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Oberammergau 2010


nannyogg57
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Gestern war ich in Oberammergau und habe das Passionsspiel gesehen. In der Presse wurde die neue Fassung gelobt und ich habe mich darauf gefreut.

 

Ich habe das Passionsspiel schon 2000 gesehen, aber ich finde, dass die neue Textfassung verkrampft, ohne inhaltliche Verbesserungen, eher sogar Verschlimmerungen, daherkommt.

 

Und zwar exakt bei dem Anliegen, unbedingt nicht antisemitisch zu sein.

 

Abgesehen davon, dass klare theologische Aussagen fehlten.

 

Ein beeindruckendes Spektakel, eine großartige logistische Leistung, aber religiös wenig bereichernd - das ist mein Eindruck.

 

Sicherlich gibt es historische Zwänge, welchen das Passionsspiel unterliegt, aber das ist nicht die Ursache für theologische Schlampereien und Dilettantismus.

 

Oder bin ich einfach nur zu empfindlich?

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gouvernante

Es scheint mir, als sei Oberammergau inzwischen überwiegend Tourismusspeltakel und nicht mehr Einlösung eines Gelübdes. Da fällt Theologie natürlich als erste vom Wagen

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Es scheint mir, als sei Oberammergau inzwischen überwiegend Tourismusspeltakel und nicht mehr Einlösung eines Gelübdes. Da fällt Theologie natürlich als erste vom Wagen

 

Da ist sicher etwas Wahres dran. Als wir das Passionsspielhaus verließen, war von allen Seiten zu hören: Beeindruckend! Die special effekts sind teilweise vom Feinsten und verraten auch lange Erfahrung darin, wie man diese inszeniert: Judas erhängt sich auf offener Bühne, Longinus piekst Jesus in die Seite des nackten Oberkörpers und es fließt Blut usw. (und dabei sitzt er auf einem Pferd - no risk, no fun). Meine Nachbarin zuckte dabei jedes Mal zusammen - Wahnsinn!

 

Aber der theologische Berater - Professor Mödl - hat meiner Meinung nach einen schlechten Job gemacht.

 

Wer sagt dem Spielleiter die Wahrheit?

 

Kamele, Pferde, Tauben, Esel, Ziegen und Schafe können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Passionsspiel für das 21. Jahrh. kein Glaubenszeugnis ablegen kann. Nur die aus der alten Vorlage stammenden Teile verraten den theologischen Tiefgang einer anderen Zeit, die aber nicht mehr die Unsere ist.

 

Nach dem Passionsspiel interessierte uns ziemlich schnell schon wieder das, was wirklich wichtig im Leben ist: Wie hat Deutschland gegen Uruguay gespielt?

 

Aber der Spielleiter wollte doch mehr und ich weiß, dass es auch anders geht.

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Für die, die es nicht kennen: wie wäre es mit ein paar Beispielen, was Dich gestört hat, oder einem link, wenn es darüber etwas gibt.

 

Ich kann mir den "Showteil" vorstellen, und darüber finde ich auch jede Menge im Netz.

 

Aber die "Theologie" (oder deren Mangel) dahinter, über die ihr hier diskutiert, kann ich mir nicht vorstellen und finde auch nichts.

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Für die, die es nicht kennen: wie wäre es mit ein paar Beispielen, was Dich gestört hat, oder einem link, wenn es darüber etwas gibt.

 

Ich kann mir den "Showteil" vorstellen, und darüber finde ich auch jede Menge im Netz.

 

Aber die "Theologie" (oder deren Mangel) dahinter, über die ihr hier diskutiert, kann ich mir nicht vorstellen und finde auch nichts.

 

Naja, da fällt mir eine Menge ein.

 

Passionsgeschichte ist die Geschichte von Schuld: Mit Ausnahme weniger ist es die Geschichte von Menschen, die sich schuldig machen durch Verrat, Feigheit, Machtgier, Neid, Mobbing, Grausamkeit, Gleichgültigkeit. Markus kennt nur zwei Ausnahmen: die Frauen und Josef von Arimathäa (in den späteren Evangelien kommen einige dazu).

 

Das Opfer ist Jesus und die Passion, das ganze Markusevangelium gipfelt in der Aussage des Hauptmannes: Dieser, das Opfer, er ist Gottes Sohn, in ihm sind wir Gott begegnet.

 

Der Hörer, bzw. Zuschauer muss in der Passion seinen Platz finden. Im Barock wurden die Zuschauer direkt angesprochen als diejenigen, welche das Leiden Jesu notwendig gemacht haben: Du Sünder. Das ist natürlich in unserer Zeit nicht mehr so zu vermitteln.

