Shubashi Posted August 3 Report Posted August 3 In einem anderen Thread haben wir ansatzweise über Prozesse religiöser Radikalisierung bzw. über Wege aus der Radikalisierung heraus gesprochen. In unserer Lokalzeitung erschien heute ein Gespräch mit einem Deradikalisrungsexperten, der versucht Menschen aus dieser Art religiösem Abseits herauszuführen. Der Bedarf dazu ist eindeutig gesellschaftlich - von 19 gewaltbereiten „Gefährdern“ in Hamburg sind 14 religiös motiviert, die Zahl gewaltbereiter Islamisten ist inzwischen auf über 1600 gestiegen. Interessant finde ich, dass der Ausstieg aus diesem Irrweg ganz überwiegend über Familie und Gemeinschaft geschieht, eher nicht über ideologisch-religiöse Grundsatzdebatten. Damit berührt das Thema in meinen Auge Religiosität generell. Im Christentum geht es damit v.a. um das Gleichgewicht zwischen Gottesliebe und Menschenliebe. Auch wenn Radikalisierung in der katholischen Kirche sich heute idR nicht gegen die Gesellschaft und andersgläubige Menschen wendet, hat sie das in der Vergangenheit durchaus getan. Letztlich haben wir die Toleranz erst durch den Widerstand der Reformation erlernt, sozusagen auch nur notgedrungen durch das „Gleichgewicht der Kräfte“. Auf der anderen Seite scheint das karitative, auf die Familie und Gesellschaft gerichtete Handeln im Christentum sozusagen wie eine eingebaute „Deradikalisierung“, die in ihrer Möglichkeit der rechthaberischen und letztlich egoistischen „Abwendung von allen“ entgegenwirken kann. In diesem Sinne finde ich, dass „Deradikalisierung“ im Sinne der Abwendung von intoleranter Rechthaberei durchaus auch eine Aufgabe im Christentum sein kann - sie braucht dazu gegenwärtig aber zum Glück wohl kaum eigens ausgebildete „Deradikalisierungsexperten“. Quote
SteRo Posted August 3 Report Posted August 3 vor 35 Minuten schrieb Shubashi: Im Christentum geht es damit v.a. um das Gleichgewicht zwischen Gottesliebe und Menschenliebe. Versteht man das so bei euch Protestanten? (Komm mir jetzt bloß nicht mit deiner katholischen Mitgliedschaft). Quote
nannyogg57 Posted August 3 Report Posted August 3 vor 11 Minuten schrieb SteRo: Versteht man das so bei euch Protestanten? (Komm mir jetzt bloß nicht mit deiner katholischen Mitgliedschaft). Auch wenn es eventuell nicht in dein Weltbild passt: Du bist definitiv nicht das Sprachrohr der katholischen Christenheit. Das nur, um deinen Post einzuordnen. Quote
SteRo Posted August 3 Report Posted August 3 vor 2 Minuten schrieb nannyogg57: Auch wenn es eventuell nicht in dein Weltbild passt: Du bist definitiv nicht das Sprachrohr der katholischen Christenheit. Das nur, um deinen Post einzuordnen. Du meinst vermutlich "der römisch-katholischen Christenheit" ... das stimmt, das bin ich nicht. Quote
rorro Posted August 3 Report Posted August 3 vor 1 Stunde schrieb SteRo: Du meinst vermutlich "der römisch-katholischen Christenheit" ... das stimmt, das bin ich nicht. Auch nicht der katholischen. Auch nicht der apostolischen. Quote
Shubashi Posted August 3 Author Report Posted August 3 Immerhin ist die Frage interessant - wäre das wirklich ein „protestantischer Zug“, ein „Gleichgewicht“ zwischen den Teilen des Doppelgebotes anzunehmen? Ehrlich gewagt, habe ich das einfach auch für einen Zug des frühen Christentums angesehen, in dem der Besitz schon früh in den Dienst der Gemeinschaft gestellt wurde. Oder man eben die Geschichte der Orden bedenkt, die sich schon im frühen Mittelalter vom bis dahin idealisierten Einsiedlertum zur gemeinschaftlich organisierten Arbeit hinwenden, die neben das bloße Gebet tritt. Die gemeinsame Gestaltung und der Aufbau ist ohne den Gedanken an den nächsten sinnlos. Im Islam oder Judentum hatte diese Art der Lebensgemeinschaft kein Pendant, die Orden im Buddhismus hingegen sehen eher das Almosen als wirtschaftliche Basis. (Die hochmittelalterlichen Bettelorden waren dann wieder der Protest gegen den durch die Arbeit angehäuften Besitz.) Da ich kein Theologe bin - ist die Idee vom Gleichgewicht im Doppelgebot nur meine eingebildete Ignoranz? Quote
