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Geschrieben
vor 2 Minuten schrieb Domingo:

Das wäre nat. durchaus Willkür, hätte man hier einfach Textpassagen nach dem eigenen Bias herausgenommen. Doch dass es sich hierbei um zwei verschiedene Erzählungen von der Schöpfung handelt - wollte schreiben: "Schöpfung der Wekt," aber in 2-3 werden nur die Menschen und die Tiere erschaffen - ist nicht einfach aus "Bias" aus der Luft gegriffen, sondern es gibt ganz genaue Gründe, inhaltliche und grammatikalische, zu diesem Schluss zu kommen. Und dann ist es nicht mehr willkürlich, an der Sinnhaftigkeit des Ganzen Zweifel zu äußern.

 

Nochmal: Selbst wenn Gen 2 und 3 und auch der ganze Rest der Urgeschichte nie geschrieben worden wären, steht in Gen 1 klar, dass es so geschah, am 6. Tag und nicht irgendwann danach - also vor dem 7. Tag und nicht am 8. oder 9. oder dem 5676 Tag.

 

Dieses Schema wiederholt sich in Gen 1 mehrfach, und niemand würde bei den anderen Tagen auf die Idee kommen, diese Imperative als nicht am jeweiligen Tag auch ausgeführt zu betrachten, weil da eben auch jeweils steht: "Es geschah so" gefolgt von der Formel: Es wurde Abend, es wurde Morgen, der X. Tag. Es geschah so, bedeutet nicht mehrmals, dass es geschah und dann beim 6. Tag plötzlich, dass es nicht geschah, sondern irgendwann geschehen wird. 

 

Aber ehrlich, mir ist es egal, was andere Leute mit dem Text machen, was sie davon lesen oder nicht, und wie sie ihn interpretieren. Jeder macht damit was er will, wie er es will, und muss mir nicht begründen, warum er dies so oder anders macht. Was und wie ich es mache, begründe ich nachvollziehbar, wie ich denke, und das ist anderen ebenso egal. Business as usual.

Geschrieben
vor 3 Stunden schrieb Flo77:

@Higgs Boson: Erlaubt das Hebräische die Aufforderung "Seid fruchtbar und mehret euch" in Gen 1 nicht als Aufforderung zu verstehen sondern als Wunsch?

 

Ich muss zugeben, mMn würde das zu der deutschen Satzkonstruktion "Und ER segnete sie und sprach: ..." durchaus passen, da "und ER segnete sie indem er sprach:" bzw. "und Er segnete sie mit den folgenden Worten" zumindest für mich intuitiv die logische Lesart wäre.

 

Die Lesart "Und ER segnete sie und dann sprach ER zu ihnen: ..." im Sinne zweier getrennter Vorgänge erscheint mir nicht so richtig schlüssig.

 

Bei der Aufforderung fruchtbar, mehren usw wird direkt der Imperativ verwendet, Segen ist ein komplett eigener Vorgang. Wobei das für jüdische Lesart kein Mangel ist, es wird so ziemlich alles was man tut oder sieht mit einem Segensspruch eingeleitet. Das Christentum kennt diesen Brauch nicht (außer beim Tischgebet), sondern segnet für einen Zweck. Drum mag Dich das befremden.

 

Das 10-Wort dagegen verwendet die Zukunftsform, was eine andere Form des Imperativ darstellt. 'Du sollst bzw. Du wirst' Das ist hier nicht der Fall.

 

Geschrieben (bearbeitet)
vor 30 Minuten schrieb Flo77:

https://www.youtube.com/watch?v=ofIyBtlYlN0

 

Ab 4:10 geht es um das "allererste Gebot" generell, ab 5:21 um die Grammatik.

 

 

Das kann er gerne reinlesen (Segen beim Sprechen), steht aber genau an der Stelle nicht. Und der Imperativ ist ein Befehl, die Futurform (10-Wort) die höfliche Variante.

 

Der Befehl, sich zu vermehren, wird im Judentum extrem ernst genommen. So sehr, dass zölibatäre Lebensformen, zumindest heute, komplett abgelehnt werden. Darin entsteht kein Verdienst (Zölibat). Was den Segen bei den Tieren und deren Vermehrung angeht, das stimmt, hier wird der Infinitiv beim Sprechen verwendet. Aber auch hier, der Imperativ beim Vermehren.

 

Das Verbot vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, verwendet wiederum keinen Imperativ, sondern wie das 10-Wort das Futur. 

