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Vertrauen und Beweis


duesi
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Wir leben ja in einer Gesellschaft, in der es angesagt ist, gegenüber allem eine gesunde Skepsis an den Tag zu legen. Bloß nicht zu leichtgläubig sein. Immer Dinge kritisch hinterfragen. "Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe." Und es hat ja auch etwas positives. Es macht uns weniger anfällig für Rattenfänger jeglicher Couleur. Es führt zu einer gewissen Objektivität. Und ist auch eine unbedingte Voraussetzung für wissenschaftliche Arbeit.

 

Daher ist es auch etwas, das ich in den großen Landeskirchen, der RKK und der EVK unbedingt zu schätzen weiß. Dass sich da Theologen Gedanken drüber machen, wie man gegenüber kritisch denkenden Menschen verantwortungsvoll von Gott sprechen kann. Dass es da viel Literatur zu historisch-kritischer Exegese und eine Menge Antwortversuche auf kritische Anfragen an den Glauben gibt, Antwortversuche darauf, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse und Glauben zusammendenken kann.

 

Dennoch erlebe ich gerade eine andere Art des Glaubens, ohne dass ich meine kritische Beschäftigung mit Glaubenswahrheiten über Bord werfen möchte. Und ich wollte einfach mal fragen, ob der ein oder andere damit etwas anfangen kann oder ob euch das völlig fremd ist und ihr damit gar nichts zu tun haben wollt. (ich hoffe, ich habe das diesmal so formuliert, dass hier nicht gleich wieder harsche abfällige Reaktionen kommen). Nämlich einen Weg nicht vom Schauen zum Glauben (ja, ich glaube das, weil ich es durchreflektiert habe und mir das objektiv sinnvoll erscheint), sondern einen Weg vom Glauben zum Schauen (ich ergreife etwas im Glauben an einen lebendigen Gott, das ich noch nicht verstehen und durchreflektieren kann und habe Zuversicht, dass ich in diesen Dingen auch tatsächlich Gottes Wirken erfahren werde). 

 

Ein katholischer Priester (Willi Huber, der dier Gemeinschaft neuer Weg in München leitet) hat dazu in seiner Predigt neulich zwei Beispiele genannt. Er erzählte von einer Fürbittekonferenz in Kenia, in der die Teilnehmer zunächst ihre Anliegen vor Gott brachten und dann damit anfingen, Gott zu bitten ihnen etwas aufs Herz zu legen, worum sie gemeinsam beten sollten. Dann hatten die Teilnehmer auf dem Herzen, für den Diktator von Simbabwe zu beten. Sie beteten also gemeinsam für den Diktator von Simbabwe. Und eine Woche später wurde dieser Diktator gestürzt.

 

Ein anderes Beispiel, dass Pfarrer Willi Huber in seiner Predigt nannte, war ein indonesischer Pilot, der auf dem Herzen hatte, Gott Loblieder zu singen. So sang dieser Pilot den ganzen Tag über Loblieder (was seine Kollegen teilweise abstieß). Als er dann ein Flugzeit starten sollte, hatte er auf dem Herzen, 5 Minuten vor dem eigentlichen Starttermin zu starten und bat um vorzeitige Starterlaubnis. Das war gut so, weil es 5 Minuten später ein Erdbeben gab, so dass der Tower des Flughafens zusammenstürzte.

 

Ich erlebe diese Art zu glauben, als eine starke Quelle von Zuversicht, Freude und persönlicher Motivation. Zu glauben, dass ich da auf einen Gott vertraue, der das Unmögliche möglich machen kann. Wo ich auch Entscheidungen treffen kann, die ein gewisses Risiko in sich bergen. Im Vertrauen, dass es da einen Gott gibt, der da durch helfen kann. Wo Gebet auf einmal kein Formerfordernis ist, das irgendwie durchgezogen werden muss, sondern Gespräch mit einem lebendigen Gegenüber, dessen Arm nicht zu kurz ist, jedes Schicksal zu wenden.

