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Die katholische Kirche und der Missbrauch


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Geschrieben

Und wieder ein Bischof unter Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten: Zornoza in Spanien. 
 

Unsere Lokalzeitung berichtete heute ebenfalls, danach ist in Spanien bisher erst sehr wenig passiert, um die tausende an Fällen im Umfeld der Kirche aufzuklären. Es gibt wohl erst eine etwas ausführlichere Untersuchung seitens der spanischen Bischofskonferenz zum Komplex „sexueller Missbrauch“, das Misstrauen gegenüber der Kirche ist inzwischen groß.

Ob sich also die Vorwürfe gegen Senor Zornoza bestätigen oder nicht, wer immer nur abwiegelt oder vertuscht, dem glaubt man nicht.

Geschrieben
vor 9 Minuten schrieb Shubashi:

Und wieder ein Bischof unter Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten: Zornoza in Spanien. 
 

Unsere Lokalzeitung berichtete heute ebenfalls, danach ist in Spanien bisher erst sehr wenig passiert, um die tausende an Fällen im Umfeld der Kirche aufzuklären. Es gibt wohl erst eine etwas ausführlichere Untersuchung seitens der spanischen Bischofskonferenz zum Komplex „sexueller Missbrauch“, das Misstrauen gegenüber der Kirche ist inzwischen groß.

Ob sich also die Vorwürfe gegen Senor Zornoza bestätigen oder nicht, wer immer nur abwiegelt oder vertuscht, dem glaubt man nicht.

 

Es soll um Fälle aus den 90ern gehen bei ihm, soweit ich weiß.

 

Grundsätzlich ist die span. Gesellschaft bzgl. der Kirche etwas gespalten. Es gibt eine sehr starke laizistische Grundstimmung und andererseits einen sehr gläubigen Teil der Gesellschaft - neutral ist kaum jemand. 

Das hat mir der fatalen Geschichte der Kirche zu tun, die leider ein wichtiger Stabilitätsfaktor der Franco-Ära war - und es gibt eben noch viele Bischöfe, die unter Franco groß wurden.

Geschrieben (bearbeitet)

Sexueller Missbrauch an Kindern findet zu mindestens 99 Prozent außerhalb der katholischen Kirche statt. Wenn man sich in dieser Frage nur auf die katholische Kirche konzentriert, dann ignoriert man den sexuellen Missbrauch an Kindern und sogar Babys in großem Ausmaß. Denn das sind die Täter in der Regel: Perverse außerhalb der katholischen Kirche, die aus dem sozialen Umfeld des Kindes kommen oder die ihre Opfer über Internet -Plattformen finden. Täter können auch Frauen sein.

 

Beispiele:

 

947 Fälle in Berlin

Kindesmissbrauch: „Wenn du das verrätst, bring’ ich dich um“

Berlin. Ein Berliner Bezirk zählt mehr Fälle von Kindesmissbrauch als andere. Warum? Und wie können Kinder besser geschützt werden? Eine Spurensuche.

Das, was der Staatsanwalt da im Kriminalgericht Moabit an einem Montagmorgen vorträgt, ist für Zuhörer nur schwer zu ertragen. Dem Angeklagten Peter A. (Name geändert) wird vorgeworfen, ein zwölfjähriges Mädchen missbraucht und Nacktfotos einer Siebenjährigen angefertigt zu haben. Fünf Minuten und 56 Sekunden lang verliest der Staatsanwalt die Anklage. A. räumt die Vorwürfe nur teilweise ein. Der Tatort? Die Wohnung des Angeklagten in Marzahn-Hellersdorf. Es ist bei weitem kein Einzelfall.

