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Tradition ist Rückkehr zu ...


Patrick
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Robert zitiert in den Glaubensgesprächen einen Liturgiker, der, wenn ich es richtig verstanden habe, in der Liturgie bis vor das Jahr 1000 zurückwill, durch alles Folgende sei Wesentliches an Tradition verloren gegangen und man solle diesbezüglich auf die orthodoxe Kirche blicken:

 


Zitat von Ketelhohn am 18:53 - 13.Mai.2002

  Die liturgischen Neuerungen haben in der abendländischen Kirche nicht erst seit dem letzten Konzil begonnen. Allein in diesem Jahrhundert mußten wir Reform auf Reform erleben, so eine Brevier- und Choralreform unter Papst Pius X, eine Kirchenrechtsreform unter Benedikt XV, eine Karwochenreform sowie eine neue lateinische Psalmenübersetzung unter Pius XII und schließlich eine Rubrikenreform unter Johannes XXIII. Maßgebend wurden auch die Neuerungen, welche die liturgische Bewegung der dreißiger Jahre gebracht hat, wie die »Gemeinschaftsmesse«, die eine Vorgängerin des »Novus Ordo Missæ« darstellt, und die Zelebration »versus populum«, die zur Einführung der »Volksaltäre« geführt hat.

  Die Anfänge all dessen liegen jedoch mindestens 1000 Jahre zurück, so etwa als man im Abendland aus unerklärlichen Gründen im 9. Jahrhundert plötzlich begann, statt des gesäuerten Brotes bei der Meßfeier nun ungesäuertes (Azymen, Oblaten) zu verwenden.

  Zu dieser die kirchliche Einheit gefährdenden Neuerung lag überhaupt keine Notwendigkeit vor. Vielleicht war sie bedingt durch das Kriterium des Praktischen. Fertige Oblaten sind ohne Zweifel müheloser zu verwenden als kleine Brote, die zur Austeilung erst zerteilt werden müssen.

  Das Kriterium des Praktischen hat im Abendland auch in der Folgezeit zu Vereinfachungen im Ritus geführt. Erwähnt sei hier nur die Zurückdrängung der gesungenen Messe zugunsten der privaten Zelebration oder die Abschaffung der Taufe durch Untertauchen.
Das Minimum wurde zur Norm.
...

...   .

 

.

 

Aus: Klaus Gamber, Orientierung an der Orthodoxie. Die Tradition der Ostkirche als Richtschnur in Liturgie und Verkündigung, Regensburg 1981, pp. 54-64.


http://www.kath.de/cgi-bin/ikonboard/topic...4&topic=460

 

Bei einem Kirchengeschichtler fand ich dann Folgendes:

“Veränderungen, welchedie römische Meßliturgie im Frankenreich erfuhr,...sind von erheblichem Belang. Unter alttestamentlichem Einfluß setzte sich die Verwendung von ungesäuertem Brot

durch. Ferner wurde die Kommunion nicht mehr auf die Hand, sondern in den Mund gegeben, und endlich begann man, den Kanon des Hochgebetes , das Heiligtum der Messe, wie er jetzt auch genannt wurde, mit ehrfürchtiger Stille zu umgeben. Fundamental waren sodann die Veränderungen,die im Gesamtverständnis der Messe festzustellen sind und an die Grundlagen der christlichen Eucharistie-Auffassung rühren. Die frühe christliche Theologie hatte mit Nachdruck, ja mit Polemik

darauf bestanden, daß das Opfer der Christen ein geistig-geistliches sei und nicht ein materielles. Die alte Bezeichnung “Eucharistie” brachte zum Ausdruck, dass im Gedenken an das Heilswerk Jesu Christi als Antwort überhaupt nur eine Gegengabe möglich sei: der Dank; so hieß denn auch die

Eucharistiefeier “sacrificium laudis”, und dieses war immateriell. Zugleich aber wußte man sich in der Vergegenwärtigung des Opfers Jesu zum Mitvollzg von dessen Selbsthingabe aufgerufen....

