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Die Frau, auf deren Kopf der fromme Jan tritt -


Alfons
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In der Kathedrale St. Michael und Gudula in Brüssel steht das Standbild eines Mönchs. Ein Buch in der Linken, einen Stift in der rechten Hand, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Sein rechter Fuß steht auf dem Kopf einer Frau. Der in Sandstein gehauene Fromme ist der flämische Mystiker Jan van Ruusbroec (Jan van Ruysbroek, Johannes von Rusbrochius), der von 1293 bis 1381 lebte. 1908 wurde er selig erklärt.

 

Auf einem Schild neben dem Standbild wird auch etwas über die Frau erzählt, deren Kopf der einstige Vikar dieser Kathedrale niedertritt: „Sein rechter Fuß ruht auf einem Frauenkopf, der Bloemardine, eine Brüsseler Mystikerin, darstellt. Sie soll im 14. Jahrhundert ketzerische Ideen verkündet und Ruusbroec bekämpft haben. Man warf ihr zu gewagte Vorstellungen von Religionsfreiheit und Frauenemanzipation vor. Ruesbroec ließ es sich im Übrigen nicht nehmen, auf einige Ideen der vermeintlichen Ketzerin selbst zurück zu greifen.“

 

Wer war Bloemardine?

 

Die Quellen sind dünn. Heilwige Bloemardinne (oder Heilwijch Blomart) war Tochter des wohlhabenden Brüsseler Kaufmanns Wilhelm Blomart/Guillaume Bloemart. Ihr Geburtsdatum ist unbekannt, gestorben ist sie am 23. August 1335. Eine christliche Mystikerin, die den „Brüdern und Schwestern des freien Geistes“ nahe stand, jener auf dem Konzil von Vienne 1311 als häretisch verurteilten Bewegung der so genannten Adamiten. Ihre Schriften sind verschollen – dass sie ihre Ideen veröffentlicht hat, weiß man nur aus den Gegenschriften des Jan van Ruesbroeck. Ihre Lehre soll eine Art Pantheismus und die so genannte seraphische Liebe befürwortet haben. L. Moereels spricht (in „Reformer der Kirche", Mainz 1970, S. 700 f) von „quietistischem Pantheismus und ihrer Lehre von der sogenannten seraphischen Liebe, die im Grund auf vollkommen sittliche Zügellosigkeit hinauslief“. Die „sittliche Zügellosigkeit“ ist wenig glaubhaft, Moereels kolportiert hier die Verleumdungen, die gegen die „Brüder des freien Geistes“ um 1300 vorgebracht worden waren.

 

Der Kirchengeschichtler Johann Georg Veit Engelhardt berichtet (in „Richard von St. Victor und Johannes Ruysbroek – Geschichte der mystischen Theologie, Erlangen 1838, Seite 167): „Es befand sich zu jener Zeit eine von den Schwestern des freien Geistes in Brüssel, die durch ihre Lehre von der Freiheit des Geistes und von der seraphischen Liebe und durch ein äußerlich heiliges Leben sich viele Anhänger erworben hatte, welche fest überzeugt waren, dass zwei Engel sie begleiteten, wenn sie zum Abendmahl ging, und das Volk glaubte es.“

 

Wahrscheinlich war Heilwige eine der Beginen des Brüsseler Beguinenhofs, dessen Schließung 1317 möglicherweise mit der Auseinandersetzung zwischen ihr und Roesbroeck zu tun hat. Einen Machtkampf habe es gegeben, ist mehreren Quellen zu entnehmen. Danach wird Roesbroecks Gründung einer Einsiedlerklause, später eines Klosters in Groenendal südlich Brüssel damit erklärt, er sei von Anhängern Heilwijchs aus Brüssel vertrieben worden. Ich fand aber auch die Darstellung, Heilwig Bloemart sei selber durch die geistliche Obrigkeit aus Brüssel vertrieben worden und habe zeitweise in Groenendal gewohnt, wo später dann ihr Gegner, der sie um viele Jahre überlebte, eine spirituelle Gemeinschaft gründete.

 

Und schließlich gibt es noch die Theorie, Heilwijge Bloemart sei identisch mit der großen flämischen Dichterin Hadewych. Von deren Leben ist fast nichts bekannt. Die wenigen von ihr erhalten gebliebenen Gedichte und Briefe wurden von der Literaturwissenschaft bisher auf die Zeit um 1240 datiert.

 

Wer weiß mehr über Heilwijch Bloemart?

 

fragt Alfons

Edited by Alfons
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Lieber Alfons

 

Nach einer halben Stunde googeln, bin ich völlig ratlos, und kann Dir hier nicht weiterhelfen.

 

 

Trotzdem herzliche Grüsse

Moni

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Lieber Alfons

 

Nach einer halben Stunde googeln, bin ich völlig ratlos, und kann Dir hier nicht weiterhelfen.

 

 

Trotzdem herzliche Grüsse

Moni

Das ist aber lieb von dir, dass du für mich googelst... :lol:

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Lieber Alfons

 

Nach einer halben Stunde googeln, bin ich völlig ratlos, und kann Dir hier nicht weiterhelfen.

 

 

Trotzdem herzliche Grüsse

Moni

Das ist aber lieb von dir, dass du für mich googelst... :lol:

 

Ich weiss ja, dass Du das selbst schon ausgiebig getan hast. Doch Du hättest vieleicht etwas übersehen können. :lol:

Haste aber nicht.

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Zum Leben von Helwig Bloemart, genannt Bloemardine, gibt es eine ausführliche Darstellung, die mir leider nicht vorliegt. Die Brüsseler Historikerin Mina Martens schrieb 1990 eine 107-seitige Monographie "Hedwige Blomart face au mystique Jean van Ruysbroec. Leurs milieux familieux à l'épreuve des assertions de Pimerius, visant la Bloemardinne". Das Werk erschien als Nr. 31 der "Cahiers Bruxellois". Aber erstens ist es mir nicht zugänglich und zweitens sind meine Französisch-Kenntnisse Null.

 

Was ich in anderer Literatur gefunden habe, in Werken über die Mystik des 14. Jahrhunderts im Allgemeinen und über Jan van Ruusbroic im Besonderen, macht aber deutlich, dass die Geschichte von dem mutigen jungen Vikar Ruusbroec, der nur mit der Kraft des Wortes der wohlhabenden und beim Volk beliebten „perversen Ketzerin“ Bloemardine entgegentritt und „mit Hilfe des heiligen Geistes“ siegreich bleibt, eine Legende ist, über deren Wahrheitskern nur spekuliert werden kann. Wörtlich schreibt Kurt Ruh in seiner „Geschichte der abendländischen Mystik“: „Heute steht fest, dass die Version des Pomerius ein Ammenmärchen ist“.

