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Erhabene Prinzipien in einer elenden Realität?


Martin
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FAZ

27.04.2005, Seite 12

Enttäuschung und Hoffnung

 

"Das Dilemma zwischen der Realität der lateinamerikanischen Megastädte mit ihren Elendssiedlungen und den erhabenen Prinzipien und Dogmen erscheint vielen Geistlichen unüberwindlich."

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Für viele dieser Menschen ist die christliche Ethik eine Art "Blueprint" für ein besser, gerechteres, erfüllteres Leben. Und vielleicht auch eine Art Bewältigungshilfe. "Katholizismus" meine ein buddhistischer Freund einmal "ist eine gute Lebensbewältigungshilfe. Wenn es dir gut geht, dann hilf andern. Wenn es dir dreckig geht, bist du selber schuld ". :)

 

Prinzipien und Dogmen mögen an solchen Orten realitätsfremd erscheinen, aber ich finde es falsch oder zumindest kurzsichtig, sie fallen zu lassen. Carepaketlieferungen, Verhütungsmittel und Kondome, selbst neu gebaute Schulen und Krankenhäuser können menschliche Werte nicht ersetzen. Denn das "erhabene" :lol: Prinzip der Nächstenliebe, wenn zuende gedacht, heißt natürlich auch, Frauen nicht als Lustobjekte zu behandeln, für seine Kinder aufzukommen, und Mitmenschen achtungsvoll zu begegnen statt bei jeder Meinungsverschiedenheit die Knarre zu ziehen.

 

Hingegen (etwas überspitzt): zB Kondome zu verteilen heißt doch, ist ja alles ok was ihr macht, produziert einfach nicht soviele Kinder und infisziert euch nicht ständig.

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"Katholizismus" meinte ein buddhistischer Freund einmal "ist eine gute Lebensbewältigungshilfe. Wenn es dir gut geht, dann hilf andern. Wenn es dir dreckig geht, bist du selber schuld ".

 

- hm, ihn entschuldigt, dass es ein Buddhist ist, der es nicht bessr wissen muss, was die Lehre der anderen ist. Suedamerikas Elend entstammt keinem Dogma, denn z.B. warum sollte es Leute von ihren Landarbeiten in den Slum einer Favella treiben, sich dort anzuklammern, wo es ihm sichtlich schlechter geht als zuvor bei seinem Peonn oder Gutsherrn - auch wenn das nicht begehrenswert war auf dem Lande - dass es ein dogma gibt, dass Maria mit Leib und Seele in den Himmelzustand aufgenommen wurde - etwa - oder dass die Lehre eines gewissen Herrn Pelagius "anathema sit" - nicht eine katholische genannt werden soll?

 

Das Elend als Landarbeiter hat er dadurch, wenn sein Grund-Besitzer eben nicht der Kirche gehorchte, welche eine Masse von Enzykliken und Lehr-Botschaften aeusserte, die alle sagen, es sei niemands Recht, auf viel Besitz allein zu hocken, wenn daneben einer gar nichts hat und dran verzweifelt.

 

Und noch vom Praktischen: geh mal zu den Missionen, brei Yamomami oder Botokuden oder nach Koenigsberg im Jahre 1946 als es keinen gab, der irgendetwas hatte, hoechstens seine Religion, was ja nicht zusaetzlich kostete, sie zu haben: katholische Lehre sorgt schon wie die juedische dafuer, dass einer der 2 Brote heute hat, das eine einem geben soll, der heute keines hat - und morgen schicke uns der HERR ein neues - guck das Vaterunser an - lies die Berpredigt bei "Sorget nicht fuer Euch (selbst) darueber, was ihr essen oder anziehn sollt, sorgt Euch zuerst um das Reich G"TTES"

- dessen Gebot ist schliesslich: liebe Deinen Naechsten wie du -

 

- wenn Leute es aber einfach nicht tun wollen, was man lehrt, dann darf man nicht der Lehre anlasten, was die tun

 

Schaut man wiederum darauf:

- zwingt etwa ein Dogma irgendwen, mit jedermann rundum in eheliche Aktionen einzutreten und sich in der Kette der Bazillen-Verteiler als Held zu bewaehren?

- wenn dann Leut Kinder empfangen, die ihnen grad nicht interessant genug sind, sie kennenzulernen, warum sollen die Kinder bestraft werden dafuer - ist sofort erschlagen etwa eine Zuwendung der Guete gegenueber auch so arm wie Mama zu leben, aber zu leben?

- ist es etwa eine Frage der Mode, wenn man der ist, der umgebracht wird, dass es auf einmal ok genannt werden soll? - wird der erleichtert sein?

