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Ambrosisus über Maria


Justin Cognito
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Justin Cognito

Ambrosius 373 (oder 374) zum Bischof von Mailand gewählt und geweiht hat in seinem umfassenden Werk auch die Abhandlung "De virginibus" (seiner Schwester Marcellina gewidmet) hinterlassen, die die älteste lateinische Abhandlung über Spiritualität und Theologie einer christlich motivierten Jungfräulichkeit darstellt. In dieser Schrift schreibt er auch über Maria:

 

"Wie in einem Bild sei euch die Jungfräulichkeit dargestellt im Leben Marias, von dem, wie von einem Spiegel, der Glanz der Keuschheit und die Schönheit der Tugend zurückstrahlt. Hier möget ihr Beispiele für das Leben holen, wo die Grundätze der Tugend, gleichsam in einem Musterbild ausgeprägt, euch zeigen, was ihr bessern, was ihr meiden, was ihr behalten sollt. Den besten Lerneifer gibt der Adel des Lehrers. Was ist edler als die Mutter Gottes? Was glänzender als die, welche einen Körper ohne eine körperliche Berührung geboren hat? Denn was soll ich von ihrem übrigen Tugenden sagen? Junfgrau war sie, nicht bloß hinsichtlich des Körpers, sondern auch des Herzens, da sie nicht mit trügerischen Ränken die reine Empfindung schändete; sie war demütigen Herzens, ernst in ihren Worten, klugen Geistes, sparsam im Reden, fleißig im Lesen; sie setzte nicht auf die Unzuverlässigkeit des Reichtums, sondern auf das Gebet der Armen ihre Hoffnung; sie war eifrig bei der Arbeit, sittsam im Gespräch, gewohnt, nich einen Menschen, sondern Gott zum Zeugen ihrer nGedanken zu wählen; sie verletzte niemanden, wollte allen wohl, war ehrerbietig gegen Ältere, nicht mißgünstig gegen die Gespielen; sie mied das Prahlen, folgte der Vernunft, liebte Tugend. Wann hat sie auch mit einem Blick den Eltern wehe getan? Wann hat sie sich mit den Verwandten entzweit? Wann hat sie sich eines Niedrigen geschämt? Wann hat sie einen Gebrechlichen verlacht? Wann hat sie einem Dürftigen sich entzogen? ... Nichts Freches war in ihren Augen, nichts Zudringliches in ihren Worten, nichts Schamloses in ihren Gebärden. Ihre Haltung war nicht weichlich, ihr Gang nicht ausgelassen, ihre Stimme nicht leichtfertig, so daß das Äußere ihres Körpers ein Abbild ihrer Seele, ein Bild der Tugend war ... Was soll ich von der Spärlichkeit der Spesen, von der Überfülle der Andachtsübungen erzählen? Letztere überwogen ihre natürliche Kraft, erstere genügten kaum dem natürlichen Bedürfnis; dort wurde keine Zeit versäumt, hier die Tage durch Fasten verdoppelt. Wenn das Verlangen nach Erquickung eintrat, diente das Essen nur zum Fernhalten des Todes, nicht zum Genuß. Zum Schlafen kam die Lust erst mit der Notwendigkeit, und während der Körper ruhte, wachte doch die Seele; diese wiederholt häufig im Traum die Lektüre oder setzt sie bei unterbrochenem Schlaf fort uoder führt einen Vorsatz aus oder faßt einen neuen. Das Haus verliß sie nur, um in die Kirche zu gehen, und auch das nur in Begleitung ihrer Eltern oder Verwandten ... Eine Jungfrau mag andere als Rechte ihres Körpers haben, ihre Sittenwächterin aber muß sie selber sein ... So beschaffen hat der Evangelist Maria gezeigt, so beschaffen hat sie der Engel erfunden, do beschaffen hat sie der Heilige Geist erwählt."

 

Ambrosius, De virg. II 7 (PL 16, 220) : von mir zitiert nach: Söll, G. Mariologie (HDG III, 4), 81 f.

