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Der innere Lehrmeister, das "Gesetz"


Ennasus

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Ich habe gerade das Tagesevangelium gelesen und dabei ist mir ein Text wieder in den Sinn gekommen, den ich hier posten möchte:

 

Das Gesetz

1.) Der erste Punkt ist der wichtigste - und auch der schwierigste.

Es geht darum, immer dem Wesentlichen verpflichtet und meinem wirklichen Anliegen treu zu bleiben und dabei nie zu vergessen, dass die Welt unteilbar ist und dass es deshalb letzten Endes hinter all den verschiedenen Teilwahrheiten, die man ins Auge fasst, nur EINE ganze Wahrheit geben kann - selbst wenn ich (und wir alle) nicht fähig sind, sie zu erfassen.

Das bedeutet: allezeit muss ich bedenken, dass meine Ansicht des Problems zwangsläufig nur ein Ausschnitt sein kann, und dass ich deshalb zwar mir Gewissheit des Urteils verschafft haben muss über das, was ich sehen kann - dass ich dieses gewisse Urteil aber an seinen Rändern offen lassen muss für alles, was ich nicht gesehen habe und nicht weiß und nicht verstehe und vielleicht in Zukunft lernen kann, oder auch nicht. Obwohl ich also "mutig-brav" fest auf dem realen Boden meiner gut durchdachten Einsicht stehen muss, muss ich doch zugleich, mit einer Art "demütigem Gehorsam" am Horizont meines sicheren Wissens immer die Lücke offen lassen, für die höchst überraschende Erfahrung, die mich ganz Neues, ganz anderes, nie so Gedachtes lehren wird.

Diese Haltung sollte nicht verwechselt werden mit einer Relativierung aller Gewissheiten; denn wenn man nur sagt: "man kann ja nichts wirklich wissen", kommt der Verstand ins Gleiten und alles verschwimmt. So kann man nicht kreativ denken.

Diese Haltung ist einigen Herzens einzunehmen, ohne zwiespältiges Schielen nach allerlei Vorbehalten.

 

2.) "Offen" muss ich da hineingehen, ohne starre Vorstellungen, wie es zu sein hat - natürlich braucht man einen konkreten Entwurf, einen Plan, eine genaue Vorstellung, was es sein soll, das ich unternehme - aber dies alles muss ohne Starrsinn gefasst sein und darf nicht zum Willkür-Anspruch werden, weder als Idealbild ("so vollkommen muss es sein"), noch als materiell- konkretes Ziel ("ganz genau SO, sonst ist es nichts!"), noch nach meinem dumpf-dranghaften Bedürfnis ("es soll ganz toll werden!")

Natürlich sind solche Wünsche und Hoffnungen in mir da - aber großzügig sind sie loszulassen, wenn die Realität mich lehrt, was sich tatsächlich verwirklichen lässt.

 

3.) "Nüchtern", ohne aufgeblähten Bedeutungs-Anspruch und ohne magische Intensität.

 

4.) "immer über einer Zelle innerster Ruhe gesammelt", die mir erlaubt, jederzeit, und sei es in hitzigster Diskussion und mitten im Satz, mich wieder zu besinnen, um was es mir geht und mich auf das Wesentliche rückzubeziehen.

Dabei alles Praktische bedenkend, alle vordergründigen Bedingungen und Notwendigkeiten klar vor Augen, aber deswegen doch deshalb das Wesentliche nicht preisgebend, für keinen kleinsten Augenblick, denn alle praktischen Aspekte müssen diesem Wesentlichen dienen und nicht umgekehrt.)

 

5.) immer in Achtsamkeit der Vorgeschichte eingedenk, wie sich entwickelt hat, was jetzt da ist, woher es kommt und warum es so ist, wie es ist - ohne verächtliche Überheblichkeit dem Vergangenen gegenüber - ohne Bruch mit den Wurzeln.

 

6.) ohne zu vereinfachen, das heißt, ohne allerlei wegzuschneiden, bloß, weil es dann überschaubarer wird und leichter zu handhaben ist. Vor allem lebendige Impulse, Bedürfnisse und Kräfte dürfen nicht rücksichtslos übergangen werden, weder in mir selbst noch in andern, noch dürfen einzelne Menschen oder Menschengruppen der Erreichung eines gesetzten Zieles geopfert werden.

 

7.) dem eigenen Anliegen treu, auch der eigenen ursprünglichen idealistischen Liebe - ohne das eigentliche Begehren von Resignation und Enttäuschung verbiegen zu lassen ("es geht ja doch nicht") und/oder es verlockenden Nebengewinnen zu opfern ("da will ich wenigstens was davon haben").

 

8.) bescheiden, begrenzt auf die wirklich eigene Kraft, ohne sich mit fremden Federn zu schmücken oder andere einfach für sich zu vereinnahmen.

 

9.) aufrichtig, wahrhaftig, ohne zu lügen, ohne Tricks und Winkelzüge.

 

10.) neidlos in jeder Hinsicht: ohne andere überflügeln oder schädigen zu wollen; ohne die Absicht, von andern etwas zu gewinnen oder ihnen zu nehmen.

(Vielleicht ist ja der Neid von allen schlechten Ratgebern der schlechteste!)