 

Chueni hat Recht, es ist zum Einen eine Bewaeltigungs-Hikfe, so einer Religion anzugehoeren, die Vergebung kennt und einen anhaelt, an andere zu denken - und zwar im helfenden Sinne, sogar wenn man dafuer erschlagen werden koennte, dass man hilft und damit andern ihre Plaene vermasselt, denen Menschen nicht gleich viel wert sind.

 

Dilemma zwischen der Realität der lateinamerikanischen Megastädte mit ihren Elendssiedlungen und den erhabenen Prinzipien und Dogmen

- was ist den da "zwischen"?

- sind es einander auf gleicher Ebene ausschliessende Dinge?

- sind Elendssiedlungen auch Prinzipien?

 

"Dilemma" - muss ich die Favella lassen, um dem Dogma anzuhaengen?

oh, gerne - waere praktisch, das spraeche doch fuer das Dogma, nicht?

 

Oder sollte ausgesagt werden, dass die Zeit, die einem das Leben in der Favella, als Jaeger und Sammler von Pfennig-Betraegen, um bis morgen noch zu leben, abverlangt, es mir nicht erlaubt, mich geistig einem erhabenen Prinzip wie "morde nicht Unbekannte zugunsten Bekannter, vergifte nicht Dritte, um Zweite zu versorgen, zuende nicht Haeuser an, um auf Huetten zu verweisen, geh nicht mit der Knarre auf andere los, wenn diese dann sich nicht vorr dir fuerchten sollen" so weit zuzuwenden, dass ich kapieren koennte: "Tu andern nur das an, was sie dir antun koennen sollen"

- ein Zeit-Verwendungs-Dilemma also - also wenn man das meint, soll man es sagen, das es um einen beiden Dingen gemeisam moeglichen Nenner geht.

 

Ein "Dilemma" zwischen einer Lehre (etwas Geistiges) und einem Elends-Ort (etwas Materielles) kann nicht bestehen.

 

mfG WiT

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Für viele dieser Menschen ist die christliche Ethik eine Art "Blueprint" für ein besser, gerechteres, erfüllteres Leben. Und vielleicht auch eine Art Bewältigungshilfe. "Katholizismus" meine ein buddhistischer Freund einmal "ist eine gute Lebensbewältigungshilfe. Wenn es dir gut geht, dann hilf andern. Wenn es dir dreckig geht, bist du selber schuld ". :)

 

Prinzipien und Dogmen mögen an solchen Orten realitätsfremd erscheinen, aber ich finde es falsch oder zumindest kurzsichtig, sie fallen zu lassen. Carepaketlieferungen, Verhütungsmittel und Kondome, selbst neu gebaute Schulen und Krankenhäuser können menschliche Werte nicht ersetzen. Denn das "erhabene" :lol: Prinzip der Nächstenliebe, wenn zuende gedacht, heißt natürlich auch, Frauen nicht als Lustobjekte zu behandeln, für seine Kinder aufzukommen, und Mitmenschen achtungsvoll zu begegnen statt bei jeder Meinungsverschiedenheit die Knarre zu ziehen.

 

Hingegen (etwas überspitzt): zB Kondome zu verteilen heißt doch, ist ja alles ok was ihr macht, produziert einfach nicht soviele Kinder und infisziert euch nicht ständig.

Zustimmung. Aber wie hat dieser Buddhist das gemeint? Nach unserem Glauben ist doch gerade nicht immer der einzelne an seinem Unglück auch selbst schuld - nach buddhistischem schon, oder?

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WeisserRabe
- hm, ihn entschuldigt, dass es ein Buddhist ist, der es nicht bessr wissen muss, was die Lehre der anderen ist. Suedamerikas Elend entstammt keinem Dogma, denn z.B. warum sollte es Leute von ihren Landarbeiten in den Slum einer Favella treiben, sich dort anzuklammern, wo es ihm sichtlich schlechter geht als zuvor bei seinem Peonn oder Gutsherrn

Was soll die Kirche den mehr erlösen als die Seele?

 

Schaut doch was die Armut in Lateinamerika ist.

 

Über 90%der in Brasilien erwirtschafteten gewinne geht an die Wall Street,

und wird nicht wieder ins Land reinvestiert!

Was alleine dieser Aderlass für Brasilien bedeutet!!! :ph34r:

 

Zumal mir ähnlich wie in Deutschland,wohl keiner erklären kann

weshalb Pfingstlerfreikirchen in Lateinamerika wachsen?

