Jump to content
Sign in to follow this  
nannyogg57

Friedhofsgespräche

Recommended Posts

nannyogg57

Gräberkult war nie so ein Ding in meiner Familie. Die prunkvolle Gestaltung des Grabes meiner Eltern oder ein pflichtgemäßer Besuch wurde nie erwartet. Das Gedächtnis der Verstorbenen ist integraler Bestandteil jeder Eucharistiefeier und in dieser bin ich ihnen näher als beim Besuch ihres Grabes.

 

Aber nun habe ich mir vor einem halben Jahr ein Grab "gekauft". Es steht auf dem örtlichen Kirchfriedhof in der dörflichen Gemeinde, in der ich lebe, und die Chance, auf einem echten Kirchfriedhof begraben zu werden, habe ich genutzt.

 

Was mir nicht klar war: In meiner Obhut befindet sich jetzt ein Grabstein mit den Namen einiger Leute, welche schon an diesem Ort bestattet wurden, sowie eine ziemlich kaputte Grabumrandung und diverse Gewächse auf demselbigen Grab, zB ein ziemlich aggressiver Wacholder mit Hang zur Weltherrschaft. Mit diesem Grab bin ich Teil des großen Hickhacks auf selbigem Friedhof geworden und Teil einer Gesellschaft, die im Rhythmus des Jahres ihr Grab/ihre Gräber pimpt.

 

Allerheiligen war klar: Ich habe den Wacholder brutal reduziert - er war schon auf dem Weg zum Nachbargrab - und Erika gesetzt. Beim örtlichen Baumarkt ließ ich mich von einer Frau beraten, die ebenfalls in Sachen Gräber unterwegs war. Im Gespräch wurde eines klar: Es ist nicht die Liebe zu den Verstorbenen, die die Grabpflege motiviert, es ist einfach die Tatsache, dass man nicht blöd angeschaut werden will. Und ich war jetzt mittendrin in diesem Hamsterrad.

 

Über den Winter war die Sache entspannt, aber nun habe ich gelernt: Spätestens zu Ostern muss das Grab erneut aufpoliert werden. Also habe ich, dieses Jahr verspätet, nach Ostern den Weg zum Fachmarkt angetreten, und dort eine schöne Auswahl von Bodendeckern erstanden.

 

Am Friedhof war ich gerade dabei, die Grabumrandung irgendwie auf Vordermann zu bringen, als ich von einem alten Mann angesprochen wurde.

 

Ob ich eine Gärtnerin sei.

 

Das ist, mit Verlaub, zutiefst biblisch. Kein Gärtner auf einem Friedhof zu sein, aber dafür gehalten zu werden - höchste Ehre.

 

Er war wohl etwas verwirrt. Er kannte die Leute im Grab (anständige Leute, aber halt nicht gerade Millionäre - das ist sehr erfreulich, immerhin werden mein Mann und ich mit ihnen nach dem Tod eine WG bilden, man will weder mit Gesindel noch mit Snobs zusammen die Ewigkeit verbringen) und konnte die Verbindung nicht herstellen.

 

Insgesamt war das Gespräch dann so, dass er Anstoß daran nahm, dass plötzlich so viele Grabstellen von "Fremden" übernommen würden. Das ist tatsächlich ein Bisschen seltsam: Im ersten Moment wollten wir auch den Grabstein entfernen lassen und ein hochtheologisch bedeutsames Teil installieren, das natürlich komplett uns gewidmet gewesen wäre, aber wir werden dieses Nachkriegsteil belassen, das da steht. Es ist noch Platz für zwei Namen und man weiß ja nie, ob dieser neue Grabstein nicht irgendwo in der dritten Welt mit Kinderarbeit hergestellt wurde. Da kommen meine Eltern durch: Es ist egal, was nach meinem Tod mit dem Ort passiert, wo ich beerdigt wurde. Ich mag das Zeichen, in der Nähe einer Kirche zu liegen, der Rest ist mit wurscht.

 

Er konnte mir im letzten Punkt nicht ganz folgen, fand aber die Idee, den Grabstein zu belassen, höchst ehrenwert.

 

Aber die feindliche Übernahme geschieht auch innerhalb der Ortsansässigen, so seine weiteren Ausführungen. Das fand ich interessant.

 

Ein Grab wird übernommen und man lässt den alten Grabstein entfernen und ein neues Teil kommt her, monströs, glänzend, ohne Namen, erst mal.

 

Bei alledem, ich kannte ihn nicht und er mich nicht. Das ist ungewöhnlich, denn ich bin bekannt wie ein bunter Hund. Denn in der Kirche selbst war er schon lange nicht mehr, wie er auf meine Nachfrage sagte. Dann schwadronierte er noch etwas davon, dass früher die Menschen stolz waren, wenn einer aus der Familie Priester wurde, aber die jungen Leute von heutzutage wären da ja gar nicht mehr dazu bereit (dies in Assoziation dazu, dass ich ihm sagte, dass ich die Religionslehrerin am Ort sei, was ihm in Erinnerung rief, dass sein Religionslehrer ein Pfarrer gewesen sei). Dass seit 30 Jahren bei uns auch Pastoralreferent*innen zugänge sind, das hatte er so nicht ganz mitbekommen.