 

Heinrich Pomerius - das ist der, auf den diese Legende um den Streit zwischen dem frommen Mystiker und der ketzerischen Dame zurück geht. Er verfasste 1420 eine „hagiographische“ Biografie des Jan van Ruusbroec. Ein ganzes Kapitel widmet er darin der Bloemardine. Hagiographisch meint: Pomerius malte das Leben des „doctor ecstaticus“ ohne Schatten, aber mit einem dicken goldenen Pinsel. Der angebliche Streit mit Helwig Bloemart lag da fast ein Jahrhundert zurück, alle Beteiligten waren seit Jahrzehnten tot.

 

Die wirkliche Geschichte ist aber mindestens so spannend.

 

 

 

Fortsetzung folgt...

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Ein Dankeschön an kam für seinen Hinweis auf Bücher, die ganz oder auszugsweise im Internet stehen. Das hat mir sehr geholfen. Und weil das Naheliegende oft so fern liegt: auch in meiner eigenen Bibliothek habe ich, als das Thema sich immer mehr ausweitete, manches über die christliche Mystik des 14. Jahrhunderts gefunden. Genug für einen Aufsatz (mit mehr Fragezeichen als Fakten) über das Thema, dachte ich mir.

 

Das Thema „Ruusbroic und Bloemardine“ ist mir – ähnlich einem zu lange im warmen Backofen stehenden Hefekuchen – etwas sehr aufgegangen in den vergangenen Tagen. Und immer noch nicht abgeschlossen. Weil ich aber schon gefragt worden bin, wie die Geschichte denn nun weitergeht, stelle ich den Aufsatz jetzt mal Stück für Stück hier ein.

 

Wer weiterführende Informationen zum Thema hat: bitte gern. Hier oder auch per PM.

 

Alfons

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 2:

 

Der große und der kleine Jan

 

„Die wirkliche Geschichte ist aber mindestens so spannend“ wie die Legende von dem jungen Vikar und seinem theologischen Kampf gegen eine ketzerische Mystikern, schrieb ich im ersten Teil.

 

Diese Geschichte beginnt 1293 in einem Dorf südwestlich von Brüssel, wo ein Junge geboren wird, der den Namen Jan bekommt. Mutter: bis heute unbekannt. Vater: damals unbekannt. Nachname: unbekannt. Das Dorf heißt Ruusbroec, und so wird der Junge ab jetzt heißen: Jan van Ruusbroec. Mit elf Jahren, so schildert es sein Biograf Pomerius mehr als hundert Jahre später, läuft Jan von daheim fort „auf göttliches Geheiß, um seines geistigen Wachstums willen“. Er wandert nach Brüssel. Dort trifft er „zufälligerweise“ einen Onkel, den angesehenen Priester und Domherrn von St. Goedele, Jan Hinckaert. Der nimmt den Jungen sofort und mit Freuden auf.

 

Das ist eine Geschichte, „da kannste dran fühlen“, wie der Kölner sagt. Kurt Ruh formuliert es in seiner "Geschichte der abendländischen Mystik" kühl und deutlich: „In Wirklichkeit dürfte Hinckaert Ruusbroecs Vater gewesen sein, der sich seines Sohnes annahm, um ihn zum Geistlichen auszubilden. Das war nichts Ungewöhnliches. Pfaffenkinder gab es zuhauf.“

 

1304 also nimmt der große Jan den kleinen Jan auf, in sein Haus in der Loksumstraat, direkt unterhalb der auf einem Hügel liegenden Kathedrale St. Michael und St. Gudula. Wenn man heute in dieser Kirche ganz nach vorn geht, hundert Meter weit unter den Blicken der überlebensgroßen Apostel hoch oben an den mächtigen Kalksteinsäulen – vorn links neben der Magdalenenkapelle steht der in Sandstein gehauene Jan Ruusbroec und quetscht, den Blick fromm gen Himmel gerichtet, mit dem Fuß den Kopf der Bloemardine in den Sockel des Standbilds. Der Bildhauer Jules Jourdain tat mit seinem Meißelwerk nicht nur der Frau, sondern auch dem Mystiker Unrecht, aber er wusste es 1917 nicht besser. Erst der Brüsseler Stadtarchivar Placide Lefevre wies 1933 nach, dass alle Dokumente aus jener Zeit dem Zerrbild widersprechen, das Pomerius von Heilwig Bloemart zeichnet.

 

So etwas spricht sich nur langsam herum. Noch 1970 setzt L. Moereels in „Reformer der Kirche“ eins drauf und schreibt von Bloemardinnes „quietistischem Pantheismus und ihrer Lehre von der sogenannten seraphischen Liebe, die im Grund auf vollkommen sittliche Zügellosigkeit hinauslief. Schonungslos trat Ruysbroek dieser Irrlehre entgegen...“. Alles Unfug, aber die Internet-Seite „kath-info“ zitiert das heute noch.

 

Alfons

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 3:

 

Ein Umzug in der Altstadt

 

Zurück ins 14. Jahrhundert, zum kleinen Jan und seinem mutmaßlichen Vater, dem Domherrn von St. Goedele. Das riesige Gotteshaus war damals eine Großbaustelle. Über den Grundmauern einer frühromanischen Kirche wuchs seit 80 Jahren schon ein gotischer Bau. Immer noch eine Kapelle mehr, immer noch ein Altar mehr – das sollte mehr als hundert Jahre so weiter gehen. In der Zeit von Ruusbroecs Geburt bis zu seinem Tod schwoll die Zahl der Geistlichen an dieser Kathedrale von 13 auf 49 an, die dann an 32 Altären Dienst taten. Domherr Jan Hinckaert gehörte zu den besser Verdienenden unter ihnen. Der Kanoniker galt als begütert, aus vier Pfründen floss ihm Geld zu. Die Arbeit in der Kirche nahm ihm später Jan Ruusbroec ab. Als der mit 24 Jahren Priester geworden war, betreute er als Vikar Hinckaerts Altäre.

