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Rahner


Debelareij

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Habe Karl Rahners Grundkurs des Glaubens gelesen.

Das meiste hab ich kaum verstanden, und den Rest glaube ich verstanden zu haben.

Kennt jemand eine Zusammenfassung von Karl Rahners Theologie, die lesbar ist jedoch auch nicht zu sehr gekürzt und abgemagert?

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Hi Debelareij ! -puh - was bedeutet denn Dein Name ?? :P

 

Ich habe von einem "Mitdiskutanten" eine Zusammenfassung des Grundkurses bekommen, wenn Du willst schicke ich sie Dir zu ... er hat darüber seine Diplomarbeit geschrieben .... :P

 

Er hat es damals angeboten sie zu verschicken, deswegen denke ich nicht, dass er was dagegen hätte ... :blink::P

 

Frage an alle:

 

Was haltet ihr von Rahner ?

 

Ich bin begeistert von ihm :blink: - auch wenn ich noch nicht soo viel von ihm gelesen habe !

 

Herzliche Grüße

 

Mathias

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Hallo Leute,

 

Rahners Hauptverdienst ist es, daß er versucht hat, die Transzendentalphilosophie Kants mit der mittelalterlichen Mystik zu versöhnen.

 

Versöhnungsversuch

Rahner richtig verstehen kann man erst, wenn man um diesen Konflikt zwischen diesen beiden Parteien weiß, und versteht, worum es geht. Kantianisches Denken und alte bzw. mittelalterliche Metaphysik und Mystik. Rahner auf dem Nachfolgerstuhl von Guardini erwähnt letzteren in seinen Schriften kaum. Es wäre für Rahner kontraproduktiv, wenn er sich stärker mit den Thesen Romano Guardinis öffentlich auseinander gesetzt hätte. Guardini hatte mit seiner ganzen Theologie geradezu eine sehr harte Kritik an Kant formuliert. Rahner rühmte sich, eine kantianisch verzeuchte Theologie vertreten zu haben.

 

Kants Erkenntnisprämisen

Ich halte Rahners Bemühen insofern für gescheitert, deshalb, weil der Transzendentalidealismus Kants oberflächliche Erkenntnisprämisen voraussetzt, wonach nur das Sinnliche und nicht das Geistige (=Ethik, Gotteserfahrungen, Freiheit, Sinn, Liebe) erkennbar ist.

 

Subjektivistisches Denken ist auch ohne Oberflächlichkeit möglich

Wahr an Rahners Bemühen ist, daß die Freiheit sich nie von sich selbst lösen kann, seine eigene Perspektive die Art auf die Dinge zu schauen, loslösen kann. Von daher muß es eben zu einer Synthese von Objektivität und Subjektivität im Erkenntnisvollzug geben. Auch die Erkenntnis von Liebe, Vergebung, Ethik, Gotteserfahrungen, ist nur möglich, wenn die Freiheit dafür empfänglich ist. Von daher lassen sich Subjektivitätsthesen durchaus formulieren. Soviel nun zum Erkenntnisvollzug, scheint alles theoretisch zu stimmen. Aber stimmt das immer?

 

Der sanfte Zwang des Objektiven

Wie ist es denn, um bei unserem Beispiel mit dem Märchen "Des Kaisers Neues Kleid" zu bleiben, dann mit dieser Synthese? Wenn also die Synthese zwischen der Meinung des Königs und die Tatsächlichkeit seines Nacktseins vollziehen könnte, hätte ich noch keine Wahrheit. Zu keiner Synthese zwischen Objekt und Subjekt kommt es, wenn der König die Wahrheit nicht erkennt, nach wie vor glaubt, ein kostbares Kleid anzuhaben. Der König ist nun mal nackt, und er bleibt nackt, bis er was angezogen hat. Da kann man nicht sagen, die Perspektive dies zu sehen macht die Wahrheit aus.

 

Die Wahrheit von Freiheitsvollzügen, wie ist es denn damit?

Um ein anderes Beispiel einzubringen, wo eher das Subjekt eine entscheidende Rolle einnimmt, so muß ein Gericht feststellen, ob jemand einen Mord oder einen Totschlag begangen hat. Da kann man es nicht bei einer reinen Deskriptivität der Geschichte belassen, sondern es muß ersichtlich werden, daß der Täter gewillt war, die Person umzubringen. Beim Totschlag handelt es sich um grobe Fahrlässigkeit mit Todesfolge. In diesen Fällen spielen viele Faktoren eine wichtige Rolle, um den Willen des Täters heraus zu bekommen, je nachdem, ob die Tat geplant wurde oder nicht. Gab es mögliche Motive zur Tat? Ich bin kein Kriminologe und möchte darauf nicht weiter eingehen. Wichtig ist nur, daß das, was werden soll, durch einen Freiheitsvollzug möglich wird. Insofern die Frage, inwiefern denn das Objekt durch das Subjekt bestimmt ist. Die Wahrheit über die Tat läßt sich nicht herausfinden, wenn man also den Willen des Täters nicht feststellen kann. Dann gilt: "Im Zweifel für den Angeklagten" (=In dubio pro reo).

