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Lehramt und Evangelisierung


Guest Juergen
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Guest Juergen

Gestern erhielt ich die neuste Ausgabe der Zeitschrift "Theologie und Glaube" - 1/2003.

Darin findet sich ein Artikel von D. Hattrup mit dem Titel Lehramt und neue Evangelisierung (S.113-124).

 

Schon der Kurzinhalt/Summary lies aufhorchen:

Die Bibel ist eine Autorität der Vergangenheit, das Lehramt eine mitlebende Autorität. Der erste Anlauf, die Welt zu christianisieren, ist mißlungen, weil die Kirche Ordnungsaufgaben in der Welt wahrgenommen hat. Der Weg der Kirche von heute ist der Mensch als Person. Er trifft die Entscheidungen, nicht mehr das Milieu. Die Aufgabe, eine Gemeinschaft zu bilden, nimmt nicht mehr der Staat wahr, auch nicht die Familie oder Gemeinde, sondern das Lehramt der Kirche.

Im Folgenden möchte ich Teile aus zwei Kapiteln des Artikel vorstellen. Ich meine, daß dort Gesagte ist für die Situation heute erhellend:

Möglichkeiten der Evangelisation

Daß die sozialen Milieus sich auflösen oder schon weitgehend aufgelöst haben, ist eine Binsenweisheit. Diejenigen, die solche soziologischen Befunde präsentieren, wissen aber meist nicht viel damit anzufangen oder, genauer gesagt, sie haben zwar die Zeichen der Zeit gelesen, aber die Zeichen der Zeit zu schreiben ist ihnen nicht möglich. Oder höchstens in der Form, daß sie empfehlen, sich dem Trend der Zeit anzupassen. Dazu zähle ich alle Versuche, die Kirche zu einem Angebot zu machen, deren Dienstleistungen von Fall zu Fall in Anspruch genommen und von Fall zu Fall honoriert werden. Theologisch, philosophisch und kulturell scheint mir das keine Lösung zu sein. Ein solches fallweises Service-Angebot antwortet nicht auf Frage, die sich der Mensch in seiner bedingungslosen, aber deshalb auch bindungslosen Freiheit immer mehr sein wird.

Wenn wir die Vergangeheit richtig gedeutet haben, die uns die Gegenwart gebracht hat, in der wir heute leben, dann haben wir uns mit der Wahrheit des Glaubens gegen die Weltmacht des Interesses zu stellen. Denn dieses Interesse, wenn es an die erste Stelle des Lebens gerückt wird, läuft leer. Ich weiß, daß es keine unbedingte Wahrheit ohne Beimischung von Interessen in dieser Welt gibt, und wer genau hinschaut, wird auch bei dem seraphischsten aller Heiligen, bei Franziskus diese Beimischung finden. Wer aber den Menschen nur als Anlammlung von Interessen, Bedürfnissen und Trieben sieht, versteht ihn noch mehr falsch. Das ist der Boden für das Evangelium: Die Menschen zu fragen, entweder mit oder ohne Worte: Was wollt ihr mit eurer unbedingten Freiheit machen? Wozu soll sie gut sein? Gibt Freiheit allein schon Sinn? Die meisten Mitbürger unseres Kulturkreises werden derzeit unter Freiheit wohl Freizeit verstehen. Aber wir können sie fragen: War das alles? Wer einmal durch alle Genüsse gerannt ist, kann dazu kommen, sich zu fragen: War es das? Von solchem Zuschnitt scheint mir der neue Adressat des Evangeliums zu sein. Das werden nicht viele sein, oder zuerst nicht viele. Aber daß eine auf das bloße Interesse gegründete Gesellschaft auf Dauer keine Chance zum Überleben hat, liegt für mich auf der Hand. Der Papst spricht von der Kultur des Todes. Wir sind im 20. Jahrhundert den Nazismus und den Kommunismus losgeworden, was in den Zeiten ihrer Herrschaft kaum einer geglaubt hat, so werden wir auch im 21. Jahrhundert den Konsumismus loswerden.

