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Wieder mal ne Predigt


Tifs

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Huhu Allerseits, morgen ist wieder Sonntag, daher wieder ein Predigt-Tag für mich. Diesmal war es das Gleichnis von der Witwe und dem ungerechten Richter. Gerade bin ich mit der Predigt fertig geworden und mich interessiert Eure Meinung dazu.:

 

 

Die Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde!

 

„Da kann man nix machen. So ist das eben. Da kann einem keiner helfen. Damit muss man sich eben abfinden.“

 

Ich glaube, alle von uns, die wir heute hier sitzen, haben mindestens einen, wenn nicht alle dieser Sätze schon einmal gesagt. Sie kommen uns meist dann über die Lippen, wenn wir uns mit Situationen konfrontiert sehen, aus denen wir keinen Ausweg sehen, in denen wir uns allein gelassen fühlen. So ein Satz dient häufig dazu, die eigene Klage über die ausweglose Situation zu stoppen. Vielleicht auch eine Art Selbstschutz, der uns davor bewahren soll, in zuviel Grübelei zu verfallen und immer tiefer in die Dunkelheit zu versinken. Oftmals ist es aber auch ein Satz, der uns gesagt wird von anderen, um unserer Klage den Mund zu verbieten. Das tut uns dann weh, denn ich merke: Hier will mir jemand nicht weiter zuhören, macht dicht und möchte, dass ich mich zusammenreiße.

Diesen Sätzen ist auf jeden Fall gemeinsam, dass sie nicht gerade vor Hoffnung strotzen, sondern eher dazu geeignet sind, uns resignieren zu lassen.

In der Geschichte, die für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist, hören wir von einer Person, die sich das nicht sagen lässt, die nicht resigniert, sondern aufbegehrt und das lautstark. Es ist ein Gleichnis, dass Jesus seinen Jüngern erzählt hat, dass man auch mit dem Titel „nicht müde werden“ überschreiben könnte. Ich lese aus dem Lukasevangelium, 18. Kapitel die Verse 1 bis 8.

Text

Lukas 18:1 Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, daß sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten,

2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.

3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!

4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue,

5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.

6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!

7 Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er's bei ihnen lange hinziehen?

8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

 

 

Wenn wir an unsere Sätze vom Anfang zurückdenken, dann hätte man der Witwe in unserem Gleichnis sicherlich auch sagen können: „Du weißt doch, der Richter ist ungerecht und kümmert sich nicht um dich. Da kann man nichts machen. Gib doch auf, es nützt ja doch alles nichts. Damit musst du dich eben abfinden.“

 

Doch die Witwe lässt sich ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit nicht zerstören. Sie glaubt unerschütterlich daran und setzt sich dafür ein, dass sich ihre Situation ändert. „Schaffe mir Recht“. Sie hat nichts in der Hand, womit sie drohen könnte, denn der Richter hat weder vor Gott noch vor Menschen Angst. Das, wovor er Angst hat, bzw. das, was ihn umstimmen kann, ist die Sorge davor, dass die Witwe wieder und wieder zu ihm kommen und ihn nerven wird. Sie stört seine Ruhe. Am Ende hat er nichts eingesehen, ist nicht etwa geläutert und von nun an gerecht. Nein, er bleibt ein ungerechter Richter, aber die Frau hat ihr Recht bekommen.

 

Jesus erzählt seinen Jüngern diese Geschichte, um ihnen deutlich zu machen, dass sie nicht nachlassen sollen mit dem Gebet, nicht müde werden sollen, zu beten, auch wenn es so aussieht, dass es nichts nützt. Im Gleichnis ist es die Witwe, die nicht müde wird und schließlich den ungerechten Richter so müde macht, dass er letztendlich tut, was sie will.

 

Daraus könnte man jetzt ableiten, dass wir nur besonders stark beten und Gott in den Ohren liegen müssten, damit er irgendwann unsere Bitten erhört und uns zu Willen ist.

Da kann man sich ja viel ausdenken: Man könnte einen Gebetsmarathon ausrufen, um Gott zum Handeln zu nötigen. Eine zugegebenermaßen recht attraktive Idee, denn sie würde uns ja so viel Macht zubilligen. Wir hätten den Schöpfer der Welt in der Tasche, wenn wir ihm nur ausreichend in den Ohren liegen.

Es gibt ja sogar meiner Meinung nach ziemlich makabre Untersuchungen, die durchgeführt wurden, um zu beweisen, dass das Gebet einen solchen Effekt hat. Es wurden Gruppen kranker Menschen eingerichtet, für die eine Gruppe von Menschen wurde gebetet, für die andere nicht. Allein dieser Versuchsaufbau ist in höchstem Maße geschmacklos und es ist auch Gott sei dank nicht das dabei herausgekommen, das man sich gewünscht hat. Die Gruppe, für die gebetet wurde ist nicht schneller gesund geworden als die andere. Konsequent zu ende gedacht würde ein solches Ergebnis ja auch bedeuten: Ich bin nur deshalb krank, weil nicht genug Menschen für mich beten. Was für eine schlimme Vorstellung und was für ein schreckliches buchhalterisches Gottesbild von einem Gott, der da sitzt und Gebete zählt, bevor er handelt.