 

Er ließ mich nachdenklich zurück. Der Friedhof ist kein Friedhof, sondern ein Kampfort. Dass ich das Grab kaufen durfte - ich hatte mich vor sieben Jahren auf die Liste setzen lassen, aber ich bin mir sicher, dass der Pfarrer mein Anliegen bewusst unterstützte - hat Gerede im Dorf in Gang gesetzt. Es gibt im Dorf auch einen Gemeindefriedhof, übrigens, aber nach den Regeln des Dorfes ist halt der Kirchfriedhof der Platz für die Einheimischen und der Gemeindefriedhof für die Zuagroasten. In 100 Jahren würde ich nicht den Stallgeruch annehmen.

 

Vielleicht aber in 1000 Jahren? Irgendwann werde ich in diesem Dorf meinen endgültigen Wohnsitz haben.

 

Gelegentlich aber sehe ich auf dem Friedhof Leute aus meiner Preisklasse und in meinem Alter, mit denen ich in der Gemeinde Dinge in Bewegung setze. Eines Tages werden auch sie Teil der Friedhofs-WG im Kirchfriedhof meines Dorfes sein.

 

In meiner Gemeinde wird jedes Verstorbenen 20 Jahre lang namentlich gedacht. Man muss keine Messe dafür kaufen, man wird in das Verzeichnis der Verstorbenen aufgenommen und in der Woche des Todestages wird bei den Fürbitten eben 20 Jahre lang der Name verlesen. Das ist schon irgendwie ... schön.

 

Den Wacholder habe ich übrigens entgültig entfernt. Bodendeckerrosen, Zwergmispeln und ähnliches Zeug. Rosen müssen sein, ich liebe sie.

 

Ansonsten werde ich das Spiel mitspielen in der Spannung dessen, was ich von meinen Eltern ererbt habe, und dessen, was die gesellschaftliche Konvention von mir erfordert.

 

Und ich werde rausbekommen, was mit den Leuten so alles los war, die in dem Grab beerdigt sind, das ich jetzt habe.

 

PS:Grab Nummer 42, übrigens. Aber das ist ein Insiderwitz.

 

PPS: Ich bin froh, dass ich das Grab legal habe. Mein agnostischer Sohn, mein Erstgeborener, hatte mir schon davor versprochen, mich notfalls illegal in einer Nacht-und-Nebel-Aktion dort zu verbuddeln. 

 

Edited by nannyogg57
  • Like 1

Share this post


Link to post
Share on other sites
Flo77

Der Stein unter dem mein Großvater begraben liegt stammt der Überlieferung nach vom Grab seiner Urgroßeltern. Wir werden es nicht mehr nachweisen können, da die Marmorplatten mit den Namen zur Beerdigung meines Großvaters umgedreht und neu beschriftet wurden und sich vermutlich nicht mehr heil herauslösen lassen werden. Der alte Friedhof an der Kirche (auf dem Vorfahren von mir aus mindestens 12 Generationen begraben wurden) wurde seit den 60ern nicht mehr neu belegt und so wurde Anfang der 80er der Stein versetzt und das alte Grab eingeebnet.

 

Die Übernahme fremder Gräber samt Grabsteinen kenne ich bisher nur von historischen Friedhöfen wie Melaten in Köln oder St. Johannis in Nürnberg.

 

Im Berchtesgadener Land habe ich allerdings schon Friedhöfe gesehen, die von Arkadengängen umgeben sind in denen die Familiengrüfte der "besseren" Familien angelegt sind. Ich gehe davon aus, daß man als Zugezogener da auch nicht so einfach reinkommt (oder ob diese Grüfte quasi zu bestimmten Häusern bzw. Höfen gehören und der Hofbesitzer natürlich dort beigesetzt werden kann?).

Share this post


Link to post
Share on other sites
Higgs Boson

Seit fast 20 Jahren haben wir ein Grab. Es ist im gemeindlichen Teil des Friedhofs. Um die Kirche herum, sie steht auf einem Hügel, ist der kirchliche Teil, der gemeindliche Teil ist auf dem unteren Teil, durch eine Stützmauer getrennt.

 

Wir hätten damals beim Tod meiner Tochter auch oben im kirchlichen Bereich noch ein Grab bekommen. Doch das wollte ich nicht. Unmittelbar daneben ist das Grab dreier Kinder, meine Kleine wäre das 4. Kind in der Reihe gewesen. Ich habe die Geschichte damals unmittelbar mitbekommen, kenne die Familie des Vaters noch aus meinen Jugendtagen. Ich hätte es nicht ertragen, das wäre einfach für mich zuviel gewesen. Dass zwei der Kinder auch noch Zwillingsmädchen sind, machte es noch viel schlimmer. (Auch meine Kleine war ein Zwillingskind).

