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Herr schenke ihnen die ewige Ruhe ...


TReh
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Beim Erstellen eines Familienstammbaums finde ich auf vielen "Sterbebildchen" meiner hauptsächlich christlichen Vorfahren den Satz

 

"Herr gib ihm/ihr die ewige Ruhe!"

 

Wie ist das denn gemeint? Schließt sich "Leben" (nach dem Tod) und ewige "Ruhe" nicht irgendwie gegenseitig aus? Ich bin verwirrt.

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Franciscus non papa

ruhe finden in gott, dem lebendigen kann doch eine durchaus aktive sache sein.

 

ps. ich verschieb das mal nach F&A, da ist das besser aufgehoben.

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Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.

(So habe ich den "ewige Ruhe"-Spruch jedenfalls verstanden)

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Ich finde die Formulierung "Herr, schenke ihm die ewige Ruhe" auch für weniger gelungen, besonders, wenn es sie in der Nähe eines Grabes gebraucht wird. Gerade dann assoziiert man mit der "ewigen Ruhe" die Friedhofsruhe, also den endgültigen Tod. Würde man sagen: "den ewigen Frieden", wäre es besser. Vielleicht sollte man grundsätzlich als Interpretationshilfe den Satz von Augustinus hinzufügen: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir."

 

Noch besser, als "Frieden" wäre eigentlich das jüdische Wort Schalom geeignet. Denn darum geht es. Vielleicht ist auch ein Gedanke an das fernöstliche Nirwana angebracht: Den Zustand völliger Einheit mit allem, den man (vor allem westlicherseits) mit Ausgeglichenheit, nicht mit Auflösung assoziieren kann (wenn auch nicht zwingend muss).

 

Es fehlt mir allerdings in allen Interpretationen der Gegenpol, der in der Verheißung des "Lebens in Fülle" besteht. Den Tod als Beendigung des Sterbe-Leidens zu sehen, ist ein Bedürfnis, das auch Nichtgläubige teilen - besonders, wenn man gerade am Grab eines Menschen steht, der sein Leben unter großen Leiden beenden musste. Der Tod (also das Beenden der Existenz) wird hier als Beendigung dieses Leidens und diesbezüglich als Erlösung gesehen. Für Christen ist dies allerdings unzureichend, denn sie erhoffen sich ja vom Tod mehr, als nur die Beendigung des Sterbeleidens.

 

Man kann jetzt darüber diskutieren, ob das Beenden jeden Schmerzes wirklich die Idealvorstellung des "Lebens in Fülle" trifft.

Näheres hierzu kann man in Hesses Steppenwolf finden, in dem Gespräch vor dem Ball zwischen Harry und Hermine. Das ist sowieso ein sehr lesenswertes Kapitel. Kurz skizziert:

 

Sie: "Harry, jetzt bist du glücklich. Gut so?"

Er: "Ja. Aber ich bin mit dem Glücklichsein nicht zufrieden!"

Sie: "Was kann man lieber wollen, als das Glücklichsein? Das Unglücklichsein? Komische Vorstellung für so jemanden wie dich, der sich vor ein paar Tagen noch umbringen wollte, weil er unglücklich war!"

Er: "Ja, aber das war ein dummes, unfruchtbares Unglück. Ich sehne mich nach einem Leiden, das von Sinn erfüllt ist. Ein Leiden, das sich aus einer sehr erfüllenden Aufgabe ergibt, für die man sich voller Leidenschaft und um jeden Preis einsetzt. Ein Leiden, das einen mit Wollust leiden und sterben lässt, das Leiden des Heilands, das Leiden der großen Märtyrer und Heiligen."

 

Nix mit Schmerzlosigkeit als Ideal also, was Hesse anbetrifft. Auch nix mit ewiger Ruhe. Da steckt ein Ideal und eine Sehnsucht drin, das mit herkömmlichen und etwas blauäugigen Idealen nicht kompatibel ist. Leiden wird nicht als absolut vermeidungswürdig angesehen, sondern nur die Sinnlosigkeit so manchen Leides. Hesse scheint mir hier sehr von Nietzsche geprägt (den er im Roman auch mehrfach benennt).

 

Mich regt dieser Gedanke immer ziemlich stark an, wenn ich über Tod, ewigen Frieden, Leiden und Theodizee nachdenke.

