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Qumran und die Text- und Gattungsgeschichte


Chrysologus
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Chrysologus

Mit Interesse las ich soeben einen Artikel von Heinz-Josef Fabry in der aktuellen Herder Korrespondenz (da auf Reisen ist das mit dem Verlinken so eine Sache) mit der Überschrift: "Jesus kam nicht bis Qumran. Die Bedeutung der Aufsehen erregenden Handschriften - heute" [für den Pedanten: KK 68 (2012), 196-200].

 

Einiges darin ist mir neu:

 

Aus den Fragmenten kann man erkennen, dass die Gemeinde in Qumran fünf verschiedene hebräische Bibeln hatte, darunter auch die deuterokanonischen Schriften in Hebräisch, die uns bislang nur aus der LXX bekannt waren. Eine Entdeckung, die kaum ohne Folgen für die TExtgeschichte wird bleiben können.

 

Die vielen Kopien des Henoch und des Jubiläenbuchers zeigen, dass auf qumraner Sicht (wie auch aus christlicher Sicht) die Offenbarung alles andere als als abgeschlossen verstanden wurde. Dies trenne Qumran (und uns) deutlich vom rabbinischen Diktum, dass Gott sich den Menschen nur in der Zeit zwischen Moses und Artaxerxes geoffenbart habe. Fabry erwartet hier Auswirkungen auf die Kanongeschichte.

 

Die Qumraner Gemeinde - so Fabry - wußte sich wie die frühen Christen auch in einer Situation der Endzeit, das nahe Wewltgericht verlangte vor allem eine hohe Ethik. Dies unterschied die Qumraner von der pharisäischen Tora-Obervanz ebensoi wie von der klerikalistischen sadduzäischen Opfermoral.

 

Fabry stelllt dann sachlich fest, dass die Qumraner zwar eindeutug Judenb und Erben des Alten Testamentes sind, dass sie aber zugleich zentrale "Dogmen" des Judentums anders interpretierten.

 

Jesus selbst scheint zu den Qumranern keinen Kontakt gehabt zu haben-

 

Am interessantesten fand ich jedoch seinen Hinweis auf die Pluralität der hebräischen Bibeltexte sowie auf die hebräischen "Originale" der deuterokanonischen Schriften des AT, wobei zumindest ersteres den Kirchenvätern auch noch bekannt war.

 

Das Judentum, das wir heute kennen, hat seinen kanonischen Text (und nicht nur seinen Textkanon) erst später festgelegt.

 

Damit stellen sich mir dann doch einige (noch sehr unsortierte) Fragen:

 

1) Hat die Auffindung hebräischer Urtexte zu in der LXX überlieferten Büchern Auswirkungen auf die amtliche Textfassung (bzw. sollte sie dies haben).

 

2) Wie gehen wir mit der Erkenntnis um, dass die Bibel Jesu womöglich nicht dieselbe Textausgabe ist, die das heutige Judentum zugrunde legt.

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Was die Textgeschichte angeht, dürfte sich am Sitz im Leben wohl eher wenig verändern - oder?

 

Die interessantere Frage ist, worin sich die verschiedenen Bibeltexte überhaupt unterscheiden, ob es tatsächlich auch in der Aussage Unterschiede gibt und dann im dritten Schritt, ob diese Unterschiede die Aussagen Jesu - sofern er auf das AT referenziert - sich dadurch verändern oder nur andere Nuancen bekommen.

 

Die Idee von den verschiedenen Originalen finde ich insofern "pikant" als daß das Judentum seit einigen hundert Jahren doch angeblich auf strikte Abschrift des Urtextes geachtet haben will.

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Udalricus

1) Hat die Auffindung hebräischer Urtexte zu in der LXX überlieferten Büchern Auswirkungen auf die amtliche Textfassung (bzw. sollte sie dies haben).

 

Falls es wirklich Texte sind, die älter sind als die Septuaginta, ist die Frage durchaus berechtigt. Bei den deuterokanonischen Schriften dürften es wohl eher hebräische Übersetzungen des griechischen Urtextes sein, die für die Interpretation des griechischen Textes wichtig sind, aber den griechischen Text selbst nicht in Frage stellen.

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1) Hat die Auffindung hebräischer Urtexte zu in der LXX überlieferten Büchern Auswirkungen auf die amtliche Textfassung (bzw. sollte sie dies haben).

 

Falls es wirklich Texte sind, die älter sind als die Septuaginta, ist die Frage durchaus berechtigt. Bei den deuterokanonischen Schriften dürften es wohl eher hebräische Übersetzungen des griechischen Urtextes sein, die für die Interpretation des griechischen Textes wichtig sind, aber den griechischen Text selbst nicht in Frage stellen.

So einfach ist es nicht. Jesus Sirach lag z.B. ursprünglich auf Hebräisch vor. Das Vorwort des Übersetzers ist ja mittradiert. Andere deuterokanonische Schriften lagen hingegen ursprünglich auf Griechisch vor (die Makkabäer z.B.).

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Aus meiner Sicht zeigen die Texte von Qumran, dass die gesellschaftliche Situation im Israle Jesu bzw. im 1. und 2. Jhd n Chr. viel komplexer war, als wir uns das gemeinhin vorstellen. Anscheinend gab es verschiedenste Gruppen (man muss davon ausgehen, dass nicht jede Gruppe etwas hinterlassen hat), die sich auf ihre je eigene Weise mit der Situation im Land auseinandergesetzt hat.

Es war vor allem die desolate wirtschaftliche Lage der einfachen Bevölkerung die 80% der Menschen bedrückte. Die meisten lebten am Existenzminimum - der Rest wurde ihnen von den Römern und ihrer eigenen Oberschicht weggenommen und für schlechte Jahre gab es keine Vorsorge. Viele wurden aus Not Straßenräuber und auch die Evangelien spiegeln diese Lage der Dinge: da ist schon jemand reich, der nicht für den nächsten Tag vorsorgen muss. Das himmlische Festmahl ist ebenfalls ein eher bescheidenes Szenario, das Jesus verspricht.

Qumran findet hier ähnliche Antworten wie das Johannesevangelium (Gegensatz Licht/Finsternis). Es scheint aber eher so zu sein, dass Christentum und Qumran sich ähnlicher zeitgenössicher Quellen bedienen, als dass es zwischen beiden direkte Verbindungen gibt. Das Judenchristentum und Qumran teilen dann aber auch das gleiche Schicksal, nämlich den Untergang nach den Aufständen gegen die Römer.

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