947 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern zählte die Polizei im vergangenen Jahr in Berlin – in keinem Bezirk so viele wie in Marzahn-Hellersdorf. 109 Fälle erfasste die Polizei hier. 95 waren es in Lichtenberg und 91 in Mitte. Auch in den Vorjahren wurden die meisten dieser Straftaten in Marzahn-Hellersdorf registriert. Insgesamt waren es knapp 12 Prozent, also fast jede achte Tat. Der Bezirk ist der viertkleinste der Stadt und verzeichnet trotzdem die meisten Fälle von Kindesmissbrauch. Wie kann das sein?


https://www.morgenpost.de/bezirke/marzahn-hellersdorf/article410008388/kindesmissbrauch-wenn-du-das-verraetst-bringE28099-ich-dich-um.html

 

Hier mehrere Videobeiträge und Dokumentationen über sexuellen Missbrauch an Kindern außerhalb der katholischen Kirche:

 

https://youtu.be/aPLtVWgcgX0?si=oZBtSd1VMJ_4cgI-

 

Hier das Video über den Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. Die Täter kamen sogar aus angesehenen Berufen und es wurden Babys sexuell missbraucht. Es ist ein riesiger Fall außerhalb der katholischen Kirche:

 

https://youtu.be/DF8OTtbB7zI?si=VfD7GZJQ4D9zXX5d

 

Sexueller Missbrauch auf Internet -Plattformen wie SNAPCHAT:

https://youtu.be/vIwpbjWdto0?si=TJpe810RLTOHR7_Y

 

bearbeitet von Werner Hoffmann
Geschrieben (bearbeitet)
vor 11 Stunden schrieb Werner Hoffmann:

Sexueller Missbrauch an Kindern findet zu mindestens 99 Prozent außerhalb der katholischen Kirche statt.

 

Die genauen Zahlen kenne ich nicht, und man müsste auch schauen, wie viele Kinder/Jugendliche jeweils überhaupt potentiellen Straftäter gegenüber exponiert waren usw. In den letzten (Jahr)zehnten sind immerhin wenige Missbrauchsfälle in Deutschland bei der kath. Kirche bekanntgeworden, was positiv ist.

 

Trotzdem fürchte ich, dass Du in der Gefahr bist, von der anderen Seite her vom Pferd runterzufallen. Denke nur beispielsweise nur an den Fall Marcial Maciel und daran, dass dieser Mann, der unzählige Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene (darunter offenbar seine eigenen Kinder) missbraucht hat, lange von sehr hohen Leuten im Vatikan protegiert wurde. Die kath. Kirche als Institution hat da teilweise ein wirklich schlechtes Bild abgegeben; das kann man einfach nicht abstreiten:

 

"Die Vorwürfe gegen Maciel waren im Vatikan seit Jahrzehnten bekannt. Bereits Ende der 70er Jahre hatte ein Opfer seine Qualen geschildert und den Brief, versehen mit den Aussagen weiterer Leidensgefährten, nach Rom geschickt. Nichts geschah. Erst 1997 wagten acht ehemalige mexikanische Seminaristen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Kurz darauf legten sie Beschwerde bei der Glaubenskongregation ein, eine Untersuchung wurde jedoch bald wieder eingestellt – wie üblich ohne Begründung. Nach außen galt das Gebot der Omerta, des Schweigens, und noch immer hielt der Papst seine schützende Hand über Maciel. [...]

Die beiden Männer verband nicht nur glühender Antikommunismus und die Abneigung gegenüber den lateinamerikanischen Befreiungstheologen. Der Mexikaner versorgte Rom mit linientreuem Priesternachwuchs, und er beherrschte die Kunst des Spendensammelns in der High Society perfekt. Nach außen aber predigte Maciel die Tugenden von Keuschheit und Armut und bestritt stets alle Vorwürfe. Erst als Johannes Paul II. im Sterben lag, leitete Ratzinger eine neue Untersuchung ein."

https://www.fr.de/politik/eine-unselige-verbindung-11472265.html

 

Angeblich habe Ratzinger schon früher etwas tun wollen, sei jedoch gehindert worden:

 

"Schoenborn said officials close to Pope John Paul blocked an investigative commission. Schoenborn even revealed that then-Cardinal Ratzinger confided sadly, "The other party has prevailed.""

https://www.npr.org/2010/04/09/125788687/john-paul-ii-gets-a-second-look-in-abuse-scandal 

 