 

Sprache ist immer defizitär und Hebräisch extrem knapp. Man versucht grundsätzlich soviel Wörter wie möglich zu sparen. Aber, um gleichwertiges auszudrücken werden die gleichen Grammatikalischen Konstruktionen verwendet. Das gehört zur Lyrik, das streicht der Lehrer nicht als Wiederholung an, das ist ein Stilmittel. Verschiedene Grammatikalische Konstruktionen können Unterschiede andeuten.

 

(Hinweis für wer das selber überprüfen möchte und nicht so gut Hebräisch kann, die Stelle bei biblehub.com in der Interlinearübersetzung suchen, das betreffende Wort kopieren und in pealim.com reinstecken. Das identifiziert sofort die korrekte grammatikalische Form und zeigt auch ggf. die Präfixe an, die verwendet wurden. Mit einiger Übung lernt man da ganz viel ganz nebenher. Die Strongtexte von biblehub empfehle ich nicht. pealim (Verben) ist sowas wie der Duden für Hebräisch. Der Name ist Programm, hebräische Wörter werden aus der Verbwurzel konstruiert, also auch Adjektive und Nomen)

bearbeitet von Higgs Boson
Geschrieben

Und was folgt daraus für das Textverständnis von Gen 1? Worum geht es euch, mit den unterschiedlichen Verständnis der Grammatik an dieser Stelle. Inwiefern verändert das den Sinn, oder welchen Einfluss hat das auf eure Interpretationen von Gen 1? Worum geht es euch bei dieser Diskussion? Warum führt ihr sie?

Geschrieben
vor 14 Minuten schrieb Higgs Boson:
vor 39 Minuten schrieb Flo77:

https://www.youtube.com/watch?v=ofIyBtlYlN0

 

Ab 4:10 geht es um das "allererste Gebot" generell, ab 5:21 um die Grammatik.

 

 

Das kann er gerne reinlesen (Segen beim Sprechen), steht aber genau an der Stelle nicht. Und der Imperativ ist ein Befehl, die Futurform (10-Wort) die höfliche Variante, die mehr dem Wunsch entspricht.

 

Wenn es ein Befehl ist, kann der ausgeführt worden sein, oder auch nicht. Wenn es ein Wunsch ist, kann er erfüllt worden sein, oder auch nicht.

 

Haben sich die Menschen vermehrt, oder nicht? 

 

Kommt auf die Interpretation an. 

Geschrieben
vor 16 Minuten schrieb Weihrauch:

 

Wenn es ein Befehl ist, kann der ausgeführt worden sein, oder auch nicht. Wenn es ein Wunsch ist, kann er erfüllt worden sein, oder auch nicht.

 

Haben sich die Menschen vermehrt, oder nicht? 

 

Kommt auf die Interpretation an. 

 

Dem zu Folgen ist in jedem Fall eine Mitzwa. Und Gottes Wunsch ist im Zweifel (Im Judentum) Befehl.

 

Ansonsten halte ich, welche Form für den Befehl verwendet wird (Futur oder Imperativ), weniger für Gottes persönliches Eingreifen, sondern für den persönlichen Schreibstil des Verfassers. Ok, wer sagt: Alles von Moses, der darf dann gerne an der Grammatik weiter rätseln. 

Geschrieben
vor 19 Minuten schrieb Higgs Boson:

 

Dem zu Folgen ist in jedem Fall eine Mitzwa. Und Gottes Wunsch ist im Zweifel (Im Judentum) Befehl.

Wie kann eine generische Weisung (der Segen/Befehl erging an die Menschheit generell) eine persönliche Verpflichtung sein, zumal damit im Prinzip die Katholische Problematik, daß Homosexuelle keinen Sex miteinander haben dürfen, weil dabei keine Kinder gezeugt werden können noch eine Stufe weiter getrieben würde, daß ein Homosexueller contra naturam Heterosex zur Kinderzeugung haben MUSS)

Geschrieben
vor 3 Minuten schrieb Higgs Boson:

Dem zu Folgen ist in jedem Fall eine Mitzwa. Und Gottes Wunsch ist im Zweifel (Im Judentum) Befehl.

 

Na und? Ist das AT nicht voll von Gottes Befehlen, die nicht ausgeführt worden sind?

 

"Haben sich die Menschen vermehrt oder nicht?" Ist doch nicht die Frage, die sich da stellt, weil Autor und Leser offensichtlich da sind, als das Land gefüllt ist. Warum steht das dann da, innerhalb des 6. Tages, wenn es nichts zur Sache beiträgt, und nicht irgendwo anders im AT? Die Frage ist nicht mal, WANN das geschah, weil das ja explizit da steht. Es geschah so. Gott sah alles an, was er gemacht hatte, wie an den Tagen davor, und es wurde Abend, es wurde Morgen. Der sechste Tag. 