 

Vielleicht klingt Ihnen diese Zusammenstellung ja sehr banal. Aber mir scheint, diese Punkte umschreiben ziemlich umfassend ein eigenständiges, eigenverantwortliches, klares Denken. Wer es versuchen wollte, würde schnell merken, wie viel Konzentration und Disziplin es erfordern würde, bei diesen Grundsätzen wirklich zu bleiben.

Und wenn Sie versuchen, sich einen Menschen vorzustellen, der das fertig bringt, dann kommen Sie bei Leuten heraus, wie Mahathma Gandhi, oder Martin Buber, oder Martin Luther King.

 

Der eigenständige und freiwillige Gehorsam vor diesem abstrakten Katalog macht aus jedem, der danach denkt, redet, handelt und plant, einen Revolutionär - ganz gleich, in welchem Lebensfeld er sich bewegt, ob im kleinsten Kreis seiner Familie, im Beruf, in der breiteren Öffentlichkeit oder im weitesten Feld allgemeiner Bewirkungen. Denn Gedanken, die so gedacht werden, an diesem Maßstab geprüft, nach dieser Vorschrift gereinigt werden, sind zwangsläufig neue Gedanken (ganz ohne Autopilot, ohne Vorformung durch Norm und Gewohnheit): es sind Gedanken, die noch nie so gedacht, gesagt, gehandelt wurden, wie hier und jetzt - denn sie passen genau und liefern zur gegenwärtigen Situation die einmalig genaue, ganz passende Antwort. Das macht sie "zukunfts-kreativ".

 

Jetzt muss ich Sie bitten, einen großen Gedankensprung mit mir zu machen, in ein ganz anderes "Denkfeld" und auch in eine ganz andere Zeit: ich möchte Ihnen diese Vorschriftspunkte in eine andere Sprache übersetzen, in eine bildhafte, ausdrucksstarke, sehr praktische und konkrete Sprache, wie sie in früheren Zeiten gebraucht worden ist - während sie für uns recht befremdlich und schwer verständlich wurde, weil wir mit ihrer Konkretheit Schwierigkeiten haben.

Bei diesem Übersetzungsversuch kommt etwas heraus, was Sie alle kennen:

1.) Die unteilbare Welt und die eine Wahrheit immer vor Augen

ICH BIN DER HERR DEIN GOTT

und einigen Herzens

DU SOLLST KEINE ANDERN GÖTTER NEBEN MIR HABEN

2.) offen, ohne starre Vorstellung

DU SOLLST DIR KEIN BILDNIS MACHEN

weder als Ideal, noch als materiell-konkreter Plan,

noch nach dumpfem Bedürfnis

NOCH IRGEND EIN GLEICHNIS,

WEDER DES, DAS OBEN IM HIMMEL, NOCH DES,

DAS UNTEN AUF ERDEN, ODER DES, DAS IM WASSER

UNTER DER ERDE IST

großzügig all dies loslassend

BETE SIE NICHT AN UND DIENE IHNEN NICHT.

3.) Nüchtern, ohne Aufblähung oder Magie

DU SOLLST DEN NAMEN DES HERRN, DEINES GOTTES

NICHT MISSBRAUCHEN

4.) Immer über einem innersten Ruheraum

GEDENKE DES SABBATH-TAGES, DASS DU IHN HEILIGST

alles Praktische bedenkend

SECHS TAGE SOLLST DU ARBEITEN

UND ALLE DEINE DINGE BESCHICKEN

aber dabei nie das Wesentliche preisgebend

ABER AM SIEBTEN TAG IST DER SABBATH DES HERRN

5.) in Achtsamkeit der Vorgeschichte eingedenk

DU SOLLST DEINEN VATER UND DEINE MUTTER EHREN

6.) ohne zu vereinfachen oder abzuschneiden

DU SOLLST NICHT TÖTEN

7.) dem ursprünglichen Begehren treu

DU SOLLST NICHT EHEBRECHEN

8.) bescheiden auf das Eigene begrenzt

DU SOLLST NICHT STEHLEN

9.) aufrichtig, ohne Lügen, ohne Winkelzüge

DU SOLLST NICHT FALSCHES ZEUGNIS REDEN

10.) neidlos

LASS DICH NICHT GELÜSTEN - -

NACH ALLEM WAS ER HAT

 

Ausdrücklich sind diese Gebote gegeben von DEM HERRN, DEINEM GOTT, DER DICH AUS AEGYPTENLAND, AUS DEM DIENSTHAUS, GEFÜHRT HAT: "Aegypten" ist "das Land der Knechtschaft und Fronarbeit". Sein Name im Alten Testament heißt so viel wie "Zwei, die einander bedrängen."

 

Es ist eine überraschende, sehr bemerkenswerte Tatsache, dass im innersten Kern unserer eigenständigen Subjektivität eine Struktur zu finden ist, die unter allen Bedingungen und für alle Individuen Gültigkeit hat - und die inhaltlich mit den "10 Geboten" übereinstimmt.

Ich möchte also hier ausdrücken, und behaupte das auch und glaube es mit Gewissheit, dass die revolutionärste Kraft, die wir überhaupt in uns freisetzen können, die Quelle einer wahrhaft revolutionären Kreativität, im Gehorsam vor dem Sinn der 10 Gebote gefunden wird.

(V.Gradl)

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