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Zu nett für diese Welt


Gaensebluemchen

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Gaensebluemchen

Hallo,

 

ich muss mich mal ausheulen, weil ich gerade ziemlich down bin.

 

Hintergrund meiner Krise ist Folgendes: Ich bin Lehrerin und habe vor knapp drei Monaten meine erste feste Stelle angetreten (als angestellte Lehrerin mit halbjähriger Probezeit).

 

Immer mehr kristallisiert sich nun jedoch heraus, dass ich aufgrund meiner Persönlichkeit (lieb, nett, gutmütig und aus Überzeugung christliche Nächstenliebe praktizierend) zunehmende Schwierigkeiten bekomme, mit den Kindern zurechtzukommen. Mit den Schülern an sich komme ich im regulären Unterricht weitgehend zurecht, mittlerweile häufen sich jedoch die völlig aus dem Ruder laufenden Stunden, in denen ich z.B. für Förderunterricht bzw. Hausaufgabenhilfe eingesetzt bin.

 

Die Schüler nehmen mich überhaupt nicht für voll, machen, was sie wollen, sind extrem laut und es herrscht totales Chaos. Ich kenne zum Teil noch nicht alle Namen (die schlimmste Chaostruppe habe ich nämlich erst letzte Woche bekommen) und kann somit auch schwerlich effektiv Strafen verteilen.

 

Gleichzeitig tappe ich immer und immer wieder in die gleiche Falle, dass ich zuviel dulde, zu leicht nachgebe und selbst erteilte Strafen wieder zurücknehme (aus Unsicherheit, ob sie auch wirklich gerechtfertigt waren). Mittlerweile dürfte mein Ruf bereits weitgehend ruiniert sein (mit der kann man's machen, die kann sich nicht durchsetzen).

 

Ich bin wie gesagt noch in der Probezeit und befürchte mittlerweile, dass ich diese nicht überstehen werde. Die Schulleitung ist mir zwar wohlgesonnen, hat aber - indem sie bereits mehrfach die Schüler zusammengestaucht hat - inzwischen wohl eine Ahnung von meiner Unfähigkeit.

 

Was passiert, wenn ich als Angestellte die Probezeit nicht überstehe, kann ich mir denken - einen Job werde ich wohl kaum mehr finden. Wer bindet sich schon eine Lehrkraft ans Bein, die für die Schüler nichts als eine Lachnummer ist.

 

Leider ist dieser Job mein Traumberuf (für den ich eine sichere Karriere in einem anderen Job aufgegeben und mich viele Jahre lang fast bis aufs Blut abgemüht habe).

 

Jetzt habe ich endlich mein erstes und mein zweites Staatsexamen und lande prompt an einer Schule, an der viele der Schüler extrem schwierig sind. Andererseits mögen mich die Schüler (logisch, ich bin ja so nett) und loben immer meine Lockerheit (klar, denn mit mir kann man's ja machen).

 

Wenn es gut läuft (und das tut es durchaus auch), dann kann ich mir auch kaum etwas Schöneres vorstellen. Aber es kommt einfach zu häufig vor, dass ich mich nicht durchsetzen kann und z.B. die Hausaufgabenhilfe im Chaos endet. Wie gesagt, der reguläre Unterricht verläuft zum Großteil ganz okay, weil ich da mit Regeln und Notendruck arbeiten kann. Aber auch dort kommt es immer wieder zu Disziplinproblemen, weil die Schüler mich nicht 100% ernst nehmen (Typische für diese Situation bezeichnende Zitate: "Sie sind meine Lieblingslehrerin, denn sie sind ja so nett" oder "Es ist cool, dass Sie so locker sind.")