 

Ein Fehler ist es Passion historisch zu spielen und zu verstehen: Dann wird die Schuld zur Schuldzuweisung und oft genug passiert das: Die Juden und Judas wurden als Hauptschuldige identifiziert und die Zuschauer besetzten dann im schlimmsten Fall die Rolle des Rächers mit fatalen Folgen.

 

Aber die Passion hat viele Agierende jüdischen Bekenntnisses, unter anderem sämtliche Jünger und der Herr selbst.

 

Stückl und sein theologischer Berater kamen nunmehr auf die Problemlösung, das Judesein Jesu und seiner Jünger in besonderer Weise zu betonen: Mehrmals sprechen sie Hebräisch auf der Bühne - die Hohenpriester nie. Trotzdem bleiben sie die Guten und die Priester die Bösen mit der Folge, dass Jesus als der gute Jude dasteht und seine Gegner als schlechte Juden. Zu allem Überfluß überzeichnet er Josef v. Arimathäa, Nikodemus und Gamaliel (!!!) vollkommen widersinnig als Jesusgläubige. Bei Markus ist es ein Dienst der Nächstenliebe, welchen der Jude Joseph dem Leichnam Jesu erweist - das hätte er mehr betonen sollen. Gamaliel starb als Jude, der die Verfolgung der Jesusleute als widersinnig ansah.

 

Die Präsenz auf der Bühne ist vollkommen neben dem, was die Evangelien schreiben: Joseph v.A. ist eine Hauptrolle gegen Petrus, Kaiaphas steht praktisch ständig auf der Bühne und es gibt kaum eine Szene, wo nicht irgendwelche Priester mit Jesus rumdiskutieren.

 

Keine Perikope wird wirklich entfaltet, vieles nur abgehakt. Hier schnell mal die Salbung, dann eine Diskussion mit JvA, Nikodemus und Konsorten über die Wiedergeburt, dazwischen die Sendung der Jünger (die dann aber doch bei Jesus bleiben), Mutter Maria und seine Brüder (er ist verrückt, aber dann lenkt Maria doch ein, man ist ja in Bayern), dazwischen kriegt Judas die Krise usw.

 

Der Judas wird übrigens grandios entlastet, Kaiaphas hat ihn über seine bösen Absichten getäuscht. Trotzdem erhängt er sich dann auf offener Bühne, damals gab es halt noch keine Therapeuten (und Jesus war ja weg). So wird Schuld von A nach B geschaufelt, aber das Stück wird dadurch nicht besser, im Gegenteil.

 

Fällt auch keinem auf, dass Maria Magdalena unterm Kreuz seufzt: "Er ist jetzt bei seinem Vater" um dann bei der Auferstehungsgeschichte gleich zwei verschiedene Versionen der Engelsbotschaft zu brauchen, um an die Auferstehung zu glauben. Oder fällt dir was auf?

 

Was will der Spielleiter uns also sagen? Warum geht mich die Passion etwas an? Ich bewundere die Technik, die Leistung, verabscheue den überaus gemeinen Pilatus, langweile mich über Kaiaphas, schüttele den Kopf über den dämlichen Judas und Longinus kommt zum Glauben, weil Jesus auf eine besondere Art gestorben ist, so ruhig. War das so?

 

Man hätte einfach mal die Evangelien zu Grunde legen sollen.

 

Und vielleicht sich Gedanken machen, welche Gründe alle hatten, so zu handeln, wie sie gehandelt haben: Kaiaphas hatte klare politische Prioritäten und Pilatus auch, die Soldaten waren selber arme Schweine, die ihren Frust an dem Gefangenen rausgelassen haben, Judas hatte gute Gründe, auch die Jünger, auch Petrus. Die Menschen hatten kein Bedürfnis nach einem Propheten und König, der machtlos ist, eine Enttäuschung ohne gleichen, ein Versager auf der ganzen Linie. Und im Moment seines Todes und Endes kommt das Bekenntnis: Er ist Gott. Und dazwischen die paar Aufrechten, unter ihnen JvA, der nicht einmal einer seiner Jünger war.

 

Und wenn man die Botshaft Jesu reinpackt, dann doch bitte sein unerschütterliches Vertrauen in den, den er Vater nannte, und das in seiner Auerstehung zum Ziel kommt.

 

Es geht nicht unter die Haut. Es berührt einen so wenig wie das Foul eines Holländers an einem Spanier. Das war zwar nicht richtig, aber das Leben geht weiter, voila, so kann man Auferstehung ja auch spielen.