 

Aber wir sind ja immer noch im Jahr 1304, als der elfjährige Jan in der Loksumstraat einzieht. Die Straße ist nicht lang. Eher ein Sträßchen. Keine zwei Jahre später gibt es ein paar Häuser weiter einen Besitzerwechsel. Hedwig van Meerbeek, Leiterin einer kleinen Gemeinschaft von Beginen, sah sich gezwungen, ihre Besitzungen aufzugeben. Sie konnte, so berichtet Geert Warnar in seinem Buch „Ruusbroec“, „ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Aufsehern der Armenhilfe im Domkapitel von St. Gudula nicht mehr erfüllen“. Mit anderen Worten: Sie schuldete der Kirchengemeinde von Domherr Hinckaert Geld. Die neue Besitzerin ist wieder eine Frau: Heilwig Bloemart, unverheiratete Tochter und (spätestens 1310) Erbin eines wohlhabenden Brüsseler Patriziers. Sie gründet 1307 in dem Haus ein geistiges Zentrum für Frauen aus der obersten Schicht der Brüsseler Gesellschaft, kauft in den nächsten Jahren auch Nachbarhäuser hinzu.

 

Nachbarn sind sie also, die Bloemardine und die beiden Jans, der große und der kleine. Das Geburtsjahr von Heilwig Bloemart wird meist mit „zwischen 1270 und 1277“ angegeben. Sie wird also bei ihrem Einzug in der Loksumstraat zwischen 28 und 35 Jahre alt gewesen sein. Jan Hinckaert dürfte etwa gleich alt oder nur wenig älter gewesen sein. Der Junge nun etwa 13. Und sie kamen gut miteinander aus. Als Heilwig später ihr Testament verfasste, saß Jan Hinckaert dabei und half ihr.

 

Weit musste die junge Frau ihre Möbel 1305 wohl nicht transportieren: geboren ist Heilwig Bloemart in der „Putterij“, das ist nur eine Straße weiter. Heute ist dort der Brüsseler Zentralbahnhof. Sollte schon Vater Gerelmus Hinckaert das Haus in der Loksumstraat besessen haben – das weiß ich allerdings nicht – dann waren Heilwig und Jan quasi Nachbarskinder.

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 4:

 

Die neue, wilde Frömmigkeit

 

An dieser Stelle muss ich etwas zur Beginenbewegung sagen, und zum religiösen Klima im 14. Jahrhundert.

 

Zuerst zum Klima. Einerseits eine Zeit der Kriege und des moralischen Niedergangs, zugleich aber eine Zeit, in der religiöse Sinnsuche ihren Ausdruck in der Verehrung von Mystikern und der Gründung spiritueller Gruppen und Lebensgemeinschaften fand, ja geradezu eine Volksbewegung wurde. „Allem Anschein nach regierte damals der Teufel die Welt“, schreibt Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ und fährt fort: „Aber es scheint nur so. Eine ganz neue, wilde und innige Frömmigkeit brach gerade zu jener Zeit aus den tiefsten Wurzeln der Menschenseele hervor.“ Vereinigungen wie die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“, die auf dem Konzil von Vienne 1311 verboten wurden, hatten rasanten Zulauf. Vor allem Frauen, denen wenige Jahrzehnte vorher Kirchenlehrer noch die Seele abgesprochen hatten, waren führend in der neuen religiösen Bewegung.

 

Gott erkennen ohne Hilfe der Kirche, einfach so? Der Widerstand der etablierten Kirche war enorm. Theologischer Diskurs wurde zu Häretiker-Schnüffelei, Ketzerei-Vorwürfe waren alltäglich. Das konnte dann auch mal im Flammentod auf dem Scheiterhaufen enden, wie bei der Begine und Mystikerin Margaretha Porete 1310 in Paris.

 

Auch die Beginen wurden immer wieder häretischer Ansichten und der Nähe zu den „Brüdern und Schwestern des freien Geistes“ verdächtigt. Beginenkonvente waren Frauengemeinschaften, die in klosterähnlichen Beginenhöfen zusammen lebten – ein christliches, spirituelles Leben, jedoch mit der Möglichkeit, ins Privatleben zurück zu kehren. Sie gelobten zwar Keuschheit, aber keine Armut. Sie behielten ihr Vermögen, hatten unabhängig von der Herkunft gleiche Rechte und Pflichten. Aufgenommen wurde, wer sich mit der eigenen Hände Arbeit ernähren konnte. Zunächst wurden Häuser angemietet, später entstanden eigene abgeschlossene Siedlungen innerhalb der Städte. Außerdem boten die Gemeinschaften Mädchen Zuflucht, die sich einer Zwangsheirat entziehen wollten oder keine Mitgift hatten, um heiraten zu können; ebenso wurden alleinstehende adelige Damen und Witwen aufgenommen.

 

Frauen, die über ihr Leben selber bestimmen? Das kann in einer männergeprägten Gesellschaft (und Kirche) nicht gut gehen. „Die Beginengemeinschaften wuchsen zu Zentren einer spezifischen Art weiblicher Spiritualität“, schreibt G. Epinay-Burgard in einem Aufsatz über den Einfluss der Beginen auf Ruusbroec. Hinzu kam, dass die Beginen ein wirtschaftlicher Faktor wurden. Die Frauen sorgten für ihren eigenen Lebensunterhalt, aber sie waren als kirchliche Gemeinschaft von Steuern befreit. Das gab böses Blut bei Handwerk und Handel, denn es ging nicht um eine Handvoll Betschwestern. In Städten wie Brüssel lebten an die tausend Beginen! Es gab immer wieder Wellen der Bedrohung, der Verfolgung, der Verdächtigungen, der Verbote, schließlich wurde auch die Inquisition tätig. In Brüssel wurde der große, Wijngaard genannte Beginenhof rund um die heute dort stehende Kirche St. Jean-Baptiste-de-Beguinage 1317 geschlossen. Erst 1333 zogen dort wieder Frauen ein.

 

Über den Tod hinaus verehrt

 

Auch die kleine Beginengemeinschaft in der Loksumstraat, wiewohl dort vor allem Frauen aus der besten Gesellschaft lebten, wird in dieser Zeit mit Misstrauen angeschaut worden sein. Da ist es besonders bemerkenswert, wenn von der Gründerin in vielen Quellen nur mit Hochachtung und Lob gesprochen wird. Sie wird als eine fromme Frau beschrieben, die viel Gutes tat und von der Bevölkerung verehrt wurde. Pomerius berichtete 1420 über ihren Tod: „Ebenfalls berührten Krüppel ihre Leiche, hoffend, ihre Gesundheit wieder zu erlangen.“ Das dürfte Legende sein, macht aber ihr Ansehen deutlich. Sie starb (hier gibt es endlich einmal ein genaues Datum) am 23. August 1335. In ihrem Testament vermachte sie dem Brüsseler Klerus eine Jahrzeitstiftung und gründete einen Stift für zwölf bedürftige Frauen. Noch 1371 sei sie in der Stadt in gutem Andenken gewesen, versichert Stephanus Axters in „Geschiedenis van de vroomheid in de Nederlanden“ 1953.