 

Warum können diese Kinder und Jugendlichen nur dann ein einigermaßen normales Verhalten an den Tag legen, wenn man sie anschreit und bei jeder Kleinigkeit Strafen verteilt? Warum funktioniert es nicht, wenn man die Schüler respektiert, sie auf gleicher Augenhöhe behandelt und ihnen Eigenverantwortung zutraut? Warum empfinde ich es mittlerweile als Kritik, wenn mir zum wiederholten Male ein Schüler sagt, dass ich viel zu nett bin? In welcher Welt leben wir, dass man Menschen wirklich fast mit Gewalt dazu bringen muss, sich wie normale Menschen zu benehmen und sich nicht gegenseitig ständig mit Beleidigungen, tätlichen Angriffen und dem Wegnehmen von Gegenständen zu quälen? Warum sind so viele Jugendliche heute nicht mehr wissbegierig und neugierig, sondern nur noch darauf aus, den bequemsten Weg zu gehen (den des totalen Nichtstuns), obwohl sie dabei sehenden Auges in die Arbeitslosigkeit abdriften.

 

Ich will meinen Job nicht aufgeben bzw. verlieren. Nur macht es mich wahnsinnig, dass ich meine Persönlichkeit verbiegen und mich als vollkommen anderer Mensch (eiskalt, streng und knallhart) darstellen muss, um die normalen Regeln des täglichen Miteinanders durchsetzen zu können. Ich bin ziemlich ratlos. :lol:

 

Danke für's Zuhören!

 

Liebe Grüße,

Gaensebluemchen

Edited by Gaensebluemchen
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Hallo Gänseblümchen,

 

das, was Du beschreibst, wird mir durch verschiedene Bekannte, die auch Lehrer sind genau so widergespiegelt.

 

Es scheint bei einer größeren Gruppe nur mit Autorität im Sinne von Lob und Strafe zu funktionieren.

 

Was Du aber keinesfalls machen solltest, ist, an Dir selber als Person zu zweifeln und zu versuchen, Dich zu ändern.

 

Vielleicht hilft es, wenn Du ein Stück weit auch in das "Hier ist die Grenze - dann kommt eine Strafe - und das ziehe ich auch knallhart durch"-System einsteigen würdest. Viele Kinder scheinen Grenzen zu suchen und zu brauchen.

 

Liebe Grüsse und lass den Kopf nicht hängen....

 

Wattoo

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Hallihallo

 

Da wir ziemlich viele Lehrer im Forum haben, werden hoffentlich noch einige gute Ratschläge kommen.

Ich würde selbst nur anmerken wollen, daß es mit Sicherheit falsch ist, sich "Unfähigkeit" zu attestieren. Aller Anfang ist schwer, und wenn man sich da durchkämpft, wird man umso stärker sein. Und ich bin sicher, daß ganz viele Lehrer (und nicht nur Lehrer) das durchmachen.

Chaosklassen entstehen aber in der Regel nicht durch Unfähigkeit von lehrern, sondern durch Umstände, die schwerlich zu beeinflussen sind. Und Diplomatie hilft da wohl kaum weiter. Also einfach Dienst nach Vorschrift, Augen zu und durch.

Allerdings hab ich als Angestellter im Schuhgroßhandel leicht reden. Aber wie gesagt: Hier kommen sicher noch fundierte ratschläge.

 

Gruß Franky

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Guest Claudia

Hallo Gänseblümchen,

 

ich habe genau in derselben Situation gesteckt wie Du. Ich habe sowohl Nachhilfe und Hausaufgaben sowie Aushilfestunden gegeben als auch habe ich ein Lehramtsstudium hinter mir. Und ich bin auch oft an der mangelnden Disziplin der Kids verzweifelt.

 

Ich hab den Job aufgegeben, weil mich das zum einen nervlich ziemlich fertig machte, und zum anderen aus organisatorischen Gründen... ich kann Dich supergut verstehen und habe viel von dem, was Du schreibst, am eigenen Leib erfahren.

 

Daß die Kids heute anders sind, ist die Erfahrung eigentlich aller Lehrer. Das wird wohl in der allernächsten Zeit auch nicht besser...:lol:

 

Aber *lieb und nett* und *stringent und unnachgiebig* schließen sich meiner Erfahrung nach überhaupt nicht aus - ich denke sogar, daß es nur mit dieser Mischung überhaupt geht, heutzutage zurecht zu kommen.

 

Gerade in der Hausaufgabengruppe finde ich es wichtig, daß man jedem Schüler einen Moment der Aufmerksamkeit schenkt, ein nettes Wort, eine Nachfrage. Dann aber hart bleibt, wenn das Stören anfängt. Die Gruppen sind ja dann kleiner und das ist meiner Erfahrung nach nicht das Problem.