Und das ohne den hier offen zelebrierten Sozialrummel! :ph34r:

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Richtig ist, daß die Pfingstfreikirchen wachsen, die keinerlei Diakonie betreiben. Das spricht aber nicht gegen die Diakonie. Das Gepfingstel ist nach meinem Eindruck eine Modeerscheinung, die darauf beruht, daß der Einzelne sich ersteinmal wichtig fühlt mit seiner Eingebung und dieses Gefühl dann regelmäßig reproduzieren kann. Sonst passiert nichts, deshalb wird das auf Dauer eher eine Leere hinterlassen. Wenn man so will läuft es auf eine individualistische Selbsterlösung mit christlichem Anstrich hinaus. Christ ist man für andere, hat mal wer gesagt (?), das fehlt bei den Pfingstlern völlig. - Ich glaube, der zitierte Buddhist hatte daher seine Christentumserfahrung. Nach katholischer Auffassung ist es oft so, daß jemand an seinem Leid eben nicht schuld ist. Es gilt eben, daß jeder sein Kreuz zu tragen hat. Grüße, KAM.

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Richtig ist, daß die Pfingstfreikirchen wachsen, die keinerlei Diakonie betreiben. Das spricht aber nicht gegen die Diakonie. Das Gepfingstel ist nach meinem Eindruck eine Modeerscheinung, die darauf beruht, daß der Einzelne sich ersteinmal wichtig fühlt mit seiner Eingebung und dieses Gefühl dann regelmäßig reproduzieren kann. Sonst passiert nichts, deshalb wird das auf Dauer eher eine Leere hinterlassen. Wenn man so will läuft es auf eine individualistische Selbsterlösung mit christlichem Anstrich hinaus. Christ ist man für andere, hat mal wer gesagt (?), das fehlt bei den Pfingstlern völlig. - Ich glaube, der zitierte Buddhist hatte daher seine Christentumserfahrung. Nach katholischer Auffassung ist es oft so, daß jemand an seinem Leid eben nicht schuld ist. Es gilt eben, daß jeder sein Kreuz zu tragen hat. Grüße, KAM.

Während meines Aufenthaltes in Afrika, wo die Pfingstler der Kirche auch zusetzen, liefen in unserem Hostel bedingt durch die Mitgliedschaft einer dort wohnenden Afrikanerin in einer solchen Pfingstkirche laufend Mitschnitte afrikanischer und amerikanischer Erweckungsgottesdienste (oder einfache pfingstlerische Predigtgottesdienste?). Das Gehüpfe und Geschreie dieser Leute war einfach ganz schlechter Geschmack - so manchem scheint es aber zu gefallen. *schüttel*

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FAZ

27.04.2005, Seite 12

Enttäuschung und Hoffnung

 

"Das Dilemma zwischen der Realität der lateinamerikanischen Megastädte mit ihren Elendssiedlungen und den erhabenen Prinzipien und Dogmen erscheint vielen Geistlichen unüberwindlich."

Die Kraft des Glaubens ist gerade in Lateinamerika äußerst stark, viel stärker als im wohlhabenden säkularisierten Europa.

 

Das Problem ist, daß die Einzelnen, Reiche, aber auch korrupte Politiker, militaristische Elemente in den Sicherheitsdiensten etc immer wieder die Schere der Armut weiter aufklaffen lassen. Die Kirche kann da nur kritisieren und die Verantwortung für die Benachteiligten ins Gedächnis rufen. Und , wie ja getan wird, praktische Hilfe durch Organisationen geben. Alles andere funktioniert nicht, denn sonst wird ( wie bei der Befreiungstheologie) Gott als Rechtfertigung für eine bistimmte politische Richtung (Marxismus) mißbraucht.

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Befürworter der mit dem Glauben der Kirche nicht vereinbaren Strömungen der Befreiungstheologie fordern eine weltlich handelnde und Macht ausübende Kirche, bzw. eine Kirche, die ihre Hauptaufgabe in der Politik sieht. Dazu gehört aber eben weltliche Macht. Daß diese immer auch korrupt macht und wozu dies auch in der Kirchengeschichte geführt hat, ist bekannt. Die historischen Fehler werden der Kirche dann auch immer wieder vorgehalten und dies als Anknüpfungspunkt für Forderungen nach Abschaffung kirchlicher Disziplin und von Teilen der Lehre eingesetzt. Gleichzeitig fordert man aber im Falle dieser Strömungen der "Befreiungstheologie" genau diese weltliche Macht wieder ein (freilich nur für "linke" Kirchenströmungen, während die "rechten" nur immer wieder das Sündenregister der Kirche anschwellen lassen). Mir kommt das nicht ganz geheuer vor.

Edited by soames
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