausdruck ihres Glaubens. Und wenn Christen umgekehrt glauben, Jesus wäre der Messias gewesen, und die Heilsgeschichte hätte in ihm ihr Ziel gefunden, ist das ebenso wenig übergriffig, sondern normaler Ausdruck ihres Glaubens. Zwei Dinge in Ruhe getrennt nebeneinander stehen lassen zu können, ist für mich Teil wechselseitigen Respekts. Im Englischen gibt es dazu den schönen Ausdruck "Let us agree to disagree". Auch wenn Christen und Juden in bestimmten für den jeweiligen Glauben fundamentalen Dingen getrennter Ansicht sind, können sie dennoch einander in Sympathie und Freundschaft verbunden sein.

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Julius
vor 8 Minuten schrieb Mistah Kurtz:

Ach Quatsch


Meinetwegen nenne es "ach Quatsch" (solange Du es nicht mit "Dialog" verwechselst). *nochmalachselzuck*

 

bearbeitet von Julius

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Studiosus

Worauf laufen die gesammelten Kritiken der vergangenen Tage denn im Grunde hinaus? Da wird von Seiten der Kritiker etwas laviert: "dass man so etwas heute noch lesen muss", "es hat den jüdisch-christlichen Dialog zurückgeworfen".

 

Was ist der eigentliche "Skandal"? Was ist es?

 

Das Problem im engeren Sinne scheinen mir weniger die diversen Theologumena zu sein, die Ratzinger teilweise lediglich referiert. Vielmehr - und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen - wird hier ein eigentlich vollkommen natürlicher Vorgang skandalisiert: Ratzinger/Benedikt hat es "gewagt" im Lichte des christlichen Glaubens, der Offenbarung und Tradition die jüdische Religion in ihrer historischen Gestalt und ihre Bedeutung als Heilweg neben der katholischen Kirche zu beurteilen. Dabei versucht er zentrale Begriffe der jüdisch-christlichen Beziehungen, konkret die Idee einer Substitution Isreals durch die Kirche und den weiterhin bestehenden Bund Gottes mit dem Volk der Erwählung, einzuordnen und zu hinterfragen. 

 

Damit enthüllt er natürlich die subkutane Stagnation, die einem jüdisch-christlichen "Dialog" quasi eingestiftet ist: Christen bekennen Jesus, den Mann aus Nazareth, als Sohn Gottes, Erlöser und Messias (Christus). Sie müssen die Prophetien des AT auf ebendiesen Jesus Christus, der bereits in jener geschichtlichen Situation dem Volk Isreal vorangekündigt wurde, beziehen. So hebt Ratzinger folgerichtig auf die Trennungsgeschichte von Juden und Christen ab. Die Antwort der Christen auf das "Jesus-Ereignis", die Zerstörung des Tempels usw. ist eine grundlegend andere als die des historischen Judentums. Man begeht oftmals den Fehler, mit "Judentum" lediglich das AT - welches den beiden Religionen gemeinsam ist - zu verstehen, blendet die programmatische Entscheidung der Juden gegen den erschienenen Christus und ihre Konservierung der biblischen Prophetien (und des Gesetzes der Tora) aus. Fest steht - und ganz so konsequent drückt Ratzinger es nicht einmal aus - dass es für das Christusbekenntnis für Katholiken keine Alternative gibt. Sie ist, wie bereits angeklungen, Wesenskern der christlichen Religion. Jesus ist der Christus auf den das AT verweist. Dies muss aus katholischer Sicht zu einem bestimmten Urteil (keiner Verurteilung) über jene anderen Religionen, die Christus nicht bekennen, führen. Auch über das Judentum, das in vielem so nah und verwandt, in der entscheidenden Konsequenz jedoch weiter fern und fremd bleibt.

 

Diese Beobachtungen lassen sich auf einige wenige Problemstellungen zusammendampfen, die nicht neu, sondern mit Blick auf die Rezeption von Nostra aetate altbekannt sind: Ist die Kirche die universale Heilsanstalt? Führt der Weg zum Vater durch den Sohn? Kann den Vater haben, wer den Sohn nicht hat? Steht der Bund Gottes mit Isreal unverändert in der Zeit oder hat er - mit Auftreten Christi und der Kirche - einen Transformationsprozess durchgemacht? Die Verheißung bleibt, nur wandelt und erweitert sie sich dynamisch?

 

Kurzum: Ratzinger hätte in den Augen der Kritik lieber geschwiegen, als den Dialog mit diesen berechtigten Anfragen zu beschweren. Man gewinnt nicht selten den Eindruck, dass es manchen Kreisen lieber wäre, die Kirche gäbe ihren exklusiven Anspruch - und somit sich selbst - auf, um niemanden zu brüskieren. Nun, das geht nicht. An Christus und dem Bekentniss zu ihm, seiner Gottessohnschaft, seiner Göttlichkeit, seinem Leiden, Kreuz und seiner glorreichen Auferstehung führt für Christen kein Weg vorbei.

Christus ist - und das zeigen die teils heftigen Reaktionen - auch heute ein Zeichen des Widerspruchs.

 

Dabei will niemand behaupten, dass im Zuge fehlgeleiteter Ambitionen der christlichen Kirche auch einiges an Leid über die Kinder Israels gekommen ist. Gewalt ist, ganz gleich welchem vordergründigen Zweck sie dient, stets abzulehnen. Allerdings dürfen aus der Geschichte auch keine falschen Implikationen für das Heute abgeleitet werden. Sicher wäre es mit Blick auf die Menschheitstragödie des 20. Jahrhunderts einfacher, vor Juden nicht mehr von Christus Zeugnis abzulegen. Doch bedeutete dies nichts weniger als die Aufgabe der wesentlichen Glaubenssätze unserer Religion und die Selbstzerstörung der Kirche. Dieser Preis ist zu hoch, nur um einen "Dialog", der nicht zu einem gemeinsamen Übereinkommen führen wird, am Laufen zu halten. 

 

 

 

 

Saluti cordiali, 

Studiosus. 

bearbeitet von Studiosus
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