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Der Papst wird heute 83 Jahre alt


Erich
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Herzlichen Glückwunsch!

 

... und als Geburtstagsgeschenk für Euch eine Hommage à Wojtyla:

 

 

Die Berufung des Papstes

Von Heinz-Joachim Fischer

 

Seit fast 25 Jahren steht Karol Wojtyla, Papst Johannes Paul II., an der Spitze der katholischen Kirche. Das Pontifikat des Mannes aus Polen ist eines der längsten der Kirchengeschichte und - so viel steht schon jetzt fest - eines der bedeutendsten der zurückliegenden Jahrhunderte. Und je länger es dauert, um so deutlicher tritt hervor, wie das, was der Papst seine Berufung nennt, in Kindheit und Jugend wurzelt. Seit fast einem Vierteljahrhundert ist er aller Welt bekannt: Karol Wojtyla, Papst Johannes Paul II. So lange hat er dieses Amt an der Spitze der katholischen Kirche inne, daß ein Großteil der jungen Menschheit nur ihn als Papst kennt, als jenen, der an den hohen christlichen Festtagen auf der großen Bühne von Sankt Peter in Rom erscheint. Einst kraftvoll und gewandt, wie selbstverständlich aus dem Zentrum die Szene beherrschend; nun nur noch gebrechlich, gebeugt unter all dem Pomp, der um ihn herum nach uraltem, wie magischem Protokoll entfaltet wird, und doch noch immer mit wachen Augen die Umwelt musternd. Längst hätte die moderne, in Jugend und Schönheit verliebte Gesellschaft dieses Programm mit dem immergleichen, alten und schwachen Hauptdarsteller abschalten können, wegzappen zu leichterer, ansehnlicherer Kost.

 

Viele spüren, daß die Menschheit, die Völker und die einzelnen, die Mächtigen und die Machtlosen diesen bald 83 Jahre alten Greis brauchen, nicht nur als Pontifex der katholischen Kirche, nicht nur als Sprecher der Christenheit gegenüber anderen Weltreligionen, sondern als Anwalt des Menschlichen.

 

Liegt es am Amt? In das Karol Wojtyla am 16. Oktober 1978 in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans gewählt wurde, von 111 Kardinälen aus allen Kontinenten, nach acht Wahlgängen. Als erster Nichtitaliener nach 455 Jahren, vor allem jedoch als Kerngesunder von 58 Jahren, der nach dem nur 33 Tage währenden Pontifikat von Johannes Paul I., des gesundheitlich schwachen Italieners Albino Luciani, Stabilität garantieren sollte. Der Pole hatte bis dahin das Erzbistum Krakau geleitet. 14 Jahre bereits, doch stets im Schatten des polnischen Primas, des furchtlosen Glaubenskämpfers Stefan Wyszynski.

 

Allseits freundlich wirkte er. Nur zuweilen konnte der Erzbischof hartnäckig sein. Wenn es gegen die kommunistischen Behörden ging, wenn er etwa den Bau einer Kirche in dem Neubauviertel von Nowa Huta in seiner Bischofsstadt durchsetzen wollte und es schaffte. Als "der unter dem Primas" galt der Krakauer. Und damit schien er ganz zufrieden.

 

Dennoch war Karol Wojtyla nicht unbekannt, vor allem nicht bei den benachbarten Kardinälen deutscher Sprache im Westen, einem Franz König in Wien, einem Alfred Bengsch in Berlin, einem Joseph Höffner in Köln, einem Joseph Ratzinger in München. Nicht zuletzt durch einen Besuch in Deutschland im Sommer 1978. So wird man wenige Monat später Papst. Aber dann ist es etwas schwieriger, es zu sein.

 

Das schien auch Wojtyla zu wissen, als er damals, an jenem milden Oktobernachmittag, auf die Mittelloggia von Sankt Peter trat: ein noch schüchtern wirkender Fremder, "aus einem fernen Land", wie er sagte, der um Vertrauen warb und es schon auszustrahlen begann. Vor allem schien er fest entschlossen, jetzt Papst zu sein - da ihn nun einmal nach seiner Überzeugung die göttliche Vorsehung aus dem abgelegenen polnischen Städtchen Wadowice auf den Thron Petri in Rom geführt hatte.

 

Das Geheimnis des Todes.