 

Der Barock war da ein hübsches Stück weiter und man könnte auch hier die Passion in unsere Zeit hineinspielen: Denn Jesus ist für uns und an uns gestorben, wie jeden Tag Menschen an uns leiden und zu Opfern unserer Gewalt und unserer Gleichgültigkeit werden.

 

Mich würde das alles nicht so beschäftigen, wenn diese neue Textfassung als ultima ratio - mit theologischem Berater! - nicht landauf, landab gerühmt werden würde.

 

Aber Passion als Propaganda, egal welcher Couleur, ist falsch, auch wenn sich die Textfassung darum bemüht, eine ethisch einwandfreie Propaganda zu machen.

 

Einige Passagen waren gut, eine Textstelle der neuen Passagen hat mich berührt, die Schauspieler waren phantastisch. Aber die Textfassung lässt sich nicht damit entschuldigen, dass Laien am Werk waren.

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Vielen Dank für Deine Mühe!

Ich fürchte, ich verstehe. ;)

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So, wie du das schilderst, wird Kaiaphas wohl von einem wichtigen Bürger gespielt...

Geht die Passion bis Pfingsten? irgendwie bin ich maximal bereit, noch die Auferstehung dabei zu sehen.

Die Zuschauer kann man doch miteinbeziehen: Hosannah schreien werden sie können, ebenso kreuzige ihn. Ich bevorzuge Inszenierungen, die weniger auf religiöse Zugehörigkeit(wann haben die Hohepriester denn verlernt, hebräisch zu sprechen?) als auf menschliche Motive eingehen. Und Schuld ist auch heute noch aktuell...

Edited by mn1217
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So, wie du das schilderst, wird Kaiaphas wohl von einem wichtigen Bürger gespielt...

Geht die Passion bis Pfingsten? irgendwie bin ich maximal bereit, noch die Auferstehung dabei zu sehen.

Die Zuschauer kann man doch miteinbeziehen: Hosannah schreien werden sie können, ebenso kreuzige ihn. Ich bevorzuge Inszenierungen, die weniger auf religiöse Zugehörigkeit(wann haben die Hohepriester denn verlernt, hebräisch zu sprechen?) als auf menschliche Motive eingehen. Und Schuld ist auch heute noch aktuell...

 

Die übergroße Rolle des Kaiaphas soll aus der Zeit von Max Streibl stammen, wurde mir von jemanden gesagt. Und die Zuschauer einbeziehen, das habe ich selber erlebt: Wir hatten einen ganzen Saal voller Kinder und Pilatus fragte sie, wen sie denn haben wollten, aber eigentlich hatten wir nicht damit gerechnet, dass sich alle Kinder zusammen taten und "Jesus" schrieen. Die ca. 40 Komparsen hatten alle Mühe, den Barrabas freizuschreien, und von einer davon weiß ich, dass ihr die auferlegte Rolle unter die Haut ging. Bei der Frage nach dem, was man mit jenem tun solle, den man den König der Juden nennt, hatten wir - ich war Komparse - einen klaren Plan: "Kreuzige ihn", das verschaffte uns den entscheidenden Vorteil.

 

Wem dienten wir? Dem Drehbuch? Der Tatsache, dass auch Barrabbas Familie hat im realen Leben? Dass Jesus auch für ihn gestorben ist?

 

Aber in Oberammergau wäre das nicht möglich.

 

Die Passion wird bis in den Oktober gespielt.

 

Die Auferstehung selbst hat eine sehr schöne Lichtsymbolik, welche dem Lichtritus der Osternacht entnommen wurde, aber extreme Schwächen in der Darstellung, wie Glaube an die Auferstehung vermittelt wird oder geschildert wird:

 

Der Auferstandene zeigt sich nicht Maria Magdalena und spricht nicht mit ihr, sondern zeigt sich stumm dem Publikum, ohne etwas zu sagen.

 

Ich kann nur zum wiederholten Male sagen: Die Evangelien lesen, begreifen, inszenieren, interpretieren.

 

Wenn man die Passion spieelt, dann muss man selber Evangelist sein.

 

Aber das Evangelium nach Oberammergau kann mit den klassischen Evangelien defintiv nicht mithalten.

Edited by nannyogg57
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gouvernante
Aber das Evangelium nach Oberammergau kann mit den klassischen Evangelien defintiv nicht mithalten.
Mir ist bilang noch keine (auch literarische) Evangeliensynopse untergekommen, die es mit den vier Originalen aufnehmen konnte. Das liegt meines Erachtens daran, daß Synopsen immer irgendwo glätten/beschneiden müssen. Die vier Evangelien sind voller innerer Spannungen - sie schildern ja auch ein Ereignis, daß keiner (auch die Evangelisten nicht) wirklich vollumfänglich erfassen kann. Und eine spielbare Synopse unterliegt dann noch einem zusätzlichen Set an Restriktionen.

