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Nadelöhr


overkott

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?Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.? So oder so ähnlich steht es seit Jahrhunderten in den Übersetzungen der Bibel. Im Urtext steht aber etwas ganz anderes. Bei dem ?Kamel? in den Evangelien nach Matthäus und Markus handelt es sich um einen simplen Übersetzungsfehler.

    Im aramäischen Urtext ist von ?gamta?, einem Tau oder Seil, die Rede. Dieses Wort verwechselte vor mehr als tausend Jahren ein Kollege von uns mit dem Wort ?gamla?, der Bezeichnung für ?Kamel?.

    Und als dieser Schnitzer erst einmal zu Papyrus gebracht und von oben abgesegnet worden war, wurde er bei allen nachfolgenden Ausgaben ungeprüft übernommen.

 

Aber auch solch locker-flockig präsentierte "Aufklärung" sollte man nicht ungeprüft übernehmen.

 

Im Zoo jedenfalls erfährt man, dass Kamele Angst vor Engen haben, sich insbesondere scheuen durch Stadttore zu gehen.

 

Und in Stadtmauern wie zum Beispiel in Jerusalem gab es schmale Stellen, die so breit waren, daß in der Nacht, wenn die Stadttore geschlossen waren, ein Kamel mit Mühe gerade noch durchkommen konnte.

 

Diese schmalen Durchgänge wurden als "Nadelöhr" bezeichnet. Auch heute sprechen wir von "Haarnadelkurve" oder von "Nadelöhren", wenn enge Verkehrswege gemeint sind.

 

Also handelt es sich vielleicht doch nicht um einen Übersetzungs-, sondern um einen Verständnisfehler beim übersetzenden Theologen.

Edited by overkott
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Hier kann der gute Robert K. fachmännisch weiterhelfen:

 

Obschon es sich um kein dogmatisch besonders relevantes Problem handelt, hat immer das Wort Jesu Anstoß erregt, leichter gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich komme (Mt 19,24; Mc 10,25; Lc 18,25 ). Das Bild erscheint doch als gar zu abwegig. Es gibt verschiedene Versuche, es wegzuinterpretieren, so etwa durch die Vermutung, das Nadelöhr meine ein damals bekanntes, besonders enges und niedriges Stadttor in Jerusalem oder auch in Petra.

 

Manche notorisch antichristlichen Missionsangebote präsentieren als letzten Schrei der Wissenschaft genüßlich die hierzulande freilich gut und gerne anderthalb Jahrhunderte alte These, es handle sich um eine schlichte Wortverwechslung: Die griechischen Wörter für „Kamel“ und „Schiffstau“ unterschieden sich nur um einen Buchstaben.

 

Auf den ersten Blick scheint das bestechend zu sein: Das Kamel heißt griechisch κάµηλος, und der geübte Blick ins Schulwörterbuch zeigt dem humanistischen Bildungsbürger geschwind, daß κάµιλος das Ankertau bezeichnet. Womöglich erinnert er sich auch noch, daß im späteren Gemeingriechisch, der Κοινή, das Ἦτα mehr und mehr wie ein langes Ἰῶτα ausgesprochen wurde.

 

Bei genauerem Nachdenken zeichnen sich jedoch Fragezeichen am geistigen Horizont ab. Erstens ist da das eindeutige, gemeinsame Zeugnis dreier Evangelisten. Zu deren Zeit – im ersten Jahrhundert – hatte sich das Ἦτα zwar vom langen, offenen ä, wie wir’s in der Schule gelernt haben, schon zum geschlossenen e entwickelt, aber längst nicht zum i; das gehört erst in byzantinische Zeit.

 

Zweitens gilt als Grundregel der historischen Quellenkritik, daß im Zweifel der lectio difficilior der Vorzug zu geben ist, der schwierigeren Lesart. Ein schlampiger Kopist glättet eher ein holpriges Original, er tendiert, wenn er Fehler macht, eher zum Naheliegenden als zum Abwegigen; also auch eher zum Ankertau als zum Kamel: was für ein originales Kamel spricht.