 

Bei mir ist das Paradoxe, daß mich die Schüler sehr gut respektiert haben und mir auch heute noch (nach einem Jahr) auf dem Schulhof entgegen gelaufen kommen, auch die größten Rabauken... es war einfach eine Prioritätenentscheidung für mich: will ich meine Nerven in diesem doch recht dankbaren Job lassen oder sie für meine eigenen Kinder aufheben...? Ich bin immer wieder am Schwanken, weil ich momentan nicht arbeite und nicht weiß, wohin ich mich orientieren soll: Schule oder Büro (ich habe eine Zweitausbildung gemacht).

 

Wenn Du möchtest, können wir einen detaillierteren Austausch darüber führen.

 

Liebe Grüße,

Claudia

Edited by Claudia
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Guest Claudia
Chaosklassen entstehen aber in der Regel nicht durch Unfähigkeit von lehrern, sondern durch Umstände, die schwerlich zu beeinflussen sind.

AUCH.

 

Sie entstehen zutiefst AUCH durch Unfähigkeit von Lehrern, das ist leider überhaupt nicht selten. Aber diese Art Lehrer würde sicher nicht das Feedback *Sie sind meine liebste Lehrerin* erhalten.

 

Was ganz, ganz wichtig ist, ist *Gerechtigkeit*. Also - loben, wo geloibt werden muß, aber auch tadeln, wo es angebracht ist. Und vor allem - die Schüler möglichst gleich behandeln - das ist eine Illusion, die man immer versuchen soltle anzustreben...:lol:

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Gaensebluemchen
Wenn Du möchtest, können wir einen detaillierteren Austausch darüber führen.

Hallo,

 

vielen Dank für eure Antworten!

 

Ich bin schon mal froh, dass es offenbar vielen Lehrern ähnlich geht. Mein Kollegium (das mich übrigens sehr gut integriert hat) jammert auch sehr häufig. Ich finde das einfach erschreckend, denn ich denke, dass diese Kinder, die uns so das Leben schwermachen, später als Erwachsene auch nicht wesentlich vernünftiger sein werden. Leid tun mir aber umso mehr die Schüler, die arbeiten wollen und von den anderen gehindert werden (das gibt's ja ebenfalls in hohem Maße).

 

Aufhören kommt für mich nicht in Frage, da ich die Hauptverdienerin in meiner Ehe bin und eine Kündigung uns vor den finanziellen Ruin stellen würde. ALG steht mir noch nicht zu - es bliebe Hartz IV. Und dafür habe ich nicht so lange studiert und gearbeitet.

 

@ Claudia: Ich würde mich sehr gern mit dir austauschen.

 

Liebe Grüße,

Gaensebluemchen

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Das Problem ist: Bis zu einem gewissen Zeitpunkt hat ein Lehrer Chance halbwegs autoritär zu sein und trotzdem akzeptiert zu werden. Danach wird es schon schwieriger. Strafen rufen da meist am Anfang Widerspruch hervor und den gilt es zu brechen.

Ich kenn das noch aus meiner Zeit vor 4/5 Jahren; wenn da ein Lehrer den Ruf weg hatte, nachgiebig zu sein, dann wurde da verstärkt zugelangt. Hatte ein Lehrer sich hingegen in den ersten Stunden Respekt verschafft, dann wurde er eigentlich immer als Autorität anerkannt.

Auch wenn's hart klingt: Die einfachste Möglichkeit ist es, beim nächsten Kind, was Terror macht, die große Keule herauszuholen und eine angemessene, aber dennoch heftige Strafe zu verhängen. Danach darf man dann von dieser aber keinen Fußbreit zurück. Da muss dann ruhig ein Exempel statuiert werden.

 

Das dazu vom Clown.

