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Die scholastische Theologie


Ralf

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Hallo.

 

Ich weiß ja nicht, wie’s Euch so geht, aber ich frage mich immer häufiger, ob die scholastische Theologie uns (der Kirche) so viel Gutes gebracht hat. Vielleicht liegt es ja weniger an der Theologie selbst als an der Rezeption derselben – es erscheint doch alles sehr glaubenspositivistisch, d. h. es scheint so, als „wisse“ man alles genau und könne auch die klitzekleinsten Glaubensaussagen durchdacht philosophisch darlegen.

Mir fehlt da ein wenig die Ehrfurcht vor dem Mysterium der Offenbarung. Thomas von Aquin soll ja kurz vor seinem Tod von der relativen Wertlosigkeit seiner vielen Schriften angesichts der Ewigkeit Gottes überzeugt gewesen sein, aber diese Einsicht hat sich wohl nicht überall durchgetragen.

 

Hat also die Scholastik (die Orthodoxie hatte ja nichts vergleichbares), besonders in ihrer aristotelischen Ausprägung (ein Bonaventura war ja mehr augustinisch-platonisch geprägt), der Entwicklung des Glaubens mehr geschadet als genützt?

 

Trotz der Tatsache, dass ich hier zu einem „Ja“ tendieren würde, gleich die Antithese hintendran: der Aristotelismus war und ist in gewissem Umfang notwendig, weil sich nur so die Wichtigkeit des Bezugs zur Realität und zum Individuum in seiner Konkretisierung im Hier und Heute darstellt. So fehlt hat ja die orthodoxe Kirche meines Wissens nach (auch in Regionen, wo sie nicht unter Verfolgung zu leiden hatte, wie bspw. Griechenland) ein bei weitem nicht so breites Standbein in der Diakonie/Caritas wie der Katholizismus.

 

Paz y bien,

Ralf

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Lieber Ralf,

 

>>Vielleicht liegt es ja weniger an der Theologie selbst als an der Rezeption derselben<< (Ralf)

 

Hier hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen! Viel zu häufig, wenn die scholastische Philosophie dargestellt wird, hat man prompt die Seinsmäßige Logik in kurzen wenigen Worten zusammengefaßt. Den engen Bezug, den das scholastische Denken zur Mystik und zum Wunder des Lebens hatte, wird nur zu gerne ausgeklammert.

 

Ich schließe mich Romano Guardini an, wenn er sich auf die Scholastik bezieht, scholastische Argumente aufgreift, und sagt, daß die Alten die Welt damit nicht "erklären" wollten, sondern vielmehr sie auf Gott hin "deuten". Ich meine, die Argumenten sind mystisch und philosophisch zugleich, von daher "erzwingen" sie nichts, legen Dir aber nahe, daß es dennoch nicht unvernünftig ist, sich die kosmologischen Gottesbeweise anzueignen.

 

Thomas von Aquin hat eine tiefgreifende Gotteserfahrung gemacht, schrieb anschließend angeblich keine Zeile mehr, da er zutiefst erfahren mußte, daß Gott immer ganz anders ist als unser Denken. Dieser Erkenntnis stimme ich voll zu, bin aber der Meinung, daß dennoch Gottesbeweise völlig legitime Arten und Weisen sein können, über Gott zu reden. Dazu komme ich später und ich bitte um Geduld, denn ich bin tierisch müde und muß übers Wochenende weg.

 

In bezug auf den Aristoteles muß ich das auch betonen, daß er mystischer argumentiert, als es manchen Philosophen beliebt ist. Mit Aristoteles haben die Einzelwissenschaften ihren ersten Anlauf genommen, wenn man sich aber der mitverwobenen Mystik in den Schriften Aristoteles bewußt wird, so kann man ihn durchaus mit Profit lesen.

 

Bonaventura habe ich noch nicht gelesen, weiß aber, daß Guardini ihn auch sehr gemocht hat, obwohl Guardini durchaus scholastisch dachte. Ich tippe darauf, daß man unter Bonaventura in Vergleich zu Thomas durchaus "gegensätzliche" (=nicht notwendig widersprechende) Positionen und Argumente finden kann.

 

Grüße, Carlos

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Guardini hat Bonaventura nicht nur gemocht, sondern über ihn promoviert und sich habilitiert. Die Promo von Onkel Ratzinger ist auch über den ersten Bonnie (vor Bonhoeffer :) ).

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Lieber Ralf,

 

vielleicht hierzu erhellend:

 

Der verwechselbare Gott. Theologie nach der Entflechtung von Christentum und Religion.

von Thomas Ruster

 

Preis: EUR 22,50

 

Auch hierin eine deutliche Abgrenzung zur Theologie des Thomas von Aquin.

 

Pace e bene,

 

Rufino

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Josef Steininger

Die Scholastik hat die vernünftige Grundlegung des Glaubens gezeigt.

Es ist bezeichnend, dass sie heute abgelehnt wird, da man den Glauben nur noch auf unbestimmte Gefühle und innere Erfahrungen gründen will und tatsächlich sein Fundament zerstört.

Die Kirche hat Thomas von Aquin als „doctor communis“ immer in höchsten Ehren gehalten.

Thomas hat sich der Anfrage der Vernunft an den Glauben gestellt und überzeugende Antworten gegeben.

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Zitat von Josef Steininger am 7:51 - 10.März.2003

Es ist bezeichnend, dass sie heute abgelehnt wird, da man den Glauben nur noch auf unbestimmte Gefühle und innere Erfahrungen gründen will und tatsächlich sein Fundament zerstört.


 

Bei solch' differenzierten und um Ausgleich bemühten Antworten (inklusive einem dicken Seitenhieb gegen die gesamte Orthodoxie, die keine Scholastik betrieb) lerne ich wohl besser weiter für's Examen... *grübelgrübel lernlern*

 

Paz y bien,

Ralf

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