"In an interview, Father Athié said Bishop Talavera who has since died told him that [Cardinal Ratzinger] had read the letter (outlining the scale of Maciel's criminality) and decided not to proceed with the case. “Ratzinger said it could not be opened because he was a person very beloved by the pope,” referring to Father Maciel, “and had done a lot of good for the church. He said as well, I am very sorry, but it isn’t prudent,’ ” Father Athié said."

https://www.theatlantic.com/daily-dish/archive/2010/05/-ldquo-it-isn-rsquo-t-prudent/187514/ 

 

Angeblich soll JPII von alledem nichts gewusst haben, sondern nur enge Mitarbeiter. Mir kommt das ehrlich gesagt zweifelhaft vor. Aber selbst wenn dieser Maciel, "der ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung" (BXV.) geführt hat, nur von den engsten und mächtigsten Mitarbeitern von JPII protegiert worden sein sollte (wie Kardinalstaatssekretär Sodano und Privatsekretär Dziwisz), und nicht auch von JPII selbst, würde das noch immer ein schlechtes Licht auf die Kirche werfen. Es sind ja nicht einfach die Missbrauchszahlen in der Pfarrei Hinterdupfingen, die den Skandal so groß machen, sondern eben solche Verhaltensweisen. Dass das alles zu so einer großen Sache wurde liegt nicht allein und wohl nicht einmal primär an Ressentiments gegenüber der kath. Kirche.

 

bearbeitet von iskander
Geschrieben (bearbeitet)

Die DPSG hat eine Studie zum Missbrauch in der Pfadfinderschaft veröffentlicht. So richtig schlau werde ich daraus nicht, bei etwa 400 nicht repräsentativ Befragten sind die schweren gewalttätigen sexuellen Übergriffe in einstelligen Bereich. So was wäre für mich bei einem Verband mit etwa 80.000 Mitgliedern eine eher geringe Inzidenz. (s. S. 53) Gleichzeitig wird aber der Bereich aller möglichen Arten nichtkörperlicher sexueller „Gewalt“ innnerhalb und außerhalb der Pfadfinderschaft so ausschweifend beschrieben, biszu allen möglichen Dingen auf facebook, Internet und nur beobachteten Vorgängen, dass mir überhaupt nicht mehr klar wird, wie gravierend die Missbrauchproblematik in der DPSG ist. 
(Letzte Woche wurde über die Vorgänge an nur einziger Erfurter Schule berichtet, die bei Tätern nur aus dem Lehrerzimmer eine ähnliche Inzidenz schwerer Taten nahelegte - irgendwelchen Handlungsdruck scheint das für das Schulwesen in Thüringen nicht zu bedingen.) 

Irgendwie scheint es schwierig zu sein, gesellschaftlich auch nur halbwegs einheitliche Standards um Umgang mit sexuellem Missbrauch zu entwickeln.

bearbeitet von Shubashi
Werner Hoffmann
Geschrieben

ARD-Recherche vom.10.02.2026

 

Warum ist es überhaupt zu sexuellen Übergriffen in der katholischen Kirche gekommen ? Offensichtlich hat es damit zu tun, dass Sexualität in der katholischen Kirche tabuisiert und ignoriert wurde als sei Sexualität grundsätzlich eine schlimme böse Sünde vor Gott. Das Verbotene reizt. Also ist das Ventil geplatzt und es kam aufgrund unerfüllter sexueller Bedürfnisse zu Übergriffen.

Die Ausübung von Sexualität an sich ist nichts Schlimmes. Es richtet sich erst dann gegen Gott und gegen Jesus Christus, wenn man die Seelen anvertrauter Schutzbefohlener beschädigt und verletzt, das Vertrauen missbraucht. Das ist nicht christlich.

 

Es ist der katholischen Kirche allerdings hoch anzurechnen, dass sie das Problem öffentlich gemacht hat und dagegen intern vorgeht.

Es ist schade um die vielen Millionen Euro, die als Schmerzensgeld an die tausenden Opfer gezahlt werden mussten. Das hätte nicht sein müssen.

 

Warum geschieht so etwas ?

 

Die katholische Kirche besteht aus Menschen und diese versagen, zum Teil katastrophal.

