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Der Prophet Jona


Lichtlein
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Hallo Leute,

beim Lesen des heutigen Schrifttextes bin ich noch mal über den vom 12.3. gestolpert - genauer gesagt, über den Kommentar zur Lesung, der vom Kloster Beuron stammt. Folgendes steht da:

 

  • Der kleine Prophet Jona hat der großen Stadt Ninive das Strafgericht Gottes angesagt. Das Strafgericht kam aber nicht; „Gott reute das Unheil, das er ihnen angedroht hatte“. Lässt Gott sich umstimmen durch die Bekehrung und Buße der Menschen? So mag es aussehen, die Wirklichkeit ist eher umgekehrt: dass die Menschen sich überhaupt wieder zu Gott hinwenden können, ist nur möglich, weil Gott sich ihnen zuwendet, um sie zu retten. Den Jona verdross es, dass Gott zum Verzeihen bereit war (4, 2), als hätte er nicht selbst von dieser Verzeihung gelebt - falls er überhaupt gelebt hat. Denn das Buch Jona ist offenkundig nicht ein historischer Bericht, sondern eine Lehrerzählung im besten prophetischen Stil und Geist, eine Illustration etwa zu Jeremia 18, 7-8.

 

Wie kommt man dazu, Jona als fiktive Gestalt anzunehmen? Womit wird das begründet? Und was ist Eure Meinung: gab es Jona als historische Person oder nicht?

 

Gruß,

Lucia

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Die Begründung liegt wohl in der zeitlichen Abfolge. Der echte Jona scheint schon lange tot gewesen zu sein, bevor er seine Storie geschrieben hat.

 

http://www.joerg-sieger.de/einleit/spez/06lehr/spez77.htm

 

 

"1. Das Jona-Buches und der Prophet Jona

Das Buch Jona wird an keiner Stelle als Prophetenbuch oder als Werk eines Propheten bezeichnet.

 

Es ist keine Sammlung von Prophetenworten, sondern eine Prophetenerzählung in Prosa. In der kunstvollen literarischen Gestaltung steht das Jonabüchlein der Rahmenerzählung des Buches Ijob oder auch den Büchern Rut und Ester nahe.

 

Man kann es geradezu als eine Novelle mit lehrhaftem Charakter und - besonders in Kapitel 4 - sogar mit ironischen ja selbst komischen Zügen bezeichnen.

 

Es ist die Geschichte von einem ungehorsamen Propheten, der sich zuerst seiner Sendung entziehen will, seinen Auftrag letztlich aber doch ausführen muss. Am Ende beklagt er sich dann bei Gott über den unerwarteten Erfolg seiner Predigt.

 

Der Prophet Jona, dem die Abenteuer des Jona-Buches zugeschrieben werden, ist der in 2 Kön 14,25 erwähnte Jona, der in der Zeit Jerobeams II. gewirkt hat.

 

Doch kann das Buch kaum von diesem Propheten Jona stammen.

 

 

 

2. Zur Entstehungszeit des Jona-Buches

In Denkart und Ausdrucksweise gibt es zwar Ähnlichkeiten zu Jeremia und Ezechiel, die Sprache ist aber insgesamt eher als sehr spät zu bezeichnen.

 

[b[Nach allen Indizien wurde das Buch wohl im 5. Jahrhundert, also in deutlich nachexilischer Zeit, abgefasst. Manche - wie etwa Werner H. Schmidt - gehen sogar von einer Abfassung im 4. oder gar erst 3. Jahrhundert v. Chr. aus.

 

Dabei ist der Psalm in Jona 2,3-10 vermutlich eine eigene literarische Einheit. Er nimmt keinerlei Bezug auf die konkrete Situation des Jona. Er ist auch in einer anderen literarischen Form als der Rest des Jona-Buches gehalten und hat keinerlei Beziehung zur Lehre des Buches. Vermutlich wurde er vom Verfasser des Jona-Buches einfach eingeschaltet oder auch später hier eingefügt."

 

 

 

(Geändert von Heidi um 10:00 - 19.März.2003)

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Guest Ketelhohn

»Wie kommt man dazu, Jona als fiktive Gestalt anzunehmen? Womit wird das begründet? Und was ist Eure Meinung: gab es Jona als historische Person oder nicht?« (Lucia).

 

Dazu kommt man aus Hochmut. – Den Jonas gab es selbstverständlich. Vor kurzem hatte ich in ähnlicher Sache schon einmal unsern Ralf – der Herr steh ihm bei – auf Mt 12,39-40;16,4 hingewiesen.

 

Übrigens lese ich die Einleitungen im Schott praktisch nie. Das schont Nerven, Magen und Familie. Der Geist vieler dieser Einleitungen ist nicht der Geist der Kirche.

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Guest Ketelhohn

»Die Elemente, die es benutzt sind viel zu phantastisch, um wirklich historische Schilderungen sein zu wollen.« (Zitat Jörg Sieger).

