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Nacktheit und Christentum


jos1
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Lieber Mecky

Ich wollte im Daniel75-Thread nicht posten. Dort lachen wir sehr gern. Hier gibt es nichts zu lachen. Es ist keine Gute-Nacht-Geschichte und kein jüdischer Witz, den man mit Ironie wahrnimmt und weiter zitiert. Hier handelt es sich um (christliche) Genoziden in Namen Gottes und ihre historische Rechtfertigung.

 

Gonzalo Fernandez de Oviedo (1478–1557) ist ein bekannter Chronograph, der in 1535 seine Historia general y natural de las Indias schrieb. Er gilt als derjenigen, die die (Und)sitten und die Zerstörung der Ameroindianer beschrieb. In seinem 5. Buch des ersten Buches, Teil 5, beschreibt die "sodomitischen" Praktiken der Indios, ihre sexuellen Unsitten, ihre Polygamie, Kannibalismus etc.* etc. Die Rechtfertigung der Zerstörung erfolgt durch lateinischen Autoren (darunter Plinius) sowie mit 1. König 14,24 (Luther): "Es waren auch Hurer im Lande; und sie taten alle Greuel der Heiden, die der HERR vor den Kindern Israel vertrieben hatte."

 

Aber nicht alle waren seiner Meinung und der Meinung der königlichen Mörder. Der Domenikaner Theologe Francisco de Vitoria lehnt jede päpstliche Autorität über die Indios in "De Indis recenter inventis et de iure belli hispanorum in barbaros (1539/1540, veröffentlicht in 1557), mit der Begründung ab, dass des Papstes Autorität nur für die Christen gilt, nicht für diejenigen die keine Christen sind. Obwohl die Salamanca-Schule sicherlich Einfluss hatte, wirkt eher die Politik der Zerstörung, für welche bis heute mir keine Entschuldigung der Kirche vorliegt.

 

Nackt sein kann ja zerstörerisch werden ... zumindest bei den Bekleideten.

 

 

 

*(1) Este es el quinto libro de la primera parte de la Natural y General Historia de las Indias, Islas y Tierra Firme del mar Océano; el cual tracta de los ritos e cerimonias e otras costumbres de los indios, e de sus idolatrías, e vicios, e otras cosas.

Edited by jos1
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für welche bis heute mir keine Entschuldigung der Kirche vorliegt.

 

 

 

Irgendwas war da auf einer Südamerika-Reise von Joh. Paul II. - Aber ich bin auf Reisen und ohne Bibliothek zum Nachsehen.

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die Politik der Zerstörung, für welche bis heute mir keine Entschuldigung der Kirche vorliegt.

Hi Jos!

Danke, dass Du doch noch geschrieben hast. Ich hatte es mir so ähnlich gedacht. Ich kann leider nichts daran ändern und will nichts groß daran deuten. Nur an dem letzten Punkt, den ich nun auch zitiert habe, kann ich wenigstens ein bisschen mitarbeiten. Ich glaube, dass es weniger um eine Entschuldigung geht - die halte ich für unmöglich, sondern eher um ein Bekenntnis dazu, dass man dies als ein Verbrechen sieht, dass es unmenschlich und wider die eigene christliche Überzeugung ist. Man muss sich kirchlicherseits davon distanzieren. Und man muss die geschichtliche Verantwortung übernehmen und sich den Ureinwohnern Amerikas noch einmal besonders (und sehr demütig) zuwenden.

 

Solche Bekenntnisse wären sowieso schon längst fällig. Bisher kenne ich nur eines, was mir glaubwürdig vorkommt: Das der Dominikaner, die sich zu den von ihrem Orden verübten Inquisitionsgräuel bekennen.

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die Politik der Zerstörung, für welche bis heute mir keine Entschuldigung der Kirche vorliegt.

Hi Jos!

Danke, dass Du doch noch geschrieben hast. Ich hatte es mir so ähnlich gedacht. Ich kann leider nichts daran ändern und will nichts groß daran deuten. Nur an dem letzten Punkt, den ich nun auch zitiert habe, kann ich wenigstens ein bisschen mitarbeiten. Ich glaube, dass es weniger um eine Entschuldigung geht - die halte ich für unmöglich, sondern eher um ein Bekenntnis dazu, dass man dies als ein Verbrechen sieht, dass es unmenschlich und wider die eigene christliche Überzeugung ist. Man muss sich kirchlicherseits davon distanzieren. Und man muss die geschichtliche Verantwortung übernehmen und sich den Ureinwohnern Amerikas noch einmal besonders (und sehr demütig) zuwenden.

