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Ethik bei Ricoeur


orier
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Mich hat die Ethik von Ricoeur als theoretische Basis einer jeder Moral immer beeindruckt: Er schreibt (grob zusammengefasst): Bei einem ethischen Urteil gibt es 3 große Schritte. Der erste Schritt ist die Ethik ("visée éthique"/ethische Absicht). Ricoeur definiert die Ethik wie folgt: Die Absicht eines guten Lebens ("Ich-Pol") / mit und für die anderen ("Du-Pol")/ in gerechten Institutionen ("Er-Pol"). Ein 2. Schritt ist dann die Moral. Hier wird die ethische Absicht konfrontiert mit den moralischen Gesetzen, Verboten, Weisungen, Normen. Diese Konfrontation soll zu einer größeren Objektivität und auch zu einer größeren Universalität führen. Gesetze usw. sind also notwendige Kriterien. Aber dann in einem 3. Schritt steht die aristotelische Phronesis ("praktische Weisheit"). Eine Moral der Verpflichtungen und Gesetze kann nämlich zu Konflikten mit der ethischen Absicht führen. Und die Rolle der Phronesis ist es, zwischen dem, was die ethische Absicht (das gute Leben) will und dem, was das Gesetz will, zu verhandeln, um dann zu einer verantwortlichen Handlung zu gelangen. Es ist eben die Frage, ob das Gesetz, das Verbot usw. ausreichen, mein Verhalten in einer bestimmten historischen Situation zu bestimmen. Entweder appliziere ich das Gesetz, dann sind wir beim Formalismus, oder ich nehme Rücksicht auf die Situation usw. Ich denke, dass der Kantsche Formalismus überwunden werden muss, und dass es nicht für alle heutigen Fragen ein fertiges Rezept gibt. Eine differenzierte Unterscheidung/Überlegung ist also nötig.

 

So, dass waren jetzt die theologischen Grundlagen. Angewandt auf die konkreten Fragen, was bedeutet das jetzt? Ich nehme nur ein Beispiel, das der Abtreibung. Der erste Schritt ist also die Absicht eines "guten Lebens", für mich selbst und für andere, und das in gerechten Institutionen. Der zweite Schritt ist das moralische Verbot der Abtreibung. Wenn es zu Konlfikten zwischen diesen beiden Schritten kommt, muss die Phronesis einschreiten und eine verantwortliche Lösung finden. Das Gewissen ist also letzte Instanz, aber nicht die einzige; erst nach einer langen Überlegung, Abwägung, usw. Das alles bedeutet in meinen Augen, dass es natürlich ein moralisches Verbot der Abtreibung geben muss. Alles andere wäre ja verrückt. Es muss ein Gesetz geben, aber in bestimmten Fällen muss es die Möglichkeit geben, ein Gesetz zu überschreiten (z.B. im Fall der Abtreibung: Wenn das 'Austragen' des Kindes wahrscheinlich sowohl zum Tod des Kindes als auch zum Tod der Mutter führen würde). Wir dürfen ausserdem nicht vergessen, dass wir mit absoluten Prinzipien für das Leben uns manchmal gegen das Leben stellen. Das alles, nur um zu zeigen, dass die Sache oft komplexer ist, als sie aussieht, und dass es nicht zu allem ein fertiges Rezept gibt, auch und schon gar nicht in der Bibel.

 

Was denkt ihr darüber?

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So weit, so gut. Was macht man mit denen, die diese Moral nicht als für sich verbindlich ansehen?

 

Mit den von dir genannten Problemen schlägt sich die Juristerei schon seit Jahrhunderten herum.

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Wie gesagt, der dritte und letzte Schritt ist ein Schritt der praktischen Weisheit, bei dem letzlich auch auf das persönliche Gewissen rekurriert wird. Ricoeur hat definitiv eine absolute Prinzipienmoral, die keine Ausnahmen kennt, überwunden. Oder richtiger gesagt: Er hat eine Synthese zwischen Prinzipienmoral und Situationsethik geschaffen.

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