 

Das ist die bekannte Totschlagargumentation, welche das vorab feststehende Urteil des heutigen Lesers in den Verfasser der Schrift projiziert und mit der man im übrigen leicht das halbe Evangelium über den Jordan werfen kann.

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Zitat von Ketelhohn am 10:13 - 19.März.2003

 

 

…mit der man im übrigen leicht das halbe Evangelium über den Jordan werfen kann.


 

… der sich allerdings vorher geteilt hat, so dass man es leicht wieder zurückholen kann.

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Ich frage mich, warum es von Interesse ist, ob Jona gelebt hat oder nicht?

 

Es gibt eine Reihe von Gründen, zu vermuten, er habe nicht existiert. Es gibt aber gute Gründe, anzunehmen, dass die Schreiber der Evangelien geglaubt haben, dass Jona existiert (Matthäus 12:39-40 und Matthäus 16:4). Und wenn man von Jesu als historischer Person ausgeht, der das so gesagt wie in Matthäus, dann hat also auch Jesus an die Existenz von Jonas geglaubt.

 

Es gibt tatsächlich Fälle, wo man nicht mehr als Wahrscheinlichkeitsschlüsse machen kann. Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass Jona existiert hat, weil die Geschichte mit dem Wal offensichtlich erfunden ist.

 

Robert betrachtet das als Totschlagargument. Das ist es überhaupt nicht, es ist eine wohlbegründete Argumentation. Normalerweise, wenn wir eine Geschichte hören, wenden wir dasselbe Verfahren an. Je unwahrscheinlicher etwas ist und je mehr etwas unserer Erfahrung widerspricht, umso besser sind die Beweise, die wir für die Annahme der Richtigkeit der Geschichte benötigen.

 

Wenn ich erzähle, dass ich über einen 1m hohen Zaun springen kann, wird mir das jeder sofort glauben - ohne einen Beweis zu verlangen. Wenn ich erzähle, dass ich 2,20m überspringen kann, dann wird mir niemand das ohne einen Beweis glauben, vor allem die Leute nicht, die wissen, wie unsportlich ich bin. Wenn ich behaupte, ich könnte 3m überspringen, dann wird man auch ohne jeden Beweis glauben, dass ich das nicht kann. Das widerspricht nämlich jeder menschlichen Erfahrung. Es ist auch sehr unwahrscheinlich.

 

Unsere ganze Wahrnehmung beruht auf der Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Muster passen nämlich nie genau, folglich gibt es eine Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Und diese beruht auf derselben Methode. Zweifelt man die Methode an, muss man auch an seiner Wahrnehmung zweifeln.

 

Auf die Geschichte von Jona bezogen: Ohne wirklich gute Beweise ist die Geschichte in das Reich der Fabel zu verweisen. Würde uns heute ein Fischer diese Geschichte erzählen (bezogen auf seine Person) so würden die Leute lachen. Glauben würde es keiner.

 

Nun wird im Christentum gerne auf Beweise verzichtet - nicht, weil man das so toll findet, sondern aus der Not heraus, keine Beweise zu haben - und so stützt man sich auf Zeugen. Aber auch hier gilt: Für abenteuerliche Behauptungen bräuchte man gute Beweise, z. B. über die Glaubwürdigkeit von Zeugen.

 

Wenn A sagt, Ereignis X habe stattgefunden, dann ist es gerechtfertigt, zu glauben, X habe stattgefunden wenn:

 

(1) X nicht im Widerspruch zu unserer Erfahrung steht.

(2) X ein wahrscheinliches Ereignis ist.

(3) A als Zeuge glaubwürdig ist.

 

Wenn X eine Wahrscheinlichkeit von 0 hat, dann nützt auch der glaubwürdigste Zeuge nichts, X hat nicht stattgefunden. Wenn X eine Wahrscheinlichkeit nahe Null hat und unserer Erfahrung widerspricht, dann untergräbt dies die Glaubwürdigkeit des Zeugen A. Dann bräuchten wir noch eine weiteren unabhängigen und sehr guten Grund, um anzunehmen, X habe stattgefunden.

 

Da es diesen unabhängigen Grund nicht gibt (auch Jesus stützt sich auf die Bibel) ist es gerechtfertigt, davon auszugehen, dass Jona eine literarische Fiktion ist. Vor allem wird diese Annahme (wie Heidi ausgeführt hat) durch weitere und tatsächlich unabhängige Quellen gestützt.

 

Da die Wahrscheinlichkeit, dass die Geschichte ausgedacht ist, hoch ist (und es widerspricht nicht unserer Erfahrung, dass sich Menschen Geschichten ausdenken) und wir noch zusätzliche Gründe haben - mögen diese auch schwach sein - anzunehmen, dass die Geschichte ausgedacht ist, spricht nichts gegen diese Annahme. Es reichen nämlich schwache Gründe aus, etwas zu bestätigen, was von hoher Wahrscheinlichkeit ist und unserer Erfahrung nicht widerspricht.