 

Das Ganze hat auch meinen Blick auf die heilige Schrift geändert. Ich lese sie stärker als ein Beziehungsbuch. Der ganzen exegetischen Probleme darüber, was im Evangelium jetzt auf Jesus zurück geht und was nicht und was Jesus möglicherweise anders gemeint haben könnte, bin ich mir ja bewusst. Ich fange nicht an, auf einmal zu behaupten, das sei alles historisch jesuanisch, wie das da steht. Dennoch kann ich mir bei allem Respekt vor historisch-kritischer Jesusforschung auch mal einfach vertrauensvoll den Text als Gottes Anrede zu mir zu Gemüte führen und Gott erlauben, durch den Text in meine aktuelle Lebenssituation hineinzusprechen. Selbst die Texte im Buch Levitikus zu den Abmessungen von Brandopferaltar und Räucheraltar, auf denen morgens und abends jeweils geopfert wurde, haben mich persönlich dazu inspiriert, mir morgens und abends jeweils 10 Minuten für Loblieder Zeit zu nehmen. Früher fand ich solche Texte recht langweilig und nichtssagend. 

 

Ich möchte mich in diesem Thread nicht streiten. Mich interessiert einfach, ob jemand mit so einer Art zu glauben etwas anfangen kann, ob jemand seinen eigenen Glauben da wiedererkennt, ob das fremd erscheint oder ob so eine Art zu glauben, eher abgelehnt wird. Würde mich freuen, wenn dazu jemand etwas beitragen möchte.

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Ich habe Glauben nur so kennengelernt: Aus dem unmittelbaren Erleben, das sich im Laufe der Zeit verfestigt zu einer Erfahrung, der ich vertrauen kann. Glaubenswahrheiten finde ich im Regelfall überzeugend, weil sie zu meiner Erfahrung passen, nicht etwa, weil ich sie zuerst durchreflektiert und mit schriftlichen Offenbarungen abgeglichen hätte.

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vor 4 Stunden schrieb Merkur:

Ich habe Glauben nur so kennengelernt: Aus dem unmittelbaren Erleben, das sich im Laufe der Zeit verfestigt zu einer Erfahrung, der ich vertrauen kann. Glaubenswahrheiten finde ich im Regelfall überzeugend, weil sie zu meiner Erfahrung passen, nicht etwa, weil ich sie zuerst durchreflektiert und mit schriftlichen Offenbarungen abgeglichen hätte.


So könnte ich das auch sagen.

@ Duesi: Es gibt schon etwas an dem, was du schreibst, was ich gut nachvollziehen kann und was ich auch von mir kenne. Aber die Art und Weise, wie du das teilweise formulierst, weckt in mir ziemlichen Widerstand. Da fühlt sich einiges völlig falsch an. Am Beispiel der Geschichten, die Pfarrer Willi Huber erzählt: Nie und nimmer könnte ich solche Erfahrungen (auch wenn ich das durchaus kenne, dass ich manchmal etwas als Fügung erlebe und es mich dankbar macht) funktionalisieren und sie als Gottesbeweis oder als Beispiel für einen tollen Glauben oder was auch immer ins missionarische Feld führen. Das fühlt sich nach Missbrauch einer Beziehungserfahrung an. Das, was daran vielleicht kostbar war für den, der das erfahren hat, geht nach meinem Empfinden sofort verloren, wenn etwas so Intimes in die Öffentlichkeit gezerrt und für die Demonstration von irgendwas verwendet wird.
(Ganz abgesehen davon, dass ich die Beispiele wie auch früher schon andere Beispiele, die du gebracht hast, in Bezug auf das Gottesbild höchst problematisch finde. Was ist z.B. mit denen, die nichts auf dem Herzen hatten und beim Erdbeben gestorben sind?) 

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vor 5 Stunden schrieb Merkur:

Ich habe Glauben nur so kennengelernt: Aus dem unmittelbaren Erleben, das sich im Laufe der Zeit verfestigt zu einer Erfahrung, der ich vertrauen kann. Glaubenswahrheiten finde ich im Regelfall überzeugend, weil sie zu meiner Erfahrung passen, nicht etwa, weil ich sie zuerst durchreflektiert und mit schriftlichen Offenbarungen abgeglichen hätte.

Danke für diesen Erfahrungsbericht. Da lerne ich mal ein Stück eine Innenansicht von jemandem kennen, der die katholische Kirche nicht als Konvertit kennen gelernt hat, sondern darin aufgewachsen ist.