In der Spätantike und im Frühmittelalter traten andere Gesichtspunkte in den Vordergrund.  Immer mehr wurde die Darbietung des Messopfers zu einem “offere pro” (opfern für). Die neue Auffassung gründete sich darin, dass die für die Eucharistie dargebrachten Gaben, Brot und Wein, als Opfergaben gedeutet wurden, Freieilich nicht wegen ihres materiellen Gehalts, sondern auf Grund der Konsekration...Die uralte Religionsvorstellung von Gabe und Gegengabe begann dabei in neuer Weise auf die christliche Eucharistie einzuwirken: Das dargebrachte Opfer erlaubte, in Erwartung der von Gott her fälligen Gegengabe besondere Bitten zu stellen. Die Folge war, dass fortan das

Opfer der Messe mit der Bitte “”für jemanden” oder “für etwas” verbunden wurde. “Das Meßopfer wird ein “Mittel zu”, eine Gelegenheit zu intensiver Bitte, , es wird Meßopfer, also unabhängig von einer konkret Kirchengemeinschaft erbauenden und aufweisenden Funktion, an sich wertvoll, und besitzt darum eine Ort und Raum heiligende, also apotropäische [unheil abwehrende]

Wirkung”(A. Häußling)...”

 

Arnold Angenendt: “Das Frühmittelalter” S.331f.

 

Hierbei kam mir die Frage: Was eigentlich ist "Rückkehr zur Tradition"? Wenn ich ein mehrfach übermaltes Bild restaurieren, wieder frei legen will, bei welcher Schicht soll ich aufhören? Knüpft nicht das Gegenwärtige manchmal mehr an das Ursprüngliche an als das, was "zwischendrin" war? Und - und deswegen der Thread in "Fragen und Antworten" an die "ExpertINNen unter euch - exemplarisch für diesen Punkt-: Was eigentlich war das Ursprüngliche, doch eher das "Volksnahe", oder?

 

 

 

 

 

 

 

 

(Geändert von Patrick um 20:20 - 26.Mai.2002)

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Guest Ketelhohn

Lieber Patrick, deine Anfrage ist natürlich völlig berechtigt. Bevor ich noch einmal auf die Traditionsfrage selber eingehe, gestatte mir eine Anmerkung zu Angenendt. Die liturgischen Änderungen, die Angenendt hier im merowingischen Frankenreich ansiedelt, sind in Wahrheit älter, jedenfalls in ihrem Kern, nämlich der Verlagerung des Gewichts auf die kultische Handlung unter Zurückdrängung der Charakterzüge eines rituellen Mahls (Agape) und unter deutlicherer Trennung des Klerus vom Volk. Dieser Wandel war – wie ich gestern im Nachbarthema schon ausgeführt habe – bereits vollzogen, als die Franken in die Kirche eintraten.

 

Zu Recht weist Angenendt dagegen auf das Eindringen „archaischer“ Opfervorstellungen in die christliche Liturgie hin, wenn er etwa von der »uralte‹n› Religionsvorstellung von Gabe und Gegengabe« spricht. Man opfert in der Messe und erhofft sich dafür das Wohlwollen der Gottheit. Das entspricht zweifellos nicht dem Sinn des christlichen Meßopfers, ist aber offenbar eine nur zu menschliche Form „natürlicher Religiosität“ – und insofern gerade das „volksnahe“ Element, um deinen oben gebrauchten Begriff aufzugreifen, Patrick.

 

Angenendt irrt aber, wenn er den christlichen „Meßopfer“-Begriff auf solch volkstümlich-archaische Opfervorstellungen zurückführt und darum erst in entsprechend später Zeit ansetzt. Das Verständnis von der Messe als Opfer und von dem „Tisch“, an dem es dargebracht wird, als „Tisch des Herrn“ und Opferaltar ist nicht nur schon in der Kirchenväterzeit präsent, sondern bereits in der urkirchlichen Zeit der Agape-Liturgie, ja im Neuen Testament selbst, namentlich bei Paulus. Die Kontamination des christlichen Opferbegriffs mit – um es einmal so zu nennen – naturreligiösen Opfervorstellungen ist also ein Phänomen, das in der Geschichte immer wieder begegnet und dem sich die christliche Katechese immer wieder stellen muß. Das Meßopfer aber ist von Anfang an Meßopfer.