KevinF Posted August 3 Report Posted August 3 (edited) 5 hours ago, Shubashi said: Immerhin ist die Frage interessant - wäre das wirklich ein „protestantischer Zug“, ein „Gleichgewicht“ zwischen den Teilen des Doppelgebotes anzunehmen? Ehrlich gewagt, habe ich das einfach auch für einen Zug des frühen Christentums angesehen, in dem der Besitz schon früh in den Dienst der Gemeinschaft gestellt wurde. Oder man eben die Geschichte der Orden bedenkt, die sich schon im frühen Mittelalter vom bis dahin idealisierten Einsiedlertum zur gemeinschaftlich organisierten Arbeit hinwenden, die neben das bloße Gebet tritt. Die gemeinsame Gestaltung und der Aufbau ist ohne den Gedanken an den nächsten sinnlos. Im Islam oder Judentum hatte diese Art der Lebensgemeinschaft kein Pendant, die Orden im Buddhismus hingegen sehen eher das Almosen als wirtschaftliche Basis. (Die hochmittelalterlichen Bettelorden waren dann wieder der Protest gegen den durch die Arbeit angehäuften Besitz.) Da ich kein Theologe bin - ist die Idee vom Gleichgewicht im Doppelgebot nur meine eingebildete Ignoranz? "Gleichgewicht" würde nach meinem Verständnis (übrigens protestantisch geprägt, aber ich spreche nicht für den Protestantismus) einen Zielkonflikt voraussetzen und den sehe ich zumindest in der Theorie nicht: Die Liebe zu Gott ist die Liebe zum Guten selbst. Dort, wo die Gottesliebe angeblich der Nächstenliebe im Weg steht, ist es imo keine Gottesliebe mehr, sondern eine Verzerrung davon, d.h. eine unvernünftige Form von Religion. Gerade bei Dir kann ich mir eigentlich schwer vorstellen, dass sich Gottes- und Nächstenliebe widersprechen. Daher die Frage: Wie kommst Du auf "Gleichgewicht"? Edited August 3 by KevinF 1 Quote
rorro Posted August 3 Report Posted August 3 vor 12 Stunden schrieb Shubashi: Auf der anderen Seite scheint das karitative, auf die Familie und Gesellschaft gerichtete Handeln im Christentum sozusagen wie eine eingebaute „Deradikalisierung“, die in ihrer Möglichkeit der rechthaberischen und letztlich egoistischen „Abwendung von allen“ entgegenwirken kann. In diesem Sinne finde ich, dass „Deradikalisierung“ im Sinne der Abwendung von intoleranter Rechthaberei durchaus auch eine Aufgabe im Christentum sein kann - sie braucht dazu gegenwärtig aber zum Glück wohl kaum eigens ausgebildete „Deradikalisierungsexperten“. Mir scheint das Ganze von Dir jetzt sehr bemüht, so als müssten wir Christen auch was finden, bloß weil die europäische Christenheit die letzten Jahrzehnte einfach keine primär religiös motivierten Terroranschläge verübt hat. Darf ja nicht sein, daß die anderen problematischer sind. Doch, sind sie. Eine ganze muslimische Gruppe wurde u.a. im Englischen eingemeindet dafür: die Assassinen. Der Vorwurf der Rechthaberei ist keiner. Von etwas vollkommen überzeugt sein kann nur der mit festen Überzeugungen. Das mag als rechthaberisch rüberkommen - na und? Quote
KevinF Posted August 3 Report Posted August 3 16 minutes ago, KevinF said: "Gleichgewicht" würde nach meinem Verständnis (übrigens protestantisch geprägt, aber ich spreche nicht für den Protestantismus) einen Zielkonflikt voraussetzen und den sehe ich zumindest in der Theorie nicht: Die Liebe zu Gott ist die Liebe zum Guten selbst. Dort, wo die Gottesliebe angeblich der Nächstenliebe im Weg steht, ist es imo keine Gottesliebe mehr, sondern eine Verzerrung davon, d.h. eine unvernünftige Form von Religion. Gerade bei Dir kann ich mir eigentlich schwer vorstellen, dass sich Gottes- und Nächstenliebe widersprechen. Daher die Frage: Wie kommst Du auf "Gleichgewicht"? Anders gesagt: Ethik sollte ein Kriterium für Religion sein, nicht umgekehrt. Quote