 

Aber was hat sie nun gelehrt? Was hat sie geschrieben? Wie kommt Ruusbroecs Biograf zu seinen Anwürfen, die Jahrhunderte später noch so interpretiert werden können, dass man den Kopf der Wohltäterin unter die Sandale ihres Nachbarn meißeln kann? Hier fangen die wirklichen Schwierigkeiten dieser Historie an, denn alles, was über die Lehre von Heilwig Bloemart bekannt ist, wissen wir nur aus diesem „De origine“ von Pomerius (wir erinnern uns: 85 Jahre später, mit goldenem Pinsel) und aus den Schriften von Ruusbroec selber, in denen er scharf Stellung nimmt zur Lehre von jemandem, den er nicht beim Namen nennt. Pomerius sagt: das galt der Bloemardine. Aber das ist auch heute noch umstritten.

 

Alfons

 

Fortsetzung folgt...

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 5:

 

Drei Männer und ihre Abkehr von der Welt

 

Die Frage nach der Lehre der Bloemardine stellen wir noch etwas zurück, ja? Ich erzähle erst einmal die Geschichte von Jan Ruusbroec zuende. 1317 zum Priester geweiht, wird er Vikar und Kaplan an der St.-Goedele-Kirche. Einer unter vielen. Von einem Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie ist nichts bekannt. Er wohnt weiter bei seinem Vater in der Loksumstraat. 1335 stirbt Heilwig Bloemart, und bald darauf (um 1337) gibt es eine Wendung im Leben der beiden Männer. Jan Hinckaert gibt seinen Job bei der Kirche auf! Er verzichtet auf seine Einkünfte und will ein Leben in frommer Einfalt zuhause führen. Etwa zur gleichen Zeit beginnt Jan Ruusbroec mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Nur die erste seiner elf heute bekannten Schriften könnte vor 1335 geschrieben worden sein. Das bedeutet: Er griff die Lehre der Bloemardine – sofern überhaupt sie mit den Angriffen gemeint war – erst nach ihrem Tod an.

 

Noch etwas geschieht um 1337 herum. Ein dritter Priester zieht zu Vater und Sohn Jan. Frank van Coudenberg – diesmal bedeutet das „van“ wirklich, dass er adelig ist – hat in Paris und Prag Jura und Theologie studiert. Er ist jünger als Jan van Ruusbroec. Eine Lebens- und Glaubensgemeinschaft von drei Männern, die man sich „als eine Art Gottesfreundkreis vorstellen darf“ (Kurt Ruh). Sechs Jahre lang wohnen sie noch im Schatten der Kathedrale (das gilt jetzt nur im übertragenen Sinne, „in echt“ fällt ein Schatten in unseren Breitengraden nicht nach Süden), dann ziehen sie gemeinsam in die Einsiedelei Groenendaal.

 

Die liegt im Foret de Soignes in Südosten von Brüssel; Herzog Jan III. von Brabant stellte sie ihnen zur Verfügung. (Ein Einzelkind, dieser Johann III., der seinen Eltern dann zeigte, dass es auch anders geht – rund 20 Kinder hat er gezeugt. Seinen volkstümlichen Beinamen „der Triumphator“ erhielt er aber nicht deswegen. Erinnert mich bitte jemand daran, dass ich auch noch etwas über seine Frau Marie und ihren silbernen Sessel erzähle? Das ich wichtig für diese Geschichte. Danke).

 

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, die Eremitage. Wunderbar idyllisch ist es dort heute noch, im Sonienwald, wenn man erst einmal ein Stück von der Schnellstraße und der Bahnlinie weg ist. 1350 wird die Eremitage zum Kloster der Augustiner-Chorherren geweiht, Frank wird Probst, Ruusbroec Prior, und das bleiben sie bis an ihr Lebensende.

 

Es sind noch viele Jahre bis dahin. Hagiographie hin oder her – Jan van Ruusbroic muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Wie einer, „der den Himmel bereits geschaut hat“, soll er ausgesehen haben. Man reist zu ihm. Der Beiname „doctor ecstaticus“ ist schon zu Lebzeiten verbürgt. Er schreibt keine Traktate mehr im Alter, nur Briefe an Brüsseler Persönlichkeiten, von denen wenige erhalten sind. Er wird 88 Jahre alt, sein Freund Frank van Coudenberg überlebt ihn noch um fünf Jahre. Als dieser bestattet wird, lässt der Bischof auch die Leiche des Jan van Ruusbroic exhumieren, drei Tage lang verehren und vor dem Hochalter der neuen Klosterkirche beisetzen. Viele Menschen achten ihn für einen Heiligen – mehr wohl noch als Heilwige Bloemart 51 Jahre vorher.

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 6:

 

Ein Prinzessinnenleben

 

Dass Herzog Jan III. von Brabant 1343 den drei Geistlichen aus der Loksumstraat die Einsiedelei Groenendaal zur Verfügung gestellt hat, also quasi schenkte, steht überall geschrieben. Aber niemand scheint sich darüber zu wundern. Das wundert mich. Der Landesherr war für seine Kriege, seine waghalsige Politik und seine vielen Kinder bekannt, von inniger Religiosität habe ich nichts gelesen. Woher der gute Kontakt zu einem zwar angesehenen, nun aber frühpensionierten Domherrn, der mit zwei Weltpriestern in einer Männer-WG lebt? Ich denke, die Verbindung kam über seine Gattin, Marie d'Évreux, und über Heilwig Bloemart zustande. Die beiden Frauen scheinen gut miteinander bekannt, vielleicht gar befreundet gewesen zu sein. Und dass Jan Hinckaert und Heilwige Bloemart in gutem Einvernehmen lebten, habe ich ja schon erzählt.

 

Einen Beleg dafür bietet ausgerechnet Heinrich Pomerius. Er berichtet in seinem „De origine“, im Kapitel über die Bloemardine, eine Anekdote, die einen wahren Kern haben muss. So etwas saugt man sich nicht aus den Fingern: „Es wird berichtet, dass sie, wenn sie schrieb oder lehrte, in einem Stuhl aus Silber saß. Dieser Stuhl wurde nach ihrem Tod der Herzogin von Brabant vermacht, weil diese die geistigen Höhenflüge von Bloemardine stets beschützt hatte.“

 

Diese Herzogin von Brabant, die französische Prinzessin Marie d'Évreux (der König von Navarra Philipp III. „der Weise“ war ihr Bruder), war ein typisches Opfer der Heiratspolitik europäischer Herrscherhäuser. Als Achtjährige wurde sie 1311 mit dem damals elf Jahre alten Jan, dem künftigen Herzog von Brabant, verheiratet. Mit acht! Mit 19 wurde sie erstmals Mutter. Sechs Kinder brachte sie zur Welt. An dem Silberstuhl der Bloemardine hat sie übrigens nicht lange mehr Freude gehabt. Sie starb, gerade einmal 32 Jahre alt, nur 69 Tage nach Heilwige Bloemart.