 

Doch was soll denn dann dieses Gleichnis sonst bedeuten, wenn nicht einen Aufruf zum ständigen Gebet um Gott endlich zum Handeln zu veranlassen?

 

Dazu müssen wir noch einmal in die Geschichte selbst schauen. Der ungerechte Richter wird in Jesu Gleichnis nicht mit Gott gleichgesetzt, das wäre ja auch ziemlich merkwürdig, denn Jesus Christus hätte wohl kaum Gott als ungerecht bezeichnet.

 

Jesus baut hier den Vergleich so auf, dass er sagt: Wenn sogar ein Ungerechter letztlich für Gerechtigkeit sorgt, wie viel mehr wird Gott, der gerecht ist, für Gerechtigkeit sorgen – und zwar - und jetzt kommt der Punkt, der einem bei diesem Gleichnis leicht durch die Lappen gehen kann - ohne, dass wir ihm dafür in den Ohren liegen müssten – nach dem Motto "Viel hilft viel" und "Steter Tropfen höhlt den Stein".

 

Nein, Jesus sagt seinen Jüngern damals und uns heute: Gottes Reich kommt, und zwar nicht erst in hundert Jahren, sondern jetzt: Heute und hier. Erinnern wir uns zurück an den Evangelientext, den wir vorhin in der Schriftlesung gehört haben, „das Reich Gottes ist mitten unter Euch“.

 

Das Reich Gottes hat schon begonnen unter uns, es ist schon da. Wir nehmen es nur häufig nicht wahr, weil wir uns von den ungerechten Richtern dieser Welt einschüchtern lassen, die uns sagen: "Nächstenliebe? So ein Quatsch, wenn jeder an sich selbst denkt, ist auch an alle gedacht. Gerechtigkeit für alle? Das ist doch nur ein verrückter Traum, der sich niemals erfüllt. Friede auf Erden? Das passiert nicht. Die Starken setzen sich durch, die Schwachen werden ausgebeutet und unterdrückt. Damit muss man sich abfinden, all die religiösen Spinner werden es auch irgendwann begreifen. Da kann man nichts machen, die Welt ist, wie sie ist." Ist ja auch bequemer so.

 

Um angesichts dieser und ähnlicher Aussagen nicht müde zu werden, brauchen wir das Gebet. Denn indem wir beten – "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe" stellen wir uns hinein in Gottes Wirklichkeit. Das Gebet öffnet uns für das schon angebrochene Reich Gottes die Augen. Und es bewahrt uns, damit wir uns nicht von Sätzen wie „Da kann man nichts machen“ unterkriegen lassen und uns die Hoffnung auf Veränderung zerstören lassen.

 

Denn im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Hoffnung auf das Reich Gottes in dem Friede und Gerechtigkeit herrschen und Menschen füreinander einstehen. Die Hoffnung auf Auswege aus festgefahrenen, ausweglosen Situationen. Die Hoffnung auf neue Anfänge, auf Auferstehung, auch wenn alles hoffnungslos erscheint.

 

Im Gebet können wir uns Luft machen, wenn unser Leben uns den Atem abschnürt. Wir treten mit Gott in Kontakt, nicht um ihm unseren Willen aufzuzwingen, sondern um unseren Willen mit seinem in Einklang zu bringen. Das Gebet verändert zuallererst uns selbst.

Daher ist es auch keine ganz ungefährliche Sache mit dem Beten, denn wenn ich die Bitte „Dein Reich komme“ ernst meine, dann kann ich mich selbst anderen gegenüber auch nicht mehr ungerecht, feindselig oder lieblos verhalten.

 

Das Gebet hält die Hoffnung auf Gottes Reich und die Zuversicht auf sein Handeln in uns wach. Das ist etwas, das ich aus dem Gleichnis mitnehmen möchte: Ich will lernen, in Zukunft in Hoffnungslosen Situationen, in denen vermeintlich nichts mehr geht, Ausschau zu halten nach dem was eben doch noch geht: Ich darf ins Gebet gehen, mit Gott in Kontakt treten, und neue Hoffnung und Kraft tanken, damit die Stimmen der ungerechten Richter dieser Welt, die sich oft genug auch in mir selbst verschanzen nicht gewinnen, sondern irgendwann klein beigeben müssen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.

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Gerlinde Blosche

Hallo Tifs,

ich finde du hast den Bezug des Gleichnisses zu unserem Leben sehr treffend dargestellt.

Das Gebet als Kraftquelle sich mit den Ungerechtigkeiten in dieser Welt nicht abzufinden sondern etwas dagegen zu tun. Viel Erfolg morgen! Hab Deine Predigt sogar zweimal gelesen, so hat sie mir gefallen.

Freundliche Grüße, Gerlinde

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Hallo Tifs,

 

tolle Predigt! Ich würde mich freuen morgen auch eine so gute Predigt zu hören. Keine ablenkenden Abschweifungen, eine klare Botschaft und man nimmt etwas mit - was ich am wichtigsten finde.