 

Was aber hatte diesen Polen bis dahin geprägt? Vor allem in Kindheit und Jugend, den entscheidenden Jahren. Denn mit 58 Jahren verändert man sich nicht mehr wesentlich, selbst wenn man Papst wird.

 

Nur ein Beispiel, wie der individuelle Lebensweg selbst in ein Papsttum hineinwirkt: In der jahrelangen Auseinandersetzung zwischen dem deutschen Katholizismus und der römischen Kirchenführung über die Schwangerenkonfliktberatung wurde immer wieder gefragt, warum Johannes Paul II. so "stur" bei seinem Nein zu dem katholischen "Schein" bleibe. Lange hoffte man, irgendwann werde er sich den "besseren" Argumenten aus Deutschland beugen.

 

Wenige berücksichtigten, daß der kleine Karol ein "Nachkömmling" war, ein Spätgeborener, lange nach den ersten beiden Geschwistern, nach 16 Jahren Ehe zwischen der "zerbrechlichen, zarten, leidenschaftlichen" Mutter Emilia und dem Vater Karol, einem "ehrenhaften, loyalen, wohlerzogenen, bescheidenen, geradlinigen, verantwortlichen, großzügigen und unermüdlichen" Soldaten; so die Beurteilung in der Personalakte des Offiziers im österreichisch-ungarischen Heer vor dem Ersten Weltkrieg, die auch einiges über seinen am 18. Mai 1920 geborenen Sohn Karol aussagt.

 

Hat man sich nie gefragt, was für den Papst die Vorstellung bedeutete, seine mit 36 Jahren für eine Schwangerschaft gefährlich alte Mutter hätte nach vernünftiger Beratung einen Schein zur Abtreibung erhalten? Gewiß, das Problem ist vielschichtiger, komplizierter. Das wußte auch Johannes Paul II., nicht zuletzt aus seinem Heimatland Polen mit so vielen Abtreibungen. Aber er blieb bei seinem Nein.

 

Noch etwas anderes nahm Karol Wojtyla, wie viele Zeugen und Zeugnisse bestätigen, aus der Kindheit mit: das bedrängende Geheimnis des Todes, des gefährdeten, bedrohten, plötzlich beendeten Lebens. Dieses Mysterium, so die Erfahrung des Kindes in religiöser Umgebung, könne der Mensch nur ertragen durch den Blick aus dem Irdischen hinauf, mit Hilfe der vertrauten Religion. Er sei "kein fröhliches Kind" gewesen, heißt es; wegen der "stets kränklichen" Mutter und des deshalb "ewig besorgten" Vaters. Die Mutter Emilia, selbst mit neun Jahren verwaist, bedrückt durch den frühzeitigen Tod der Hälfte ihrer acht Geschwister und den Tod ihrer Tochter Olga zu Beginn der Ehe (nach dem erstgeborenen Edmund) nie ganz verwindend, starb am 13. April 1929 im Alter von 45 Jahren. Da war Karol neun und nun erst recht nicht mehr fröhlich. In seinem Zeugnis stand "sehr gut" hinter Religion und Betragen, aber auch hinter Zeichnen, Gesang und Sport; "gut" für alles andere.

 

Der "tief religiöse" Vater wußte nichts Besseres, als seinem Sohn zu der leiblichen Mutter im Himmel die im Gebet gegenwärtige Mutter Maria zu geben. Aus dieser Zeit mit dem Vater allein rührt offenbar auch die Sehnsucht nach einer intakten Familie her. Ihr soll, wenn sie schon vom Tod bedroht sein kann, wenigstens menschliche Willkür nichts anhaben. So wettert der Papst gegen die Scheidung und gegen allzu leichte "Nichtigkeits"-Erklärungen kirchlicher Richter für geheiligte Ehen. Wie schön wäre es, so läßt er poetisch und dogmatisch wissen, wenn der Bund zwischen Mann und Frau, ein Sakrament Gottes, unauflöslich wäre.