 

Ihr Gatte, der Herzog, lebte noch 20 Jahre länger, bis 1355. Geheiratet hat er nicht wieder, zeugte jedoch fleißig weitere Kinder: sieben namentlich bekannte Jungen und „eine große Anzahl unehelicher Töchter“ (Dr. Leo Heinrich: „Zwölf Bücher niederländischer Geschichten“). Ob er je seine frommen Schützlinge im Sonienwald besucht hat? Und was wohl aus dem Silbersessel geworden ist, an dem sich seine Gattin nur so kurze Zeit freuen konnte? Mehr Fragen als Antworten sind in meiner Geschichte, und eine Änderung kann ich nicht versprechen.

 

Alfons

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 7:

 

Denken am Rand des Erlaubten

 

Je lauter es in der Welt ist, desto mehr Menschen suchen die Stille in sich selbst. Während die Kirche im Mittelalter mit Kaisern und Königen um die Macht in Europa kämpfte, wuchsen Möchsorden und Denkschulen, die eine Begegnung mit dem Göttlichen in der Kontemplation und einem heiligmäßigen Leben suchten. Das wurde durchaus als Gegnerschaft innerhalb der Kirche gesehen, von beiden Seiten. William von Ockham, Philosoph und Franziskaner, sprach 1332 von „herrschsüchtigen und hochmütigen Klerikern, die die Laien deshalb aus der Kirche Gottes auszuschließen versuchen, damit sie selbst als Herren über die Laien in der Kirche gelten können“. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts wurden Ketzer systematisch verfolgt und getötet. Ganze Professoren-Kollegien wurden der Häresie verdächtigt, der Templer-Orden um 1310 vernichtet, Mystiker wie Meister Eckhart (um 1260 bis 1328) wurden als Ketzer bezeichnet – in dem Urteil von Papst Johannes XXII. über Eckhart findet sich der demaskierende Satz: „Er hat mehr wissen wollen als nötig war“...

 

Das Mittelalter hatte, was Rechtgläubigkeit angeht, ein heute kaum mehr vorstellbares Schwarz-Weiß-Denken. „Ketzer wird man nicht – Ketzer ist man! Ketzerei ist eine Art Geisteskrankheit, die sich mit Frömmigkeit tarnt“, erläutert der Konstanzer Religionshistoriker Alexander Patschovsky.

„Der fromme Lebenswandel dieser Ketzer ist keineswegs Ausweis für die Güte ihrer Sache, sondern nur ein besonders raffiniertes Täuschungsmittel, mit dem sie die Christgläubigen verführen wollen. Ketzer sind nicht fromm, können es nicht sein: ihnen ist nur der Anschein, nicht das Wesen der Frömmigkeit zu eigen.“ Auch der frommste Lebenswandel, auch ungezählte gute Werke konnten als Beweise der Verderbtheit gelten. Denn der Ketzer war des Teufels, ja eigentlich war er der Teufel. Und wer Ketzer nicht denunzierte, nicht auslieferte, sie gar verbarg, der war ebenfalls ein Ketzer.

 

Ein Klima der Angst. Wer über neue Wege der Gotteserkenntnis nachdachte, der musste sich absichern, abgrenzen. Auch so sind die Angriffe Ruusbroecs auf eine ungenannte Mystikerin in seinen Schriften zu verstehen. Aller Vorsicht und lautstarken Abgrenzung zum Trotz wurde auch er schließlich der Häresie bezichtigt. 1398 zog Johannes Gerson, Rektor der Pariser Universität, die Rechtgläubigkeit Ruusbroecs in Zweifel. Da war der zwar schon einige Jahre tot, doch natürlich traf das die Regularkanoniker seiner Klostergemeinschaft hart.

Edited by Alfons
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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 8:

 

Liebeswut aus zweiter Hand

 

Das Denken Ruusbroecs und sein oft in dunklen, schwer zu verstehenden Bildern gemaltes mystisches System sind beeinflusst von Dionysius Areopagita, Bernhard von Clairvaux, Bonaventura, von Meister Eckhart (von dem er sich immer wieder abgrenzen muss) und von der Dichterin und Mystikerin Hadewych, über die ich gleich noch mehr erzählen werde.

 

In seiner Lehre formuliert Jan van Ruusbroec die traditionelle Trias von Läuterung, Erleuchtung und Einigung neu. Alle Bibeltexte, die er behandelt, legt er aus erstens im Hinblick auf das tätige Leben, das jedermann führen soll, zweitens auf das innerliche, gottbegehrende Leben, das für viele erreichbar ist, und drittens schließlich auf das überwesentliche, gottschauende Leben, das nur wenige Menschen erreichen können. In der Kontemplation ist dieses gottschauende Leben, ist diese Berührung möglich, die die Seele empfänglich macht für das, was über der Natur ist. Hier betritt Ruusbroec den Bereich der Mystik, der den Konfliktstoff mit der organisierten Kirche birgt. Wer in der Lage ist, Gott von Gleich zu Gleich, sozusagen auf Augenhöhe zu schauen, sich ganz in das unendliche Sein zu versenken, der braucht keine Messe und keine Priester mehr. Wie andere Mystiker spricht Ruusbroec vom Einssein mit Gott in der höchsten Form des gottschauenden Lebens, von der „unio mystica“: „Alle Menschen, die über ihre Geschaffenheit hinaus in ein schauendes Leben erhoben sind, sind eins mit der göttlichen Klarheit, ja sie sind die Klarheit selbst.“ Aber bei ihm ist dieses Einssein kein momentaner Zustand in der spirituellen Versenkung, sondern ein dauerndes Verweilen – er spricht von einem „ewigen Nun“, einem Jetzt in der Zeitlosigkeit. Der Mensch kommt zum Bewusstsein seines überwesentlichen Seins, seiner Wesenseinheit in Gott. „Hier angelangt, ist Ruysbroeck an der Gränze wo die mystische Spekulation leicht zum Pantheismus hinüberführt“, stellt die Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie 1860 trocken fest.