 

Mal so, mal so

Bisher scheint es also solche Fälle zu geben, wo man Rahner recht geben kann, und wiederum bei anderen Fällen kann man ihn kein Recht geben. Mal so, und mal ist es anders. In manchen Lebenssituationen scheint die Transzendentalphilosophie recht zu haben, in anderen Fällen aber scheint der mittelalterliche mystisch denkende Realismus recht zu haben. Aus dieser Perspektive verbietet sich dann eine allumfassende "Theorie" der Wahrheit, weil jede Theorie etwas Wahres und etwas Falsches enthält.

 

Historisch gewordene Subjektivität

Wenn ich aber von einer geschichtlich gewordenen Subjektivität spreche, dann kann ich entweder nur ehrlich sein, daß ich damals eine gute, schlechte oder gemischte Motivation hatte. Was war, ist geschehen, und ich kann es nicht ungeschehen machen. Hier wiederum scheint wiederum eine Wende vom subjektivistischen zum objetivistivistischen Denken gegeben zu sein.

 

Subjektivismus hat "Grenzen"

Scheitern tut eben eine solcher Versöhnungsversuch Rahners eben an dem Punkt, wo es z.B. um die Wahrheit von performativen Vollzügen geht. Ein performativer Vollzug kann nur gelingen, wenn die Bedingung der Möglichkeit zu dem jeweiligen Vollzug gegeben ist. Performative Vollzüge sind solche, die sagen was sie tuen, und tuen was sie sagen: "Ich vergebe Dir", "Ich nehme Dich zu meiner angetrauten Ehefrau". Ich kann nicht ein Kuscheltier in die Hand nehmen und dann sagen: "Du bist Fleisch und mein Blut!" Dies gelingt nicht. Es gelingt nur dann, wenn ich die Vollmacht dazu habe. Man sagt, ein performativer Vollzug ist dann wahr, wenn er gelingt.

 

Darin steckt ein wenig Metaphysik: Ich kann jemand anders nur deshalb vergeben, weil Gott den Menschen diese Möglichkeit gegeben hat, einander zu vergeben. Da nun die Bedingung der Möglichkeit von performativen Vollzügen nicht aus der Hand des Menschens sondern aus der Hand dessen, der die Welt erschaffen hat, stammt, wirkt Gott in jedem performativen Vollzug immer mit.

 

Und was man mit solchen Vollzügen meint, ist meist etwas Bleibendes, etwas Gutes, etwas was sein soll. Das prägt die Geschichte, und die Geschichte ist unumkehrbar. Zustände kann man ändern, die Geschichte nicht. Der Transzendentalidealismus scheitert sodann also an der Metaphysik, die man an solchen performativen Vollzügen heran tragen kann. Da die Freiheit nicht über die Wahrheit der hinter sich liegende Geschichte bestimmen kann, sondern nur entweder um Vergebung bitten oder den Dank annehmen kann, sind der Subjektivität Grenzen gesetzt. Freiheit besagt nur Möglichkeit zur Entscheidung. Die Entscheidung bestimmt die Wahrheit der vor ihr liegenden Geschichte, wenn zwar nicht immer. Aber man darf hierbei nicht den Urheber einer Entscheidung (=die menschliche Freiheit) mit dem transzendenten Urheber (=Gott), der die Entscheidung überhaupt möglich macht, verwechseln.

 

Das Unbedingte des Guten ist in menschlichen Vollzügen verwoben

Alle von der Freiheit getroffenen Entscheidungen wissen sich einem guten Zweck verplichtet. Das "Gute" wollen sollte Ziel aller Entscheidungen sein, wenn gleich manchesmal die Freiheit die Sünde auch will. Das Gute, das getan werden soll, ließe sich als eine Anfrage an die Freiheit verstehen, die sie zur Entscheidung herausfordert. Das Gute trägt man im Herzen, hat aber gleichzeitig "dialogischen" Charakter.

 

Das Gute klopft an das Herz des Menschen, aber nicht von außen, sondern von innen. Insofern ich aber über das Sein des Guten nicht bestimmen kann, das Gute mich herausfordert, ist es eben nicht die eigene Stimme, sondern die Stimme eines anderen. Da aber es nicht ein anderer es ist, der anklopft, sondern dieses Gute der Freiheit selbsteinsichtig wird, ist der Ruf nicht diktatorisch, sondern es handelt sich um eben das Geheimnis eines Rufs im Herzen. Hier sind wir wieder beim Guten als Theophanie angelangt.

 

Freiheit kann über das Gute nur deontisch (=bezüglich der Entscheidungsfreiheit) bestimmen, eben nicht ontisch (=bezüglich des Seins). Die Freiheit kann sich nur zwischen Möglichkeiten entscheiden, kann aber nicht die Beschaffenheit der Natur und ist nicht Urheber der menschlichen Würde. Von daher sind hier auf der metaphysischen Ebene nochmals Grenzen gesetzt, wo der Psalmist vorbildlich im Gebet nach dem Guten fragt: "Lehre Herr mir Deine Gebote". Das Herz kann sich täuschen, also muß es sich nach Gott ausstrecken.

 

Und die Synthese?

