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Joseph Ratzinger über Christi Himmelfahrt


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Joseph Ratzinger:

 

Christi Himmelfahrt

 

Aus einer Besinnung von 1967

 

Von den Hochfesten des Kirchenjahrs liegt vielleicht keines dem modernen Bewußtsein so fern wie das Fest der Himmelfahrt Christi: Zu eng scheint es verknüpft mit einem mythischen Weltbild, das wir längst nicht mehr zu teilen vermögen. So drängt sich heute auch vielen katholischen Christen die Frage auf, die vor 25 Jahren Bultmann in seinem berühmt gewordenen Aufsatz "Neues Testament und Mythologie" formuliert hat: "Welchen Sinn hat es, heute zu bekennen: ‚niedergefahren zur Hölle' oder 'aufgefahren gen Himmel', wenn der Bekennende das diesen Formulierungen zugrundeliegende Weltbild von den drei Stockwerken nicht teilt?" Wir werden es freilich für einigermaßen vereinfacht halten, wenn der berühmte Exeget wenig später fortfährt: "Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den 'Himmel' im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebensowenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erledigt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi ..." Was aber ist hier eigentlich vereinfacht? Und was ist der bleibende Gehalt unseres Bekenntnisses zur Himmelfahrt des Herrn in einer Zeit, in der die Vorstellung eines lokalen Himmels oberhalb der Wolken in der Tat ein für allemal erledigt ist?

 

...

 

Die Liturgie knüpft mit ihrem Wort vom Aufsteigen, von der Erhöhung vor allem an die Sprache des Johannesevangeliums an, das den Vorgang des heutigen Festes unter diesem Begriff geschildert und ihn wohl am tiefsten gedeutet hat. Darauf werden wir gleich nochmal zurückkommen müssen; einstweilen soll uns schon der Hinweis wichtig sein, daß wir die Antwort auf die Frage nach dem Sinn von "Himmelfahrt" nicht aus einem einzelnen Text, ja, nicht einmal aus einem einzelnen Buch des Neuen Testaments entnehmen, sondern nur im Hinhören auf das Ganze finden können. Da es um einen für unser Vorstellen völlig unanschaulichen Sachverhalt geht, kann er nicht in einer einzigen Formel ausgesagt, sondern nur von vielen Seiten her andeutend umkreist und so auf unser Verstehen hin geöffnet werden. ja, wir müssen sogar hinter das Neue Testament zurückgreifen und feststellen, daß das Wort "erhöhen" alttestamentlichen Ursprungs ist und dort die Einsetzung ins Königtum meint. Damit stehen wir aber ganz unvermittelt schon vor einer ersten Antwort auf unsere Frage nach dem Sinn von "Himmelfahrt": Als Fest der Erhöhung Christi bedeutet sie die Einsetzung des gekreuzigten Menschen Jesus ins Königtum Gottes über die Welt.

 

In der Apostelgeschichte, der die Lesung der heutigen Messe entnommen ist, scheint freilich das Ganze doch sehr anschaulich und äußerlich aufgefaßt zu sein. Sieht man aber näher zu, so wird deutlich, daß auch hier die Dinge in eine viel größere Tiefe reichen als sich dem ersten Blick erschließt. Der Vorgang der "Himmelfahrt" wird im Passiv dargestellt: Er wurde "emporgehoben" heißt es zuerst (V.9), "aufgenommen" etwas später (V. 11). Das Geschehen ist also als eine Machttat Gottes geschildert, der Jesus in den Raum seiner Nähe einbezieht, nicht als eine Flugreise nach oben. Das Bild der Wolke, das in diese Richtung zu weisen scheint, ist in Wahrheit ein uraltes Bild alttestamtentlicher Kulttheologie: Zeichen der Verborgenheit Gottes, der gerade in seiner Verborgenheit der Nahe und der Mächtige ist, der allzeit über uns und dennoch immerfort in unserer Mitte ist, der sich all unserem Greifen- und Verfügenwollen entzieht und eben darin über uns alle verfügt. Durch dieses Bild der Wolke wird die Erzählung von der Himmelfahrt eingefügt in die ganze Geschichte Gottes mit Israel, beginnend mit der Wolke am Sinai und über dem Bundeszelt in der Wüste bis zu der lichten Wolke, die auf dem Berg der Verklärung die Nähe Gottes verkündete.

 

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Was also heißt Christi Himmelfahrt? Es bedeutet den Glauben daran, daß in Christus der Mensch, das Wesen Mensch, an dem wir alle Anteil haben, auf eine unerhörte und neue Art eingetreten ist ins Innere Gottes. Es bedeutet, daß der Mensch in Gott Raum findet auf immer. Der Himmel ist nicht ein Ort über den Sternen, er ist etwas viel Kühneres und Größeres: das Platzhaben des Menschen in Gott, das in der Durchdringung von Menschheit und Gottheit im gekreuzigten und erhöhten Menschen Jesus seinen Grund hat. Christus, der Mensch, der in Gott ist, ewig eins mit Gott, ist zugleich das immerwährende Offenstehen Gottes für den Menschen. Er selbst ist so das, was wir "Himmel" heißen, denn der Himmel ist kein Raum, sondern eine Person, die Person dessen, in dem Gott und Mensch für immer trennungslos eins sind. Und wir gehen in dem Maß auf den Himmel zu, ja, in den Himmel ein, in dem wir zugehen auf Jesus Christus und eintreten in ihn. Insofern kann "Himmelfahrt" ein Vorgang mitten in unserem Alltag werden.