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Gaensebluemchen
Was ganz, ganz wichtig ist, ist *Gerechtigkeit*. Also - loben, wo geloibt werden muß, aber auch tadeln, wo es angebracht ist. Und vor allem - die Schüler möglichst gleich behandeln - das ist eine Illusion, die man immer versuchen soltle anzustreben...:lol:

Und das ist auch so ein Problem: Um wirklich gerecht zu sein, muss man jeden Schüler quasi permanent im Auge haben. Ab einer gewissen Schülerzahl geht das nicht mehr und dann fängt eben auch die Unsicherheit an: "Waren X und Y die Alleintäter oder war Z vielleicht auch beteiligt?" Und das, während ich mit A gerade ein fachliches Gespräch führe und B sich gerade über C beschwert, weil der ihm etwas weggenommen hat.

 

Daher auch meine Zurückhaltung bei Strafen: Ich will ja gerecht sein und bin mir zu oft unsicher, weil mir eben (noch) der große Überblick über alles fehlt.

 

Andererseits schreien die Schüler förmlich nach Strafen. Wirklich.

 

LG,

Gaensebluemchen

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Sag mal, Gänseblümchen, wie kommen denn die anderen Lehrer mit denen zurecht? Ich meine, wenn es denen geht wie Dir, dann kann man Dir doch keinen Vorwurf machen und Dich in der Probezeit kicken.

 

Und wenn die anderen Lehrer sich besser durchsetzen können, dann hast Du ja schonmal einen ersten Anhaltspunkt, wonach Du Dich ric hten könntest.

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Kann nur fast allen hier zustimmen..., wie Wattoo schon sagte...

 

Vielleicht hilft es, wenn Du ein Stück weit auch in das "Hier ist die Grenze - dann kommt eine Strafe - und das ziehe ich auch knallhart durch"-System einsteigen würdest. Viele Kinder scheinen Grenzen zu suchen und zu brauchen.

 

Grenzen aufzeigen ist wichtig, trotz aller eigener Gutmütigkeit etc.

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Beutelschneider

HI Gaensebluemchen,

ich bin zwar kein Lehrer, habe aber noch einige Erinnerungen an meine Schulzeit. Und Lehrerinnen wie Du sind mir da auch oft begegnet, zu oft wie ich im nachhinein feststellen muss.

 

Wie Du diese Krise meisterst, können Dir wohl am besten die anderen Lehrer hier sagen.

 

Aber aus Sicht eines Schülers weiß ich, dass Lehrer, die Strenge und Autorität verbreiten, keineswegs unbeliebter sind als die *zu netten*. Du wirst also Deinem Ansprüchen an Dein Verhältnis zu den Schülern noch genauso gerecht, wenn Du etwas Härte zeigst. Du wirst nicht unbeliebter dadurch.

 

Und gerade bei Dir habe ich den Eindruck, dass Dir eine verhangene Strafe mehr weh tut als dem betroffenen Schüler.

 

Ich wünsche Dir alles Gute.

 

 

PS: Ich bewundere Deinen Mut, diese Probleme hier zuzugeben.

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Gaensebluemchen
Sag mal, Gänseblümchen, wie kommen denn die anderen Lehrer mit denen zurecht? Ich meine, wenn es denen geht wie Dir, dann kann man Dir doch keinen Vorwurf machen und Dich in der Probezeit kicken.

 

Und wenn die anderen Lehrer sich besser durchsetzen können, dann hast Du ja schonmal einen ersten Anhaltspunkt, wonach Du Dich ric hten könntest.

Hallo,

 

na ja, die anderen Lehrer klagen auch regelmäßig über die Schüler, haben sie aber offenbar durch sehr strenges Auftreten und harte Strafen im Griff.

 

Trotzdem kommt es immer wieder zu Aktionen der Schüler (so eher hintenrum), die zeigen, dass dieses Im-Griff-Haben auch eher oberflächlich zu sein scheint. Da heißt es dann auch: "Die XY schreit immer herum; Sie sind ja viel lieber." Für dieses Lob kann ich mir leider nichts kaufen.

 

Ich hoffe, dass das Ganze sich nicht negativ auswirkt auf meine Probezeit; ich kann halt das wiederholte Einschreiten der Schulleitung nicht einschätzen, also, ob das normal ist oder ob das sozusagen schon soviel heißt wie "Frau XY kann das nicht, da muss ich wieder eingreifen."