Damit ist die Synthese, von der Rahner geträumt hat, von Mystik und Kantianismus, noch nicht von der Hand. Es wurde bisher nur gezeigt, daß die Parteien verfeindet gegenüber sitzen.

 

Der Transzendentalidealismus besagt, daß man nur so erkennen kann, in der Weise, wie man bereits ursprünglich in der Lage ist, zu erkennen: "Quidquid recipitur, ad modum recipiendi recipitur". Das ist die Wahrheit des kantianischen Denkens. Aber meine Betrachtungsweise macht nicht notwendig die Wahrheit aus, denn wie könnte es sonst den Irrtum geben? Darum ist die Subjektivitätsfrage nicht gelöst, aber mit den obigen Ausführungen relativiert.

 

Die Trennung

Ich stelle mal die Gegenthese anders herum: Nicht die Synthese zwischen Objekt und Subjekt ist gefragt, wenn ich die Wahrheit erkennen muß, sondern auch die Trennung. Wenn Subjekt und Objekt völlig getrennt wären, so gibt es keinen Erkenntnisvollzug, weil das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat. Wenn aber beides ineinander fallen würde, wie das etwa bei der Ich-Erkenntnis seinbar der Fall ist, so wäre der Freiheit die Möglichkeit der Selbstreflexion, der Selbsterkenntnis vereitelt. Die Freiheit muß sich selbst - zumindest in Gedanken - gegeüber stehen, um sich als Freiheit erkennen zu können. Das ist verständlich. Es muß also eine gewisse Identität in der bleibenden Differenz geben, soll also Erkenntnis möglich sein. Aber das ist nicht der Punkt der Kritik, worum es geht. Wenn das Ich mit seinem Schatten zusammenfallen würde, dann wäre das der Tod.

 

Das andere "Ich" fordert mich heraus

Mit Levinas möchte ich behaupten, nicht das Ich und die Selbstreflexion ist das Erste in der Selbsterkenntnis, sondern die Begegnung mit dem Anderen. Der Andere fordert mich durch seine alleinige Existenz heraus, Stellung zu nehmen, mich zu ihm zu verhalten. Das Wissen allein um seine Sterblichkeit kann mich nicht unberührt lassen. Das Ich gibt es also nicht, wenn es das Du nicht gäbe. Kenntnis von mir selber habe ich also in erster Linie durch den Anderen, eben nicht durch mich selbst, sondern durch die sanfte Unbedingtheit, die in seiner Würde und Freiheit gegeben ist. Ein Mann kann sich nicht als Mann verstehen, wenn es nicht ein Gegenüber gibt, die Frau. Von daher ist bezüglich der Wahrheitsfindung die Einheit sondern auch die Trennung, der Andere und der Dialog gefordert.

 

Das Gute, das sich situationsbezogen im Leben schenkt, fordert mich heraus. Ich soll mich entscheiden, nicht ein anderer. Ich bin gemeint. Mich ansprechen und mich herausfordern kann nur, was nicht mein Ich ist. Ich soll mir nicht ein Entwurf meines Bruders machen, wer er ist. Ich muß mir sagen lassen, was in ihm vorgeht.

 

Kein Mann soll sich Bild über die Liebe einer Frau zu ihm machen, sondern er muß sich "treffen" lassen. Das, was der eine zum anderen zu sagen hat, das nennt man "Offenbarung". Ins Herz des anderen vermag niemand außer Gott zu schauen. Und "sichtbar" wird die Wahrheit, ob jemand den anderen liebt, nur dann, wenn diese Liebe ausgesprochen wird. Manchmal ist diese Liebe erst in der Eifersucht sichtbar, je nach Lebensumstände. Dann aber ist noch ein Grad der Trennung zusätzlich gegeben, so daß die Wahrheit doch noch ans Licht kommt. In solchen Fällen hilft mir eine Betrachtung eines Woraufhins und Wovonhers der Erkenntnis, wie Rahner sie formuliert hat, nicht viel. Natürlich muß die Freiheit empfänglich sein für die Liebe, aber die Liebe wird nicht durch die Augen des Betrachters geformt, sondern da geht es im Strengen Sinne des Wortes um "Antwort" auf den anderen, der was von einem will. Sich den Anderen nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, die Wahrheit des Seins vom Subjekt abhängig werden zu lassen, das wäre so göttlich wie Gott. Darum scheitert der Versöhnungsversuch Rahners kläglich.

 

Grüße, Carlos

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Hier sind zwei Sekundärliteraturangaben:

 

- Bernd Jochen Hilberath: Karl Rahner. Gottgeheimnis Mensch. Mainz 1995.

 

- Herbert Vorgrimler: Karl Rahner verstehen. Eine Einführung in sein Leben und Denken. Freiburg, Basel, Wien 1985.

 

Wo ich genaueres über den Einfluß Maréchals auf Rahner gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Maréchal hat eben diesen entscheidenden Impuls in Rahner ausgelöst, kantianisches und mystisches Denken miteinander versöhnen zu versuchen.

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Grüß Dich Carlos !

