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Exegese


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Also ... mir ist heir aufgefallen, dass viele hier nciht sonderlich viel von Exegese halten ....

mich würde interessieren, warum? Was sind eure Gründe?

 

Andererseits würde es mich natürlich auch interessieren, warum hier jemand was von Exegese hält, wo Chancen liegen udn warum sie so nützlich ist.

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>>Also ... mir ist heir aufgefallen, dass viele hier nciht sonderlich viel von Exegese halten ..<<

 

Gummibärchen sind besser als Exegese :blink:

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Guest Ketelhohn

Ich treibe gern Exegese. Die Chancen sind enorm, besonders wenn man in den Spuren der Väter wandelt sowie auch die Erkenntnisse der modernen Historiker und besonders auch der historischen Hilfswissenschaften einbezieht. Wie nützlich solche Exegese ist, sieht man daran, wie viel viele hier schon von mir gelernt haben. :blink:

Edited by Ketelhohn
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Welche Exegese für die Zukunft? Ist die historisch-kritische Methode eine Methode unter anderen, oder ist es DIE Methode, für die die anderen Methoden (kanonische, "narrative" Exegese usw.) nur Hilfswissenschaften sind? Im englisch- und französischsrpachigen Raum kommt man immer mehr von der historisch-kritischen Exegese ab (sie ist auch tatsächlich so barbarisch und unübersichtlich geworden) zugunsten einer "narrativen" Exegese, die sich um den Text in der Endgestalt kümmert, sich nicht für die einzelnen Schichten interessiert.

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Guest Juergen

Es ist immer schön, sich selbst zu zitieren :blink:

Es geht zwar hier insbesondere um einen bestimmten Teil der Apg (Kap. 27f), doch das Gesagte läßt sich auch verallgemeinern:

 

 

Die Schriften des Neuen Testaments sind uns durch die kirchliche Kanonisierung und die Autorisierung als die ältesten Schriften und Quellen der Anfänge der christlichen Kirche als historische und theologische Glaubenszeugnisse überliefert. Irenäus von Lyon griff einmal in seiner Polemik gegen die Schriftauslegung des Valentinschülers Ptolemaios zu einem äußerst anschaulichen Bild. „Er verglich die biblischen Schriften mit dem Werk eines begabten Künstlers, der aus vielen kleinen Steinen das Porträt eines Königs angefertigt hat. Wenn man nun an das Mosaik herangeht und es in seine Einzelteile zerlegt, so kann man die originalen Steine zu einem neuen Bild, etwa einem Hund oder einem Fuchs, zusammensetzen. Mit dieser Metapher ist nach Auffassung des Irenäus das methodische Prinzip ptolemäischer Exegese illustriert, die ihr eigenes Werk als das Porträt des Königs an den Mann zu bringen versuche (haer I 8,1).“

 

Grundlegend für die heutige Auslegung der biblischen Texte ist die historisch-kritische Methode. Hengel stellt kritisch einige Thesen zu dieser Methode auf und meint, daß die seit 70 Jahren anhaltende Berufung auf diese Methode letztlich „psychologische und dogmatische Gründe“ habe. Das „Grundaxiom »der historisch-kritischen Methode« ist das Postulat der für den Menschen durchschaubaren und verfügbaren »einen Wirklichkeit«, das sich in der Historie als »die prinzipielle Gleichartigkeit alles historischen Geschehens« (Troeltsch) darstellt.“ So werde schließlich die eingeschränkte „gegenwärtige Wirlichkeitswahrnehmung zum entscheidenden Kriterium dafür gemacht, was in der Vergangenheit geschehen sein kann und was nicht.“ Werfen wir einen Blick auf die Geschichte der historisch-kritischen Exegese der Apostelgeschichte.