 

Bei der Analyse seiner Texte wird deutlich, wie viel Ruusbroec von der Ideenwelt der größten niederländischen Dichterin des Mittelalters übernommen, ja, sie geradezu beklaut hat. Vor allem in den ersten, bald nach dem Tod von Heilwig Bloemaert verfassten Schriften geht er, wie Kurt Ruh schreibt, an 25 nachgewiesenen Stellen auf Hadewych ein. Ihre Wortschöpfung „orewoet“ greift er auf. Orewoet – das lässt sich mit Liebeswut oder Minnesturm übersetzen; es meint eine Liebe, die auf das Göttliche zielt. In diesem „Minnesturm“ begegnen sich der Geist Gottes und der Geist des Menschen. „Sie erblicken sich und leuchten einer im anderen. Und jeder schaut dem andern ins Angesicht. Dies bewirkt, das sich die Geister beständig in der Liebe ersehnen. Ein jeder erheischt vom anderen, was er ist, und bietet und auferlegt dem anderen, was er ist. Das lässt den Liebenden zerfließen. (...) Dieses Fließen und Zurückfließen lässt die Quelle der Liebe überströmen. Gottes und unser Liebesbegehren werden eine einzige Liebe. Dann wird der Mensch von Liebe besessen, so das er sich selbst und Gott vergessen muss und nichts mehr weiß als Liebe.“ Hier, in Ruusbroecs bedeutendsten Text „Brulocht“ („Die chierheit der gheestelijker brulocht / Die Zierde der geistlichen Hochzeit“) schimmert das Denken Hadewychs durch jede Zeile.

 

Natürlich muss er sich von Hadewych da abgrenzen, wo der Vorwurf des Pantheismus oder der Verdacht nahe liegt, göttliche Liebe könne mit irdischer verwechselt werden. Auch von ihren Vorstellungen einer „geistigen Freiheit“ rückt Ruusbroec in seinen späteren Werken ab. Aber ich habe den Eindruck, dass weibliche Spiritualität diesem Mystiker generell unheimlich war. Und nicht nur die Spiritualität. Ruusbroec hatte es nicht so mit den Frauen. Die Beginenbewegung stand für ein neues weibliches Selbstbewusstsein, Ruusbroec hingegen forderte Selbsterniedrigung. Seine Briefe, an geistliche und weltliche Damen der Brüsseler Gesellschaft gerichtet, strotzen nur so von Ermahnungen, wie Beginen und Frauen allgemein zu leben hätten: Mäßigung! Bescheidene Kleidung! Selbstentsagung! Mildtätigkeit! Und vor allem Demut, Demut, Demut...

 

Aber wenn diese Demut gezeigt wird – ist sie dann auch echt? Ist die offensichtliche Frömmigkeit nicht viel zu offensichtlich? Vielleicht doch nur gespielt? Hier ist er wieder, der aus dem mittelalterlichen Schwarz-Weiß-Denken kommende Generalverdacht (dem man, nebenbei erwähnt, in den Bekehrungs- und Erlösungsritualen moderner Evangelikaler in einem neuen Gewand wieder begegnet). Es ist die Falle, in die Ruusbroec tappt bei seinen Angriffen auf eine ungenannte Autorin, deren „subtiles Buch“ er erwähnt, ohne einen Namen zu nennen.

 

Wen er gemeint hat, wissen wir nicht. Meint er doch Heilwig Bloemart, mit der er erst nach ihrem Tod abrechnet, weil er es vorher nicht gewagt hat? Sehr unwahrscheinlich. War es Hadewych, die Dichterin? Hm – das, was er kritisiert, lässt sich zwar mit einiger Willkür aus deren Werken ableiten, aber andererseits ist verbürgt (nun ja, „verbürgt“ ist so eine Sache: Pomerius hat es berichtet), dass Hadewychs Werke im Kloster Groenendaal hoch geschätzt wurden. Die wahrscheinlichste Antwort bietet Kurt Ruh: „Wenn Ruusbroec die Freien Geister bekämpft hat, so hatte er allem Anschein nach die Lehren im Auge, die Marguerite Porete in ihrem berühmten „Spiegel der einfachen Seelen“ verbreitete.

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 9:

 

2. Korinther 3 Vers 17

 

Über die neue, wilde Religiosität des 13. und 14. Jahrhundert habe ich weiter oben geschrieben. Eine ganz persönliche, individuelle Beziehung zu Gott – das war zuvor exklusive Erlebniswelt der Mystiker. Es war das, was sie der Kirche immer wieder verdächtig machte, aber was sie auch auszeichnete, heraushob. Was sie für sich hatten. Nun gibt es plötzlich Bewegungen, wo jedermann und jede Frau das haben will: eine innige, liebende Beziehung zu Gott, eine reiche eigene Spiritualität. Zum Beispiel die Brüder und Schwester des Freien Geistes. Kein Orden, keine Geheimgesellschaften, sondern locker verbundene Gruppen frommer Menschen. Ein Wort aus dem 2. Korintherbrief ist ihr Leitgedanke: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Schon im Diesseits ist eine Vereinigung mit Gott möglich, sagen die Freien Geister. Für den Zugang zur göttlichen Liebe braucht es keine Vermittlung durch Priester, sagen die Freien Geister. Und wer mit Gott direkt verbunden ist, der kennt auch keine Sünde mehr.

 

Diesen letzten Satz kann man auch umdrehen: Wenn es keine Sünde mehr gibt, dann ist alles erlaubt. So haben es die Freien Geister nicht gemeint, aber so wird es ihnen vorgeworfen: Amoralität auf jedem Gebiet, Sexualität eingeschlossen. Das Konzil von Vienne, wie weiter oben schon erwähnt, verdammte die Bewegung 1311.

 

In dem Jahr war Marguerite Porete schon tot. Sie hatte ein Buch geschrieben, das weit fort wirkte, auch wenn man Jahrhunderte lang vergessen hatte, dass es von ihr stammt: „Miroir des simples âmes“, der „Spiegel der einfachen Seelen“. Das Werk beschreibt den Weg der menschlichen Seele zur Vollkommenheit, angeleitet dabei durch die Liebe Gottes. Durchs Tal der Demut und über die Ebene der Wahrheit führt er. Über den Gipfel der Minne gelangt die Seele schließlich in sieben Stufen zur vollkommenen Vereinigung mit Gott – und zur vollkommenen Freiheit. Ja, Freiheit! Schlimmes Wort. Die befreite Seele braucht keine Gebote, Sakramente, Tugenden mehr – und natürlich keine Priester. Die Folgen dieses Denkens sind absehbar.