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Gerade bin ich mit der Predigt fertig geworden und mich interessiert Eure Meinung dazu.:

 

Das ist halt eine Predigt. Also für meinen Geschmack eindeutig zu christlich.

 

Zum Gleichnis: Ich finde, man das Gleichnis nicht richtig interpretieren, ohne zu berücksichtigen, dass Jesus an das nahe Ende der Welt geglaubt hat. Das ist so ein bisschen Verkündigung des nahenden Reich Gottes und ein bisschen Gejammer darüber, dass keiner so wirklich daran glaubt. Das Gleichnis ist eines dieser vielen merkwürdig missglückten Argumente: Wenn selbst ein ungerechter Richter nach langem Bitten reagiert, wie viel schneller wird ein gerechter Gott reagieren, wenn ihr nur glaubt und aufrichtig bittet.

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Zum Gleichnis: Ich finde, man das Gleichnis nicht richtig interpretieren, ohne zu berücksichtigen, dass Jesus an das nahe Ende der Welt geglaubt hat. Das ist so ein bisschen Verkündigung des nahenden Reich Gottes und ein bisschen Gejammer darüber, dass keiner so wirklich daran glaubt.

 

Ich sehe doch ein sehr starkes "Gott ist der höchste Richter - Gerechtigkeit gibt es nur bei Gott - Jeder wird von Gott gerichtet - Gott ist gerecht" usw. heraus. Und am Ende noch dieser niedliche Seitenhieb - ob der Menschsohn wohl Glauben finden wird? ;-)

Nein, alles Atheistenpack. Was lässt er sich auch so lange Zeit B)

 

Und irgendwie ... na ja ... also Tifs Interpretation zum "gebt's nicht auf" hin finde ich etwas schräg. Die Geschichte sagt für mich nicht so sehr: "macht weiter, gebt nicht auf" sondern: "freut euch, auf das was bald kommt!".

Edited by agnostiker
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Nein, Jesus sagt seinen Jüngern damals und uns heute: ... „das Reich Gottes ist mitten unter Euch“.

...

Denn indem wir beten – "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe" stellen wir uns hinein in Gottes Wirklichkeit. Das Gebet öffnet uns für das schon angebrochene Reich Gottes die Augen.

Abgesehen von dem Logikfehler (Jesus: "Das Reich ist schon da" - Ihr: "Das Reich komme") halte ich diese Intention des Betens für die, die der Lebenswirklichkeit am nächsten kommt. Die anderen Intentionen, also durch "braves (An)Beten" bei Gott Pluspunkte zu sammeln oder Zaubersprüche aufzusagen ("Lieber Gott, mach, dass dies und das passiert/nicht passiert"), sind in meinen Augen "vorheidnische" Anachronismen; das Anbeten zwecks Punktesammeln ist außerdem schnöder Karrierismus, und die "Zauberei" ist kurzsichtige Egozentrik. Sich - banales Beispiel - von Gott zu wünschen, er möge mir die ausgeschriebene Arbeitsstelle geben, heißt gleichzeitig, sich zu wünschen, die anderen Bewerber mögen sie nicht bekommen.

 

Wenn man "Reich" mit "Welt" und "Beten" mit (meditativer) "Weltbetrachtung" übersetzt, würde ich deine beiden letzten Sätze so übersetzen: "Denn wenn wir die Welt betrachten, stellen wir uns ihrer Wirklichkeit. Die Weltbetrachtung öffnet uns die Augen dafür, wo wir in dieser Welt stehen, welche Möglichkeiten wir haben und welche nicht und wie wir handeln sollten, um eine realistische Chance haben, unsere angestrebten Ziele auch zu erreichen."

 

Diese Form des "Gebetes" fordert nicht, die Welt möge sich (durch höheren Einfluss) ändern, sondern ist eine Art Abgleich zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, wobei wir - falls dazwischen Diskrepanzen auftreten - Korrekturen nicht an der Wirklichkeit sondern an unserer Vorstellung vornehmen. In diesem Sinne - "atheistisch" übersetzt - würde ich folgendes deuten:

 

Wir treten mit Gott in Kontakt, nicht um ihm unseren Willen aufzuzwingen, sondern um unseren Willen mit seinem in Einklang zu bringen. Das Gebet verändert zuallererst uns selbst.

Wenn es so wäre, dass ich das insgesamt korrekt "übersetzt" habe, und wenn diese Lesart des Begriffes "Beten" unter Gläubigen die allgemein verbreitete und anerkannte wäre, wäre mir um die Welt weitaus weniger bange.

 

André

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Logikfehler (Jesus: "Das Reich ist schon da" - Ihr: "Das Reich komme")

Es ist bereits angebrochen. Es ist als Senfkorn schon da. Aber wir beten um den Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten.

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Logikfehler (Jesus: "Das Reich ist schon da" - Ihr: "Das Reich komme")
Es ist bereits angebrochen. Es ist als Senfkorn schon da. Aber wir beten um den Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten.

Okay, das verstehe ich.

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