 

Ausmaß sexuellen Missbrauchs in Katholischer Kirche größer als bisher bekannt: mehr betroffene Kinder und Jugendliche

Das Ausmaß sexueller Gewalt in der Katholischen Kirche ist einer ARD-Recherche zufolge größer als bisher bekannt. Demnach gibt es nachweislich 6.948 Betroffene.

 

https://www.deutschlandfunk.de/ausmass-sexuellen-missbrauchs-in-katholischer-kirche-groesser-als-bisher-bekannt-mehr-betroffene-kin-100.html

 

 

 

 

Geschrieben
Am 10.2.2026 um 14:56 schrieb Werner Hoffmann:

Es ist der katholischen Kirche allerdings hoch anzurechnen, dass sie das Problem öffentlich gemacht hat und dagegen intern vorgeht.

 

Ich respektiere die Kirche für ihre Bemühungen, und ich anerkenne auch, dass die Kirche wohl mehr im öffentlichen Fokus steht als andere, die auch kritische Aufmerksamkeit verdient hätten. Aber beim Aufdecken des Missbrauchs was sie wohl meistens eher getrieben als proaktiv. Das gilt lokal, aber auch für den Vatikan selbst - man denke beispielsweise nur an den Umgang mit Marcial Maciel, bei dem man lange weggesehen hat. 

 

 

Geschrieben

Die Frage ist in meinen Augen immer auch, ob wirklich irgendetwas gelernt wurde, wie der Umgang mit den Opfern ist und was getan wird, um erneut Übergriffigkeit zu verhindern.

Heute steht z.B. etwas über die Taten bei den Franziskanern auf ZON

Quote

…Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte", sagte Caspari. Bis 2011 hätten sich Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion proaktiv veranlasst worden. Insgesamt habe der Prozess der Aufarbeitung "viel zu spät" begonnen. …


Da frage ich mich schon, wie es sein kann, dass nicht ein einziges Ordensmitglied bis 2011 sich für diese Art von Verbrechen interessierte. Ein „Komplettversagen“ (wörtl. Zitat) bedeutet doch, dass Gewissen, innere Kritik, Disziplin und pädagogisches Verantwortungsbewusstsein in einem extremen Missverhältnis gestanden haben müssen. Weswegen ich auch sehr misstrauisch bin, wenn in den kirchlichen Debatten „Reformbedarf“ umstandslos zurückgewiesen wird - dafür ist zuviel passiert und die Gründe für das Versagen sämtlicher Ebenen sind bisher viel zu unklar.

Geschrieben

@Shubashi

 

Ohne das in irgendeiner Weise relativieren zu wollen, ohne die Notwendigkeit, mögliche kirchenspezifische Faktoren zu identifizieren und spezifische Gegenmaßnahmen einzuleiten, in Abrede stellen zu wollen: Ich glaube, das hat leider auch viel damit zu tun, wie der Mensch überhaupt ist - vor allem wenn er in einer sozialen Gemeinschaft steht. 

Geschrieben

Zu dieser Studie:

 

"Als eine spezifische, pathologische Variante spirituellen Missbrauchs beschreibt die Studie 'intensive Verhöre präpubertärer Jungen zu ihrer Sexualität'."

https://katholisch.de/artikel/67410-missbrauchsstudie-bescheinigt-deutschen-franziskanern-totalversagen

 

Der Missbrauch hat sicher viele Komponenten - aber eine von ihnen besteht offenbar in einem grundsätzlich gestörten Verhältnis der Kirche zum Thema Sexualität. 

 

In dem Gutachten selbst heißt es (S. 203 f.), zu einem Fall, in dem ein Tatverdächtiger Jungen bedrängte, fiktive sexelle Erlebnisse zu beichten, um sie dann loszusprechen:

 

"Man kann hier von einer vollständigen Bemächtigung des Gewissens dieser Jungen sprechen und muss sich zugleich bewusst sein, dass deren moralische Struktur eine tiefe katholische Prägung hatte. Nur dadurch konnten die Verhöre des Paters ihre Wirkung erzielen. Diese Praxis war offensichtlich motiviert von der unreifen, abgewehrten, desintegrierten Sexualität des Paters (Dreßing et al., 2018). Es genügte ihm nicht, das Gewissen der Jungen zu besetzen, sondern er musste erst bis ins Detail sexuelle Szenen erschaffen, die er den Schülern zur Last legen konnte, um sie danach von ihrer Schuld zu befreien."