 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Zuverlässigkeit des Bildes, das die Apostelgeschichte vom frühen Christentum gezeichnet hat, angezweifelt. In der Folge wurde fernerhin auch die traditionelle Auffassung, das Buch sei von einem Paulusbegleiter geschrieben worden, in Frage gestellt. „War dieser Schritt erst einmal vollzogen, so schienen sich damit zugleich neue Möglichkeiten zu eröffnen, nach älterem Material zu suchen, das der Autor verwendet habe.“ So schafften es die Literarkritiker mit viel Scharfsinn, eine Unzahl verschiedener Quellen zu unterscheiden. Die Apostelgeschichte wurde wie mit einer Schere in immer kleinere Quellen und Quellchen zerschnitten.

 

„Stand das 19. Jahrhundert im Zeichen der Schere, so das 20. im Zeichen des Hammers: Nur durch einen gewaltigen Schlag ließ sich das harmonische Bild der Apostelgeschichte, deren verzerrende Darstellung zunehmend schmerzlich empfunden wurde, zertrümmern, um dann auf diesen Trümmern neu aufzubauen. Nicht zufällig begegnet uns nun wieder die Mosaik-Metapher. In einem Aufsatz mit dem charakteristischen Titel The Book of Acts as Source Material for the History of Early Christianity erklärt Ernst Haenchen programmatisch: Lukas »joins short, compact, picturesque scenes together like stones of a mosaic«. Ist man erst einmal so weit gelangt, so ist der weitere Weg vorgezeichnet: Nun gilt es die echten Steine von den verfälschten Füllseln des Redaktors in einer Art Aschenputtelverfahren herauszusieben und dann wieder neu – diesmal richtig – zusammenzusetzen, um das »originale Porträt«, also die tatsächliche Geschichte des frühen Christentums, zu rekonstruieren.“

 

Um im Bild zu bleiben: Julius Wellhausen war ein Mann mit der Schere, der die Apostelgeschichte in kleinste Stücke zerschnitt. Nach ihm sind in Kapitel 27 die Verse 9-11, 21-26 sowie eventuell Verse 31 und 33-38 eingeschoben und daher nicht ursprünglich. Ähnlich urteilt auch Conzelmann und meint, daß Paulus als Gefangener keine solche Rolle zukomme, wie sie in 27,9-11 beschrieben werde. Folglich hat der Verfasser der Apostelgeschichte vermutlich „eine fertig vorgefundene Beschreibung einer stürmischen Überfahrt von Osten nach Rom von anderswo übernommen und auf Paulus zugepaßt“. Die Beschreibung von einem Mann, der die nautischen Maßnahmen versteht, die Kunstausdrücke kennt und auch der Navigation kundig ist.

 

Die Hypothese des Einschubs der Pauluspartien in den Bericht von der Überfahrt von Kreta nach Melite „hat sich in der deutschsprachigen Actaforschung fast unwidersprochen durchgesetzt.“ In letzter Konsequenz ist daran zu zweifeln, „ob Paulus auf seiner Reise nach Rom überhaupt Schiffbruch erlitten habe; er selbst sagt im Philipperbrief nichts davon. Aber wahrscheinlich ist der Schiffbruch doch das Verbindende zwischen der Vorlage und der Überarbeitung und hat eben den Anlaß gegeben, daß der Vf. der AG seiner Beschreibung dies schöne Muster zugrunde legt.“ Wellhausen hält den Abschnitt der Apg 28,1-16 für einheitlich, lediglich Vers 14 könnte nach ihm vielleicht ein Zusatz sein.

 

Auf der anderen Seite meint Thornton, „daß die literarkritische Eliminierung der Person des Paulus unhaltbar ist und wir es folglich mit einem Augenzeugenbericht zu tun haben.“ So lautet sein Resümee: „Es kann damit als sehr wahrscheinlich angesehen werden, daß Act 27 ein Seereisebericht über die Schiffsreise des Apostels Paulus ist, den ein Reisegefährte und Augenzeuge verfaßt hat.“ Damit bleibt nur noch die Frage, ob dem Bericht eine schriftliche Quelle zugrunde liegt. Thornton hält es für denkbar, daß es trotz der Fülle von Details zwar plausibler sei, eine schriftliche Vorlage anzunehmen, doch könne nicht ausgeschlossen werden, daß der gesamte Bericht aus dem Gedächtnis geschrieben worden sei. Bei allen text- und stilkritischen Argumenten müssen aber auch immer die historischen und theologischen Gesichtspunkte im Auge behalten werden.

