Einsteinchen Geschrieben vor 4 Stunden Melden Geschrieben vor 4 Stunden Der Menschensohn – Selbstbezeichnung, Geheimnis und Distanz Es wirkt zunächst befremdlich: Jesus spricht vom „Menschensohn“ – und häufig in der dritten Person. „Der Menschensohn hat keine Stelle, wo er sein Haupt hinlege.“ „Der Menschensohn wird leiden.“ Wenn er sich selbst meint, warum sagt er nicht einfach „ich“? Warum diese sprachliche Distanz? Die Irritation entsteht vor allem aus unserer modernen Sprachgewohnheit. Im heutigen Deutsch klingt es künstlich oder pathetisch, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen. Doch im semitischen Sprachraum des 1. Jahrhunderts war das weniger ungewöhnlich. Im Aramäischen, der Sprache Jesu, konnte „bar enasch(a)“ schlicht „der Mensch“ oder „man“ bedeuten. Es war eine indirekte, teilweise verallgemeinernde Selbstbezeichnung. Was uns wie eine theatralische Distanz erscheint, konnte damals eine geläufige Ausdrucksweise sein. Hinzu kommt der alttestamentliche Hintergrund. Im Buch Ezechiel wird der Prophet wiederholt als „Menschensohn“ angesprochen – dort bedeutet der Ausdruck einfach „Mensch“. In Daniel 7 hingegen erscheint „einer wie ein Menschensohn“ als endzeitliche Gestalt, der von Gott Macht und Herrschaft verliehen wird. Zur Zeit Jesu war dieser Begriff also mehrdeutig: Er konnte sowohl die schlichte Menschlichkeit als auch eine apokalyptische, messianische Hoffnung bezeichnen. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht den Titel theologisch interessant. „Messias“ wäre politisch aufgeladen und gefährlich gewesen. „Menschensohn“ hingegen ließ Raum für Deutung. Er verband das Motiv des leidenden Menschen mit dem Bild des endzeitlichen Richters. In dieser Spannung – zwischen Niedrigkeit und Erhöhung – liegt ein zentrales Motiv der Evangelien. Warum aber die dritte Person? Sie schafft Distanz und zugleich Objektivität. Wer von sich selbst in dieser Weise spricht, stellt sein eigenes Leben in einen größeren Zusammenhang. Es wirkt fast wie eine prophetische Perspektive auf das eigene Schicksal: nicht nur subjektives „Ich“, sondern Rolle innerhalb eines göttlichen Dramas. Die dritte Person erlaubt es, das eigene Leiden und Handeln als Teil einer Heilsgeschichte zu deuten. Historisch-kritisch betrachtet ist zudem möglich, dass Jesus den Ausdruck zunächst allgemeiner verwendete und die frühe Gemeinde ihn stärker auf seine Person bezog. Die Forschung diskutiert, in welchem Maß die „Menschensohn“-Worte auf Jesus selbst zurückgehen oder theologisch nachgeformt wurden. Sicher ist nur: Der Titel steht im Zentrum der frühen christologischen Reflexion. Vielleicht liegt die tiefere Bedeutung gerade darin, dass „Menschensohn“ weder bloßes „Ich“ noch bloß allgemeiner „Mensch“ ist. Der Begriff ist Rollenbezeichnung und Selbstdeutung zugleich. Er hält die Spannung zwischen radikaler Menschlichkeit und transzendenter Sendung offen. Er vermeidet eine direkte, eindeutige Selbstdefinition – und bewahrt damit das Geheimnis. So gesehen ist die dritte Person kein rhetorischer Fehler, sondern eine bewusste Form. Sie markiert Distanz, öffnet Deutungsräume und verweist darauf, dass Identität mehr sein kann als ein bloßes Pronomen. In diesem Sinne ist der „Menschensohn“ nicht einfach ein Ersatz für „ich“, sondern Ausdruck einer Existenz, die sich selbst im Horizont Gottes versteht. 1 Zitieren
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