 

Andererseits hat mir der Stellvertreter nach dem ersten Einschreiten gesagt, dass er sich dafür entschuldigt, dass ich es nicht als Kritik ansehen soll und er diese Typen (die Schüler) eben kenne. Mein Schulleiter hat auch nicht mich angemotzt, sondern die Schüler (ganz gewaltig) und mir anschließend den Rücken getätschelt.

 

Peinlich ist es mir trotzdem. Andererseits hat eine andere Kollegin (Aushilfskraft, die aber länger als ich dort ist) den Schulleiter auch schon mal ganz unbefangen gebeten, mit in eine Klasse zu kommen um dort mal für Ordnung zu sorgen, weil es zu chaotisch zuging. Insofern scheint das wohl okay zu sein.

 

LG,

Gaensebluemchen

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Auch wenn's hart klingt: Die einfachste Möglichkeit ist es, beim nächsten Kind, was Terror macht, die große Keule herauszuholen und eine angemessene, aber dennoch heftige Strafe zu verhängen. Danach darf man dann von dieser aber keinen Fußbreit zurück. Da muss dann ruhig ein Exempel statuiert werden.

Ja, genau. So ähnlich lautete ein Tipp, den ich mal von einem Seminarlehrer bekommen habe: Einen Störer rausgreifen, wirklich nur einen - egal, ob die links oder rechts auch mitgemacht haben, es geht in dem Moment nicht um Fairness, sondern darum, die Klasse wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das ist ein kleiner, ein wenig unfairer :lol: psychologischer Trick: In der Masse fühlen sich die Schüler sicher, aber es ist ihnen unangenehm, wenn die Aufmerksamkeit der Klasse allein auf sie gerichtet ist. Die anderen sind dann meist von selbst still.

 

Das muss man dann auch nicht immer wiederholen, wie der Clown schon richtig sagte, ist es wichtig, dass die Klasse erstmal Respekt hat - danach kann man auch wieder fair und freundlich sein, ohne automatisch den Respekt zu verlieren.

 

Mich erinnert das an eine Kunstlehrerin, die schon allein aufgrund ihres Fachs einen sehr schweren Stand an unserer Schule hatte. Später hat sie auch Kurse am Parallelgymnasium unterrichtet, das in meiner Heimatstadt nur ein paar Straßen entfernt ist. Wir waren total überrascht von unseren Mitschülern dort zu hören, dass sie bei ihnen als harter Hund galt - wir waren uns erst gar nicht sicher, ob wir von derselben Lehrerin sprachen. Sie hatte einfach die Erfahrungen von unserer Schule mitgenommen und sich dort von Anfang an nichts gefallen lassen.

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Justin Cognito

Ich denk mir auch unterrichten will gelernt sein. Die Lehrerin oder den Lehrer der das von Anfang an kann, hab ich noch nicht kennengelernt (obwohl es angeblich solche Naturtalente gibt). Ich würd mir da nicht zu viel Stress machen. Auch Lehrerinnen und Lehrer dürfen Fehler machen (und das nicht nur am Anfang) und daraus lernen.

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Gaensebluemchen
Und gerade bei Dir habe ich den Eindruck, dass Dir eine verhangene Strafe mehr weh tut als dem betroffenen Schüler.

Hallo,

 

ich fürchte, da hast du Recht.

 

Ich bin noch zu verletzlich, was Kritik (auch seitens der Schüler) angeht und denke vermutlich viel zu viel darüber nach, was ich alles falsch gemacht haben könnte, warum der und der jetzt das und das gesagt hat, usw. Ich bin noch zu sehr auf Harmonie bedacht.

 

Vielleicht liegt das auch daran, dass ich selbst immer eine sehr angepasste Schülerin war. Außerdem bin ich noch kinderlos.

 

Andererseits gefällt es mir auch nicht, zu sehen wie eine (an sich sehr liebe Kollegin) ihren Unterricht damit beginnt, dass sie erstmal die Schüler anschreit.

 

Andererseits scheint das wohl oft notwendig zu sein.

 

Wie gut die Schüler mich einschätzen können, zeigt folgende Begebenheit von heute: Einer meiner kleinen Chaoten kam zu mir und sagte mir im Spaß die Zukunft voraus. Unter anderem hieß es da: "Die Schüler werden Sie respektieren und Sie werden zickiger werden, wenn Sie älter werden." Was heißt das? Um Respekt zu erlangen, muss man (in den Augen der Schüler) zickig sein.

