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Vater unser im Himmel


Gabriele
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Liebe Forengemeinde,

 

das Vaterunser ist nicht zufällig das bekannteste christliche Gebet, schließlich hat Jesus selbst es als beispielhaftes Gebet genannt, als seine Jünger ihn baten, ihnen das Beten zu lehren.

 

Jede/r von uns hat es schon gebetet, wohl unzählige Male, im Gottesdienst, in Gemeinschaft mit anderen Christen, alleine, in Not und Verzweiflung, wenn die Worte fehlen, oder vor Freude und aus Dankbarkeit.

 

So oft gehört, gedacht und gesprochen, da besteht die Gefahr, dass es mitunter dahergeplappert wird und schnell heruntergeleiert.

Das wäre aber schade, denn das Gebet, das Jesus uns zu beten lehrte, ist ganz bestimmt nicht eine hastige Aneinanderreihung einiger frommer Worte, sondern die Früchte seiner eigenen innigen Beziehung zu Gott.

Schon die erste Zeile zeugt davon:

"Vater unser im Himmel"

Und schon stocke ich: Freilich durfte Jesus "Vater" sagen, auch "Abba - Papa", aber darf ich das auch so sagen?

Ist der allmächtige Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, der Herr aller Heerscharen dort oben über allen Himmeln, ist er mir tatsächlich so nah, so vertraut, so familiär, dass ich "Papa" sagen darf? Ist es nicht ein Sakrileg, den Heiligsten und Höchsten mit "Vater" anzusprechen?

Auch das zweite Wort, das "unser" löst bei mir ähnliche Bedenken aus: Darf und kann ich Gott so vereinnahmen? Und dann auch gleich noch für eine ganze Gruppe? Wer ist das überhaupt, dieses "wir" , das Gott als "unseren Vater" anspricht?

 

Dies sind Gedanken, die mir bei der Betrachtung der beiden Wörtern in den Sinn kommen.

 

Wie geht es Euch mit dem Vaterunser, mit dieser ersten Zeile?

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Ich sehe Gottes Allmacht in so vielen Dingen. Das macht mich oftmals sprachlos.

Allerdings habe ich für mich gefunden, dass er mir durch den Gesang immer wieder Ausdrucksmöglichkeiten gibt.

 

An Weihnachten ist mir wieder einmal klar geworden, dass mich nichts so sehr mit Demut erfüllt wie die Tatsache, dass Gott in einem kleinen Kind Mensch geworden ist. Daran glaube ich und dieser Glaube ist so unbegreiflich.... Jesus war ein Mensch wie wir und gerade darin zeigt sich für mich die unbegreifliche Liebe Gottes zu den Menschen. Wenn ich Gott Vater nennen darf, mache ich Christus zu meinem Bruder und darin auch jeden anderen Menschen.

Es gibt Steit unter den Menschen, oft könnte ich andere einfach nur noch gegen die Wand klatschen. Aber beispielsweise im liturgischen Dienst jedem den gleichen Respekt und die gleiche Liebe entgegen bringen zu dürfen, ist ein großes Geschenk. Wir hatten letzthin ja diese wunderbare Lesung aus dem 4. Buch Mose mit dem Segen

"Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden."
.... als ich am Ambo stand und diese wunderschönen Worte vorlas, merkte ich, wie man zu mir hochsah und ich hatte das Gefühl, dass ich den Segen in diesem Augenblick auch erteile.

Nun, davon abgesehen.... ich denke, dass die Gotteskindschaft, die im Vaterunser zum Ausdruck kommt, den Menschen zur Liebe am anderen berechtigt. Christus selbst hat sie uns erteilt, und deswegen sollten wir sie auch leben. Wenn ich die Worte spreche, bin ich einfach dankbar dafür.

 

Mich bedrückt viel öfter, dass ich befürchte, einen anderen Teil nicht leben zu können: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern".

Manchmal - das weiss ich - bin ich schrecklich nachtragend. Und dann bitte ich Gott täglich, es bei mir nicht zu sein?