 

(Quelle)

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1993 hat die päpstliche Bibelkommission ein wichtiges Dokument veröffentlicht "Die Interpratation der Bibel in der Kirche" (bei der DBK - auch online - mit einer Ansprache des Hl. Vaters und einer Einführung von Kard. Ratzinger zu haben). Hier nur der - wie ich finde - sehr ausgewogene Abschnitt zur Bewertung der historisch-kritischen Methode. Überhaupt ist der Text m.E. von überragender Qualität.

 

"4. Bewertung

Welcher Wert kommt der historisch-kritischen Methode zumal im gegenwärtigen Stand ihrer Entwicklung zu?

Wenn diese Methode auf objektive Weise angewendet wird, schließt sie kein Apriori in sich. Wenn solche Apriori ihre Anwendung bestimmen, so kommt dies nicht von der Methode her, sondern von hermeneutischen Optionen, die die Auslegung bestimmen und tendenziös sein können.

Zu Beginn war die Methode auf Quellenkritik und Religionsgeschichte ausgerichtet; doch danach ergab sich, daß sie einen neuen Zugang zur Bibel eröffnete, indem sie aufzeigte, daß diese eine Sammlung von Schriften ist, die meistens, besonders im Alten Testament, nicht von einem einzigen Verfasser stammen, sondern eine lange Vorgeschichte haben. Diese wiederum ist unentwirrbar mit der Geschichte Israels oder derjenigen der Urkirche verflochten. Vorher war sich die jüdische und christliche Auslegung der Bibel der konkreten historischen Gegebenheiten, in denen das Wort Gottes Wurzeln gefaßt hatte, nicht so klar bewußt. Ihre Kenntnis war summarisch und unscharf. Die Konfrontation der traditionellen Exegese mit einer wissenschaftlichen Methode, die in ihren Anfängen bewußt vom Glauben absah, ihm manchmal sogar widersprach, war gewiß ein schmerzlicher Prozeß; doch später stellte er sich als heilsam heraus: nachdem die Methode endlich von den ihr anhaftenden Voreingenommenheiten befreit war, führte sie zu einem genaueren Verständnis der Wahrheit der Heiligen Schrift (vgl. Dei Verbum, 12). Gemäß Divino afflante Spiritu ist die Erforschung des Literalsinnes der Heiligen Schrift eine wesentliche Aufgabe der Exegese. Um diese Aufgabe zu erfüllen, ist es notwendig, die literarische Gattung der Texte zu bestimmen (vgl. EnchB 560). Dazu ist die Hilfe der historisch-kritischen Methode unentbehrlich.

Gewiß, die klassische Anwendung der historisch-kritischen Methode zeigt auch Grenzen, denn sie beschränkt sich auf die Forschung nach dem Sinn des biblischen Textes in den historischen Bedingungen seiner Entstehung und interessiert sich nicht für die weitern Sinnmöglichkeiten, die im Verlauf späterer Epochen der biblischen Offenbarung und Kirchengeschichte zu Tage getreten sind. Gleichwohl hat diese Methode zu exegetischen und bibeltheologischen Werken von großem Wert beigetragen.

Seit langem hat man auf eine Vermischung der Methode mit einem philosophischen System verzichtet. Jüngst hat eine exegetische Tendenz die Methode im Sinn einer Betonung der Textgestalt auf Kosten des Interesses für seinen Inhalt umgebogen. Doch wurde diese Tendenz durch eine differenzierte Semantik (Semantik der Worte, der Sätze, des Textes) und die Erforschung der pragmatischen Dimension der Texte korrigiert.