 

Du hast viel geschrieben ! - Einiges davon habe ich nicht verstanden - ich gehe mal darauf ein, dann wird sich vielleicht einiges klären lassen :blink:

 

Subjektivistisches Denken ist auch ohne Oberflächlichkeit möglich

Wahr an Rahners Bemühen ist, daß die Freiheit sich nie von sich selbst lösen kann, seine eigene Perspektive die Art auf die Dinge zu schauen, loslösen kann. Von daher muß es eben zu einer Synthese von Objektivität und Subjektivität im Erkenntnisvollzug geben. Auch die Erkenntnis von Liebe, Vergebung, Ethik, Gotteserfahrungen, ist nur möglich, wenn die Freiheit dafür empfänglich ist. Von daher lassen sich Subjektivitätsthesen durchaus formulieren. Soviel nun zum Erkenntnisvollzug, scheint alles theoretisch zu stimmen. Aber stimmt das immer?

 

Das erinnert mich an Kants Ding an sich ... und an Jesus, der Weg dieWahrheit und das Leben ...

Wenn ich mich nicht irre, so sagte mir jemand in einem anderen Forum:

Ist Jesus deswegen DER Weg, die Wahrheit und das Leben, weil (nach Rahner) wir die "Dinge" an sich nicht verstehen können, wie sollen wir dann Gott begreifen :P ???

Rahner: " Wir können uns also nur über Jesus diesem Gott annähern ... warum ? Weil Jesus wahrhaft Mensch UND wahrhaft Gott war ... deswegen für uns die einzige Möglichkeit ... - für uns Menschen ...

Ist es das was Du mit oben geschriebenem meinst ?

 

Dass, wir die Objektivität (Ding an sich) niemals begreifen und immer ein Konstrukt (Subjektiv) erstellen um die Wirklichkeit zu begreifen ... (Wir hatten das mal in Lernpsychologie ... :lol: )

 

Der sanfte Zwang des Objektiven

Wie ist es denn, um bei unserem Beispiel mit dem Märchen "Des Kaisers Neues Kleid" zu bleiben, dann mit dieser Synthese? Wenn also die Synthese zwischen der Meinung des Königs und die Tatsächlichkeit seines Nacktseins vollziehen könnte, hätte ich noch keine Wahrheit. Zu keiner Synthese zwischen Objekt und Subjekt kommt es, wenn der König die Wahrheit nicht erkennt, nach wie vor glaubt, ein kostbares Kleid anzuhaben. Der König ist nun mal nackt, und er bleibt nackt, bis er was angezogen hat. Da kann man nicht sagen, die Perspektive dies zu sehen macht die Wahrheit aus.

 

Auch hier kann ich Dir evtl nicht folgen ...

Das kommt doch darauf an, was man unter Wahrheit versteht oder ?

Vielleicht meint die "Perspektive dies zu sehen macht die Wahrheit aus" dieses Konstrukt im Leben eines jeden Menschen, in der Psychologie nennt man das Kognitive Schemata ...

Das heißt, ich meine es geht um die Subjektive Wahrheit, die bei jedem anders aussieht (Kog. Schemata), weil jeder was anderes unter Wahrheit versteht - ich verstehe unter meiner subj. Wahrheit Gott und glaube auch, dass die Obj. Wahrheit Gott ist, die wir aber niemals erkennen können eben aufgrund des "Ding an sich" (Kant) und der Synthese zwischen Erscheinung und Individuum, das man verknüpft zu einem Muster (Kog. Schemata) ...

 

Gehe ich in eine ganz andere Richtung als Du ?? B):P

 

Die Entscheidung bestimmt die Wahrheit der vor ihr liegenden Geschichte, wenn zwar nicht immer. Aber man darf hierbei nicht den Urheber einer Entscheidung (=die menschliche Freiheit) mit dem transzendenten Urheber (=Gott), der die Entscheidung überhaupt möglich macht, verwechseln.

Wie man subjektive Wahrheit und objektive Wahrheit auch nicht einfach vermischen darf - oder ?

 

Das Unbedingte des Guten ist in menschlichen Vollzügen verwoben

Alle von der Freiheit getroffenen Entscheidungen wissen sich einem guten Zweck verplichtet. Das "Gute" wollen sollte Ziel aller Entscheidungen sein, wenn gleich manchesmal die Freiheit die Sünde auch will. Das Gute, das getan werden soll, ließe sich als eine Anfrage an die Freiheit verstehen, die sie zur Entscheidung herausfordert. Das Gute trägt man im Herzen, hat aber gleichzeitig "dialogischen" Charakter.

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach ... :blink:B)

 

Die Freiheit muß sich selbst - zumindest in Gedanken - gegeüber stehen, um sich als Freiheit erkennen zu können. Das ist verständlich. Es muß also eine gewisse Identität in der bleibenden Differenz geben, soll also Erkenntnis möglich sein. Aber das ist nicht der Punkt der Kritik, worum es geht. Wenn das Ich mit seinem Schatten zusammenfallen würde, dann wäre das der Tod.

Das würde ich die Fähigkeit des Menschen zur Metakognition nennen B) - sich der Freiheit bewusst werden - über manchen Dingen stehen und sehen was sie ausmacht ...