 

Was nun die Tradition betrifft, so zeigen, wie ich denke, meine genannten Ausführungen im Nachbarthema bereits, daß der Wandlungen so viele sind – und nicht bloß in der Liturgie übrigens, sondern auch in andern Bereichen –, daß man schwerlich irgendeinen historischen Zustand als allein maßgeblich definieren kann. Das will Gamber jedoch auch gar nicht, und insofern hast du ihn gründlich mißverstanden. Gamber war im Gegenteil einer der besten Kenner gerade der älteren Liturgiegeschichte und ihres Wandels durch die Zeiten.

 

Zum besseren Verständnis von Gambers Ausführungen folgender Hintergrund: Gamber hat als junger Soldat im Kriege in Griechenland die byzantinische Liturgie kennen und lieben gelernt, darum aber auch mehr als andere unter der fortbestehenden Kirchentrennung gelitten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat er wohl mit besonderen Hoffnungen erwartet – und dann in vielem das gerade Gegenteil des Erhofften erleben müssen: Anstatt einer Besinnung auf das gemeinsame gesamtkirchliche Erbe, das Verhärtungen zwischen Katholiken und Orthodoxen hätte aufbrechen können, kam es zu einer Entwicklung, ja teils zum Umsturz in entgegengesetzter Richtung, zu einer zunehmenden Protestantisierung, die vom besagten Erbe und von der Gemeinsamkeit mit den Ostkirchen immer weiter abführte.

 

Ferner wurden die Reformen nach dem Vaticanum II so schnell, so umfassend und so definitiv-gründlich durchgeführt und kodifiziert, daß der Gedanke an Revolution eher sich aufdrängte denn an organische Evolution. Gamber hat nun als Liturgiehistoriker seine Aufgabe darin gesehen, erstens die historisch häufig nicht haltbaren – vielmehr eher ideologischen – Begründungen der durchgeführten Änderungen zu widerlegen; zweitens, den vielfach verschütteten liturgischen Reichtum der westlichen, lateinischen Liturgie wieder ins Gedächtnis zu rufen; drittens, das Erbe der Ostkirchen – nicht nur der Byzantiner, auch der Armenier und Kopten – im Westen bekannt zu machen und dadurch Gemeinsamkeiten sichtbar werden zu lassen; viertens – dies besonders in den von mir zitierten Passagen –, die westliche Tendenz kritisch herauszustellen, jede Neuerung gleich zu verrechtlichen, in Paragraphen gegossen durchzusetzen und das Alte per „ordre de mufti“ abzuschaffen.

 

Dies letztgenannte Anliegen verstehe ich – gelegentlich hat Gamber das auch explizit formuliert – als Werben um größere Freiheit, eine Freiheit freilich, die nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln ist, sondern sich immer am Maßstab der Tradition und des apostolischen Erbes messen lassen muß.

 

Der Weg Lefebvres etwa war darum auch nicht der Weg Gambers, obgleich er Lefebvres Einwände gegen die neue Meßordnung argumentativ vielfältig unterstützt hat. Er hat aber früh erkannt und gesagt, daß das unbedingte Beharren auf der „tridentinischen“ Gestalt der Messe letzen Endes in eine Sackgasse führe und die Gefahr der Abspaltung in sich berge, wenn er auch solche aus der Not geborene Versteifung verstand.

 

Um das Thema nicht endlos auszuwalzen, möchte ich abschließen bloß feststellen, daß ich mich mit diesen Anliegen Gambers im Grundsatz einig weiß. Ich sehe heute verbreitet einen dramatischen Niedergang unserer Liturgie, der vielfach der Wesenskern verlorenzugehen droht. Daneben sind aber ebenso deutlich neue, wenn auch zarte, liturgische Aufbrüche erkennbar. Das Lehramt seinerseits versucht derzeit, gegen den weiteren Niedergang und die völlige Auflösung in Beliebigkeit Wälle aufzurichten – sicherlich dringend geboten, aber doch auch noch nicht recht zukunftsweisend. Und neben all dem stehen im Hintergrund und mit Restriktionen belegt noch diejenigen, die beharrlich an der „alten Messe“ festhalten, gleichsam eine Art lebendiges Gedächtnis der letzten Jahrhunderte westlicher Kirchengeschichte.