Was den Einschluß einer synchronen Analyse der Texte in die Methode betrifft, muß man anerkennen, daß es sich um ein legitimes Unterfangen handelt. Denn der Text in seiner Endgestalt und nicht in irgendeiner früheren Fassung ist der Ausdruck von Gottes Wort.5 Die diachrone Rekonstruktion bleibt jedoch unentbehrlich, um die geschichtliche Dynamik, die der Heiligen Schrift innewohnt, und ihre reiche Komplexität aufzuzeigen: so spiegelt z.B. das Bundesbuch (Ex 21-23) eine andere politische, soziale und religiöse Situation der israelitischen Gesellschaft wieder als die anderen Gesetzessammlungen im Deuteronomium (Dtn 12-26) oder im Buch Levitikus (Heiligkeitsgesetz, Lev 17-26). Man konnte der alten historisch-kritischen Exegese ihre historistische Tendenz vorwerfen, doch darf man auch nicht in das gegenteilige Extrem verfallen, d.h. in eine ausschließlich synchrone Exegese, die die Geschichte der Texte ignoriert.

So ist es Ziel der historisch-kritischen Methode, in vorwiegend diachroner Weise den Sinn hervorzuheben, den die Verfasser und Redaktoren ausdrücken wollten. Zusammen mit andern Methoden und Zugängen öffnet sie so dem modernen Leser den Zugang zum Verständnis der Bibeltexte, wie sie heute vorliegen."

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>>Erich was ist los mit Dir? Hast Du was geraucht? <<

 

ich arbeite z.Z. an einer historisch-kritischen Exegese über die Gummibärchen. Gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, da andauernd meine Unterlagen (Bärchen) verschwinden.

 

Tach zusammen

Erich

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Gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, da andauernd meine Unterlagen (Bärchen) verschwinden.

Jaja,.... ihre Lebenserwartung ist extrem gering.... :blink:

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Wobei anzumerken ist, dass die historisch-kritische Methode in anderen Fachbereichen (Literaturwissenschaft usw.) längst nicht mehr im Gebrauch ist.

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Hallo Orier,

 

die Sache ist deshalb ein wenig komplexer als Du hier andeutest,

weil a) "die historisch-kritische Methode" sich selber in einer ziemlich kompizierten Geschichte entwickelt hat (der zusammenfassende Ausdruck also eine Abkürzung darstellt) und weil sie B) sich an ihrem Gegenstand - nämlich im Rahmen der Forschungsgeschichte der alt- und neutestamentlichen Wissenschaft - in einer sehr spezifischen Weise entwickelt hat. Vieles in ihren Methoden ist deshalb auf Grund der Eigenart dieses Gegenstands gar nicht so einfach auf benachbarte Wissenschaften sowohl philologischer wie historischer Provenienz übertragbar (ohne zu bestreiten, daß es natürlich auch viele Überschneidungen gibt). Althistoriker haben auch in früheren Zeiten nicht einfach so gearbeitet wir Alt- und Neutestamentler und diese auch nicht einfach wie Altphilologen - einfach weil die Art der Quellen ihre je eigenen Tücken hat und sich Methode am Gegenstand bildet (unbeschadet eines gemeinsamen allegemeinen Begriffs von historischer und philologischer Methode).

 

Herzlich

Martin Br.

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Guest Ketelhohn

Das Dokument der Bibelkommission hat seinen Wert; man darf aber auch nicht vergessen, daß diese Kommission seit der Neuordnung durch Paul VI. – anders als früher – kein Organ des Lehramts mehr ist.

 

Gegen die historische Quellenkritik ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Sie ist ein wichtiges Werkzeug historischer Forschung. Was einem allerdings im Feld der theologischen Bibelexegese ganz überwiegend als „historisch-kritische Methode“ begegnet, das wurzelt in solchen a priori feststehenden „hermeneutischen Optionen“, von welchen die Bibelkommission spricht:

 

»Wenn diese Methode auf objektive Weise angewendet wird, schließt sie kein Apriori in sich. Wenn solche Apriori ihre Anwendung bestimmen, so kommt dies nicht von der Methode her, sondern von hermeneutischen Optionen, die die Auslegung bestimmen und tendenziös sein können.«

 

Wollte man die solcherart vorab determinierte Methode auf andere Gebiete anwenden – sagen wir beispielshalber: auf die Komödien des Plautus oder die Römische Geschichte von Cassius Dio, meinetwegen auch auf die manches Problem aufgebende Historia Augusta –, so erntete man seitens der historischen und altphilologischen Zunft wohl bestenfalls müdes Lachen, eher Hohngelächter.