 

Und auf S. 376. heißt es:

 

"Man muss [im Kontext der Scham des Opfers] noch einen Schritt weiter gehen und sich die spezifischen katholischen Sozialisationsbedingungen vergegenwärtigen (vgl. Kap. 3.2 und 3.3): unauflösliche Verbindung zwischen Körper, Sexualität und Scham; der unkeusche Gedanke, dessen man sich zu schämen hat und von dem man nur durch die Praxis der Beichte erlöst werden kann; die übergeordnete Position des Ordensmannes oder Priesters, die sich aus der Vergeistigung und dem Gelübde der Ehelosigkeit ableitet (Bastien, 2021)."

 

Konservative Katholiken haben ja oft etwas gegen eine angemessene Sexualaufklärung - aber das Fehlen einer solchen Aufklärung ist eben ein Risikofaktor (S.378):

 

"Ein weiterer kognitiver Faktor, der die Offenlegung sexualisierter Gewalt erheblich behinderte, bestand in der fehlenden Fähigkeit vieler Schüler, solche Vorgänge zutreffend einzuordnen. Beispielhaft für viele ähnliche Berichte ist die knapp formulierte Erinnerung eines ehemaligen Schülers: „Das war ja im 5. oder 6. Schuljahr, da wusste ich gar nicht, was ein sexueller Übergriff ist“ (I20). Institutionen immunisierten sich – wenn auch nicht intentional – auch dadurch gegen Aufdeckungen, dass den Kindern sexuelle Bildung und damit auch ein Wissen über sexualisierte Gewalt vorenthalten wurde. Dadurch verstanden Betroffene nicht, dass sie keine Schuld an den an ihnen verübten Verbrechen hatten (I17), [...] dass es sich hier nicht um harmlose „Spielchen“ (I54) handelte und das auch das Schlagen auf den nackten Hintern eine sexualisierte Komponente beinhaltete (I56). Täter konnten mit diesem Unwissen kalkulieren und ihre Handlungen in vielen Fällen auch spirituell aufladen, das heißt nachhaltige Formen
der Manipulation auf der Basis fehlender Orientierungen etablieren."

 

Es wird zudem ein Mangel an sexueller Reife und Kommunikation bei den Tätern und denen, die gegen den Zölibat verstoßen haben, konstatiert (S. 62).

 

An das Klima der sexuellen Repression erinnert sich ein Schüler wie folgt (S. 180 f.):

 

"Jeden Morgen gab es vor dem Frühstück eine Frühmesse, selbstverständlich mit Kommunion. Wer nicht ging, machte sich verdächtig! Schließlich waren damals ‚unkeusche Gedanken‘ eine schwere Sünde, die man beichten musste, bevor man wieder zur Kommunion gehen durfte. Es gab aber einen Ausweg aus diesem Dilemma: vor der Kommunion rausgehen, weil es einem übel geworden war oder noch besser ‚in Ohnmacht zu fallen‘. Eine fürchterliche Heuchelei. Nur wenige trauten sich trotz ‚unkeuscher Gedanken‘, d. h. trotz einer schweren Sünde zur Kommunion zu gehen. Ich traute es mir nicht, da ich wusste, dass es eine noch größere Sünde sei, mit einer schweren Sünde ohne vorheriger Beichte zur Kommunion zu gehen. Diese Gewissensbisse mögen heute auch für überzeugte Katholiken etwas sehr seltsam erscheinen; sie prägten aber unser damaliges Leben und waren Teil der psychischen Unterdrückungsmaschinerie. Leider wurde dies mir erst viel später bewusst. (schriftl. Bericht zu I56)."

 

Anmerkung: Die entsprechende Moral gilt ja nach wie vor, auch wenn heute - in Westeuropa - selten noch über sie gesprochen wird. Aber geändert hat sie sich nicht.