 

Porete stammte aus Nordfrankreich, aus der Gegend von Valenciennes. Sie war Begine, hochgebildet. Und sie hatte Mut. Obwohl im Jahr 1300 ihr Buch schon einmal öffentlich verbrannt worden war, blieb sie bei ihren Lehren. Als rückfällige Ketzerin wurde sie am Pfingstmontag 1310 auf dem Place de la Greve in Paris auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

 

Jan van Ruusbroec war 13 Jahre alt, die Marguerite Porete verbrannt wurde. Ihr Tod muss ihm „sehr zu denken gegeben haben“, schreibt Geert Warnar. Ihr Denken wird er als Gefahr immer wieder gespürt haben, vielleicht auch bei Hadewych, vielleicht auch bei Heilwig Bloemart. Immer wieder kritisiert Ruusbroec die „falsche Freiheit“. Es klingt, als sei ihm, wenn Frauen von Freiheit gesprochen haben, wirklich unheimlich gewesen.

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 10:

 

Frommer Sex im Untergrund

 

Mit dem, was Heinrich Pomerius 1420, viele Jahrzehnte später, über Bloemardine schreibt, hat das natürlich nichts zu tun. Sein Kapitel über den heldenhaften Kampf des jungen Geistlichen gegen eine perverse, wiewohl vom Volk verehrte, religiöse Irrlehrerin muss dennoch eine Absicht, ein Ziel, einen Hintergrund haben. Es muss jemand damit gemeint gewesen sein. Aber wer? Ich bin auf eine Reihe von Thesen gestoßen. Dass Bloemardine eigentlich die Dichterin Hadewych gewesen sei (was ich übrigens für gut möglich halte). Dass Bloemardine nicht Hadewych gewesen sei, Pomerius jedoch die beiden verwechselt habe. Dass Pomerius eigentlich Maguerite Porete gemeint habe. Dass er eigentlich Maria von Valenciennes gemeint habe (auch dies übrigens eine Mystikerin, von der Johannes Gerson 1401 berichtete, sie habe ein Buch von „fast unglaublicher Subtilität“ geschrieben über die göttliche Liebe, die von allen Gesetzen entbinde – leider ist von dem Buch nur ein einziger Satz erhalten, und das auch nur, weil Gerson ihn zitiert hat, als er das Buch verurteilte).

 

Die mir einleuchtendste Erklärung fand ich in Geert Warnars Ruusbroec-Buch. Pomerius habe einen Skandal aufgegriffen, der wenige Jahre vorher in Brüssel aufgedeckt worden war. In De origine habe er Bloemardine und ihre Anhänger bewusst als die Vorläufer einer ketzerischen Bewegung geschildert, die die Fundamente des religiösen Lebens in Brüssel 1411 erschütterten. Seine Absicht: „Pomerius hoffte auf diese Weise, alle Zweifel an der Orthodoxie Ruusbroecs zu zerstreuen, er zeigte den Mystiker in einem einsamen Kampf gegen immer noch nicht ausgerottete Fehler.“

 

Ein Skandal? Der Brüssel erschütterte? Oh ja. Norman Cohn erzählt in „The Pursuit of the Millennium“ die Geschichte ziemlich reißerisch. Nach Cohn soll Brüssel um 1410 eine Hochburg der „Brüder und Schwestern vom Freien Geiste“ gewesen sein, und diese Häretiker hätten sich auf die Bloemardine berufen. Der Bischof von Cambrai sandte zwei Inquisitoren, doch die „waren hilflos ob der allgemeinen Begeisterung“. Es gab Anschläge auf ihr Leben, und die Brüsseler sangen auf der Straßen Lieder über die Bloemardine. Doch immerhin wurde eine einzelne häretische Gruppe entdeckt, dessen mutmaßlicher Anführer vom Bischof verhört wurde. Und dieser Anführer, ein Mönch namens William von Hildernissen, habe dann die Existenz einer ganz geheimen religiösen Geheimgesellschaft verraten.

 

Das ist eine Räuberpistole, für die sogar ein Bildzeitungsredakteur rot werden müsste. Doch erstaunlicherweise stimmt zumindest der Schluss. „Homines Intelligentiae“ nannte sich die Geheimgesellschaft, die 1411 in Brüssel entdeckt wurde. Und nach allem, was ich darüber fand, ging es in dieser Gesellschaft nicht nur um geistliche, sondern auch um körperliche Ekstase. Um die Gotteserkenntnis im körperlichen Akt. Seriöser als Cohn geht Franz-Josef Schweitzer in dem Aufsatzband „Jan van Ruusbroec: The Sources, Content, and Sequels of his Mysticism“ von Paul Mommaers und N. de Paepe darauf ein. Das Sexuelle sei „das zentrale, wohlgehütete Geheimnis“ der Homines Intelligentiae von Brüssel gewesen. Eine Art Geheimsprache habe die aus Männern und Frauen bestehende Gruppe gehabt. So wurde der „actus carnalis“, der fleischliche Akt, als „aclivitas“ bezeichnet. Man könne das als „Höhenweg“ übersetzen. Schweitzer: „Der actus carnalis galt als Maßstab der Freiheit, der erst erreicht war, wenn er ohne Angst und Gewissensskrupel in seraphischer Liebe, in wiedergewonnener paradiesischer Unschuld geschah.“ Sex im religiösen Untergrund, sozusagen. (Allerdings habe ich, trotz der Seriosität Schweitzers, Bedenken. Die Nachrede sexueller Exzesse gehörte bei Häretikerverfolgungen zum Standard-Repertoire. Die Unterlagen über den Fall, das „Kamerijker Protokoll“von 1411, liegt in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Falls jemand dort mal für mich nachschauen mag...).

 

Alfons

(wird fortgesetzt)

Edited by Alfons
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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 11:

 

Eins und eins macht eins

 

Der Bloemardine hat man, wie wir gesehen haben, nach ihren Tod und bis heute immer noch so Einiges in die Schuhe geschoben, was mit ihren Lehren nichts zu tun haben dürfte. Der Frage aber, was sie denn nun wirklich gelehrt hat, bin ich seit vielen Zeilen ausgewichen. Und das mit einem guten Grund: Ich weiß es nicht. Von Heilwig Bloemarts Hand ist keine nachweisbare Zeile überliefert. Ob die Kritik Ruusbroecs in seinen Traktaten sie überhaupt meint, ist unsicher. Ihre Darstellung durch Pomerius ist bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Nur daraus, dass man sie zu Lebzeiten und auch Jahrzehnte später noch verehrt hat, können wir schließen, dass sie gelehrt und wahrscheinlich auch religiöse Texte geschrieben hat, und dass ihre Spiritualität solche war, die man mit dem Denken der Beginen in Zusammenhang bringen konnte. Es kann aber auch gut sein, dass sie keine einzige Zeile verfasst hat.