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Vater unser im Himmel

 

 

Das Wort "Vater" löst bei mir auch immer ein wenig "Unbegreiflichkeit" aus. Der so unnahbare und häufig unverständliche Gott kommt uns in Christus als Vater entgegen.

 

Häufig habe ich dabei das Bild des verlorenen Sohns vor Augen - der von seinem Vater auf dem Feld schon von weitem erblickt wird und mit offenen Armen empfangen wird.

 

Und dann erweckt das Wort "Vater" in mir eine männliche Eigenschaft - und doch trifft diese Eigenschaft wieder nicht ganz auf Gott zu der ja Vater und Mutter für uns sein möchte.

 

Vater - dieses Vorrecht das Christus für alle Menschen bereithält die Seinem Wort glauben. Dann kann ich wirklich Schritte auf dem Weg setzen ein Kind Gottes zu werden.

 

Das Wort "unser" lässt mich erahnen dass ich nicht alleine auf dem Weg bin sondern in eine grosse Gemeinschaft aufgenommen wurde - viele die mir vorausgegangen sind - viele die nach mir kommen. Ein ganzer Strom von Menschen die in Richtung Heimat ziehen - heim ins Vaterhaus.

 

Und das Wort "im Himmel" lässt erkennen, dass dieser Ort eine Realität ist, den wir nur im Glauben schauen können. Das Vaterhaus steht nicht irgendwo - es hat einen festen Platz und wir benötigen ein gutes Navi-System um es zu finden und das Ziel zu erreichen. Der Himmel ist eine fest genannte Grösse die unverrückbar ist.

 

gby

 

bernd

Edited by beegee
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Für mich ist das Wort Vater ein sehr tröstliches Wort, weil uns Jesus dadurch aufzeigt, wie liebevoll Gott uns Menschen annimmt.

 

Das "Zweiten Testament" ergänzt das "Erste Testament" und führt zu nicht unerheblichen Verschiebungen im Gottesbild. Was bei Jesaia anklingt

...Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen. (Jesaia 40,11)

nämlich der gütige und fürsorgliche Gott, (der im Ersten Testament oft noch so stark vom strafenenden und rächenden Gott verdeckt wird), findet für mich in Jesus seine Fortsetzung. Der größte Beweis für diese Liebe und Fürsorge ist allein schon die Menschwerdung Jesus.

 

Mein geistlicher Begleiter hat es bei einer seiner "Meditationen" einmal so ausgedrückt: Der "Ich Bin Da Gott" (Exodus 2, 13 -15 Einheitsübersetzung) zeigt immer deutlicher, dass er ein "Ich bin für Euch da" Gott ist.

 

Da ich eine sehr gute und intensive Beziehung sowohl zu meinen Eltern, als auch zu meinen Kindern hatte und habe, drückt sich dieses "Ich bin für Euch da" im Wort Vater für mich sehr einprägsam aus.

 

Dabei ergänze ich für mich im Geist das Wort Vater durchaus durch das Wort Mutter. Das hat nichts mit "Gender correctness" zu tun, sondern einfach wieder mit meiner persönlichen Erfahrung der Elternschaft.

 

Das betonen des "Unser" schützt mich davor, auf andere herunter zu schauen. Es ist eine wichtige Wurzel für die Nächstenliebe, weil jeder (der Nächste und auch der so schwierige "Übernächste") eben auch Gott zum Vater haben.

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Liebe Gabriele,

 

ein wichtiger Aspekt, weshalb wir Gott als "Abba - Papa" ansprechen dürfen, liegt in Seiner bedingungslosen Liebe zu uns Menschen. Als Mutter verstehst Du vielleicht am besten, weshalb nichts, aber auch gar nichts, uns von der Liebe Gottes scheiden kann, auch nicht, wenn wir uns völlig daneben benehmen. So wie wir zu unseren Kindern stehen, steht Gott auch zu uns (nur macht Er als Vater nichts falsch, im Gegensatz zu uns als Eltern). Wir können jederzeit zu Ihm kommen, wir finden jederzeit Geborgenheit in Seinen Armen, wir können jederzeit auf Seine Hilfe vertrauen - in all Seiner Größe ist Er uns nah und vertraut. Er zählt in Seiner Liebe ein jedes Haar auf unserem Haupt.