 

Drittens gebraucht Jesus an anderer Stelle (Mt 23,24) ein weiteres Bild, in dem Kamele vorkommen, und zwar sogar verschluckt werden, im Gegensatz zu den ihnen gegenübergestellten Mücken. Da denkt man an unsre Mücke, die zum Elephanten wird – auch ein abstruses Bild: weshalb nicht zur Wespe? –, aber auch an Jesu Wort vom Balken im Auge. Auch dies reichlich absonderlich: Oder wer hat schon jemanden mit einem Balken im Auge gesehen (außer Polyphem, den Niemand damit geblendet hatte)? Es scheint also, als liebte Jesus solche Bilder. Man denke daran: Er war Orientale und redete zu Orientalen. Und orientalischer Herkunft – und zwar semitischer – ist auch das Wort „Kamel“. Die Griechen haben es den Juden oder Arabern entlehnt.

 

Diesen drei Fragezeichen können wir nun aber ein Ausrufezeichen aufsetzen: Denn der Clou an der Geschichte – den unsre Schulwörterbücher verschweigen –, ist folgender: Das Wort κάµιλος nämlich ist mit der Bedeutung „Ankertau“ ist weder bei vorchristlichen Schriftstellern bezeugt, noch in den ersten christlichen Jahrhunderten bis weit über die Kirchenväterzeit hinaus.

 

Die erste Bezeugung finde ich in der Suda, der byzantinischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts. Vielleicht hat der eine oder andere Bibelkommentator sich schon einmal die Mühe gemacht, weitere Zeugnisse zusammenzustellen, denn ganz aus der Luft gegriffen hat die Suda den entsprechenden Eintrag sicher nicht. Viel dürfte sich aber kaum finden lassen, und wenn etwas, dann geht es sicher kaum weit übers neunte Jahrhundert zurück, aus welchem nebenbei bemerkt auch die erste Erwähnung jener These vom Jerusalemer Stadttor stammt.

 

Jedenfalls stellt dieses ominöse Ankertau zumindest eine gegenüber den Evangelientexten sehr viel jüngere Bildung dar. Da es überdies für seine Herkunft keinerlei Anhalt gibt, darf man mit Fug annehmen, daß es sich um eine Wortschöpfung byzantinischer Theologen oder eher Philologen handelt, die genau über Jesu Kamel gestolpert waren und mutmaßend eine besser passende Bedeutung erfanden, mit gleicher Aussprache, aber andrer Orthographie. Kurz: Vergeßt das Ankertau und das Schiffstau. Denkt ans Kamel, aber seid keins.

 

Quelle: Robert im Kreuzgang

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dr-esperanto
Welcher "aramäischen Urtext" ? :blink:

Viele Exegeten vermuten hinter den griechisch geschriebenen Evangelien noch ältere, wohl aramäische, Texte, weil viele Passagen in den Evangelien Wort-für-Wort-Übersetzungen aus einer semitischen Vorlage sein müssen, einfach weil sie stilistisch kein Griechisch sind.

ROBERT KETELHOHN hatte sich damals wohl bei BAUER-ALAND kundig gemacht, es stimmt tatsächlich: Ein angebliches KÁMILOS (statt KÁMEELOS), wie es in Mt19,24,Mk10,25 und Lk18,25 vorkommt, ist extrem schwach bezeugt: Nur in der SUDA aus dem 10.Jh. (ein äußerst obskures Werk aus byzantin. Zeit) und in dem SCHOLIASTEN DES ARISTOPHANES.

Jedenfalls ist KÁMILOS statt KÁMEELOS in den Evangelien sekundär, d.h. "verschlimmbessert". Das ist auch die Meinung von FRISK:Griech.etymolog.Wörterbuch.

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