 

Und direkt darunter heißt es im Bericht:

 

"Der andere Zeitzeuge ergänzt, dass man Rede und Antwort stehen musste, wenn man zwei Tage nicht zur Kommunion ging. Man wurde dann aufgefordert, nachmittags zur Beichte zu gehen, wenn der Grund für die Nicht-Teilnahme an der Kommunion in einer schweren Sünde lag (I8). [...] Das, was der ehemalige Schüler als „psychische Unterdrückungsmaschinerie“ bezeichnet, manifestierte sich in der Verankerung eines tiefen Schuldkomplexes, der von den religiösen Autoritäten ständig genährt wurde. Was dies für die Betroffenheit von sexualisierter Gewalt bedeutet, ist evident: Wenn schon unkeusche Gedanken eine schwere Sünde darstellen, wie können dann sexuelle Handlungen psychisch bewältigt werden? Die Betroffenen mussten sich zutiefst schuldig fühlen, wenn sie von TV2 vergewaltigt wurden. Man kann also festhalten, dass diese spirituelle Abrichtung mit den zentralen Motiven der Schuld und des Schweigens in relevanter Weise zur Aufdeckungsresistenz der von TV2 verübten sexualisierten Gewalt beitrug (Mosser & Keupp, 2015)."

 

Und auf S. 183 lesen wir:

 

"An eine Sexualaufklärung erinnern sich die Befragten [ehemaligen Schüler] nur insofern, als es „sehr hilfreich war, dass der Strom ausfiel. […] Da konnte man den roten Kopf nicht sehen. Da hat er [der Lehrer, Anm. d. A.] was erzählt von Schmetterlingen oder Ameisen“ (I38).
Ein strenges Verbot war offenbar die einzige Orientierung, die die (vor-)pubertären Schüler in Ottbergen in Bezug auf Sexualität vermittelt bekamen. Um ihre diesbezüglichen Interessen und ihr Begehren kreisten Begriffe wie Sünde und Beichte. Dadurch sollten nicht nur entsprechende Handlungen unterbunden werden, sondern auch ein direkter Zugriff auf ihr Denken und ihre Fantasien erfolgen. All dies führte zu einer tiefen Verankerung eines Schuldgefühls im Zusammenhang mit Sexualität. Unter diesen Voraussetzungen stellte es für TV2 kein Risiko dar, die Schüler auf massive Weise sexuell auszubeuten: Sie waren unkeusch, schuldig und machten sich zum Komplizen des Geistlichen. Wem gegenüber hätten sie sich anvertrauen sollen?"

 

Und auf S. 185 f. heißt es resümierend: 

 

"[...] • Der ständige Zwang zur Ausübung religiöser Praktiken ist in Begriffen spiritueller Gewalt zu beschreiben – dies umso mehr, als gerade mit dem Instrument der Beichte eine durchgängige Gewissenskontrolle angestrebt wurde, die bei Schülern zur nachhaltigen Verankerung eines Schuldkomplexes führte.
• Im Zentrum der ideologischen Indoktrination stand die Tabuisierung und Sanktionierung von Sexualität. Auf diese Weise kam es nicht nur zu einer dauerhaften Verstrickung zwischen Sexualität und Schuld, sondern auch zu einer Schuldumkehr in Bezug auf sexualisierte Gewalt."

 

Mein persönliches Fazit: Solange die kath. Kirche nicht bereit ist, ihre Sexualmoral zu hinterfragen, und solange sie es weiterhin für richtig hält, diese Kinder und Jugendlichen zu vermitteln, ist ihre Entschuldigung für vergangenen sexuellen Missbrauch nicht wirklich glaubwürdig und ihre Prävention nicht glaubwürdig. Erstens, weil diese Sexualmoral offenbar ein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch darstellt; zweitens aber auch, weil diese die Vermittlung dieser Art von Sexualmoral selbst eine Art von psychischem Missbrauch darstellt.

Dass heutzutage viele Katholiken an die offizielle Moral nicht mehr glauben und darauf verzichten, sie Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, ist aus meiner Sicht zwar erfreulich, aber eben nicht hinreichend, solange sie offiziell nach wie vor institutionell gilt.  

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