 

Nur aus diesen Zusammenhängen heraus ist es zu begreifen, wenn Lukas uns am Ende seines Evangeliums berichtet, die Jünger seien von der Himmelfahrt nach Jerusalem "mit großer Freude" heimgekehrt (24,52). Sie verstanden das Geschehene nicht als einen Abschied; in diesem Fall hätten sie kaum "voll Freude" sein können. Für sie war Himmelfahrt und Auferstehung ein und dasselbe Ereignis: die Gewißheit, daß der Gekreuzigte lebte, daß der Tod besiegt war, der den Menschen von Gott, dem Leben, abschneidet und daß die Tore ewigen Lebens für immer geöffnet waren. So bedeutete "Himmelfahrt" für sie nicht das, als was wir sie gewöhnlich mißverstehen: die einstweilige Abwesenheit Christi von der Welt, sie bedeutete ihnen vielmehr die neue, endgültige und unaufhebbare Form seiner Anwesenheit durch die Teilnahme an Gottes königlicher Macht. ... [Die Jünger] sollten nicht in die Zukunft starren, nicht grübelnd warten auf die Stunde seiner Wiederkunft. Nein, sie sollten erkennen, daß er gar nicht aufhörte, immerfort anwesend zu sein, ja, durch sie immer mehr anwesend werden wollte: Die Gabe des Geistes und die Aufgabe des Zeugnisses, der Verkündigung, der Mission sind die Weise, wie Christus jetzt schon anwesend ist. Die weltumspannende Verkündigung, so dürfen wir von hier aus sagen, ist in der Zeit zwischen Auferstehung und Wiederkunft des Herrn die Ausdrucksform des weltumspannenden Königtums Jesu Christi, der in der Niedrigkeitsgestalt des Wortes seine Herrschaft ausübt.

 

Christus übt seine Macht durch die Ohnmacht des Wortes aus, durch das er die Menschen zum Glauben ruft: Dieser Sachverhalt erinnert noch einmal an das Bild der Wolke, in dem sich Verborgenheit und Nähe des Herrn eigentümlich durchdringen. Der Evangelist Johannes hat dieses Ineinander noch umfassender dargestellt durch den neuen Sinn, mit dem er das alttestamentliche Wort "Erhöhung" füllte: Dieses Wort, das bis dahin nur den Gedanken der Einsetzung in die Königswürde ausdrückte, bedeutet bei ihm zugleich den Vorgang der Kreuzigung, bei dem Christus über die Erde "erhöht" wurde. So fallen für Johannes das Geheimnis von Karfreitag, von Ostern und von Christi Himmelfahrt ineinander: In geheimnisvoller Doppelsinnigkeit erscheint das Kreuz als der Königsthron, von dem aus Christus seine Herrschaft ausübt und die Menschheit an sich zieht, in seine weit geöffneten Arme hinein (vgl. Joh 3,4; 8,28; 12,32 f). Der Königsthron Christi ist das Kreuz, seine Erhöhung ist das, was dem Außenstehenden als äußerste Schmach und Erniedrigung erscheint - in dieser letzten Ausdeutung des Geschehens der "Himmelfahrt", die das Neue Testament gibt, liegt zugleich der ganze Anspruch des Glaubens an den Menschen wie seine Verheißung offen vor Augen. Denn der Christus, der in der völligen Selbstpreisgabe, im radikalen sich-Weggeben am Kreuze zum König der Welt wird, dessen Umarmung weit genug ist, um alle zu umfassen, dieser Christus ist das Gegenbild des ersten Adam, d. h. unser aller - des ersten Adam, der in eigenmächtiger Anmaßung sich selbst erhöhen, sich selbst vergotten wollte und darüber sich selbst zerstörte und verlor. So ist die Erhöhung Christi, die in dieser Weltenzeit nur unter dem Zeichen des Kreuzes auftritt, Ausdruck für das Gesetz des Weizenkorns, das uns allen gilt: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele Frucht (Joh 12,24).

 

Wenn damit über dem Fest der Erhöhung Christi, das wir heute begehen, ein großer Ernst steht, so bleibt sein Grundzug die Hoffnung, die Freude. Gott hat Raum für den Menschen -sollte es uns über dieser Botschaft nicht wie den Jüngern ergehen, die "voll Freude" vom Ölberg nach Hause gingen? Allzu viele versuchen uns heute einzureden, daß es doch sinnlos sei, sich vorzustellen, daß Gott, der weltumspannende an den Menschen denken, sich gar um ihn kümmern könne. Wie klein muß ihr Gottesbild sein, daß sie ihn nach unserem Muster denken, die wir auswählen müssen, weil wir nicht alles zugleich überschauen können. Wieviel mehr hat jener Unbekannte von Gott begriffen, dem wir den herrlichen Satz verdanken, den Hölderlin als Motto über seinen Hyperion schrieb: "Vorn Allergrößten nicht umfaßt werden, das Allerkleinste noch umfassen - das ist göttlich." In Gott ist Raum für uns - das zuversichtliche Wort, in das der afrikanische Kirchenvater Tertullian vor mehr als anderthalb Jahrtausenden den Sinn von Christi Himmelfahrt zusammenfaßte, ist heute so wenig "erledigt" wie damals: "Seid nur getrost, Fleisch und Blut: Ihr habt Besitz ergriffen vom Himmel und vom Reiche Gottes in Christus! " (De car Chr 17).

 

[Geist und Leben 40 (1967) 81-85]

 

[Entnommen aus: Dogma und Verkündigung (München - Freiburg 1973), 361-366]

 

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/jr-1967.htm

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