 

Lieb sind sie trotzdem (muss ich jetzt auch mal sagen). Wenn meine Chaosbande aus der 7. Klasse heute nicht gewesen wäre, hätte ich den Bus verpasst. So hat der Bus extra für mich nochmal gehalten und auf mich gewartet, weil meine Schüler vermutlich äußerst lautstark auf mich aufmerksam gemacht haben. :lol:

 

Manchmal könnte man sie auf den Mond schießen, manchmal sind sie aber auch einfach nur zum Knutschen.

 

LG,

Gaensebluemchen

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Justin Cognito

Bezüglich Störungen im Unterricht sind die SchülerInnen dann leider oft ein bisschen inkonsequent. Studien zeigen, dass ihnen einerseits Ruhe und gute Arbeitsatmosphäre für ein positives Schulerleben sehr wichtig sind, andererseits tragen sie halt leider doch manchmal zu deren Gegenteil bei. Die Gründe dafür sind dann meist vielschichtig, aber meistens doch wert dass man zumindestens nachfragt. ("Warum tust du das und das?")

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Justin Cognito

Ich bin natürlich nicht der Geeignetste um über den Lehrberuf zu schreiben (ich hab diesbezüglich - obwohl ich auch schon unterrichtet hab - nicht so viele Erfahrungen) aber in meinem beruflichen Umfeld (mit geistig Behinderten) gehts auch oft drunter und drüber. Und dann stellt sich natürlich immer die Frage wie eingreifen .... Ich hab alles mögliche probiert und muss sagen, wichtig ist das man bei dem was man macht authentisch bleibt. Und nachdem ich im Allgemeinen nicht zum Schreien neige, mach ich das in der Arbeit auch nur höchst selten. Es passt einfach nicht zu mir. Der andere Nachteil am Schreien ist, dass es ziemlich das letzte disziplinäre Mittel ist das man hat (was soll man in der Situation schon noch mehr tun?) - und darum hüte ich mich davor es in einem Konflikt einzusetzen von dem ich nicht hundert Prozent überzeugt bin, dass ich als Gewinner herausgehe. Denn sonst hab ich mein ganzes Pulver verschossen und steh schön blöd da. Und überhaupt - wie ging der Spruch noch einmal: Wer schreit hat Unrecht!

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Gaensebluemchen
Und nachdem ich im Allgemeinen nicht zum Schreien neige, mach ich das in der Arbeit auch nur höchst selten. Es passt einfach nicht zu mir. Der andere Nachteil am Schreien ist, dass es ziemlich das letzte disziplinäre Mittel ist das man hat (was soll man in der Situation schon noch mehr tun?) - und darum hüte ich mich davor es in einem Konflikt einzusetzen von dem ich nicht hundert Prozent überzeugt bin, dass ich als Gewinner herausgehe. Denn sonst hab ich mein ganzes Pulver verschossen und steh schön blöd da. Und überhaupt - wie ging der Spruch noch einmal: Wer schreit hat Unrecht!

Das ist ja auch mein Problem - ich schreie auch nur äußerst ungern. Offenbar hören aber die meisten nur darauf, weil sie nichts anderes gewohnt sind.

 

An der Uni wurde uns mal von einer Psychologie-Professorin gesagt, dass Kinder, die nur Prügel als Erziehungsmethode kennen, tatsächlich nur mit Prügeln im Zaum zu halten sind, weil sie nur diese Sprache kennen. Toll, so viel zur Wiedereinführung der Prügelstrafe. :lol:

 

Aber wie hieß es grundsätzlich an der Uni: "Wir können Ihnen keine Patentrezepte geben." Letztlich gab es zu Themen, die uns wirklich brennend interessiert hätten (Wie bändige ich eine chaotische Klasse mit 30 Schülern?) kaum eine Antwort.