 

Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Über sie haben niederländische Literaturfachleute jahrzehntelang viel Tinte vergossen, ohne zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Die These heißt: Heilwig Bloemart und die Dichterin Hadewych waren ein und dieselbe Person.

 

Die Idee ist verführerisch. Da gibt es eine Frau, von deren Leben man Einiges weiß. Sie war klug, tatkräftig, wohlhabend, und es geht die Rede von ihr, sie habe mystische Texte geschrieben. Aber keine Zeile ist zu finden. Und da gibt es eine andere Frau, von deren Leben man nichts weiß. Aber sie hat Gedichte, Briefe und visionäre Betrachtungen geschrieben, die Texte liegen vor.

 

Eine Biografie ohne Werk, ein Werk ohne Biografie. Lasst uns die Folien übereinander legen zu einem einzigen Bild. Wird es lebendig?

 

Ja. Es passt. Aber es passt vor allem, weil die Fakten so frustrierend dürftig sind. Da wird schon die Namensähnlichkeit von Heilwig (Hedwig) und Hadewijch (Hadwig) zum Argument... Nehmen wir nur einmal die Frage, wann „Hadewych von Antwerpen“ gelebt und wann sie ihre Werke geschrieben hat (nebenbei erwähnt: für das „von Antwerpen“ habe ich auch keinen Beleg gefunden...). Hadewych lebte „um 1200 bis um 1260“, sagt Kindlers Neues Literaturlexikon. Ihre Werke entstanden „zwischen 1239 und 1246“, sagt N. de Paepe. Aber diese Datierungen sind alle wackelig. Sie beruhen auf Textanalysen und einer von Hadewych notierten Liste „vortrefflicher Menschen“, die angeblich Mitte des 13. Jahrhunderts endet. Doch viele dort genannten Personen sind nicht identifiziert. Ja, eine dort als Opfer der Inquisition genannte Frau könnte ebenso gut die Marguerite Porete sein.

 

Der wichtigste Hadewych-Forscher war jahrzehntelang Dr. Jozef van Mierlo SJ (1878-1958). Er bekämpfte geradezu erbittert in zahlreichen Aufsätzen die Bloemardine-Hypothese, die anfangs von vielen Forschern bejaht wurde. Selbst wenn Heilwig Bloemart nicht die Ketzerin sein sollte, für die sie lange gehalten wurde, argumentierte Mierlo, dann sei die Hypothese dennoch unmöglich, da die Schriften Hadewychs sprachlich, inhaltlich und stilistisch ins 13. Jahrhundert gehörten. Es klingt etwas resigniert, wenn Raymond Jahae (in seinem Buch über die mystischen Erfahrungen Hadewychs) resümiert: „Van Mierlos Bemühungen, die Identifizierung Hadewychs mit der Bloemardinne unannehmbar zu machen, blieben nicht fruchtlos. Bei seinem Tod fand die Hypothese keinen Anklang mehr.“

 

Inzwischen doch wieder. Geert Warnar, den ich hier schon öfter zitiert habe, listet neue Argumente für die Bloemardine-Hypothese auf: Das hundertjährige Schweigen zwischen der angeblichen Lebenszeit Hadewychs und den ersten überlieferten Handschriften. Dass diese Textfunde sich in Brüssel konzentrieren. Dass Ruusbroec so gut mit ihren Schriften bekannt war zu einer Zeit, aus der noch nicht einmal Handschriften von ihr überliefert sind. Und manches mehr. „Jede Suche nach Hadewych landet irgendwann bei Heilwig“, schreibt er, und macht dann einen neuen Vorschlag: Könnte es nicht sein, dass Hadewych das „alter ego“ von Heilwig Bloemart ist? Dass sie ihre Texte bewusst unter einem Pseudonym schrieb? Es würde so viel erklären. Die Bloemardine ist geschäftstüchtig und in der feinen Brüsseler Gesellschaft anerkannt – die Dichterin Hadewych von Ekel vor dem Diesseits erfüllt, voller Sehnsucht nach einer bräutlichen Begegnung in einer mystischen Hochzeit. Gut vorstellbar, dass diese Visionen und Gedichte der Hadewych damals um 1330 vorgetragen und gesungen wurden, in dem auserlesenen Kreis religiös empfindsamer Damen der höheren Gesellschaft, der sich in dem Haus in der Loksumstraat traf. Und dass alle Anwesenden (und auch der junge Vikar aus der Nachbarschaft) insgeheim wussten, wer diese Texte wirklich geschrieben hatte.

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Ruusbroec und Bloemardine, Teil 12 und Schluss:

 

Eine große Dichterin

 

Zwei Wochen lang habe ich mich nun fast täglich mit der niederländischen Mystik des 14. Jahrhunderts beschäftigt, mit spitzfindigen Professoren, unehelich geborenen Geistlichen, zwangsverheirateten Prinzessinnen, mit seraphischer Liebe (deren Feinheiten zu erläutern ich mir verkniffen habe) und dem Mut frommer Frauen.

 

Das Wichtigste, was ich dabei fand, war die Begegnung mit einer Schriftstellerin von unvergleichlicher Innigkeit und Wortgewalt. Mit einer Sprache, betont schlicht und eindringlich zugleich. Um so beeindruckender, als sie diese Sprache und diese Gedankenwelt sozusagen aus dem literarischen Nichts geschaffen hat, ohne Vorläufer, ohne Vorbilder. Hadewych, eine große Dichterin. Die vielleicht auch zugleich Heilwig Bloemart war, die Bloemardine. Jene Frau, auf deren Kopf der fromme Jan tritt.

 

Ein Gedicht von ihr in einer recht freien Übertragung soll deshalb hier den Abschluss bilden.

 

 

Der Liebe Wahnsinn

 

Der Liebe Wahnsinn ist das reichste Lehen.

Wer dies erkannt hat

bittet um nichts sonst mehr – außer Liebe.

Schau: Sie vereint, was Gegensatz.

Schau: Sie verkehrt, was paradox ist.

Denn dies ist wahr, und ich verkünde es:

Verrückt ist Liebe. Süßes macht sie bitter,

und Bittres süß. Verwandt wird dir der Fremde,

und glücklich stolz

selbst der geringste Mensch.

 

Du, Seele, hast solch Liebe nie erreicht?

Ich gebe dir den guten Rat:

Wenn du auch sonst nichts tun kannst als nur dies –

Fleh! als bätst du um dein Leben,

um diese Liebe. Dien ihr glaubend,

im Vertrauen auf ihr Wort.

Und denk: Es kann geschehn,

der Liebe Kraft ist ja so groß!

Erst wenn du tot bist

gibt es keine Heilung mehr.

 

 

Alfons

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