Der Wille zum konsumtiven Genuß fordert die Beseitigung des Lebens, das Probleme macht. Deshalb ist das Leben von Ungeboreren und debilen Alten in konsumtiven Gesellschaften gefärdet. Das kann auf die Dauer sozial nicht gutgehen. Die Anzeichen liegen auf der Hand. Von dem Politiker Kurt Biedenkopf stammt die Beobachtung

  • Vor uns liegt ein Paradigmenwechsel; das wird eine kopernikanische Wende, jedenfalls für den abendländischen Teil der Welt. Die Dramatik ist überhaupt noch nicht begriffen: Die Weltbevölkerung explodiert, aber der Teil, der durch die Aufklärung geprägt ist, der implodiert. Wir werden in Europa immer weniger und immer älter. Was dieser Prozeß für die nächsten 30 Jahre bedeutet, wissen wir nicht. Für ein Land wie Deutschland ist es von existentieller Bedeutung, sich damit zu befassen. Aber es geschieht nicht.

Individuell geht es auch nicht gut. Als lebendig in den Gemeinden kenne ich nur Menschen, die eine persönliche Bekehrung hinter sich haben. Sie haben die Leere der gegenwärtigen Welt im Konsum erlebt.

Philosophisch gesehen ist das Leerlaufen des Ich das Erschrecken darüber, daß dieses Ich endlich ist, daß seine Interessen deshalb nicht im Mittelpunkt des Lebens stehen können. Wer sich selbst als Ziel erwählt hat, hat den Tod gewählt, denn der Mensch ist sterblich. Theologisch gesehen ist das die gegenwärtige Praeparatio evangelii, die Vorbereitung des Bodens, auf den der Keim des Wortes Christi fällt und gedeihen kann.

 

Das Milieu und der Papst

Was aber trägt diesen Glauben? Heimat und Sitte, Nachbarn, Eltern und Lehrer sind es nicht, sie sind es nicht mehr. [...]

 

Ich sage jetzt etwas gewagtes: An die Stelle des Milieus tritt der Papst. Er tut dies nicht als Ersatz, sondern als eine in Freiheit gesteigerte Lebensmöglichkeit. In ein Milieu wird man hinein geboren, für den Papst kann man sich in der heutigen Welt nur frei entscheiden. Mit dem Papst ist Rom, das Lehramt, alles Zentralisierende, das wir in gesteigerter Form in der Neuzeit erlebt haben, gemeint. Außen oder in der Welt hat der Papst an Einfluß verloren, in der Kirche war er in den 2000 Jahren nie so wirksam wie heute. [...]

 

Die Einheitlichkeit des Glaubens ist dabei zentral. Wenn es wesentlich verschiedene Deutungen des Evangeliums gäbe, dann wäre ich aus der Konsumentenhaltung noch nicht herausgetreten, in der das Ich sich selbst  der alleinige Richter ist, das in der Gefahr ist, nur seinem eigenen Iteresse zu dienen. Eine mitlebende Autorität in der Deutung der biblischen Offenbarung kann mich davon befreien, mein Gewissen für die Quelle der Wahrheit zu halten. Mein Gewissen ist nicht die Wahrheit [...]

 

Die Wahrheit ist die Gegenwart Gottes, das Leben für alle. Der Papst und das Gewissen sind seine Organe, das eine innen, das andere außen. Kein Organ darf das andere verdrängen wollen, sonst wird die Wahrheit zum Interesse, und darauf wartet am Ende, wenn es blank und bloß in der Welt dasteht der Tod ...

 

Was haltet ihr von den Aussagen bzw. dem Ansatz ?

 

 

(Geändert von Juergen um 12:43 - 29.März.2003)

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Also, den Bogen zum Papst halte ich für ein bißchen gewagt gezogen, aber durchaus auch nicht an sich für falsch.

 

Im übrigen finde ich das sehr vernünftig.

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