Jump to content

nicht loslassen können


jule
 Share

Recommended Posts

Obwohl es so schmerzt, obwohl er keinen Kontakt mehr mit mir wünscht. Ich schaffe das einfach nicht. Eigentlich müsste doch meine Selbstachtung so groß sein, dass ich hinter niemandem herlaufen muss. Aber ich mache es trotzdem.

Als meine Oma vor 11 Jahren starb, war ich 3 Jahre nicht in der Lage, auf den Friedhof zu gehen. Weil ich sie so geliebt habe, weil sie nicht mehr da war, weil da ein Loch entstanden ist, dass niemand füllen kann. Und jetzt dieser Freund von mir, der mir auch so wichtig ist, der mir auch so am Herzen liegt - und ich kann ihn nicht gehen lassen - falle in tiefe Depressionen, weil ich ihn verliere...

Mich hat als Kind keiner vernachlässigt, ich habe nur immer emotional sehr heftig reagiert. Wenn ich jemanden sehr mag, dann fehlt er mir, wenn er nicht mehr da ist.

Wie lernt man das: Loslassen können ?? Wie kann ich als Christin damit besser klarkommen?

Link to comment
Share on other sites

"Lass das nicht zu sehr an dich herankommen", antwortete ich dem jungen Mädchen. Sie hatte mir von ihrer besten Freundin erzählt, die sich wegen psychischer Probleme in einer Klinik aufhalten mußte. Sie sorgte sich um sie und wollte helfen. Aber sie war auch ratlos und unsicher. Wir diskutierten darüber sehr angeregt miteinander und waren dabei gegensätzlicher Meinung. Schließlich entgegnete ich ihr: "Du darfst das Problem nicht so sehr an dich heran-lassen." Ich wollte ihr damit sagen: Pass auf dich auf und nimm dir nicht alles so zu Herzen. Lass dich nicht vereinnahmen. Jeder hat eben seine Grenzen. Gesteh dir das ein. Wie enttäuscht sie über meine Worte war habe ich ihrem Gesicht angemerkt. Das Gespräch brach bald ab. Ich habe mich später an Jesus und an den barmherzigen Samariter erinnert und schämte mich. Hilfe geschieht dort, wo einer keine Berührungsängste hat, nicht lange überlegt, sich auch die Finger schmutzig macht, weil er spürt, da ist jemand der meine Hilfe braucht. Genau das hat die junge Frau aus Sorge um ihre Freundin getan. Sie wollte helfen, so gut sie es eben konnte. Aus meiner Sicht vielleicht zu ungeschützt und eben jugendlich spontan. Die junge Frau hat mir aber gezeigt: Wenn ich wirklich helfen will, muss ich den Menschen mit seiner Not an mich herankommen lassen.

 

Matthias Effhauser

Link to comment
Share on other sites

Liebe Jule!

 

Liebeskummer tut einfach weh - und ist auch völlig normal. Verlust-Trauer ebenfalls. Und so was dauert eben an.

 

Falls Du das Gefühl hast, dass es bei Dir mehr ist, dann besteht Dein Problem nicht in einer übermäßig ausgebildeten Liebesfähigkeit, sondern in einer Fixierung auf einen Menschen und/oder in einer Abhängigkeit. Daraus kann sich ein Suchtverhalten ergeben: Immer wieder dieselben Gedanken an den selben Menschen, Ausgrenzung der restlichen Wirklichkeit.

 

Falls dem so ist, dann musst Du genau nachspüren, was denn genau Du so geliebt hast an Deinem Freund. Ein Stück weit wirst Du das dann auch bei anderen Menschen wiederfinden.

Vor allem aber kannst Du Dir die Frage stellen, ob die Abhängigkeit (nicht: die Liebe) nicht ein Hinweis für Dich persönlich ist, Dich weiterzuentwickeln. Ich glaube, dass ein Mensch, der mehr und mehr von Abhängigkeiten frei wird, auch mehr und mehr zu einer echten Liebe frei wird. Also: Nutze den Liebesschmerz, lass Dich auf Deine empfindlichen Punkte hinführen, denke nicht in Vorwürfen an ihn, sondern in Hinweisen auf Dich selbst.

Link to comment
Share on other sites

Liebe Jule,

 

auch wenn das jetzt vielleicht nicht hilfreich klingt - der Zeitfaktor regelt das. Als mir das mal mit der von dir beschriebenen Intensität passiert ist, war ich Anfang 20. Meine Oma (sie war damals schon 80) hat mir erzählt, wie weh es ihr getan hat, als ihr Mann gestorben war und sie mit zwei kleinen Kindern allein war. Sie sagte mir, mit der Zeit vergeht alles - sie hatte einfach recht. Bei mit hat es ungefähr 1/2 Jahr gedauert, bis es fast ganz weg war (nach einem Monat waren diese Gefühle von einem "tiefen schwarzen Loch" weg).

 

Was es dir helfen kann, Christin zu sein? Jesus hat gesagt: "Ich bin bei euch, alle Tage bis ans Ende der Welt". Der Weg zu ihm führt über das Gebet - ich selber habe lange gar nicht beten können. Dorthin gefunden habe ich über das "Vater unser", Wort für Wort, ganz konzentriert. Mein Bischof konzentriert das Gebet übrigens auf die Worte "Jesus" z.B. beim Einatmen und "Christus" z.B. beim Ausatmen (so eine halbe Stunde lang; 5 Minuten finde ich für den Anfang brauchbar). Sieh es einfach nur als Vorschlag; wenn es dich anspricht, probier es aus. Nach einem Gebet kann man übrigens "gut" in der Bibel lesen.

 

Herzliche Grüße

Martin

Link to comment
Share on other sites

Liebe Jule!