 

Daß Johannes Paul II. ein Verehrer der "Jungfrau und Gottesmutter Maria" im allgemeinen und der polnischen Madonna von Tschenstochau im besonderen ist, daß er ihr etwa die Rettung bei dem lebensgefährlichen Attentat vom 13. Mai 1981 zuschreibt, als bei der Audienz auf dem Petersplatz der türkische Attentäter Ali Agca auf ihn schoß, kann nicht als Aberglaube belächelt werden. Die himmlische Ersatzmutter gehört zur Persönlichkeit dieses Papstes, ihre Verehrung ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

 

Wie hätte er sonst noch im vergangenen Herbst das Rosenkranzgebet zu Ehren dieser Jungfrau und Mutter des christlichen Lebens empfehlen können: statt der Flucht in Alkohol und Depression ein mentales Lebenstraining durch Gebetsperlen? Die polnische Madonna wiederum hat Weltgeschichte gemacht, auf den Revers der Danziger Werftarbeiter, die in ihrem Zeichen als "Solidaritäts"-Gewerkschaft dem kommunistischen Regime mit seinen Panzern trotzten. So versetzt der Glaube Berge.

 

Der Tod in der Nähe traf den jungen Karol mit zwölf Jahren noch einmal, als der bewunderte und geliebte ältere Bruder Edmund, gerade Arzt geworden, im Alter von 26 Jahren an Scharlach starb. Als 1941 auch der Vater starb, wußte Karol Wojtyla endgültig, daß auf das irdische Leben kein Verlaß sei, daß er selbst nicht unbekümmert Lebens- und Liebesfreuden würde genießen können: allein, seiner "nächsten Angehörigen beraubt", wie er traurig vermerkt. Nur die katholische Lebenskultur, so weiter, getreu in der geschrumpften Familie vermittelt und überall gegenwärtig in Krakau, würde ihn die Schrecken des Todes überwinden helfen. Die Geburt des Religiösen aus der Erfahrung des Todes.

 

Um der Deportation zu entgehen: Arbeit im Steinbruch.

 

Da hätte man meinen können, daß solche Erkenntnis sofort zum Wunsch führt, Priester zu werden. Zumal im katholischen Polen, wo die soziale Stellung der Pfarrer einladend war. Weit gefehlt. Aber nicht etwa "wegen der Mädchen" und des drohenden Zölibats, der verpflichtenden Ehelosigkeit für katholische Priester. "Das war nicht das Problem", schrieb Johannes Paul II. mehr als ein halbes Jahrhundert später in einem Erinnerungsbuch unter dem Titel, "Geschenk und Geheimnis": "Mich hatte in jenen Jahren vor allem die Leidenschaft für die Literatur, besonders die dramatische, und für das Theater erfaßt. Nach Ablegung der Reifeprüfung im Mai 1938 schrieb ich mich an der Universität (in Krakau) für die Kurse in polnischer Philologie ein." Kein Problem mit den Mädchen also.

 

Und wenn schon er so offen war, darf man erstaunt zur Kenntnis nehmen, daß seine freie, doch von Leidenschaft, wenn auch nur für dramatische Literatur und Theater, erfüllte Studentenzeit immerhin mehr als vier Jahre dauerte, bis zum Eintritt in das Priesterseminar im Herbst 1942. Während dieser langen Zeit in der Kulturhauptstadt Krakau fügten sich die alltäglichen Erfahrungen zu einem Welt- und Menschenbild zusammen, das für Karol Wojtyla bestimmend blieb.

 

Es reifte zugleich während dieser Jahre des Sturms und Drangs in ihm, was er selbst "meine Berufung" nannte. Auch durch "diese ganze Theatererfahrung, die sich mir tief eingeprägt hatte". Also nicht Ehe und Familie und ein bürgerlicher Lebensentwurf, sondern etwas, das den Widrigkeiten und Wehen in diesem irdischen "Tal der Tränen" überlegen war.

 

Denn in diesen vier Jahren, zwischen Reifeprüfung und Aufnahme des Studiums als Angehöriger des Priesterseminars, geschah einiges. Denn die Erfahrungen mit dem nahen Tod in der Familie wiederholten sich für Karol Wojtyla auf höherer Ebene, im Nationalen. "Der Kriegsausbruch (am 1. September 1939) veränderte auf ziemlich radikale Weise meinen weiteren Lebensweg", schreibt der Papst. Und weiter ohne Klagen und ohne Anschuldigen: "Um der Deportation zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu entgehen, begann ich im Herbst 1940 in einem Steinbruch zu arbeiten, der zur Chemiefabrik Solvay gehörte." Da dichtet er: "Die ganze Größe der Arbeit liegt im Menschen", schon 1940 gleichsam das Programm für ein päpstliches Lehrschreiben, "Laborem exercens" (Arbeit verrichtend), vorwegnehmend. Als ein Arbeiter bei der Explosion einer Dynamitladung tödlich verletzt wird, empfindet er "ein Gefühl von Ungerechtigkeit", das den Kirchenmann immer bewegt, wenn die Würde des Menschen, sein Recht auf ein Leben verletzt wird.