Daher wundert es mich nicht, daß Oberammergau oder eine literarische Synopse jemanden, der regelmäßig die Originale meditiert und die Liturgie mitfeiert, eigentlich geistlich (nicht spieltechnisch etc.) nur enttäuschen kann. Meiner Erfahrung nach sind einem unterschiedliche Aspekte von Passion und Auferstehung in den verschiedenen Lebensphasen auch unterschiedlich "nah" oder wichtig - bei einer zusammengestellten Einheitsversion fällt diese Wahrnehmungsbreite flach.

 

In "säkularer" Form kann man diesen Effekt zum Beispiel bei Literaturverfilmungen beobachten.

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Gestern war ich in Oberammergau und habe das Passionsspiel gesehen.

 

boah eij - haste connections?

 

ich meinte immer, Karten für Oberammergau zu kriegen sei schwerer, als Karten zu kriegen für Bayreuth?

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Wir hatten einen ganzen Saal voller Kinder und Pilatus fragte sie, wen sie denn haben wollten, aber eigentlich hatten wir nicht damit gerechnet, dass sich alle Kinder zusammen taten und "Jesus" schrieen. Die ca. 40 Komparsen hatten alle Mühe, den Barrabas freizuschreien, und von einer davon weiß ich, dass ihr die auferlegte Rolle unter die Haut ging. Bei der Frage nach dem, was man mit jenem tun solle, den man den König der Juden nennt, hatten wir - ich war Komparse - einen klaren Plan: "Kreuzige ihn", das verschaffte uns den entscheidenden Vorteil.

 

Wem dienten wir? Dem Drehbuch?

ja; meine Meinung.

 

btw: ich liebe eher diese "ländlichen" Passionsspiele.

 

Ölbergszene. Jesus mit den Jüngern; die Kriegsknechte rücken an.

 

Ein mutiger Jünger fragt den Hauptmann der Kriegsknechte: "Wen suchet Ihr?"

 

Der Hauptmann antwortet:

 

"Wir suchen den Herren Jesum Christ,

der für uns gestorben und auferstanden ist."

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Gestern war ich in Oberammergau und habe das Passionsspiel gesehen.

 

boah eij - haste connections?

 

ich meinte immer, Karten für Oberammergau zu kriegen sei schwerer, als Karten zu kriegen für Bayreuth?

 

Am 20. April 2009 begann der Verkauf der Karten ohne Arrangement. Drei Tage später hatte ich meine Karte. Spontan hätte ich niemals der deutschen Mannschaft meinen Beistand als Fan im Spiel um den dritten Platz versagt, aber die WM war noch in weiter Ferne.

 

Es dürfte sich rentieren, spontan zu den Passionsspielen zu fahren. Es gab eine Dreiviertel Stunde vor Spielbeginn Leute, die Karten verkaufen wollten.

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Wir hatten einen ganzen Saal voller Kinder und Pilatus fragte sie, wen sie denn haben wollten, aber eigentlich hatten wir nicht damit gerechnet, dass sich alle Kinder zusammen taten und "Jesus" schrieen. Die ca. 40 Komparsen hatten alle Mühe, den Barrabas freizuschreien, und von einer davon weiß ich, dass ihr die auferlegte Rolle unter die Haut ging. Bei der Frage nach dem, was man mit jenem tun solle, den man den König der Juden nennt, hatten wir - ich war Komparse - einen klaren Plan: "Kreuzige ihn", das verschaffte uns den entscheidenden Vorteil.

 

Wem dienten wir? Dem Drehbuch?

ja; meine Meinung.

 

btw: ich liebe eher diese "ländlichen" Passionsspiele.

 

Ölbergszene. Jesus mit den Jüngern; die Kriegsknechte rücken an.

 

Ein mutiger Jünger fragt den Hauptmann der Kriegsknechte: "Wen suchet Ihr?"

 

Der Hauptmann antwortet:

 

"Wir suchen den Herren Jesum Christ,

der für uns gestorben und auferstanden ist."

 

Trotzdem, es geht unter die Haut. Ich habe nach jeder Aufführung dem Barrabas auf die Schultern geklopft und gesagt: "War toll, wie wir dich freigeschrieen haben, nicht wahr?" Im RL ist er Vater von zwei Kindern. Na gut, der Jesusdarsteller hat im RL auch zwei ...