Das andere "Ich" fordert mich heraus

Mit Levinas möchte ich behaupten, nicht das Ich und die Selbstreflexion ist das Erste in der Selbsterkenntnis, sondern die Begegnung mit dem Anderen. Der Andere fordert mich durch seine alleinige Existenz heraus, Stellung zu nehmen, mich zu ihm zu verhalten. Das Wissen allein um seine Sterblichkeit kann mich nicht unberührt lassen. Das Ich gibt es also nicht, wenn es das Du nicht gäbe. Kenntnis von mir selber habe ich also in erster Linie durch den Anderen, eben nicht durch mich selbst, sondern durch die sanfte Unbedingtheit, die in seiner Würde und Freiheit gegeben ist. Ein Mann kann sich nicht als Mann verstehen, wenn es nicht ein Gegenüber gibt, die Frau. Von daher ist bezüglich der Wahrheitsfindung die Einheit sondern auch die Trennung, der Andere und der Dialog gefordert. Der sanfte Zwang des Objektiven

Wie ist es denn, um bei unserem Beispiel mit dem Märchen "Des Kaisers Neues Kleid" zu bleiben, dann mit dieser Synthese? Wenn also die Synthese zwischen der Meinung des Königs und die Tatsächlichkeit seines Nacktseins vollziehen könnte, hätte ich noch keine Wahrheit. Zu keiner Synthese zwischen Objekt und Subjekt kommt es, wenn der König die Wahrheit nicht erkennt, nach wie vor glaubt, ein kostbares Kleid anzuhaben. Der König ist nun mal nackt, und er bleibt nackt, bis er was angezogen hat. Da kann man nicht sagen, die Perspektive dies zu sehen macht die Wahrheit aus.

 

Dem kann ich allem zustimmen, nur im Gesamtzusammenhang kann ich leider nicht folgen, Du sprichst viele interessante Themen an, aber für mich hat das noch keine Anknüpfpunkte mit Rahner ... :P

Kant kenn ich einigermaßen, aber mir fehlt wohl die Mystik, könntest Du mir da ein wenig auf die Sprünge helfen ?

 

So weit mal - mit Spannung auf die Antwort

 

Mathias

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Lieber Mathias,

 

meine Antwort in Bezug auf Rahner betraf einzig die philosophischen Aspekte. Seine Verdienste im Bereich der Dogmatik, der katholischen Lehre, usw., sind unbestritten. Du findest in meinem Beitrag oben deshalb kein einziges Wort über Jesus Christus, weil ich nicht über Offenbarung redete.

 

Kant klammert den Wunderbegriff aus dem Leben aus

Rahner versucht das Wunder in das kantianische Denken einzugliedern

Kant hat in seiner Philosophie die Mystik nie gewürdigt, sie nie hineinbezogen. Ja mehr noch, er hat sie aus dem Erkenntnisvollzug ausgeklammert. Kants Philosophie ist meiner Meinung nach (etwas) kompliziert aber auch gleichzeitig zum Heulen oberflächlich. Das hat Rahner richtigerweise erkannt, und von daher hat er den Begriff des Wunders, der Mystik, oder sagen wir, der Mystagogie im Alltag mit der Philosophie Kants zu vereinen versucht.

 

Mal ja, mal nein

Konkret im Leben lassen sich viele Beispiele nennen, wo man mit dem Erkenntniskonzept Rahners eines Woraufhins des Subjekts und eines Wovonhers des Objekts einigermaßen gut zurecht kommt. Insgesamt scheint das eine gemäßigte Transzendentalphilosophie zu sein, die nicht den gleichen Fehler wie Kant macht. Nur sein Konzept liefert mir eigentlich keine Lösungen, nur Fragen und Denkanstößen.

 

Es lassen sich im Leben auch viele konkrete Beispiele nennen, wo das Gegenteil der Fall ist, bei dem das Konzept Rahners überhaupt nicht weiterhilft. Mal scheinen die Beispiele zu stimmen, mal stimmen sie nicht. Diese Beispiele habe ich oben gegeben: Im Märchen "Des Kaisers neues Kleid", oder beim Rede-Antwort-Spiel von Mann und Frau, die sich ihre Gefühle mitteilen. Wie das Subjekt darüber denkt, das verändert an der Wahrheit nichts. Nochmals wenn der König nun mal nackt ist, dann kann er sich noch soviel einreden, daß er ein goldenes Kleid trägt, so wird es nicht wahr.

 

Erkenntnis findet "immer" statt, sogar in dem, was wir tun

Ehe ich zum Begriff der "Wahrheit" voran schreite, stellen wir noch ein paar Fragen an den Erkenntnisbegriff. Ich habe an der Stelle weitergemacht, zu behaupten, daß sogar solche Freiheitsvollzüge, die von der Freiheit unmittelbar abhängen, ebenfalls "Erkenntnis" darstellen müssen. Wenn ich also mich verheiraten würde, dann gebe ich ein Versprechen, und indem ich das Verspreche, tue ich was ich sage: "Ich schließe die Ehe". Nun aber erkenne ich mich als ein solcher, der die Ehe schließt, nur deshalb, wenn es mir möglich ist, die Ehe zu schließen. Ich kann mich dazu entscheiden, aber ich kann die Ehe nicht "erfinden". Die Möglichkeit dazu ist in ihrem natürlichen Sosein gegeben, daß ich den "Sinn" dessen, was sie soll, erkennen kann. Der Sinn ist sodann "Anruf" an meine Freiheit, damit ich ein Ja oder ein Nein sage. Von daher, geziemt es sich nicht, sich des Subjektivismus zu rühmen. Wir sind nur ohnmächtige Wesen, die das Gelingen ihrer Festlegungen nicht garantieren können.