 

Diese Liebe schenkt Er uneingeschränkt jedem Menschen. Er nimmt jeden als Sein Kind an, ohne jede Ausnahme. Deshalb kann jeder von Ihm als "Abba - Vater" sprechen, und deshalb ist das "unser", in welchem wir jeden Menschen als Schwester und Bruder sehen, auch dieser Liebe viel angemessener als das einschränkende "mein".

 

In keinster Weise vereinnahmen wir dadurch Gott - im Gegenteil, wir sind schon längst von Ihm vereinnahmt.

 

Liebe Grüße,

Wolfgang

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Vater. Wie passe ich in dieses Wort? Auch ich bin Vater. Kann ich so Vater für meine Kinder sein, wie Gott es für uns ist? Ich bete immer wieder darum. Und das prägt mich und mein Bild von Gott. Hin - denn ist kein Zustand, sondern ein Werden - zum Segen für mich und meine Kinder.

 

Vater. Wie kann ich mein Sohn-sein in Richtung meines Vater leben? Dem im Himmel und dem auf der Erde. Ich blicke auf Jesus, Gottes Christus, und versuche auch hier meinen Weg zu finden. Gott im Himmel, lass mich ein guter Sohn sein. Dir und meinem Vater hier auf der Erde.

 

Unser. Es nimmt mich mit in die Gemeinschaft der Nächstenliebe. Ich kann dann jedem Menschen nur so begegnen, dass auch er ein Kind Gottes ist. Bruder und Schwester. Ich kann nie für mich allein bitten und danken, sondern immer gleichzeit auch für alle meine Geschwister.

 

Im Himmel. Wo ist der Himmel? Dort, wo Gott ist. Hier ist der Himmel. Und jetzt. Wenn ich als Kind Gottes lebe, dann lebe ich im Himmel, denn ich bin da, wo Gott ist.

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Aus dem heutigen Evangelium:

 

11 Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.

 

Mir ist bei diesen Worten noch einmal klar geworden, was Wolfgang (Woge) und Martin schon andeuteten: Zum Vater-sein gehört das Kind-sein, eins kann ohne das andere nicht sein.

 

In der Taufe werde ich mit hineingenommen in diese Beziehung, sage ich Ja zu dieser Verbindung, werde ich zu einer geliebten Tochter Gottes und damit wird Jesus mein Bruder.

Und dabei fällt mir auf: Ich kann ja sagen zum Vater und damit zu meiner Kindschaft; ich könnte aber auch nein sagen. Bei jedem Vaterunser also eine erneute Zustimmung, eine Bekräftigung meiner Kindschaft.

 

Und dennoch: Wenn ich mich an den Vater wende, ist er immer schon da.

Wenn ich mein Ja zu ihm sage, hat er es schon längst zu mir gesagt.

Er ist mein Vater, auch wenn ich wie ein trotziges Kind nichts von ihm wissen will.

Er ist bei mir, in den Höhen und Tiefen meines Lebens, in Freude und Trauer, im Lachen und im Weinen, in schwierigen Situationen und im Glück, wenn ich nicht mehr weiter weiß und wenn mein Weg offen und frei vor mir liegt; eben wie ein Vater, eine Mutter.

 

Mit jedem Vaterunser darf mir das wieder ganz bewußt werden, darf ich seine Gegenwart erleben, darf ich diese Beziehung erneuern und bekräftigen.

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liebe Gabriele

 

ich finde es sehr schön, dass du eine Reihe mit Gedanken zum Vaterunser gestartet hast.

Publik-Forum hat ja mal dazu aufgerufen, das Vaterunser persönlich zu reflektieren, Herausgekommen ist dabei ein Band "Mein persönliches Vaterunser", ein für mich sehr bereicherndes Buch.