 

Das größte Problem von Passionen - und ich habe noch eine weitere Inszenierung in diesem Jahr gesehen - ist unsere Scheu, Jesus tatsächlich als Mensch darzustellen, der er nach unserem Bekenntnis voll und ganz war. Da kommen dann solche Sachen heraus, dass alles modern und reflektiert ist, Jesus aber als eine vollkommen abgehobene Figur, direkt aus der kunstgeschichtlichen Ikonographie entsprungen, dargestellt wird. In einer Inszenierung durften die Hohenpriester Anzug tragen (merke: Im modernen Theater sind die Anzugsträger entweder die Bösen oder Forrest Gump), Jesus aber bekam eine Perücke mit Dürerschen Lockenhaar, da er im RL Religionspädagoge, aber leider auch ein Glatzkopf ist.

 

Und deshalb vehaftet der Hauptmann der Tempelwache auch keinen Wanderprediger, sondern den Erlöser.

 

Wenn man es so stehen lässt, wie du es erzählst, kann man natürlich auch hohe Theologie betreiben. Immerhin weiß man, was man bekennt.

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Aber das Evangelium nach Oberammergau kann mit den klassischen Evangelien defintiv nicht mithalten.
Mir ist bilang noch keine (auch literarische) Evangeliensynopse untergekommen, die es mit den vier Originalen aufnehmen konnte. Das liegt meines Erachtens daran, daß Synopsen immer irgendwo glätten/beschneiden müssen. Die vier Evangelien sind voller innerer Spannungen - sie schildern ja auch ein Ereignis, daß keiner (auch die Evangelisten nicht) wirklich vollumfänglich erfassen kann. Und eine spielbare Synopse unterliegt dann noch einem zusätzlichen Set an Restriktionen.

Daher wundert es mich nicht, daß Oberammergau oder eine literarische Synopse jemanden, der regelmäßig die Originale meditiert und die Liturgie mitfeiert, eigentlich geistlich (nicht spieltechnisch etc.) nur enttäuschen kann. Meiner Erfahrung nach sind einem unterschiedliche Aspekte von Passion und Auferstehung in den verschiedenen Lebensphasen auch unterschiedlich "nah" oder wichtig - bei einer zusammengestellten Einheitsversion fällt diese Wahrnehmungsbreite flach.

 

In "säkularer" Form kann man diesen Effekt zum Beispiel bei Literaturverfilmungen beobachten.

 

Es gibt ein paar eklatante Widersprüche zwischen den Evangelien: Bei Markus sind die Jünger stockdoof und fliehen bei der Gefangennahme, Matthäus übernimmt diese Version, Lukas verzichtet auf dieses Datail. Bei Johannes erwirkt Jesus, dass die Jünger gehen dürfen, später erscheint dann der Jünger, den Jesus liebte, unter dem Kreuz. Johannes zeichnet die Jünger eben nicht als Versager, sondern als Auserwählte und Kinder des Lichtes.

 

Die Flucht der Jünger wird in Oberammergau wenig thematisiert. Sie verschwinden halt einfach.

 

Bei Mk spricht Jesus nach der Gefangennahme nur noch drei Mal: Er bestätigt, dass er der Sohn Gottes ist, er bestätigt, dass er der König der Juden ist, und betet den Anfang des Ps 22 am Kreuz.

Nach Mk sind das Jesu letzte Worte.

 

Bei den anderen Evangelisten spricht Jesus von der Vergebung (Lk), zieht Paralellen zum Untergang Jerusalems (Lk), philosophiert mit Pilatus (Joh) usw.

 

Dazu kommen die Figuren der Legende, zB Veronika, die in einem Passionspiel eben nicht fehlen darf.

 

Wenn man katholisch ist, so ist jede Verkündigung, auch mein RU, Evangelium, nämlich das Meine. Damit nimmt man den Quelltexten nicht ihren Wert, aber man sucht seinen eigenen Zugang dazu und benützt die Quellen zur Verheutigung.

 

Das gilt genauso für ein Passionspiel.

 

Gespielt wurde eine Evangelienharmonie, gefragt wäre ein Evangelium, glaubwürdig vorgetragen von einem, der etwas zu sagen hat, eingebunden in die Tradition, aber überzeugend und klar.

 

Und das hat mir gefehlt. Der neue Text wirkt getrieben, will es jedem Recht machen: Den Darstellern und ihren Erwartungen, der Tradition, den jüdischen Vertretern, den Historikern, den Theologen, dem sensationshungrigen Publikum.

 

Die Presse hat gejubelt, aber ich bin enttäuscht.

Edited by nannyogg57
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