 

Stattdessen wurde sich in Pädagogik mit fast 300 Jahre alten Theorien und Herbarths "Zöglingen" befasst. Wenn ich meinen "Zöglingen" damit käme, würden sie vermutlich vor Lachen vom Stuhl fallen. Damals war die Welt doch total anders. Wozu gibt es denn heute schon offiziell denn Begriff der "veränderten Kindheit und Jugend"?

 

LG,

Gaensebluemchen

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Meine Mutter ist ebenfalls Lehrerin (20 Dienstjahre müsste sie inzwischen haben - oder zumindest fast) und macht auch nicht nur gute Erfahrungen mit Schülern - aber auch mit deren Eltern.

 

Sie ist allerdings charakterlich anders als du - sie setzt vor allem auf Strenge, um als Frau, die dazu auch noch recht klein ist, überhaupt für voll genommen zu werden. Sie sagt, bei einer neuen Klasse braucht sie meistens erst einmal etwas Zeit, um sich mit den Schülern zusammenzuraufen und ihnen klarzumachen, dass sie einiges einfach nicht duldet. Nach einer Weile verstehen die Schüler dann, dass man mit ihr gut zurechtkommt, wenn man sich an ihre Regeln hält.

Das soll jetzt nicht nur ne Lobhudelei für meine Mutter sein - ich habe das bei meiner Englischlehrerin selbst erlebt, die 6 Jahre lang meine Klassenlehrerin war. Bei der Mehrheit der Schüler kommt Strenge auch nicht schlecht an, wenn sie merken, dass dabei wirklich etwas rumkommt. Bei meiner Englischlehrerin bin ich mir z.B. sicher, dass ich wirklich Englisch gelernt habe (ich hatte auch ein Jahr lang ein Prachtexemplar aus der Kategorie "saumäßig schlechter Englischlehrer" und war froh, danach wieder zu meiner alten Klassenlehrerin zu kommen).

 

Es gibt so ein paar lehrer- und fachspezifische Tricks, um die Disziplin aufrechtzuerhalten, die man sich vorher zurechtlegen kann. Vielleicht kannst du in deinem Kollegium einige Lehrer ausfindig machen, die solche Tricks kennen und erfolgreich anwenden und sie bitten, dir Tipps zu geben. Für gewöhnlich sind Lehrer ja ein recht mitteilsamer Menschenschlag. :lol:

 

BTW: Welche Fächer hast du? (Vielleicht hab ich's überlesen.)

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Hallo Gänseblümchen!

 

Ich würde Dir dringend eine Supervision anraten (die halte ich auch für andere Lehrer für empfehlenswert aber Du mußt wirklich sehen, dass Du Deine Durchsetzungsprobleme effektiv regelst).

Ich weiß nicht, inwieweit Du Dich da auskennst, Supervisoren arbeiten daran, die beruflichen Schwachstellen anzugehen und Dich selber innerhalb Deines Berufslebens zu reflektieren. Das ist keine Psychotherapie, sondern arbeitet wirklich primär mit Deiner beruflichen Situation und Deinem Verhältnis zu Kollegen und Schülern.

Die Supervision wird Dich vielleicht ein wenig kosten, würde sich aber lohnen, wenn Du in Deinem Lienlingsberuf wirklich Stand behalten willst.

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Gaensebluemchen
Ich würde Dir dringend eine Supervision anraten (die halte ich auch für andere Lehrer für empfehlenswert aber Du mußt wirklich sehen, dass Du Deine Durchsetzungsprobleme effektiv regelst).

Hallo,

 

ich habe Englisch, Deutsch und Wirtschaftskunde als Fächer (= drei Hauptfächer).

 

Wie kommt man denn an einen Supervisor? Ich wohne in einer Stadt mit 70.000 Einwohnern und bezweifle, dass es so jemanden hier gibt.

 

LG,

Gaensebluemchen

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Wie kommt man denn an einen Supervisor? Ich wohne in einer Stadt mit 70.000 Einwohnern und bezweifle, dass es so jemanden hier gibt.

Da wäre ich nicht so skeptisch.

 

Hier kann man nach Postleitzahlen suchen.