Shubashi Posted August 4 Author Report Posted August 4 6 hours ago, rorro said: Mir scheint das Ganze von Dir jetzt sehr bemüht, so als müssten wir Christen auch was finden, Dann habe ich mich leider nicht gut ausgedrückt, tut mir leid. Mir ging es eher um den vom Experten vorgestellten Ausgangspunkt der Deradikalisierung, nämlich die Bindung von Extremisten an Familie und Gemeinschaft wiederzufinden. Aktuell gibt es im Christentum das Problem der gewalttätigen Radikalisierung eher nicht, wie ist es uns gelungen, dahin zu kommen? Ist womöglich die Idee, dass der Liebe zu Gott die Liebe zum Menschen gleichwertig beigeordnet ist, ein Grund, dass (selbst)mörderische Gewalt im Christentum keinen Platz mehr findet? Die Idee, dass „Märtyertum“ mit Tötung anderer verbunden sein könnte, oder sogar sollte, wird dadurch auch entmutigt - sein Leben zu Schutz anderer zu geben aber nicht. Und die Psychologie der „Deradikalisierung“ nutzt anscheinend v.a. die Idee, den Nächsten, die Familie erst mal wieder in den Blick zu bekommen. In einer mörderischen Religiosität sind diese quasi komplett aus dem Blick verschwunden. Quote
Shubashi Posted August 4 Author Report Posted August 4 7 hours ago, KevinF said: Ethik sollte ein Kriterium für Religion sein, nicht umgekehrt. Nur wie kommt die Ethik noch in die Religion, wenn alles außer Gott ausgeblendet wird? Quote
SteRo Posted August 4 Report Posted August 4 vor 21 Stunden schrieb rorro: Auch nicht der katholischen. Auch nicht der apostolischen. Ich kann nicht ausschließen, dass ich's bin, weil ich nicht ausschließen kann, dass die Römisch-katholischen sich von der katholischen entfernt haben. Quote
rorro Posted August 4 Report Posted August 4 (edited) vor 4 Stunden schrieb Shubashi: Aktuell gibt es im Christentum das Problem der gewalttätigen Radikalisierung eher nicht, wie ist es uns gelungen, dahin zu kommen? Das ist eine verkürzte Sicht, wie Russland zeigt. Prinzipiell gilt, auch wenn das manchen hier nicht gefallen wird: je größer die Distanz zwischen Staat und Kirche, desto eher gelingt es den Gläubigen (und der lokalen Kirchenführung) sich eher am Evangelium zu orientieren als am gesellschaftlichen Konsens. Russland zeigt das im Extrem, doch auch hierzulande unterstützt ein großer Teil der Kirche faktisch Gewalt an ungeborenen Menschen. Die Allianz zwischen Staat und Kirche schadet besonders der Kirche. Das war schon immer so und wird immer so bleiben. Im Islam gibt es schon prinzipiell diese Trennung nicht, das Gegenteil wird im Koran propagiert. “Al-Islām dīn wa daula“ Der Islam ist Glaube und Staat. Das wird sich auch nicht ändern. Zu glauben, der muslimische Mainstream würde sich da unseren Vorstellungen anpassen, ist hochgradig naiv. Edited August 4 by rorro 1 Quote
Werner001 Posted August 4 Report Posted August 4 Am 3.8.2026 um 10:28 schrieb SteRo: Versteht man das so bei euch Protestanten? (Komm mir jetzt bloß nicht mit deiner katholischen Mitgliedschaft). Du scheinst ja mehr aus der islamischen Ecke zu kommen: es gibt 7963 Regeln, was man machen muss (dafür gibt es Plus-Punkte) und was man nicht tun darf (da gibt es Minus-Punkte), am Ende gibt es ein Punktesaldo, das entscheidet, ob du den Aufzug nach oben oder den nach unten nimmst Werner Quote
SteRo Posted August 4 Report Posted August 4 vor 20 Minuten schrieb Werner001: Du scheinst ja mehr aus der islamischen Ecke zu kommen: ... Da scheinst du ja meine Beiträge sehr selektiv wahrzunehmen. Quote
KevinF Posted August 4 Report Posted August 4 (edited) 15 hours ago, Shubashi said: Nur wie kommt die Ethik noch in die Religion, wenn alles außer Gott ausgeblendet wird? Das wäre die Frage nach Heilung von einer religiösen Ideologie? Nun, ich bin kein Experte, aber ein Weg scheint mir offensichtlich zu sein: Man braucht etwas, das einem wichtiger ist als die Ideologie. Das kann ein ethisches Prinzip sein wie intellektuelle Redlichkeit (aufrichtige Suche nach Wahrheit) oder Nächstenliebe oder auch ein konkreter Mensch. Wenn man das nicht hat und auch nicht finden kann, tja, dann wird es vermutlich schwierig. Edited August 4 by KevinF 1 Quote
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