 

Dann der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen Polen; die Verfolgungen der Nazis gegen die Juden, die Jagd auf jene Menschen, die gerade noch Klassenkameraden waren, Studienfreunde, Arbeitskollegen, oder der polnische Vermieter im heimischen Wadowice, der Arzt, der geholfen, der Professor, der ihn "die Geheimnisse des lebendigen Wortes" gelehrt hatte. Im Widerstand gegen die furchtbaren Ereignisse, gegen die Macht und den Geist der Zeit wachsen und reifen seine Lebensentschlüsse.

 

Zusammenfassend notierte er: "Die endgültige Reifung meiner Priesterberufung erfolgte in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, während der Besatzung durch die Nazis." Dabei weiß Karol Wojtyla, daß ihm das Schlimmste erspart blieb, im Gegensatz etwa zu dem "Jüngsten unserer Klasse, der als erster im Krieg fiel", im Gegensatz "zu meinen sehr lieben Freunden, unter ihnen einige Juden", die an den verschiedenen Fronten gefallen oder in den Konzentrationslagern umgekommen waren.

 

Daß eines dieser grauenhaften Lager, das berüchtigtste, Auschwitz, nur ebenso weit von Krakau wie der Heimatort Wadowice entfernt liegt, ist für den jungen Theologiestudenten ein Grund mehr, seine Berufung immer fester zu verfolgen. "Angesichts des Umsichgreifens des Bösen und der Greuel des Krieges wurde mir der Sinn des Priestertums und seiner Sendung in der Welt immer klarer." Gefährlich genug. Unter der deutschen Besatzung im Westen und der sowjetischen im Osten Polens - gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt - werden Tausende Priester verhaftet und deportiert, die einen nach Dachau in der Nähe Münchens, die anderen nach Sibirien und in Lager in anderen Republiken der Sowjetunion.

 

Lebensüberzeugungen, Berufswahl, Glaubensfestigkeit, die unter solchen Umständen wachsen, können nie mehr erschüttert werden. Und andererseits: Wie kann man einem Mann mit solchen Erfahrungen noch etwas weismachen vom beständigen Fortschritt des Menschengeschlechts, von der baldigen Allherrschaft der Vernunft über Völker und Staaten, von der Aufklärung, die geschwind alle aus der Unmündigkeit des Verstandes zu freier Selbstentfaltung des Guten führt. Die "Apokalypse" menschlicher Selbstverwirklichung und Herrlichkeit endet für Karol Wojtyla im Konzentrationslager von Auschwitz, im sowjetischen GULag.

 

Noch auf andere Weise waren diese vier Jahre zwischen 1938 und 1942 prägend. Der Arbeiter-Student dachte nach, schrieb Gedichte, suchte Schutz vor der grausamen realen Welt als Schauspieler in einem kleinen Privattheater, alles im geheimen. So wurde er kein Grübler, kein von der Welt und den Menschen enttäuschter Single. In den Jugenderinnerungen des Papstes überrascht, wie viele Personen er namentlich mit ihrem Schicksal aufführt, unter der dankbaren Bemerkung: "Ich habe während der schweren Kriegsjahre von den Menschen viel Gutes empfangen."

 

Das Positive steht im Mittelpunkt. Da ist es eine Familie, die ihn "mit zuvorkommender Sorge und Liebe umgab", Kydrynski mit Namen, eine Frau, mit deren Hilfe er Französisch - lange die beste seiner Fremdsprachen - lernt, Jadwiga Lewaj; eine andere, die zu Hauskonzerten einlädt, Zofia Pozniak. Die Welt der Arbeit im Steinbruch und später in der Kläranlage der Solvay-Fabrik wird nicht vornehmlich als verhaßte Maloche wahrgenommen. Diese körperliche Arbeit geht übrigens noch einige Zeitlang weiter, als er schon im Priesterseminar studiert. Karol Wojtyla findet auch da unter den Arbeitskollegen "viele religiöse Gefühle und viel Lebensweisheit". Das muß auch an ihm liegen, daß er Menschen dazu bringt, sich zu öffnen, ihr Gutes herauszukehren, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeitsgefühl, Mitleid, Bewunderung.