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Aus meinen Erfahrungen als Dozent und früher als Schüler:

  • Wenn sich eine Klasse erst mal darauf eingeschossen hat, bei mir nur herumzunerven, ist alles gelaufen und Änderungen sehr schwer. Dann hilft nur Dienst nach Vorschrift, evtl ein Stillhalteabkommen: Ihr nervt mich wenig -- ich nerve Euch wenig ;-)
  • Manchmal wirkt ein Projekt Wunder, auf das Schüler abfahren: z.B. Homepages basteln; mit Digitalkameras/Video eine Soap drehen; abgefahrene Kulissen fürs nächste Schulfest basteln; ...
  • Eigentlich wäre am besten: Wer mitmachen will, dem verspreche ich einen spannenden Unterricht -- wer nicht mitmachen will, soll gehen

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Was ganz, ganz wichtig ist, ist *Gerechtigkeit*. Also - loben, wo geloibt werden muß, aber auch tadeln, wo es angebracht ist. Und vor allem - die Schüler möglichst gleich behandeln - das ist eine Illusion, die man immer versuchen soltle anzustreben...:lol:

Und das ist auch so ein Problem: Um wirklich gerecht zu sein, muss man jeden Schüler quasi permanent im Auge haben. Ab einer gewissen Schülerzahl geht das nicht mehr und dann fängt eben auch die Unsicherheit an: "Waren X und Y die Alleintäter oder war Z vielleicht auch beteiligt?" Und das, während ich mit A gerade ein fachliches Gespräch führe und B sich gerade über C beschwert, weil der ihm etwas weggenommen hat.

 

Daher auch meine Zurückhaltung bei Strafen: Ich will ja gerecht sein und bin mir zu oft unsicher, weil mir eben (noch) der große Überblick über alles fehlt.

 

Andererseits schreien die Schüler förmlich nach Strafen. Wirklich.

 

LG,

Gaensebluemchen

Hallo Gänselblümchen,

 

In der Rechtswissenschaft gibt es ein wichtiges Prinzip:

 

Es gibt keine Gleichheit im Unrecht.

 

Wenn Du nicht alle Tatbeteiligten erwischt, so wirst Du halt diejenigen bestrafen, die Du erwischt hast. Wer das Recht bricht, darf sich dann nciht auf eine vermeintliche *Gerechtigkeit* berufen, um seiner Strafe zu entgehen.

 

Und erfahrungsgemäß (denn auch ich habe Lehrererfahrung): Die Störer wirst Du, wenn nicht jetzt, so jedoch ein anderes Mal erwischen :)

 

Ciao,

Domingo

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Warum funktioniert es nicht, wenn man die Schüler respektiert, sie auf gleicher Augenhöhe behandelt und ihnen Eigenverantwortung zutraut?

Vielleicht musst du einfach hinnehmen, dass das als deine persönliche Grundeinstellung (oder besser als Idealvorstellung?) sicherlich richtig ist, aber nicht als offener Ansatz für das Unterrichten den Schülern gegenüber funktioniert und durchsetzbar ist.

 

Der gegenseitige Respekt ist als Forderung sicherlich richtig. Die gleiche Augenhöhe aber kann doch kaum erwartet werden - schließlich bist du die Lehrerin und sollst pädagogisch arbeiten. Und mit der Eigenverantwortung scheint es offensichtlich auch nicht zu funktionieren.

 

Als Patenrezept für Aufmerksamkeit meiner i. d. R. gutwilligen und erwachsenen Schüler sehe ich, dass ich sie

- inhaltlich stark fordere,

- ihnen zeige, dass ich ein Ziel mit ihnen habe und dieses Ziel benenne

- ihnen klar mache, aus welchem Grunde sie das lernen sollen, was ich als stofflich vermitteln will

und:

- dass ich an all dem keine Zweifel lasse.

 

Vielleicht lässt sich davon ja was übertragen? Mit Normalschülern habe ich allerdings keine Erfahrung ... worüber ich nicht unbedingt unglücklich bin.

 

Ich denke das Unterrichten an Staatsschulen ist verdammt hart. Meine Bewunderung an die Lehrer, die dort zurecht kommen. :lol: Vor allem bei dem, was euch an wertvollen pädagogischen Tipps in der Ausbildung mitgegeben wurde. .... Ist ja kein Wunder, dass es dann am Anfang nicht klappt!

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