 

Die kopernikanische Wende Kants

Das Problem bei Kant liegt nun mal darin, daß er die sogenannte kopernikanische Wende der Erkenntnis postuliert hat. Da er wie gesagt nur das Sinnliche zuläßt, wird das Vernehmen von "Sinn", "Ethik", "Offenbarung" zum Entwurf des Denkens. Nicht das Subjekt muß nach dem Objekt fragen, um ihn zu erkennen, sondern das Sein richtet sich nach dem Denken. An sich ist der "Geist" im Gegenstande eine Grille, der nicht existiert. Geist gibt es nur für die praktische Vernunft in der Vorstellung der Menschen. Wenn es keine Menschen gäbe, dann wäre alles "geistlos", "sinnlos", bloße Materie, die nur geformt zu werden braucht. Das geistige Sosein haben die Dinge also vom Subjekt her. Und wenn ich also denke, daß ich ein Kamel bin, so muß es dann stimmen.

 

Da dies nun mal nicht so funktioniert, und Kant auch nicht ein Dummkopf war, machte er nun die Konzession zu behaupten, die Vernunft verhält sich bei der Bildung der Verstandeskategorien nie produktiv dabei, sondern die Kategorien der Vernunft vor aller Erkenntnis gegeben sind, d.h. apriori gegeben sind. Damit wäre das Schlimmste bewahrt, denn dies hätte sonst für die Ethik fatale Konsequenzen, zu sagen, etwa: "Leute hängen ist gut, weil der Verstand dies so festlegt." Autopoiesis nennt man sowas. Soweit ist Kant in der Tat nicht gegangen. Das hieße, alle Denkkategorien sind dem Verstande gegeben, man weiß aber schließlich nicht woher er sie hat. Der Verstand hat sie nunmal. So gesehen, erkennt das Subjekt alles Mögliche, alle Denkschematas, nur nicht die Wahrheit. Der Dank ist so unmöglich und der Mensch muß verkümmern.

 

Die Oberflächlichkeit Kants

Was also übrig bleibt ist die Oberflächlichkeit Kants, die den Glauben letztlich alle Beredsamkeit wegnimmt. Dem Verstand sind alle Denkkategorien gegeben, aber es ist ihm nichts Geistiges "gewiß". Liebe und Erkenntnis, wie verhalten sich denn wohl beide? Schon mal darüber nachgedacht?

 

Offenbarung des Geistlichen

Wenn ich also am Einkaufszentrum spazieren gehe, sehe ich da nicht nur die Obdachlosen da sitzen, sondern ich glaube ihre "Not" zu sehen. Klar kann ich mich täuschen, aber es läßt mich nicht kalt, wenn ich sehe, daß da jemand im Papierkorb nach etwas Eßbaren rumsucht. Eben dieser Oberflächlichkeit setzt Rahner sein Konzept entgegen. Nur, wenn es um die Not des Obdachlosen geht, dann werde ich nicht sagen, mein Verstand soll die Not oder Nicht-Not hinein projezieren, dann wäre das die Wahrheit. Ich als vernehmende Person muß mich nach dem Nicht-Ich ausstrecken, ich muß herausfinden versuchen, was die Wahrheit über den Obdachlosen ausmacht. Ist er denn ein Simulant, oder leidet er wirklich Not? Ich soll meine Vorstellungen nicht da hineintragen, sondern mich von der Situation "betreffen" lassen. Darum scheitert streng genommen der Versuch, die kopernikanische Wende Kants partout anzuwenden, ja sie gelingt strenggenommen eigentlich nie. Der erste Schritt ist gebongt. Ich kann mich von meiner eigenen Perspektive nie lösen. Ich bin immer derjenige, der sieht, und ich kann nicht anders als durch meine Brille sehen. Aber die Wahrheit ist nicht von meinem Wunschdenken abhängig.

 

Zum Begriff der Wahrheit

Wahrheit in der Philosophie meint nie nur die Übereinstimmung vom Gegenstande und Verstand. Das ist im übrigen auch nicht die Intention des Thomas von Aquins gewesen. Diejenigen, die das behaupten, tuen es, weil sie die Mystik aus dem Aquinaten vertrieben haben, die nicht gesehen haben, daß die Redeweise vom "Wesen der Dinge" sich immer auf eine symbolische Verstehensweise der Welt, auf Erscheinung und Wesen bezieht.