 

Die Kirche, Vater und Mutter.

 

Über diese Zeit als "Arbeiter-Seminarist" schreibt der Papst: "Da ich manuell arbeitete, wußte ich sehr wohl, was körperliche Anstrengung bedeutete. Ich kam jeden Tag mit Leuten zusammen, die Schwerstarbeit leisteten. Ich kannte ihr Milieu, ihre Familien, ihre Interessen, ihre menschlichen Werte und ihre Würde. Mir persönlich wurde von ihnen große Herzlichkeit zuteil. Sie wußten, daß ich Student war, und sie wußten auch, daß ich, sobald es die Umstände zuließen, das Studium wiederaufnehmen würde. Niemals stieß ich deswegen auf Feindseligkeit. Ich schloß mit vielen Arbeitern Freundschaft. Manchmal luden sie mich zu sich nach Hause ein. Einige dieser Kontakte dauern in Form des Briefwechsels bis heute fort." So einer muß kein Heiliger werden. Doch so einer als Seelsorger, aus Leidenschaft und Überzeugung den Menschen zugetan, muß nicht über Vereinsamung klagen.

 

Im Herbst 1942 faßt Karol Wojtyla endgültig den Entschluß, in das Priesterseminar von Krakau einzutreten und das Studium an der Fakultät für Philosophie und Theologie der Jagellonen-Universität aufzunehmen. Aber er wohnt noch "draußen", privat im Haus von Verwandten der Mutter, "in der Welt", noch nicht hinter den schützenden Kirchenmauern. Denn er muß unter den gegebenen Umständen weiter seine Existenz rechtfertigen, als Arbeiter, um die stets drohende Deportation zu vermeiden. Als er schließlich im September 1944 in das Seminar zu dem "geliebten Metropoliten", dem späteren Kardinal Sapieha, einzieht und die Arbeit in der Fabrik aufgeben kann, beginnt für ihn ein anderes Leben.

 

In gewissem Sinn nicht mehr sein eigenes. Aber seine Persönlichkeit ist gereift, seine Lebensentscheidungen sind getroffen, die Überzeugungen gebildet. Karol Wojtyla überläßt nun der Kirche, gleichsam Vater und Mutter in einem für ihn zu sein. Sie soll seine Entscheidungen fortführen und die Überzeugungen festigen. Denn Kirche und Person stimmen nun überein. Zu seinem Besten erkennen auch die verantwortlichen Priester und Prälaten, an der Spitze Fürstbischof Sapieha, was sie an dem vielseitig begabten jungen Mann für spätere Führungsaufgaben in der Kirche haben könnten. Schon am 1. November 1946 wird Wojtyla zum Priester geweiht - "die Nacht der Befreiung durch die rote Armee in Krakau", am 18. Januar 1945, ist nur der Wechsel einer Besatzungsmacht. Denn der Erzbischof von Krakau hat Wichtiges mit dem jungen Priester vor. Der soll sofort nach Rom, um jene Studien zu absolvieren, die ihn zu Höherem in der Heimat qualifizieren.

 

Von Krakau nach Rom. Das war ein entschiedener Aufstieg. Und daheim wartete man auf ihn zu weiterer Verwendung. Ehrgeiz, Drängen nach Karriere und die damit verbundenen unangenehmen Eigenschaften mußte er gar nicht entwickeln. Die katholische Kirche bot ihm, der in zwei Jahren seine "Laurea", den römischen Doktorgrad der Theologie, erwarb, mehr Möglichkeiten, als er nutzen konnte, und immer solche, die für einen normalen Krakauer unerreichbar waren. Bis zu jenem Datum im Oktober 1978, als ihr verkündet wurde, sie habe nun einen Papst aus Polen.

 

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2003, Nr. 114 / Seite 8

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Schäfchen

Ich durfte den Papst kurz vor Beginn des Irak-Krieges "live" in Rom erleben, und war tief beeindruckt. Trotz seiner (körperlichen) Hinfälligkeit strahlt er eine solche Kraft aus! Ich habe tiefen Respekt vor ihm und bewundere ihn haltlos. Herzlichen Glückwunsch! birthday.gif

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Nich so eilich mit die jungen Päpste! Erst mal das silberne Papstjubiläum, dann das güldene - eins nach dem anderen!

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