 

Solche Bekenntnisse wären sowieso schon längst fällig. Bisher kenne ich nur eines, was mir glaubwürdig vorkommt: Das der Dominikaner, die sich zu den von ihrem Orden verübten Inquisitionsgräuel bekennen.

 

Du hast vollkommen Recht- Es handelt sich weniger darum "Entschuldigung" zu sagen, viel eher die Natur eigener Schwäche als solche zu akzeptieren. Und das fällt einem schwer ... vielmehr als die Geld- und Werkwiedergutmachung.

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In seinem 5. Buch des ersten Buches, Teil 5, beschreibt die "sodomitischen" Praktiken der Indios, ihre sexuellen Unsitten, ihre Polygamie, Kannibalismus etc.* etc. Die Rechtfertigung der Zerstörung erfolgt durch lateinischen Autoren (darunter Plinius) sowie mit 1. König 14,24 (Luther): "Es waren auch Hurer im Lande; und sie taten alle Greuel der Heiden, die der HERR vor den Kindern Israel vertrieben hatte."

...

 

Nackt sein kann ja zerstörerisch werden ... zumindest bei den Bekleideten.

Lieber Jos!

 

Da steckt noch was drin, was mit Traurigkeit alleine nicht zu bewältigen ist, sondern was ein immer wieder erneutes Erschrecken auslöst. Nicht ein überraschtes Erschrecken, - man kennt das - aber ein Erschrecken vor gewissen, immer wieder vorkommenden Mechanismen in der menschlichen Geschichte bzw. in der menschlichen Natur. Nena hat das mal in ihren 99 Luftballons ausgedrückt: Dass so was von so was kommt.

 

Natürlich war es nicht so, dass die sexuellen Gewohnheiten der Indios die eigentliche Ursache des Genozids waren. Das Thema heißt eher "Streben nach Gewinn, Macht, Besitz". Allerdings auch "Streben nach (moralischer) Überlegenheit".

Dass so was (Genozid) von so was (dieses Streben) kommt. Und dass dies irgendwie unausrottbar erscheint.

 

Die andere Lebensweise war nicht der Anlass, aber sie spielte eine Geige und sie war hervorragend instrumentalisierbar. Man konnte den Einbruch der altweltlichen Horden und ihre Gräuel irgendwie legitimieren. Denn das "Treiben" der Indios war ja moralisch minderwertig, ja, sogar verächtlich. Und damit hat man sozusagen schon den Freibrief in der Hand, jedwede Gräultat an "so was" zu begehen. Und das ist erschreckend. Dass so was funktioniert! Dass es immer wieder gelingt, eine solch schwachsinnige Rechtfertigung zu etablieren.

 

Man darf die Indios ausrotten, denn schließlich sind sie moralisch minderwertig. Ja, man ist sozusagen moralisch dazu verpflichtet "etwas" gegen diese Träger der Minderwertigkeit zu unternehmen. Sonst könnte es womöglich noch Schule machen! Wenn solche "moralischen Verirrungen", wie sie in dem von Dir zitierten Buch beschrieben sind, ungestraft bleiben, dann könnten sie Schule machen und wir hätten in absehbarer Zeit auch bei uns Sodom und Gomorrha. Genau genommen ist der Genozid samt seiner pervertieren Gräuel ein Wehren, eine präventive Maßnahme, eine notwendige Abschreckung.

 

Da ist unsere Aufgabe ...?

Ich glaube, die erste Aufgabe besteht darin, irrsinnige Fehlschlüsse zu bekämpfen:

1. Dass der moralisch Überlegene dem moralisch Unterlegenen die Hölle heiß machen darf.

2. Dass sexuelle Andersartigkeit anderer Menschen automatisch eine eigene moralische Überlegenheit bedeute.

 

Mir fallen nebulös noch mehr Fehlschlüsse auf, die ich aber heute Abend nicht mehr formulieren möchte. Insofern haben die lustigen Geplänkel im FKK-Thread ebenso wie die Dauerdiskussion um Homosexualität oder Wiederverheiratung etc. einen bitter ernsten Hintergrund: Dass nämlich aus so was ganz schnell mal so was werden kann.

 

"So was" ist übrigens der hervorragende Ausdruck, dass es sich um eine Variable handelt. Es muss nicht immer Homosexualität sein. Und die Gräuel müssen auch nicht immer so aussehen, wie zu der Eroberungszeit Amerikas. Das macht es schwer. Aber um so wichtiger.

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