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Pessimistisches Christentum?


Alouette
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Hallo liebe Leute!

 

Eine (agnostische, früher mal katholische) Bekannte von mir

hat "Salz der Erde" gelesen und meint nun, dass das Christentum pessimistich ist,

weil es der Meinung ist, dass die Menschheit sich nicht von selbts perfektionieren

kann. Den folgenden Betrag hat sie in einem anderen (atheistischen) Forum verfasst.

Ich bin der Meinung, dass sie da manches ziemlich missverstanden hat, aber wie ich es auch drehe und wende, kommt es bei ihr nicht an. Sie war damit einverstanden, dass

ich diesen Beitrag hier reinstelle. Hoffentlich verstößt das nicht gegen irgendwelche

Regeln.

 

Würde mich sehr freuen, wenn ihr Stellung dazu beziehen würdet:

 

__________________________________________________________________________

 

Kardinal Josef Ratzinger hat in „Salz der Erde“ auf diese Frage:

 

Viele denken freilich, gerade der christ-katholische Glaube drücke eine

pessimistische Weltsicht aus.

 

folgendes geantwortet:

 

"Das Christentum hat eine solche Idee, daß die Geschichte notwendig immer fortschreitet, daß es also im wesentlichen immer besser wird mit der Menschheit, in der Tat nicht....Der Gedanke, daß notwendig die menschlichen Dinge immer besser werden, hat keinen Anhalt im Christlichen..."

 

 

 

Aha!!! Dachte ich bei der Lektüre, und mir fiel es wie Schuppen aus den Haaren, wieso ich die Denkweise der katholischen Geistlichkeit nie so richtig verstanden habe. Es liegt nicht nur am Festhalten an alten Regeln, sie gehen grundsätzlich davon aus, dass der Mensch sich nicht weiter entwickeln kann, er wird immer rumeiern, mal besser mal schlechter handeln, aber es gibt keine Tendenz zu einer Weiterentwicklung. Er muss also nur die Gebote einhalten und glauben, dann wird Gerechtigkeit im Jenseits garantiert. Aber im Grunde darf er bleiben wie er ist.

Bei Diskussionen ist es ja auch leicht, man muss mir bloß aufzählen, welche Gräuel überall noch immer verübt werden, und daraus folgern, es gibt mindestens genauso viel vom Mensch verursachtes Leid und Ungerechtigkeit wie eh und je => es hat keine moralische Weiterentwicklung stattgefunden, es gibt nur Menschen die sich fürs Gute einsetzten und Menschen die Schlechtes tun, wie immer, und wo der eine eine Ungerechtigkeit stoppen kann, tun andere vier neue auf.

 

Mein Menschbild ist aber ein anderes. Selbst als ich noch an einem Gott glaubte (wenn er auch nie so ganz mit dem Gott der Bibel übereinstimmte) war meine Vorstellung, dass der Mensch sich moralisch oder sittlich, (wie Ratzinger sagt) weiter entwickeln kann und dies auch tut.

Irgendwann hat der Mensch ja angefangen moralische Prinzipien über instinktives Zusammenhalten der Kleinstgruppe hinaus, zu entwickeln, doch den Nachbarstamm zu bekämpfen und zu dezimieren war lange ein moralisch akzeptiertes Vorgehen…heute gibt es Menschenrechte, Organisationen, die diese weltweit einfordern, unabhängig von irgendwas, es gibt Staatenbündnisse so groß wie nie und friedliche Phasen in diesen, wie nie. Keine Weiterentwicklung? Hat man immer schon auch für die Nachkommen, die Sippe, das eigene Volk gegen sein eigenes Interesse, Einsatz gezeigt (was ja bereits im Tierreich vorkommt), so setzt sich nun mehr und mehr ein Bewusstsein, wir sind alle gleich schützenswert durch. Keine Weiterentwicklung? Und ich meine nicht Jahrhunderte sondern über die gesamte Geschichte des modernen Menschen gesehen.

 

Oder hat Ratzi mit seinem Menschenbild recht? Dreht sich die Geschichte im Kreis? Wie seht Ihr das?

 

 

EDIT: Habe den Zitatstummel mit den pertinenten Stellen ersetzt. Ich hoffe, das ist Ok. Oder doch nicht? <_<

 

 

Überlanges Zitat entfernt. Bitte nur ein paar Sätze reinstellen. Wegen Urheberrechte

_______________________________________________________________________

Edited by Alouette
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Man muss unterscheiden zwischen "Entwicklung" und "Perfektionierung".

 

"Entwicklung" zum Guten ist auf jeden Fall christlich erstrebenswert. Z. B. haben nach dem 2. Weltkrieg fast nur christliche Politiker die friedliche Ordnung Europas entwickelt.

 

"Perfektionierung" allerdings, also Entwicklung zum Besten, das dann ewig bestehen bleibt, ist doch wohl Utopie! (s. Sozialismus/Kommunismus)

 

Also ist das Christentum in dieser Frage optimistisch, aber auch realistisch.

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Ich bin etwas irritiert:

 

Mir wurde irgendwann mal erklärt, daß das Christentum im Gegensatz zu vielen anderen Religionen das Zyklische nicht kennt sondern rein linear ausgerichtet ist (wenn das nicht sogar von ThomasB stammt <_< )

 

Aber ich meine einen Unterschied erkennen zu können zwischen der linearen Entwicklung des Individuums und der zyklischen Entwicklung der Menschheit, die schon in der Bibel beschrieben wird (Denger hat das in seiner AT-Nacherzählung "Der Große Boß" gut zusammengefasst als er die 1. und 2. Könige sowie einige Propheten raffen wollte: sie gehorchten Gott für zwei Generationen und fingen erneut an zu sündigen.)

 

Man muss glaube ich unterscheiden zwischen der individuellen Fähigkeit sich weiterzuentwickeln (oder zurückzuentwickeln) und der nahezu unveränderlichen Natur des Menschen zu dessen Existenz die Balance zwischen dem was wir als Zivilisation und Barbarei bezeichnen gehört, die immer ein Drahtseilakt ist. Jede Ära offenbart ihre eigene Barbarei zu der der Mensch fähig ist und je höher die Kulturstufe, die eine Gesellschaft erreicht umso bemerkenswerter die Grausamkeiten zu der sie fähig ist (und wozu der Mensch fähig ist, das tut er auch).

 

Pessimistisch würde ich das nicht unbedingt nennen. Eher warnend-anspornend. Immerhin ist darin immer noch die Hoffnung angelegt, daß sich eine genügend große Gruppe von Menschen guten Willens findet, die die Barbareien ihrer Zeit wenigstens eindämmen können.

 

Grund zum Pessimismus bestünde, wenn nicht einmal das Individuum zu einer Entwicklung fähig wäre.

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Ich würde das genauso deuten wie Du, Flo. Jeder Mensch ist von Gott gerufen und, so er sich dem Ruf öffnet, von der Kirche angeleitet, sich und sein Leben immer mehr zu heiligen und so auch für seine Nächsten diese Möglichkeiten zu eröffnen.

 

Der Mensch als Gattung aber bleibt der, der er ist.

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