 

Kurz, die Liturgie der lateinischen Kirche befindet sich – aus historischer Perspektive betrachtet – mitten in einem krisenhaften Umbruch. In einer solchen Situation ist es wichtig, nicht hektisch zu reagieren. »Prüfet alles, das Gute behaltet«, ist da ein wichtiger Grundsatz. Das gilt sicher auch für Neuerungen, aber zuerst doch für das Überlieferte. Darum ist es richtig, wildes Liturgiemachen zu bremsen. Ebenso wichtig wäre, der tridentinischen Liturgie volle Freiheit zu gewähren. Fruchtbare Ansätze, die in neueren geistlichen Gemeinschaften aufkeimen, sollen gepflegt und gefördert, ebenso freilich auch immer wieder geprüft und an die gesamtkichliche Ordnung gebunden werden. Und schließlich sollten wir uns bei allem immer neu von den andern, östlichen Riten der Kirche ebenso befruchten lassen wie vom liebevollen Studium der eigenen Geschichte.

 

 

(Geändert von Ketelhohn um 17:21 - 1.Juni.2002)

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Tradition ist nicht Asche zu verwahren sondern die Flamme lebendig zu halten.

 

 

(Geändert von Lichtlein um 15:14 - 30.Mai.2002)

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Doppelpunkt.

Komma.

Ausrufezeichen.

Fragezeichen.

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am (geistlichen) DANKopfer der Kirche halten wir auch nach wie vor fest. Das ist auch sehr wichtig, da wir ansonsten die Alleinwirksamkeit des Opfers Christi in Frage stellen würden, wenn wir im tatsächlichen Sinn, also ohne Christus und nicht in ihm Gott etwas opfern würden (da würde sich die Gnadenlehre überschlagen und der Pelagianismusvorwurf wäre zu Recht da). Wir würden dann zum Opfer Christi ein Parallelopfer der Kirche errichten.

 

Dennoch ist klar, daß auch die Kirche opfert, und die schwierige Frage stellt sich, wie sich das Opfer der Kirche zum Opfer Christi verhält. (Also nicht wie sich das Meßopfer zum Kreuzesopfer verhält, daß wäre wieder eine andere Frage).

Da das Opfer Christi einziges und alleingenügendes Opfer ist, kann insofern das Opfer der Kirche nur Dankopfer sein.

Insofern die Kirche aber auch Leib Christi ist, kann sie sich in Christus Gott darbringen.

Insofern bringt die Kirche Gott in Christus ein eigenes Opfer, daß dennoch das Opfer Christi ist, weil es das Opfer seines Leibes ist.

 

Wie sich unsere Hingabe zur Hingabe Christi verhält (sie darf auf keinen Fall erlösenden Charakter haben, da sonst die Alleinwirksamkeit des Opfers Christi in Frage gestellt wäre), hat der Papst jüngst in salvifici doloris erklärt.

 

 

(Geändert von Steffen um 12:09 - 1.Juni.2002)

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*g*

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Tradition ist, Dinge zu bewahren, die sich bewährt haben und daher nützlich sind.

 

In diesem Sinne ist Tradition hoch achtbar und einzuhalten.

 

Unter denen von Ketelhohn erwähnten, gar die Kirche betreffenden Dingen ist keines, das aus meiner Sicht erhaltenswert wäre. Bewährt hat sich zwar vieles, aber nützlich ist nichts davon.

 

Trilo

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Guest Ketelhohn

Das Opfer war zwar nicht das eigentliche Thema ... Aber solange Patrick schweigt, lieber Steffen, kann ich deine Ausführungen – denen ich im übrigen beipflichte – noch ein wenig ergänzen.

 

Die Eucharistie ist in mehrfacher Hinsicht Opfer:

[*]Zunächst Lobopfer (sacrificium laudis) der Kirche, indem wir durch den geweihten Priester, der in persona Christi handelt (des »Priesters in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedechs«), unser Gebet vor dem Altar Gott dem Vater darbringen („vere dignum et justum est, æquum et salutare ...“).

[*]Zweitens opfert die Kirche – wiederum durch den Priester – auf dem Altar Brot und Wein, nach dem Vorbild Melchisedechs.

[*]Drittens bringt die Kirche, der mystische Leib Christi, indem sie das Altarsakrament feiert, sich selbst opfernd dar.