 

Es kommt aber nicht von ungefähr, daß man gerade unter Theologen am eigentümlichen Sport des Schichtensonderns unentwegt festhält. Denn jene oben erwähnte hermeneutische Option besteht darin, daß gewisse Dinge „natürlich nicht wirklich so geschehen“ sein könnten. Diese gewissen, nämlich übernatürlichen Dinge, machen aber nun einmal verteufelterweise den Kern der neutestamentlichen Texte ebenso wie überhaupt des christlichen Glaubens aus.

 

Wenn das „nicht wirklich so geschehen“ sein kann, dann muß man Erklärungen finden, warum es dennoch da steht. Der erste und wichtigste Schritt dabei ist, die Berichte möglichst weit von den Geschehnissen wegzurücken. Sodann führt man „Schichten“ redaktioneller Bearbeitung ein, die sukzessive irgendeinen kaum faßbaren Grundbestand verändert hätten, bis das Resultat endlich – natürlich durch Eingriffe böser Potentaten – eingefroren und zum Fundament irdischer Gewalt gemacht worden sei.

 

Freilich findet sich für all diese vermeinten Schritte der Bibelwerdung kein einziger außerbiblischer Beleg oder wenigstens Hinweis. Man muß all das mit „inneren Gründen“ untermauern, die man zwischen jenen „Schichten“ des Stoffes herauszupressen sucht. Die ganze Notdurft kommt aber allein daher, daß man die Existenz des Übernatürlichen – oder zumindest deren reales Eintreten in die natürliche Sphäre – a priori ausgeschlossen hat.

 

Dagegen lösen sich die vermeinten Aporien des Neuen Testaments, zu deren Liquidierung man all die akrobatischen Bockspünge der theologisch-kritischen Methode vollführt, wie von selber, sobald man nur die Möglichkeit eines Einbruchs der Übernatur in die Natur als Denkmodell einräumt.

 

Raum für quellenkritische Arbeit an den überlieferten Texten des Neuen wie auch des Alten Testaments bleibt dann immer noch genug. Es gibt reichlich ungelöste Probleme, auf die man seine Energien und Forschungsgelder verwenden könnte.

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Lieber Robert Ketelhohn,

 

was Du schreibst ist meiner Überzeugung nach zunächst einmal in vielerlei Hinsicht schlicht richtig. In der Tat haben sich in der Forschungsgeschichte der neueren Bibelwissenschaft seit der Aufklärung historische Entdeckung und weltanschauliches Apriori, theologisches und religionskritisches Interesse (auch diese im Raum des liberalen Prostestantismus manchmal ununterscheidbar) oft bis zur Untrennbarkeit vermischt. Und in der Tat wurde auch eine gegenüber jedem Einbruch des Übernatürlichen geschlossene Welt gerade als Ergebnis der "Historisierung des europäischen Denkens" direkt postuliert - programmatisch etwa bei Ernst Troeltsch. Ergänzen kann man vielleicht noch, daß inbesondere die katholische Rezeption der historisch-kritischen Methode in populärer Form ganz oft den Eindruck erweckt hat und erweckt hat - und natürlich auch so instrumentalisiert wurde - als diene sie einem Programm der Emanzipation vom Glauben der Kirche. Das klingt dann nach der Melodie: "Die Wissenschaft hat festgestellt das Marmelade Dreck enthält".

