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Tradition, Fortschritt und Ideologie


Marcellinus
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Kennst Du die Redewendung, „das ist ein schwarzer Schwan!“? Sie geht zurück auf den Satiriker Juvenal, der eine treue Ehefrau als so selten wie einen solchen Vogel bezeichnete – denn damals und noch bis ins ca. 17. Jahrhundert kannte man nur weiße Schwäne in Europa. Dann entdeckte man allerdings, in Australien und Neuseeland gibt es sehr wohl eine solche Gattung, die heute im Deutschen Trauerschwäne genannt werden. Die Redewendung hat seit dem ihr ePoularität verloren, weil der Sinn abhanden kam.

Warum erzähle ich diese Geschichte hier? Du schreibst, 

vor 22 Stunden schrieb Marcellinus:

Die Progressiven … fordern im Namen ihrer Ideologie die Gültigkeit von Normen, und damit die Abschaffung aller Zustände, die dem entgegenstehen.

Es ist nicht immer bloß eine Ideologie, die etwas fordert – es gibt durchaus auch an der einen oder anderen Stelle einen Erkenntnisgewinn, der es erfordert, Denkmuster zu durchbrechen, und seien sie auch jahrhundertelang unbestritten gewesen.

Und umgekehrt ist natürlich auch so, dass nicht jede Neuerung funktioniert, selbst wenn sie vielleicht theoretisch ganz sinnvoll klang. Darum darf ich an dieser Stelle vielleicht doch Paulus zitieren: Prüfe alles, und behalte das Gute!

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ultramontanist

Als ich vor 50 Jahren Teenager war war mir ganz klar, dass die Tradition Mist ist.

Folglich folgte ich meinen großen Brüdern, den 68ern, die diesen Mist beseitigen wollten.

Heute ist mir klar, dass Ho Ho Hotschimin ein viel größerer Feind der Freiheit war als A A Adenauer :evil:

 

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Die Angelika
Am 21.1.2023 um 18:09 schrieb Marcellinus:

Beide folgen einer Ideologie, die ihnen sagt, wohin die Reise gehen soll. Die einen finden ihr Ideal in der Zukunft, die anderen in der Vergangenheit. Eine Art von Gemeinsamkeit gibt es aber doch: die Zukunft der Progressiven wird nie Gegenwart werden, so wie die Vergangenheit der Reaktionäre nie Gegenwart war. Beide folgen einem Traumbild, dessen Verwirklichung an dem scheitert, was alle Weltanschauungen miteinander gemeinsam haben: Ihren Mangel an Komplexität, der einfach der Wirklichkeit nicht gewachsen ist.

 

Ich habe nun den Text schon mehrfach durchgelesen und stoße mich immer wieder an diesem Fazit. Ich halte es für falsch.

Ich würde schon noch unterscheiden wollen zwischen Visionen, die Triebfeder für echte Weiterentwicklung und Veränderung sind, und Traumbildern, die sich wenig um die Realität scheren.

Auch halte ich die Aussage für falsch, dass allen Weltanschauungen der Mangel an Komplexität gemeinsam ist. Aber da erinnere ich mich dumpf daran, dass du das Wort Weltanschauung als Synonym für das verwendest, was ich als Ideologie bezeichne. Und da würde ich dann schon zustimmen, dass Ideologien der Mangel an Komplexität eigen ist. Der ist ihnen aber eigen, weil sie vor lauter Ideologie geblendet sind, die Wirklichkeit nicht mehr sehen und deshalb ihre ursprünglichen Visionen zu fixen Ideen (fixen Traumbildern) werden, deren Verwirklichung tatsächlich an der Realität scheitern  muss

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Marcellinus
vor 34 Minuten schrieb Die Angelika:

Ich habe nun den Text schon mehrfach durchgelesen und stoße mich immer wieder an diesem Fazit. Ich halte es für falsch.

Ich würde schon noch unterscheiden wollen zwischen Visionen, die Triebfeder für echte Weiterentwicklung und Veränderung sind, und Traumbildern, die sich wenig um die Realität scheren.