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Zumal die Antwort auf den Ruf "Herr, schenke ihnen die ewige Ruhe" ja lautet: "Und das ewige Licht leuchte ihnen." Das verweist doch deutlich auf ein Ruhen bei/in Gott als auf eine erhoffte gruftige Grabesstille der (physischen) Totenruhe.

 

Mein Posting schließt an Edith an, deshalb das "zumal". Mecky hat sich dazwischengeschlichen ;)

Edited by chrk
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Mecky hat sich dazwischengeschlichen ;)

Eine Frage der Perspektive. Ich finde, dass sich Edith dazwischengeschlichen hat mit dem Augustinus-Zitat, während ich zu gleicher Zeit am Schreiben war und auch an Augustinus dachte.

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Beim Erstellen eines Familienstammbaums finde ich auf vielen "Sterbebildchen" meiner hauptsächlich christlichen Vorfahren den Satz

 

"Herr gib ihm/ihr die ewige Ruhe!"

 

Wie ist das denn gemeint? Schließt sich "Leben" (nach dem Tod) und ewige "Ruhe" nicht irgendwie gegenseitig aus? Ich bin verwirrt.

Leben und Ruhe sind hier keine Gegensätze, weil Sie zwei unterschiedliche Aspekte beschreiben.

 

Das Leben ist die fortdauernde Existenz, das Anwesendsein der eigenen bewussten Persönlichkeit.

 

Die Ruhe dagegen ist ein Merkmal dieses Lebens, das nach dem Tod eben nicht mehr an diese Welt und ihre Sorgen, Existenzängste, etc. gekoppelt ist, sondern von diesen Problemen befreit ist.

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Beim Erstellen eines Familienstammbaums finde ich auf vielen "Sterbebildchen" meiner hauptsächlich christlichen Vorfahren den Satz

 

"Herr gib ihm/ihr die ewige Ruhe!"

 

Wie ist das denn gemeint? Schließt sich "Leben" (nach dem Tod) und ewige "Ruhe" nicht irgendwie gegenseitig aus? Ich bin verwirrt.

Leben und Ruhe sind hier keine Gegensätze, weil Sie zwei unterschiedliche Aspekte beschreiben.

 

Das Leben ist die fortdauernde Existenz, das Anwesendsein der eigenen bewussten Persönlichkeit.

 

Die Ruhe dagegen ist ein Merkmal dieses Lebens, das nach dem Tod eben nicht mehr an diese Welt und ihre Sorgen, Existenzängste, etc. gekoppelt ist, sondern von diesen Problemen befreit ist.

Trotzdem kann ich verstehen, wenn jemand den Satz seltsam findet.

Ein "ewiges Licht" ist für mich ein rotes Lämpchen, das neben dem Tabernakel oder auf einem Grab steht.

 

"Der Herr gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm", da sehe ich unwillkürlich eine Gruft vor mir. Und das gleich zweimal mit dem Wort "ewig" verbunden.

 

Der Satz ist, so wie er da steht und wie er bei jeder Beerdigung ohne weitere Gedanken heruntergesagt wird, schon sehr merkwürdig.

 

Und das ist es, was Pedrino wohl mit dem ziemlich uncharmanten Wort "Phrase" gemeint hat.

 

Tatsächlich word so etwas zur Phrase, wenn man es einfach ohne nachzudenken heruntersagt.

 

Wenn man sich allerings die Frage stellt, was damit gemeint sein soll, und das dann beim nächsten Mal, wenn man es hört, nicht mehr einfach nur so heruntersagt, dann ist es auch keine Phrase mehr.

 

Werner

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Tatsächlich word so etwas zur Phrase, wenn man es einfach ohne nachzudenken heruntersagt.

Was für nahezu jede Aussage gilt.

Was die von Dir ebenfalls angezogene Lichtmetaphorik anlangt, kann man gerade in den kirchlichen Adventtexten dazu sehr viel finden, was zum besseren Verständnis beiträgt.

Z.B. Eph 5,89, Lk 11,35, Psalm 56,14 usw

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Vielleicht sollte man auch mal erwähnen, dass diese Formel nicht irgendjemand einfach so erfunden hat, sondern dass es sich dabei um ein (apokryphes) Schriftzitat handelt, aus dem 4. Buch Esra.

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