 

Gern gebe ich Dir auch zu, daß es Exzesse insbesondere der Literarkritik gegeben hat und auch noch gibt. Aber hier setzen auch ein paar Rückfragen ein: Glaubst Du, daß die literarkritische Frage sich ausschließlich aus dem weltanschaulichen Apriori speist (auch wenn - wie gesagt - ihre Entwicklung tatsächlich vielfach damit verbunden war)? Du deutest ja an, daß Du auch eine berechtigte Quellenkritik siehst - schließt der Terminus literar- und redakrionskritische Fragestellungen in Deiner Sicht mit ein?

 

Ich bin überzeugt, daß sich die literargeschichtlichen Fragestellungen unabhängig davon ergeben, ob man mit der Möglichkeit eines übernatürlichen Handelns Gottes in der Welt rechnet (wie ich selbst) oder nicht. Sie ergeben sich z.B. (nur ganz abgekürzte Andeutungen!)aus der Möglichkeit des synoptischen Vergleichs, sie ergeben sich von daher - über den Einzelvergleich hinaus - als synoptische Frage, sie ergeben sich, wenn z.B. im Psalm 18 völlig unterschiedliche Denk- und Sprachwelten hintereinander geschaltet sind, sie ergeben sich, wenn in einem großen Überlieferungskompklex Dinge zweimal erzählt werden, die jeweiligen Erzählstränge unterschiedliche Gottesnamen verwenden und eine poetisch-rhetorische Erklärung schwerfällt - der Pentateuch (hier kommen dann natürlich auch traditionsgeschichtliche Fragen hinein - aber überhaupt besteht natürlich historisch-kritisches Arbeiten nicht nur in Literarkritik; die unterschiedlichen Fragen begrenzen sich ja zum Teil auch gegenseitig).

 

Mithin: Die methodischen Optionen ergeben sich im Lauf einer Forschungsgeschichte, die sich an ihrem jeweiligen, individuellen Gegenstand abrbeitet, mit ihren Sternstunden, Zusammenbrüchen und Neuorientierungen - insoweit haben die Verweise auf Althistoriker und Altphilologen ihre Berechtigung aber auch ihre Grenzen.

 

Schlußbemerkung: Ich teile die Vorliebe für die Väterexegese und überhaupt für Möglichkeiten einer kanonischen Exegese, wie sie gegenwärtig diskutiert werden, sehe darin aber, wie das Papier der Bibelkommission, keinen Gegensatz zur Anwendung der hsitorisch-kritischen Methode (die mich beispielsweise ja auf relecture-Prozesse innerhalb der Schrift aufmerksam macht, die bereits eine Brücke zur Väterhermeneutik schlagen)

 

Herzlich

Martin Brüske

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Hallo,

 

ich bin ein Verfechter der historisch-kritischen Exegese, sehe aber auch die Grenzen.

 

Ich denke, es ist wichtig, zu fragen, wie die ursprünglichen Adressaten einen Text verstanden haben, wie er gedeutet und kommentiert wurde, wie er neuen Erkenntnissen und Anforderungen angegleichen wurde. Um einen Text voll zu verstehen, muss ich seine Entstehungsgeschichte kennen. Insofern ist eine reine Auslegung der Endgestalt des Textes m.E. nicht allein zielführend.

 

Allerdings geht es dabei nicht allein um die Methode, sondern um die Fragehaltung. Ich kann nach der ersten Schicht eines Textes fragen. Diese ist in vielen Fällen unsicher und kontrovers diskutiert. Falls es gelingt, eine solche Schicht zu finden, dann kann ich versuchen, anhand dieser Schicht bestimmte theologiegeschichtliche und religionshistorische Aussagen zu machen. Das kann für das Verständnis der Bibel hilfreich sein. Allerdings ist keine Schicht mehr wert als die andere. Manchmal scheint es so im Rahmender historisch-kritischen Exegese zu sein, aber das ist nicht der Kern dieser Methodik. Entscheidend ist der Text in der jetzigen Endgestalt.

 

Ich habe durch die historisch-kritische Methode mein Verständnis der Bibel vertieft.

 

Viele Grüße,

 

Matthias

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