[*]Schließlich wird durch die Wandlung beider Gestalten in Leib und Blut Christi – die Er Selber wirkt, Hoherpriester und Opferlamm zugleich – das eine und einzige Opfer Christi Jesu zur Vergebung der Sünden, das Er auf dem Altar des Kreuzes dargebracht hat, „repräsentiert“, das heißt: „gegenwärtig gesetzt“ (also weder „dargestellt“ noch „wiederholt“, sondern das eine und einzige Opfer tritt real, wirklich und dinglich, in die Gegenwart ein).

 

Als „Opfer der Kirche“ im Sinne von „Opfer der Gemeinde, der Versammlung“ können also die drei erstgenannten gelten: das Opfer des Lobes, der Gaben des Altars und unserer selbst. Klar ist aber doch, daß all „unsere“ Opfer einzig »durch Ihn und mit Ihm und in Ihm« dargebracht werden, daß sie mithin aus dem Kreuzesopfer fließen.

 

Historisch hat es natürlich Änderungen sowohl im liturgischen Vollzug gegeben als auch im theologischen Verständnis der liturgischen Handlungen. Der Ausgangspunkt liegt aber stets nicht bloß erst in neutestamentlicher Zeit, sondern in der jüdischen Wurzel. Das Opfer der Gaben des Altars knüpft dabei freilich nicht an den jüdischen Tempeldienst an – denn der ist in der Tat aufgehoben –, sondern an das Vorbild Melchisedechs.

 

Das „Opfer des Lobes“, von dem oben bei Angenendt schon die Rede war, geht auf die jüdische Beracha zurück – was die griechischen Begriffe eucaristia und eulogia (Danksagung und Lobpreis) umfaßt –, die beim Kiddusch vom Hausvater oder Vorsteher gesprochen wird und damit das halbliturgische Mahl der Juden in der Familie oder der Chabura eröffnet.

 

Das Letzte Abendmahl war ein solches halbliturgisches Mahl nach jüdischem Ritus (unabhängig von der umstrittenen Frage, ob es bereits das Paschamahl war): daher auch der „doppelte Kelch“ im lukanischen Bericht. Innerhalb dieses Letzten Abendmahls, das der Herr mit seiner „Chabura“ gefeiert hat, wenn man so sagen darf, also mit den Zwölfen, hat er dann eine zusätzliche, ganz neue Sache eingesetzt: das „eucharistische“ Brot und den „eucharistischen“ Kelch.

 

Die Beracha ihrerseits lebt im Neuen Bund in der Präfation des Hochgebets weiter. Aber nicht nur die Danksagung und Lobpreisung als solche, auch die Vorstellung, daß wir sie als „Opfer“ vor Gott bringen, wurzelt im Judentum. So kann Paulus gerade im Brief an die Hebräer ganz selbstverständlich vom Lobopfer (sacrificium laudis, Jusia ainesewV) der Kirche reden und verstanden werden. In den Psalmen, die ja selbst solchem Lobopfer dienen, taucht der Begriff explizit in den „Hallel“-Psalmen auf (Ps 115,17 Vulgata [LXX: 115,8; Luther/EH: 116,17]).

 

Diese Traditionslinien sollten wir Christen durchaus ein wenig kennen. Bloß müssen wir uns zugleich hüten, einzelne Aspekte einseitig zu betonen oder zu verabsolutieren. Daher oben mein Einspruch gegen eine solche Einseitigkeit bei Angenendt.

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Zitat von Ketelhohn am 22:20 - 1.Juni.2002

Das Opfer der Gaben des Altars knüpft dabei freilich nicht an den jüdischen Tempeldienst an – denn der ist in der Tat aufgehoben –, sondern an das Vorbild Melchisedechs.
[/size]
[/font]

 

Warum keine Verbindung zum jüdischen Tempeldienst, Ketelhohn? Bezieht sich die Bezeichnung "Lamm" nicht auf das im Tempel geopferte Tier?

 

(Wobei ich gestehen muss, dass mir das "Vorbild Melchisedechs" nichts sagt.)