 

Ich finde es sehr interessant wie sehr hier antike Frauenideale einfließen. Denn "so beschaffen hat der Evangelist Maria" eben nicht "gezeigt". Die dichterische Ausgestaltung durch Ambrosius nimmt hier doch eindeutig den größeren Teil ein. Und diese Ausgestaltung passiert eben auf der Basis antiker Frauenideale - die hier in die bilbische Figur der Mutter Jesu rückprojeziert werden ..... Das ist zwar hochgradig ideologieanfällig, aber per se sagt das ja noch nichts über die Qualität des Textes aus. Die Frage für mich ist dann immer: Wie gehen wir mit solchen Texten um? Übernehmen wir sie einfach und mit ihnen das spät-antike Frauenbild des 4 Jhdts. ? Wie können wir entscheiden was nun Zeitgeist und was christliche Antropologie ist? Dabei ist dieser Text nur ein Beispiel für das Dilemma vor dem ich mich immer wieder stehen sehe - wenn ich den Glauben nur in der Geschichte vermittelt erfahren kann, wie kann ich dann feststellen was jetzt Kontext und was christliche Antropologie ist? Und gibt es überhaupt so etwas wie christliche Antropologie ausserhalb des Kontexts - oder erfahre ich Antropologisches immer nur in Kontexten?

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Ich geh' einfach mal davon aus, dass Maria Analphabetin war - wie die meisten ihrer Zeitgenossinnen. Und dass sie "in die Kirche" ging, möcht' ich auch mal bezweifeln.

 

Mein Eindruck ist, dass Ambrosius "ideales Verhalten" darstellen möchte - und als "Zeugen" die "ideale Frau" - die Maria nun einmal für den Gläubigen darstellt - heranzieht. Ich kenn' den größeren Sinnzusammenhang dieses Textes nicht, aber er erinnert mich doch stark an die eine oder andere mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger geschriebene Heiligenbiographie ...

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Justin Cognito
Mein Eindruck ist, dass Ambrosius "ideales Verhalten" darstellen möchte ...

Aber ideales Verhalten vor welchem Hintergrund? Vor einem christlichen? Vor einem spätantiken? Kann man das trennen?

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Aber ideales Verhalten vor welchem Hintergrund? Vor einem christlichen? Vor einem spätantiken? Kann man das trennen?

Das "christliche" ist sicherlich der erwähnte (und unwahrscheinliche) Kirchgang - der Rest ist ziemlich zeitlos; könnte auch aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert stammen. Irgendwie erinnert mich diese Beschreibung an einen Benimmführer für "höhere Töchter" von 18-hundert-dingsda.

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Justin Cognito
Das "christliche" ist sicherlich der erwähnte (und unwahrscheinliche) Kirchgang - der Rest ist ziemlich zeitlos; könnte auch aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert stammen. Irgendwie erinnert mich diese Beschreibung an einen Benimmführer für "höhere Töchter" von 18-hundert-dingsda.

Aber was bedeutet es dann für uns Christen? Sind es Aussagen wie Christinnen leben sollen? Dann haben sie auch heute Bedeutung.

Wenn es ein Benimmführer des 4 Jhdts ist, dann haben die beschriebenen Eigenschaften heute eigentlich keine Geltung mehr für Frauen oder?

Wenn sie aber wie du schreibst "zeitlos" sind - was sind dann die Gründe warum man sich daran halten sollte? Oder sind es einfach tradierte Sachen, an die man sich nur deswegen hält weil sie halt tradiert sind ... dann wären sie wohl kritisch zu hinterfragen.

Edited by Kryztow
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sie war demütigen Herzens, ernst in ihren Worten, klugen Geistes, sparsam im Reden, fleißig im Lesen; sie setzte nicht auf die Unzuverlässigkeit des Reichtums ... ihre Hoffnung; sie war eifrig bei der Arbeit, sittsam im Gespräch, ... sie verletzte niemanden, wollte allen wohl, war ehrerbietig gegen Ältere, nicht mißgünstig gegen die Gespielen; sie mied das Prahlen, folgte der Vernunft, liebte Tugend.

Vergleich' das mal mit Wilhelm Busch (Max und Moritz) - die Ideale sind ähnlich. Es haldelt sich um die elementarsten Dinge des zwischenmenschlichen Umgangs:

 

Wer in Dorfe oder Stadt

Einen Onkel wohnen hat,

Der sei höflich und bescheiden,

Denn das mag der Onkel leiden.

Morgens sagt man: "Guten Morgen!

Haben Sie was zu besorgen?"

Bringt ihm, was er haben muß:

Zeitung, Pfeife, Fidibus.

Oder sollt' es wo im Rücken

Drücken, beißen oder zwicken,

Gleich ist man mit Freudigkeit

Dienstbeflissen und bereit.

Oder sei's nach einer Prise,

Daß der Onkel heftig niese,

Ruft man:"Prosit!" alsogleich.

"Danke!" - "Wohl bekomm' es Euch!"

 

Oder kommt er spät nach Haus,

Zieht man ihm die Stiefel aus,

Holt Pantoffel, Schlafrock, Mütze,

Daß er nicht im Kalten sitze -

Kurz, man ist darauf 'bedacht,

Was dem Onkel Freude macht.

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