 

Ich war in einer vielleicht ähnlichen Situation. Bis heute möchte eine Person, die mir mal sehr nahe stand, weder mit mir telefonisch noch sonst wie Kontakt aufnehmen, obwohl ich das mehrfach versucht habe, vielleicht sogar zu oft. Ich konnte nicht loslassen.

Ich konnte damals genau wie heute, und Du kannst es sicher auch, meine ganzen Sorgen vor den Herrn bringen und sie bei Ihm abladen. Wirklich abladen, d.h. sagen: ich habe meinen Teil getan bzw. es versucht so gut es geht, mehr geht nicht, Herr. Hilf mir nun mit Geduld und vor zu hohen Erwartungen. Hilf ebenso ihr/ihm, die Entscheidung zu treffen, die am besten ist für sie/ihn (nicht für mich unbedingt!).

Im Gebet zur Ruhe kommen, seine Limits erkennen, sich und Ihm eingestehen und sich so voll akzeptiert und geliebt wissen, das hat mir geholfen.

Vielleicht auch Dir (Deine Schilderung klang nicht unbedingt nach Todesfall).

 

Grüße,

Ralf

Link to comment
Share on other sites

Liebe Jule, einen geliebten Menschen zu verlieren (ob durch Tod oder Trennung) ist schwer - man leidet darunter. Dafür brauchst Du Dir keine Vorwürfe zu machen - das ist die natürlichste Sache der Welt.

 

Mit Gott solltest Du auf jeden Fall darüber sprechen, da haben Martin und Ralf recht. Was ich Dir noch sagen möchte: Könnte es sein, daß Du dazu neigst, solche Sachen allein mit Dir auszumachen, und dann allein nicht rauskommst? Ein guter Weg der Trauerarbeit ist das Gespräch - mit Freunden, Eltern, Geschwistern...

 

Als eine Mitarbeiterin von mir vor zwei Jahren ganz plötzlich einen Menschen verlor, den sie sehr liebte, kam sie nach ein paar Wochen zu mir und klagte: ”Es tut mir leid,daß mich das immer noch belastet, aber ich kann einfach nicht so tun, als wäre nichts." Ganz spontan gab ich zur Antwort: ”Sie sollten das auch gar nicht versuchen. Es ist ja was!"

 

Menschen, die Dich gern haben, hören sicher gern zu, wenn Du ihnen erzählst, wie sehr Du Deinen Freund vermißt, was Dir an ihm wichtig ist, warum Du ihn so nett findest. Glaub mir, das hilft. Einen Menschen loslassen (ob lebend oder tot) heißt nicht vergessen und verdrängen, sondern den Verlust zum Teil des eigenen Lebens zu machen - und mitzuteilen.

 

Liebe Grüße

 

Thomas

Link to comment
Share on other sites


Zitat von Boanerges am 3:09 - 5.April.2001

 

"Können" immer durch "Wollen" ersetzen.


 

Falsch!

Link to comment
Share on other sites

Nachtrag: Wenn man davon spricht, "nicht loslassen zu können",  dann impliziert das in den allerwenigsten Fällen ein wirklich lebensnotwendiges Angewiesensein auf das Festhalten. Wenn ich an einem Hochhausbalkon hänge, mich festhalte und auf Hilfe warte, dann sage ich natürlich nicht : "ich kann nicht loslassen", sondern will im Grunde nichts sehnlicher als loslassen zu können - sobald sich wieder Boden unter den Füßen abzeichnet, werde ich vermutlich gerne und ohne allzugroßen Verlust diese mißliche Situation beenden. Ich WILL dann nämlich - verständlicherweise - auch loslassen.

 

Wenn davon die Rede ist, nicht loslassen zu können, dann sieht die Sache anders aus: Es geht um die Angst, zugleich mit dem Loslassen von seiner Abhängigkeit (von einer Liebesbeziehung, einer Freundschaft, einer Lebenslüge, einem Feindbild etc.) ein Stück von sich selber oder ein Stück von der Welt zu verlieren an dem man - ganz anders als in meinem Balkonbeispiel - trotz allen Leidens GERNE hängt. Man KANN also nicht nur nicht, sondern man WILL auch nicht loslassen. Das Ganze hat viel mit dem "Freisein von" und "Freisein für" etwas zu tun. Manchmal bedingt sich beides. Ich bin nämlich nicht nur frei FÜR etwas, wenn ich vorher frei VON etwas anderem wurde, sondern der Wille freizusein für etwas ( das einem reizvoll genug erscheint,  die ehemalige Abhängigkeit aufzugeben, um sich in eine neue zu stürzen) kann auch das Freiwerden von etwas erheblich begünstigen.

 

Weniger abstrakt: In dem Moment wo ich FÜR einen neuen Partner (Idee, Lebensentwurf, etc)  freisein WILL, wird es wenig Probleme bereiten, VON einem alten Partner (Idee, Lebensentwurf, etc.) loszukommen.

 

Das schlimmste was man sich in einer Situation wo man meint nicht loslassen  zu können antun kann ist, sich einzureden man MÜSSE oder solle unbedingt loslassen. Loslassen übt man am besten, wenn man gerade nicht in der Situation ist, loslassen zu müssen ohne es zu wollen. Man könnte es als Lebensmeditation verstehen....

 

Das Lied vom Weinstock und den Reben

(K. Wecker)

 

Dem Weinstock werden die Reben

Im Herbst so furchtbar schwer

Und um zu überleben

Gibt er sie einfach wieder her.

 

Das mag ich so an den Bäumen:

Ihr Wissen um Sterben und Sucht.

Was sie sich im Frühjahr erträumen

Verteilen sie später als Frucht.

Link to comment
Share on other sites

 Share

×
×
  • Create New...