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Zitat von Heidi am 23:59 - 1.Juni.2002


Zitat von Ketelhohn am 22:20 - 1.Juni.2002

Das Opfer der Gaben des Altars knüpft dabei freilich nicht an den jüdischen Tempeldienst an – denn der ist in der Tat aufgehoben –, sondern an das Vorbild Melchisedechs.
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[/font]

 

Warum keine Verbindung zum jüdischen Tempeldienst, Ketelhohn? Bezieht sich die Bezeichnung "Lamm" nicht auf das im Tempel geopferte Tier?

 

(Wobei ich gestehen muss, dass mir das "Vorbild Melchisedechs" nichts sagt.)

Liebe Heidi,

 

eine kurze Erläuterung zu Melchisedech: Er bringt als Priester des Höchsten Gottes in Gen 14,18 Brot und Wein zum Altar, anschließend segnet er Abraham. Dies wird in Psalm 110,4 aufgegriffen, welcher auch von Jesus Christus (vgl. Mt 22,44) als Einsetzung des priesterlichen Königs / Messias gedeutet wird. Paulus verweist in Heb 5,10 auf diese Psalmenstelle.

 

Viele Grüße,

Wolfgang

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Lieber Norbert

Ich habe Angenendt nicht so verstanden, dass er den Opfercharakter der Eucharistie in  der frühen Kirche verneint hätte, sondern, dass im Laufe der Entwicklung das Meßopfer immer mehr seine Funktion der Stiftung von Gemeinschaft verlor und zum "Selbstzweck" wurde, zuletzt auch ohne Gemeinde gefeiert werden konnte und damit letztendlich seine ursprüngliche Funktion verlor und das Reformbestrebungen hier eine Korrektur bewirken wollten.

Ansonsten - du magst es kaum glauben - habe ich dir bisher nicht geantwortet, weil ich deine Argumente für mehr Freiheit ohne Beliebigkeit überzeugend fand.

 

Freundliche Grüße

 

(Geändert von Patrick um 21:18 - 2.Juni.2002)

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Lieber Robert,

jetzt hätte ich ja gerne gewußt, woher der Begriff

"Opfer" kommt, unter dem man ja durchaus etwas

Unterschiedliches versteht.

Merkwürdigerweise sprechen auch Pfingstler von "Lobopfer"-

eigentlich ist es ja eine Darbringung von Lob.

Das opfern eines Tieres dagegen ist wirklich ein Akt, der

ja mit dem Opfer Jesus später etwas zu tun hat -

also Symbolisch vorweggenommen.

Wenn ich faste, dann opfere ich u.U. auch  - Dankopfer

ist klar, man "opfert" etwas von dem, was man hat.

Ich finde den Begriff etwas ungewöhnlich, ehrlich gestanden. Woher kommt er - in der Tradition meine ich.

(Ethymologisch kann ich das nachschauen.)

 

Übrigens taufen Charismatiker durch Untertauchen der

ganzen Person - und ja auch nur Jugendliche und Erwachsene. Soweit zur  Tradition.

 

gruss,jeru

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Guest Ketelhohn
Heute mit Blick auf die Uhr bloß noch etymologisch, Ulla: Das Wort „Opfer“ kommt von offerre, also „darbringen“. Über den Begriff schlafe ich erst mal, bzw. bringe ein Schlafopfer dar ...
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Zitat von Ketelhohn am 22:13 - 2.Juni.2002

Ich glaub’ es gerne, Patrick, bloß heiß’ ich Robert ...
;)


 

Kommt nicht mehr vor ;)

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Zitat von Trilobit am 20:18 - 1.Juni.2002

Tradition ist, Dinge zu bewahren, die sich bewährt haben und daher nützlich sind.

 

In diesem Sinne ist Tradition hoch achtbar und einzuhalten.

 

Unter denen von Ketelhohn erwähnten, gar die Kirche betreffenden Dingen ist keines, das aus meiner Sicht erhaltenswert wäre. Bewährt hat sich zwar vieles, aber nützlich ist nichts davon.

Lieber Trilobit,

 

dein Posting sollte nicht unwidersprochen bleiben. Dabei teile ich ausdrücklich dein Eintreten für die Tradition, nicht jedoch die Begründung, warum das für sämtliche Traditionen der Kirche nicht gelten soll.