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vor 23 Minuten schrieb Ennasus:

Da fühlt sich einiges völlig falsch an. Am Beispiel der Geschichten, die Pfarrer Willi Huber erzählt: Nie und nimmer könnte ich solche Erfahrungen (auch wenn ich das durchaus kenne, dass ich manchmal etwas als Fügung erlebe und es mich dankbar macht) funktionalisieren und sie als Gottesbeweis oder als Beispiel für einen tollen Glauben oder was auch immer ins missionarische Feld führen. Das fühlt sich nach Missbrauch einer Beziehungserfahrung an. Das, was daran vielleicht kostbar war für den, der das erfahren hat, geht nach meinem Empfinden sofort verloren, wenn etwas so Intimes in die Öffentlichkeit gezerrt und für die Demonstration von irgendwas verwendet wird.
(Ganz abgesehen davon, dass ich die Beispiele wie auch früher schon andere Beispiele, die du gebracht hast, in Bezug auf das Gottesbild höchst problematisch finde. Was ist z.B. mit denen, die nichts auf dem Herzen hatten und beim Erdbeben gestorben sind?) 

Hallo Ennasus, danke für deine persönliche Sichtweise zu dem Thema. Ich empfinde sie auch gerade nicht als Angriff, sondern einfach als Ausdruck deines persönlichen Empfindens. 

 

Pfarrer Willi Huber hat diese Beispiele jedoch nicht als einen Beweis für die Existenz Gottes oder als Beweis für einen tollen Glauben formuliert. Er hielt eine Predigt über "vollmächtiges Beten" und wollte Menschen dazu ermutigen, Gott etwas zuzutrauen und selbst Erfahrungen vollmächtigen Betens im Leben zu machen. Ich für mich selbst habe diese seine Erfahrung als Ermutigung empfunden, dass ich auch in meinen täglichen Lebenskämpfen Gott etwas zutrauen kann. Ich persönlich sehe da keine Probleme für mein Gottesbild. Um Gott in seinen Verheißungen Vertrauen zu schenken, muss ich Gott nicht komplett in die Karten schauen können. Ich verstehe vieles nicht. Ich verstehe nicht, warum meine Frau sich von mir scheiden gelassen hat. Ich verstehe nicht, warum Menschen bei einem Erdbeben umgekommen sind. Ich verstehe viele Ungerechtigkeiten in der Welt nicht. Aber selbst in solchen bitteren Erfahrungen finde ich es tröstlich, dass ich nicht einem ohnmächtigen Gott gegenüberstehe, der der Welt einfach nur still schweigend zusieht. Sondern einem Gott, dessen Arm nicht zu kurz ist um zu helfen. 

 

Ich weiß, dass ich jetzt auch gegenteilige Erfahrungen machen kann. Um etwas beten kann und ich finde keine Erhörung. Dennoch möchte ich mich dann weder in die Schule der Selbstzweifel begeben "Habe ich nicht genug geglaubt?" Noch in die Schule der Gotteszweifel "Gibt es diesen Gott wirklich?" Sondern weiter darauf vertrauen, dass dieser Gott, den ich nicht vollständig fassen und durchdeklinieren kann, es wirklich gut mit mir und uns allen meint. Mich selbst ermutigen, weiter auf ihn zu setzen. Und auch andere, die ein Ohr dafür haben, ermutigen, weiter auf ihn zu setzen. Das macht mir auch Mut in meinem Alltag, wieder Träume zu träumen, die ich schon seit Jahren aufgegeben hatte. Mir selbst wieder Dinge zuzutrauen, die an den Realitäten des Lebens zu scheitern schienen. Das ist sicher keine Garantie, dass sich die Träume erfüllen werden. Aber es ist einfach erhebend, diesen freudevollen Gedanken im Herzen haben zu dürfen, dass mir da ein starker Gott vorausgeht, der mir den Weg zeigt. Ich empfinde es als befreiend, nicht auf jede theologische Frage eine Antwort haben zu müssen. Nicht beantworten zu müssen, was mit den Menschen ist, die beim Erdbeben gestorben sind. Die sind in Gottes Hand. Sondern lieber Antworten auf die Frage zu finden, welchen Menschen ich in der Kraft, die Gott mir gibt, beistehen und helfen kann.

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