 

Warum manche (die Christen) das anders interpretieren müssen, ist mir schon klar. Es geht um den Urstand, der für die Sündenfallinterpretation gebraucht wird. Aber eine Lesart, die den Rest des Textes des 6. Tages einfach ignoriert, und nicht mal den Versuch macht, dieses "Und es geschah so usw." anders- oder wegzuinterpretieren, finde ich sehr erstaunlich. Vor allem von Theologen, die die Quellenscheidung und die Sündenfalltheologie samt dem Urstand, selbst lehren. Man kann nicht alles haben. 

Geschrieben
vor 2 Stunden schrieb Flo77:
vor 3 Stunden schrieb Higgs Boson:

Dem zu Folgen ist in jedem Fall eine Mitzwa. Und Gottes Wunsch ist im Zweifel (Im Judentum) Befehl.

Wie kann eine generische Weisung (der Segen/Befehl erging an die Menschheit generell) eine persönliche Verpflichtung sein, zumal damit im Prinzip die Katholische Problematik, daß Homosexuelle keinen Sex miteinander haben dürfen, weil dabei keine Kinder gezeugt werden können noch eine Stufe weiter getrieben würde, daß ein Homosexueller contra naturam Heterosex zur Kinderzeugung haben MUSS)

 

Das ist wohl eine Frage der Interpretation, denke ich. Zu Zeiten der Bibel ging man wohl nicht davon aus, dass es Homosexualität im Sinne einer konstanten Neigung überhaupt gibt. Zudem scheint es, dass man lange Zeit auch nicht von einem (schönen) Leben nach dem Tode ausging, sondern dass der Mensch in seinen Nachfahren sozusagen weitergelebt hat. Zudem war damals die Kindersterblichkeit hoch usw. Es ist doch recht offensichtlich, dass die Religion in vielen Fällen einfach die sozialen Vorstellungen und Bedürfnisse ihrer jeweiligen Zeit "sakralisiert".

 

Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die hebräische Bibel ja nur homosexuelle Akte zwischen Männern (und nicht Frauen) verbietet, und vermutlich auch nur analen Verkehr, der offenbar als eine entwürdigende Effeminierung für den rezeptiven Part und als Bedrohung der männerdominierten sozialen Ordnung betrachtet wurde. 

Für eine Gesellschaft, die auf die Zeugung von Nachkommen wert legt, spricht - abgesehen von spezifischen Gründen - ja auch nur dann etwas gegen nicht-fruchtbaree sexuelle Akte, falls "wünschenswerte" fruchtbare sexuelle Akte durch diese irgendwie "verdrängt" oder "ersetzt" werden. (Andernfalls sind solche Akte gegenüber der Erzeugung von Nachkommen kausal neutral, ganz so wie viele nicht-sexuelle Akte.)

 

An dieser Stelle - die Bedeutung der Kinderzeugung - siehst Du übrigens auch den Kontrast zwischen Judentum und kath. Kirche. Letztere bildete sich in einer wesentlich sexual-pessimistischeren Zeit heraus, was sich ebenfalls inhaltlich niederschlug. Die kath. Kirche geht nicht davon aus, dass es eine individuelle Pflicht zur Kindererzeugung gibt (sie will allerdings, dass dort, wo es eh schon "legitimen" Sex gibt, auch möglichst viele Kinder gezeugt werden). Eher hat man seit jeher gegenteilige Auffassungen vertreten (Jungfräulichkeit steht höher). Historisch gab es sogar eine Ablehnung der Rechtfertigung der Ehe durch die Kinderzeugung:

 

"Die Theologen der sogenannten Frühscholastik (11. bis Anfang des 13. Jh.) unterscheiden mit Augustinus zwei Zwecke der Ehe: a) zur Kindererzeugung gemäß dem alttestamenthchen Schöpfungswort: »Seid fruchtbar und mehret euch«, und b) zur Vermeidung der Unzucht (gemäß 1. Kor. 7). Die Frühscholastiker meinen, auch darin dem hl. Augustinus folgend, die Menschheit habe sich in vorchristlicher Zeit genug vermehrt, um die Zahl der Heiligen des Himmels komplett zu machen, nun aber, in nachneutestamentlicher Zeit, sei die Ehelosigkeit, die Jungfräulichkeit das gottgewollte Programm."