Auch halte ich die Aussage für falsch, dass allen Weltanschauungen der Mangel an Komplexität gemeinsam ist. Aber da erinnere ich mich dumpf daran, dass du das Wort Weltanschauung als Synonym für das verwendest, was ich als Ideologie bezeichne. Und da würde ich dann schon zustimmen, dass Ideologien der Mangel an Komplexität eigen ist. Der ist ihnen aber eigen, weil sie vor lauter Ideologie geblendet sind, die Wirklichkeit nicht mehr sehen und deshalb ihre ursprünglichen Visionen zu fixen Ideen (fixen Traumbildern) werden, deren Verwirklichung tatsächlich an der Realität scheitern  muss

 

In deiner Antwort steckt implizit die Vorstellung, wenn wir nur das vermeiden, was du und ich Ideologie nennen, nämlich die Vorrang einer Idee vor der Wirklichkeit, dann könnten wir die Wirklichkeit sehen, wie sie ist. Das halte ich für einen Irrtum. Ja, es gibt die Wirklichkeit, aber wir waren noch nie da, nicht einmal auf Besuch (hach, ich zitiere diesen Satz immer wieder gern!).

 

Selbst in seiner wirklichkeitsgerechtesten Form ist unsere Wahrnehmung immer Vereinfachung. Es geht nicht anders. Wir, und damit unsere Erkenntnisfähigkeit, leidet an drei ganz grundsätzlichen Mängeln, dem Mangel an Zeit, an Informationen und an kognitiven Fähigkeiten. 

 

Diese Begrenzungen treffen alles, jedes und jeden. Man kann sogar sagen, daß unsere Fähigkeit, uns in dieser Welt zu orientieren, genau darauf beruht, daß wir vereinfachen können. Sähen wir die Welt, wie sie ist, würden wir davon erschlagen. Wir betrachten immer nur einzelne Ebenen unserer Umgebung, und machen uns aus dem, was wir sehen, Modelle von Zusammenhängen.

 

Das Stichwort dazu ist Emergenz. Vereinfacht ausgedrückt beruht Emergenz darauf, daß wir die Eigenschaften zB eines Rades beobachten und beschreiben können, ohne genau zu wissen, woraus dieses Rad im konkreten Fall genau besteht. Wir können die Bahnen der Planeten unseres Sonnensystem beschreiben, ohne jeden einzelnen Planeten in- und auswendig zu kennen. Das ist schön, ist sogar eine der Voraussetzungen unserer Wissenschaften, hat aber den Nachteil, daß unser Wissen eben immer nur vorläufig ist, und wir nicht nur nichts sicher wissen, sondern nicht einmal, was uns noch an Wissen fehlt, und wo uns noch Überraschungen bevorstehen. 

 

Der Unterschied zwischen Ideologie und einem nichtideologischen Weltbild, um auf dein Eingangsstatement zurückzukommen, ist also nicht, daß Ideologien ein Mangel an Komplexität eigen sei, und Nichtideologien nicht. Alle unsere Vorstellungen von dieser Welt sind unterkomplex, müssen es sein. Der entscheidende Unterschied ist, inwieweit wir bereit und in der Lage sind, unsere Weltbilder an neue Erkenntnisse anzupassen.

 

Ideologien sind vor allem von Ideen getrieben. Daher der Name. Ideologen versuchen daher, die Wahrnehmung der Welt an ihre Ideen anzupassen. Nichtideologen, Realisten, Naturalisten, nenn sie, wie du willst, versuchen dagegen, ihre Vorstellungen, Theorien, Modelle realistischer zu machen. Der Komparativ, das Mehr ist hier entscheidend, nicht hin zu einer hypothetisch "vollkommenen", "wahren" Erkenntnis der Wirklichkeit, die es nicht gibt, sondern weg von Vorstellungen, an denen wir uns schon den Kopf gestoßen haben, weil sie falsch sind. Wie überhaupt unsere sichersten Erkenntnisse (neben der Erkenntnis, daß wir sterben müssen), die sind, von denen wir sicher wissen, daß sie falsch sind. 

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vor 18 Stunden schrieb Marcellinus:

Wie überhaupt unsere sichersten Erkenntnisse (neben der Erkenntnis, daß wir sterben müssen), die sind, von denen wir sicher wissen, daß sie falsch sind.

Oder der Versuchsaufbau Mist war. Den Rest kann ich unterschreiben.

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