 

Wenn ich nun sagen würde: "Ich habe dieses Jahr meine Frau nicht geschlagen", so sage ich etwas Richtiges, aber zur Wahrheit gehört dazu, daß ich auch sage: "Ich habe keine Frau". Man unterscheidet zwischen "Wahrheit" und "Richtigkeit". Oder man denke wie es denn bei Gerichten so ist, wenn jemand nur die Hälfte der Wahrheit erzählt, so daß zum Schluß der Unschuldige verurteilt wird. Die Hälfte der Wahrheit hat noch nicht einmal den Namen der halben Wahrheit verdient. Darum kann es auch keine strenge Korrespondenztheorie der Wahrheit geben. Letztere vertritt nur der "naive Realismus" (=die Dinge sind so, wie wir sie sehen). Im mittelalterlichen Denken muß von einem "mystischen, symbolischen Realismus" (=ich muß mich nach der Wahrheit des Seins ausstrecken) die Rede sein. Das wäre ehrlich, das zu sagen.

 

Wahrheit als Theophanie

Letztlich ist zu sagen, daß der Begriff der Wahrheit, in ihrem Anspruch eine Anfrage an die Freiheit des Menschens darstellt. Ich soll das Gute tun. Ich bin gefragt, zu helfen. Hier und jetzt schenkt sich diese und jene Situation im Leben, deren Sinn ich vernehme und mich dazu verhalten soll. Ich soll mich entscheiden. Aus diesen dialogischen Überlegungen gibt es den Versuch den Begriff der Wahrheit als "Theophanie" (=Erscheinung Gottes) zu rechtfertigen. Wahrheit ist quasi die sanfte Herrlichkeit, die Unbedingtheit, die in allen Lebenslagen uns betrifft.

 

Grüße, Carlos

 

 

Literatur:

Thema Wahrheit:

- Jörg Splett: Denken vor Gott. Philosophie als Wahrheits - Liebe. Frankfurt am Main 1996.

 

Thema Erkenntnistheorie:

- Joseph F. Schmucker-von Koch: Autonomie und Transzendenz. Untersuchungen zur Religionsphilosophie Romano Guardinis. Mainz 1985.

Edited by platon
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Grüß Dich Carlos !

 

Danke für Deine Ausführungen !

Bei mir gibt es immer noch viele Fragen :P

 

Mal ja, mal nein

Konkret im Leben lassen sich viele Beispiele nennen, wo man mit dem Erkenntniskonzept Rahners eines Woraufhins des Subjekts und eines Wovonhers des Objekts einigermaßen gut zurecht kommt. Insgesamt scheint das eine gemäßigte Transzendentalphilosophie zu sein, die nicht den gleichen Fehler wie Kant macht. Nur sein Konzept liefert mir eigentlich keine Lösungen, nur Fragen und Denkanstößen.

 

1. Das Erkenntniskonzept Rahners kenne ich leider auch nicht ... :P

also Woraufhin und Wovonher ... ich kann mir dabei was denken, aber ob das damit gemeint ist ...

2. Dass Rahner mehr Fragen anstößt, als antworten gibt, finde ich "typisch" oder ? - Ich denke es mir in dem Zusammenhang mit Heidegger ... Samuel im anderen Forum sagte mir, Rahner habe bei Heidegger das Fragen gelernt :(B)

Im Märchen "Des Kaisers neues Kleid", oder beim Rede-Antwort-Spiel von Mann und Frau, die sich ihre Gefühle mitteilen. Wie das Subjekt darüber denkt, das verändert an der Wahrheit nichts. Nochmals wenn der König nun mal nackt ist, dann kann er sich noch soviel einreden, daß er ein goldenes Kleid trägt, so wird es nicht wahr.

Das meinte ich mit Subjektiver und objektiver Wahrheit, die subjektive evtl. "Scheinwahrheit" ändert nichts an der Objektiven Wahrheit ... oder :P:lol:

 

Erkenntnis findet "immer" statt, sogar in dem, was wir tun

Ehe ich zum Begriff der "Wahrheit" voran schreite, stellen wir noch ein paar Fragen an den Erkenntnisbegriff. Ich habe an der Stelle weitergemacht, zu behaupten, daß sogar solche Freiheitsvollzüge, die von der Freiheit unmittelbar abhängen, ebenfalls "Erkenntnis" darstellen müssen. Wenn ich also mich verheiraten würde, dann gebe ich ein Versprechen, und indem ich das Verspreche, tue ich was ich sage: "Ich schließe die Ehe". Nun aber erkenne ich mich als ein solcher, der die Ehe schließt, nur deshalb, wenn es mir möglich ist, die Ehe zu schließen. Ich kann mich dazu entscheiden, aber ich kann die Ehe nicht "erfinden". Die Möglichkeit dazu ist in ihrem natürlichen Sosein gegeben, daß ich den "Sinn" dessen, was sie soll, erkennen kann. Der Sinn ist sodann "Anruf" an meine Freiheit, damit ich ein Ja oder ein Nein sage. Von daher, geziemt es sich nicht, sich des Subjektivismus zu rühmen. Wir sind nur ohnmächtige Wesen, die das Gelingen ihrer Festlegungen nicht garantieren können.

 

Hmm - ich würde das eher "einen Sinn in den "Erscheinungen" (würde Kant sagen) finden" nennen ...