 

Auch wenn ich jetzt nicht so der Typ bin, der in Grabpflege aufgeht (das ist eher das Gebiet meines Mannes), gemeinsam haben wir damals den Grabstein rausgesucht, wissend, dass das auch mal unserer sein wird. Und ziemlich schnell war uns klar, Stein wollen wir nicht. Wir haben uns für Schmiedeeisen entschieden und einen Termin mit dem Schmiedemeister im Nachbarort vereinbart. Der hat mit uns dann eine 'Friedhofstour' gemacht, sich einen ganzen Nachmittag zeitgenommen und mit uns gemeinsam das Grabkreuz entwickelt, das wir dann in Auftrag gegeben haben. Dabei hat er uns seine  Ideen mitgegeben, uns gesagt, was er unter keinen Umständen macht und warum, er hatte seine ganz eigene Theologie, die ganz lieb und ursprünglich war. Es war ein unvergessener Tag, Trauerbegleitung vom Feinsten. Der Rest der Grabanlage, die Bepflanzung ergab sich dann ganz natürlich natürlich.

 

Erst danach habe ich 'Grün kaputt' gelesen und festgestellt, ich werde eine letzte Ruhestätte finden.

Keine letzte Deponie.

Edited by Higgs Boson
  • Like 2

Share this post


Link to post
Share on other sites
nannyogg57

Also: Es gibt wohl verschiedene Systeme, aber auf dem von mir besagten Kirchfriedhof "bucht" man die Grabstelle für 20 Jahre. Dann zahlt man wieder für die nächsten 20 Jahre usw. oder die Grabstelle geht an jemand anderen über. Dass wir auf diese Weise auch "Eigentümer" eines Grabsteines würden, das war uns nicht bewusst. Das Grab war vernachlässigt und der Grabstein ist ein ziemlich seltsames graues Teil, ein Nachkriegsmodell, und strahlt den Charme von Beton mit Schäden von saurem Regen aus. Was sich aber ansonsten auf dem besagten Kirchfriedhof so zeigt, das ist von schrecklich-schauriger Art: Marmorblöcke zwischen grau und schwarz, auf Hochglanz poliert, gelegentlich der Versuch, mit einem Bronzekreuz oder einem Bronzeengel einen Hauch von Kultur zu verbreiten, sehr oft gravierte Bilder von Jesus, die einfach nur scheußlich sind ... davor derzeit ein Flor von Stiefmütterchen in allen Farben des Regenbogens, akkurat gepflanzt. Für eine heimliche Anarchistin wie mich, die nur ihrem theologischen Traum von einem Grab bei der Kirche, wie es schon die Alten hatten, folgt, ein Alptraum.

 

Mein agnostischer Sohn war letztes Jahr in Irland und beobachtete dort die Friedhofskultur um die Kirchen herum: Da herrscht wohl komplette Anarchie, die Gräber sind irgendwie angelegt, das geht drunter und drüber und niemand macht sich Gedanken um Graberde, Stiefmütterchen oder um Grabumrandungen.

 

Ich bin, auf gut Deutsch, mit meiner eigenen Geschichte mitten in einen Vorzeigefriedhof geraten, in dem es einen klaren Wettkampf darum gibt, wer die meisten Gräber in bester Lage mit teuerstem Grabstein best gepflegt vorzuweisen hat. Ich werde die Gefühle meiner Mitmenschen nicht verletzen, indem ich das Grab weiter vergammeln lasse, aber ich werde wohl einen Weg finden müssen, mein Anliegen zu verfolgen: Es geht nicht ums Wie, es geht ums Wo. Es geht um Gemeinschaft, nicht um Konkurrenz.

Share this post


Link to post
Share on other sites
Julius
vor 9 Stunden schrieb nannyogg57:

Mein agnostischer Sohn war letztes Jahr in Irland und beobachtete dort die Friedhofskultur um die Kirchen herum: Da herrscht wohl komplette Anarchie, die Gräber sind irgendwie angelegt, das geht drunter und drüber und niemand macht sich Gedanken um Graberde, Stiefmütterchen oder um Grabumrandungen.

 

Oh ja. 😃
"Die einzige Vorschrift in Irland lautet: Grabsteine und Gedenkstätten unterliegen in der Regel einer maximalen Höhe von sieben Metern."

Share this post


Link to post
Share on other sites

Create an account or sign in to comment

You need to be a member in order to leave a comment

Create an account

Sign up for a new account in our community. It's easy!

Register a new account

Sign in

Already have an account? Sign in here.

Sign In Now
Sign in to follow this  

×