Im ersten Satz begründest du die Nützlichkeit von Tradition dadurch, dass es sich um Dinge handelt, die sich bewährt haben. Im Bezug auf die Kirchliche Traditionen sagst du, es hätte sich zwar vieles bewährt, aber nichts wäre nützlich. Viel unlogischer geht es schon nicht!

Entweder hinkt deine Begründung im ersten Satz oder du hast im Bezug auf die Kirche Zentrales weggelassen, warum die Bewährung in diesem Fall keine Nützlichkeit nach sich zieht.

 

Dein Problem scheint mir jedoch das Wort "Nützlichkeit" zu sein. Bedeutet das mehr Geld in der Tasche zu haben, mehr zu erfahren über sich und die Welt, zufriedener am abend ins Bett zu gehen, friedlicher und liebevoller mit anderen Menschen zusammenzuleben oder noch irgend etwas anderes. Unter jeder Art von Nützlichkeit wäre die Arbeit der Kirche anders zu beurteilen:

 

Um finanziell reicher zu werden, ist man sicherlich kaum Mitglied der Kirche oder besucht den Sonntagsgottesdienst abgesehen einmal von Menschen mit kirchlichen Berufen. In den anderen Nützlichkeitserwägungen wirst du aber kaum, kirchliches Handeln völlig ausschließen können, weil alle weiteren Punkte stark subjektive Komponenten enthalten.

 

Damit Nützlichkeit sich für jeden gleich objektiv messen ließe, müßten wir alle als mathematisch exakt handelnde Roboter herumlaufen. Gerade die subjektive Bewertung gibt jedem von uns aber seine persönliche Note, macht uns zu Menschen, die ohne religiöse Ziele gar nicht leben können und dabei kann man den Mammon durchaus auch als Religion betrachten, vor allem bei denen, die nicht über ihr Ego und Leben hinausdenken können. Andere versuchen es mit Weisheit oder Esoterik als Ersatz für die traditionell gewachsenen Religion ihres Kulturkreises.

 

Viele Kulturen sind ohne ihr religiöses Fundament gar nicht denkbar. Auch wenn das bei uns nicht mehr so deutlich und bewußt ist, kann man in unserem Grundgesetz, in den Menschenrechten und im persönlichen Umgang weit mehr als das "Grüß Gott" finden, was auf traditionellen religiöse Überzeugungen basiert.

 

Wenn Bewußtsein und Überzeugungen immer weiter auseinanderklaffen, gehen diese kulturellen Güter über kurz oder lang verloren. Das kann man auch gut an Überzeugungen, wie Ökologie oder Pazifismus sehen: "aus den Augen aus dem Sinn".

Daher versucht die Kirche ihre Werte und Erfahrungen durch Symbole und liturgische Handlungen als Tradition im Bewußtsein der Menschen zu halten und hat damit über viele Jahrhunderte Erfolg gehabt. Sie konnte damit keine Kriege verhindern aber das subjektive Bewußtsein der Menschen vor allem in Notlagen stärken. Glaube, Hoffnung und Liebe hilft über viele sonst auftretende Verzweiflungen hinweg. Sie halten von Kriminalität ab, geben menschenfreundliche Ziele und zumindest das Gefühl von Freiheit. Wo die Kirche das nicht mehr vermocht hat, verliert sie natürlich ihren Sinn und den Glauben an ihre Nützlichkeit.

 

Um das zu verhindern, reicht es aber nicht nur Traditionen zu erhalten, die Traditionen müssen zumindest teilweise noch verstanden werden und dürfen schon gar nicht neuem Wissen und Werten entgegenstehen, wie es leider in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr (offenbar auch dir) scheint.

Dafür braucht es wissenschaftliche Theologie und letztlich auch Konzile auf denen Stellung und Handeln der Kirche "nützlicher" und effektiver gemacht wird, wobei die Erfahrungen mit einer sich verändernden Welt so schnell wie möglich eingebracht werden muß.

 

Dazu gehört z.B. Erkenntnissen aus der historisch-kritischen Bibelforschung, die uns heute ermöglichen, dem Handeln und Zielen von Jesus und seinen Aposteln näher zu sein, als in den meisten Jahrhunderten vor uns, in geeigneter Weise gerecht zu werden.

 

Mit freundlichen Grüssen vom Zwilling

 

(Geändert von Zwilling um 20:29 - 4.Juni.2002)

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