Ich meine dem würde Kant widersprechen wir "erkennen" nichts ...

 

Danke für die Beispiele, sie erleichtern es schon wesentlich Dir zu folgen :P :P

 

 

Die kopernikanische Wende Kants

Die kenne ich und verstehe auch größtenteils was Du sagst ... die Kritik kann ich teilen ... in Kants System war es logisch, aber das heißt noch nicht, dass es auch so sein muss...

 

Die Oberflächlichkeit Kants

Was also übrig bleibt ist die Oberflächlichkeit Kants, die den Glauben letztlich alle Beredsamkeit wegnimmt. Dem Verstand sind alle Denkkategorien gegeben, aber es ist ihm nichts Geistiges "gewiß". Liebe und Erkenntnis, wie verhalten sich denn wohl beide? Schon mal darüber nachgedacht?

 

Das wiederum glaube ich sehr gut zu verstehen, was Du meinst ... im groben könnte man dann wohl sagen - bitte verbesser, mich wenn es nicht stimmen sollte - Kant war ein genialer Kopf - "auf seinem Gebiet" ... aber dieses Gebiet von ihm schließt eine wichtige Faktoren nicht ein - oder eben aus ... - oder ?

 

Eben dieser Oberflächlichkeit setzt Rahner sein Konzept entgegen. Nur, wenn es um die Not des Obdachlosen geht, dann werde ich nicht sagen, mein Verstand soll die Not oder Nicht-Not hinein projezieren, dann wäre das die Wahrheit.

Ich glaube Du musst mir nochmal genauer sagen, was Du unter Wahrheit verstehst ... :blink: ... :P

 

Ich bin immer derjenige, der sieht, und ich kann nicht anders als durch meine Brille sehen. Aber die Wahrheit ist nicht von meinem Wunschdenken abhängig.

Da kann ich bedenklos zustimmen B)

Wenn ich nun sagen würde: "Ich habe dieses Jahr meine Frau nicht geschlagen", so sage ich etwas Richtiges, aber zur Wahrheit gehört dazu, daß ich auch sage: "Ich habe keine Frau".

:P, da hätts mich jetzt schier vom Stuhl runtergefegt :P:lol:

Zum Begriff der Wahrheit

Wahrheit in der Philosophie meint nie nur die Übereinstimmung vom Gegenstande und Verstand. Das ist im übrigen auch nicht die Intention des Thomas von Aquins gewesen. Diejenigen, die das behaupten, tuen es, weil sie die Mystik aus dem Aquinaten vertrieben haben, die nicht gesehen haben, daß die Redeweise vom "Wesen der Dinge" sich immer auf eine symbolische Verstehensweise der Welt, auf Erscheinung und Wesen bezieht.

 

Wenn ich nun sagen würde: "Ich habe dieses Jahr meine Frau nicht geschlagen", so sage ich etwas Richtiges, aber zur Wahrheit gehört dazu, daß ich auch sage: "Ich habe keine Frau". Man unterscheidet zwischen "Wahrheit" und "Richtigkeit". Oder man denke wie es denn bei Gerichten so ist, wenn jemand nur die Hälfte der Wahrheit erzählt, so daß zum Schluß der Unschuldige verurteilt wird. Die Hälfte der Wahrheit hat noch nicht einmal den Namen der halben Wahrheit verdient. Darum kann es auch keine strenge Korrespondenztheorie der Wahrheit geben. Letztere vertritt nur der "naive Realismus" (=die Dinge sind so, wie wir sie sehen). Im mittelalterlichen Denken muß von einem "mystischen, symbolischen Realismus" (=ich muß mich nach der Wahrheit des Seins ausstrecken) die Rede sein. Das wäre ehrlich, das zu sagen.

 

Wahrheit als Theophanie

Letztlich ist zu sagen, daß der Begriff der Wahrheit, in ihrem Anspruch eine Anfrage an die Freiheit des Menschens darstellt. Ich soll das Gute tun. Ich bin gefragt, zu helfen. Hier und jetzt schenkt sich diese und jene Situation im Leben, deren Sinn ich vernehme und mich dazu verhalten soll. Ich soll mich entscheiden. Aus diesen dialogischen Überlegungen gibt es den Versuch den Begriff der Wahrheit als "Theophanie" (=Erscheinung Gottes) zu rechtfertigen. Wahrheit ist quasi die sanfte Herrlichkeit, die Unbedingtheit, die in allen Lebenslagen uns betrifft.

 

Spricht mich sehr an, was du schreibst :P - Vergiss also meine vorherige Frage, nach der Wahrheit ...

Kannst Du, Deine Gedanken, in Bezug auf die Liebe, die Freiheit und die Wahrheit noch etwas ausführen, das klingt mehr als interessant :lol: !!

 

Thema Wahrheit:

- Jörg Splett: Denken vor Gott. Philosophie als Wahrheits - Liebe. Frankfurt am Main 1996.

 

Ich liebe Splett :PB)

 

Herzliche Grüße und vielen Dank für Deine Ausführungen (ich hoffe nicht die letzten)

 

Mathias

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