 

Die Stärke eines geforderten Beweises muss immer in Relation zur Wahrscheinlichkeit und zu unserer Erfahrung stehen. Wenn man einmal dazu verführt wurde, diese Relation zu mißachten, dann schleust man korrupte Informationen in sein Wissen mit ein. Daraufhin ist dann die weitere Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten und Erfahrunsgwidersrpüchen ebenfalls korrupt. So entstehen Religionen (wie sonst sollte man das Entstehen falscher Religionen, die es unbezweifelbar gibt, erklären?) ... oder eben Legenden wie die von Jona. Mißachtet man die Relation, kann man auch gleich an Ufos, Entführung durch Außerirdische und dergleichen mehr glauben. Auch da sind die Beweise schwach.

 

Warum sollte man seinen Glauben auf Legenden stützen? Damit erhöht man doch nur die Wahrscheinlichkeit, dass man das Falsche glaubt. Folglich ist es gerechtfertigt, Jona für eine Legende zu halten.

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Skurrile Argumentation, Volker. Ich erzähle eine Geschichte, dass Volker regelmäßig von der Erde auf den Mond schwimmt. Kann nicht sein => Volker gibt's nicht, und Volker hat nie existiert.

 

Nicht besonders logisch, oder?

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Zitat von Lichtlein am 13:55 - 19.März.2003

Skurrile Argumentation, Volker. Ich erzähle eine Geschichte, dass Volker regelmäßig von der Erde auf den Mond schwimmt. Kann nicht sein => Volker gibt's nicht, und Volker hat nie existiert.

 

Nicht besonders logisch, oder?


 

Doch. Wenn es nämlich außer der Geschichte vom auf-den-Mond-Schwimmen kein anderes oder nur ähnlich unglaubwürdige "Zeugnisse" über Volker gäbe, dann spräche das sehr für seine Nichtexistenz.

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Zitat von lissie am 15:19 - 19.März.2003

Doch. Wenn es nämlich außer der Geschichte vom auf-den-Mond-Schwimmen kein anderes oder nur ähnlich unglaubwürdige "Zeugnisse" über Volker gäbe, dann spräche das sehr für seine Nichtexistenz.


 

Unabhängig von der Frage der historischen Existenz des Jona, die wohl keiner schlüssig verifizieren oder falsifizieren kann - die Bezeichnung unglaubwürdige Zeugnisse gefällt mir in dem Zusammenhang nicht; besser einfach keine historischen Quellen - das Jona Buch ist narrative Theologie.

 

Es wird in einer sprachlich wunderbaren Erzählung das Handeln Gottes an den Menschen aufgezeigt.

 

z.B.: Nachedem Jona seine Verweigerungshaltung aufgegeben hat, geht er nach Ninive und verkündet immer noch widerwillig den Untergang der Stadt.

 

Ich stelle mir das so vor:

Jona geht durch das Stadttor,

stellt sich in eine Ecke und

flüstert kaum hörbar: Ninive wird untergehen.

Verläßt die Stadt und harrt der Dinge.

 

Ergebnis ist bekannt, die Stadt tut Buße

Gott verzeiht

Ninive bleibt

 

--- und Jona ist schon wieder sauer auf Gott

 

etc.

 

Fazit: Gott handelt fast immer anders, als wir es erwarten.

 

Muß ich dann die Frage nach der historischen Existenz überhaupt noch stellen?

Mir ist das ehrlich gesagt egal, da ich mir sicher bin, daß es heute immer noch viele Jonas gibt.

Ich schließe mich selber da nicht aus smilie_mondieu.gif

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An Ciceros Beitag möchte ich eine Frage an Jürgen anknüpfen. Da wir nun gerade bei Jona sind – und möglicherweise die eigentliche Fragestellung erschöpfend beantwortet ist, denn die Jeremia-Stelle kann ja auch denen einen Hinweis auf die Existenz des Jona geben, denen das Buch aus den Propheten zu legendarisch ist:

 

Du hast erwähnt, dass das Buch Jona ein Midrasch sei – irgendwo einmal, ich weiß nicht mehr genau. Nun weiß ich zwar, dass es einen Midrasch (einen jüdischen Auslegungstext) zu Jona gibt, aber dass Jona selber einer sei, verstehe ich nicht.

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Guest Juergen

Daß Jona ein Midrasch sei, war die Auffassung meines Profs. für altes Testament.

Es ist aber wohl nicht die einzig mögliche Einordnung.

 

Aus dem LThK 3. Aufl, Bd. 5, Sp. 986:

...Sonst kommt es je nach Forschungsstandpunkt zu divergierenden Gattungsbestimmungen zwischen den Polen "Mytho" und "Historie":

religionsgeschichtlich (Mythos, Märchen)

biographisch (Legende)

traditionsgeschichtlich (Midrasch)

literaturwissenschaftlich (Novelle, Prophetenerzählung)

erzählanalytisch (narrative Theologie)

usw.

...

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