Darin findet sich auch ein Vaterunser von Kurt Marti, dem SChweizer Pfarrer und Dichter. Das beginnt folgendermaßen:

 

1

unser vater

der du bist die mutter

die du bist der sohn

der kommt

um anzuzetteln

den himmel

auf erden

 

der du bist die mutter....das klingt provozierend, aber ich denke, dass es richtig ist, auch mal den mütterlichen Aspekt Gottes herauszustreichen, gerade auch angesichts der Tatsache, dass für manche Menschen der zugang zu Gott durch die Anrede als Vater versperrt wird aufgrund ihrer schlimmen Erfahrungen mit ihrem leiblichen Vater. Ich denke da jetzt an Carola Moosbach, die sich in harter Auseinandersetzung mit ihreen Kindheitserfahrungen ein mütterliches Gottesbild erarbeitet hat, das ihr gewissermaßen zu überleben half.

Auch in der Bibel finden sich ja sehr mütterliche Anklänge in der Beschreibung Gottes

 

Ich vermisse in der deutschen Übersetzung immer die Zärtlichkeit, die doch in der Anrede "Abba" mitschwingt...Papa, nicht Vater, sondern Papa

 

alles Liebe

 

Angelika

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der du bist die mutter....das klingt provozierend, aber ich denke, dass es richtig ist, auch mal den mütterlichen Aspekt Gottes herauszustreichen, gerade auch angesichts der Tatsache, dass für manche Menschen der zugang zu Gott durch die Anrede als Vater versperrt wird aufgrund ihrer schlimmen Erfahrungen mit ihrem leiblichen Vater. Ich denke da jetzt an Carola Moosbach, die sich in harter Auseinandersetzung mit ihreen Kindheitserfahrungen ein mütterliches Gottesbild erarbeitet hat, das ihr gewissermaßen zu überleben half.

Auch in der Bibel finden sich ja sehr mütterliche Anklänge in der Beschreibung Gottes

 

Ich vermisse in der deutschen Übersetzung immer die Zärtlichkeit, die doch in der Anrede "Abba" mitschwingt...Papa, nicht Vater, sondern Papa

 

alles Liebe

 

Angelika

Liebe Angelika,

 

vielen Dank für diesen Hinweis auf die mütterliche und auch auf die zärtliche Seite Gottes.

Ich halte in der Regel nicht viel von der "Gender Correctness", aber in diesem Falle ist der Hinweis sehr berechtigt, nicht nur für Menschen, die nur schwer den Zugang zu Gott über die Anrede "Vater" haben.

Denn Gott ist größer, als die Anrede "Vater" andeutet, zärtlicher als "Abba", umfassender als "Vater und Mutter". Wir werden ihn nie ganz fassen können, auch nicht mit Worten. Aber eine Annäherung können wir wagen, und Kurt Marti hat eine solche Annäherung in wunderbare Worte gefasst.

 

Liebe Grüße, Gabriele

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Noch ein Gedankensplitter:

 

 

Es war nicht völlig neu, Gott als Vater anzusprechen:

 

16 Du bist doch unser Vater; / denn Abraham weiß nichts von uns, Israel will uns nicht kennen. / Du, Herr, bist unser Vater, / «Unser Erlöser von jeher» wirst du genannt.

 

27 Er wird zu mir rufen: Mein Vater bist du, / mein Gott, der Fels meines Heiles

 

Neu war jedoch, Gott zärtlich-vertraut "Abba - Papa" zu nennen. Damit wird eine innige Vertrautheit gezeigt, die so bislang nicht vorhanden war. Denn die Anrede "Vater" zeigt Ehrfucht, das familiär-vertraute "Abba" jedoch drückt Liebe und Gegenliebe aus.

 

Jesus wußte sich von Gott als dessen Sohn angenommen und geliebt, er war sich dieser Vertrautheit bewußt und lebte sie uns Menschen vor.

Das Vaterunser, das er uns zu beten lehrte, ist damit auch eine Einladung dazu, eine ebenso innige Beziehung zu Gottvater zu suchen und zu pflegen.

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