(Ranke-Heinemann, Eunuchen für das Himmelreich)

Geschrieben (bearbeitet)
Am 19.6.2026 um 08:48 schrieb Weihrauch:

Nochmal: Selbst wenn Gen 2 und 3 und auch der ganze Rest der Urgeschichte nie geschrieben worden wären, steht in Gen 1 klar, dass es so geschah, am 6. Tag und nicht irgendwann danach - also vor dem 7. Tag und nicht am 8. oder 9. oder dem 5676 Tag.

 

Zustimmung.

 

Am 19.6.2026 um 08:48 schrieb Weihrauch:

Dieses Schema wiederholt sich in Gen 1 mehrfach, und niemand würde bei den anderen Tagen auf die Idee kommen, diese Imperative als nicht am jeweiligen Tag auch ausgeführt zu betrachten, weil da eben auch jeweils steht: "Es geschah so" gefolgt von der Formel: Es wurde Abend, es wurde Morgen, der X. Tag. Es geschah so, bedeutet nicht mehrmals, dass es geschah und dann beim 6. Tag plötzlich, dass es nicht geschah, sondern irgendwann geschehen wird.

 

Richtig, ich stimme Dir auch hier zu.

 

Am 19.6.2026 um 08:48 schrieb Weihrauch:

Aber ehrlich, mir ist es egal, was andere Leute mit dem Text machen, was sie davon lesen oder nicht, und wie sie ihn interpretieren. Jeder macht damit was er will, wie er es will, und muss mir nicht begründen, warum er dies so oder anders macht. Was und wie ich es mache, begründe ich nachvollziehbar, wie ich denke, und das ist anderen ebenso egal. Business as usual.

 

Ich hatte offenbar etwas falsch gelesen und gedacht, der Streit zwischen Euch ging darüber, ob man 1 und 2-3 als Einheit lesen muss oder nicht. Daher kam es mir so vor, dass Du eine unzulässige Beweislastumkehr vornimmst. Tut mir leid.

bearbeitet von Domingo
Geschrieben (bearbeitet)
Am 19.6.2026 um 10:29 schrieb Higgs Boson:

Das kann er gerne reinlesen (Segen beim Sprechen), steht aber genau an der Stelle nicht.

 

Nicht explizit, aber wie Du selbst sagst, ist das Hebräische sehr wortkarg. Und "sich vermehren" fühlte sich in der Antike (außer anscheinend in der Spätantike, siehe @iskanders Beitrag) kaum als Last, sondern als Segen, denn alle wollten viele Kinder haben, wie man im AT immer wieder bestätigt bekommt.

 

 

Am 19.6.2026 um 10:29 schrieb Higgs Boson:

Und der Imperativ ist ein Befehl, die Futurform (10-Wort) die höfliche Variante.

 

Wenn ich sage "geht in Frieden" (wie der Priester am Ende der kath. Messe), ist das grammatikalisch ein Imperativ. Ist das ein Befehl? Wenn ich sage, "komm doch mal auf ein Kaffee vorbei," ist das auch ein Imperativ. Würdest Du das als Befehl bezeichnen?

 

Kurios ist, dass solche Diskussionen auch im alten Griechenland stattfanden, wo der Sophist Protagoras (Sophist = eine art Philosoph - ich schaudere bei der Vorstellung, was der Linguist Scholten hierüber sagen würde 😉) Homer einen Fehler nachweisen wollte, weil der "Sing, o Muse" dichtete und es sei komplett falsch, da den Imperativ zu benutzen, weil ein Mensch einer Göttin keine Befehle geben dürfe. Dabei enthalten so ziemlich alle altgriechischen Gebete Imperative; waren sie also alle frevelhaft? Ziemliche Sophisterei eben...

 

Und selbst wenn es sich dabei um einen Befehl handelt: Die Story ist eine ätiologische Erzählung, also ein Myth, der erklären soll, warum die Welt so ist, wie sie ist; genauso wie Kap. 3 erklärt, warum Frauen beim Gebären soviele Schmerzen erleben und warum Schlangen keine Beine haben. Dass dieser Befehl auch an uns heute gerichtet sein soll, ist in keiner Weise ausgemacht und kann nur das Ergebnis von Interpretation sein.

 

bearbeitet von Domingo
Geschrieben

Ich hab's gerade im Gesenius (S. 336) nachgeschlagen. Er zählt drei Gebrauchsweisen des hebr. Imperativs auf: 1) eigentlicher Befehl, 2) Zulassung und 3) bestimme Zusagen oder Verheißungen. Ich glaube, damit ist die Frage beantwortet.

Geschrieben
vor 16 Stunden schrieb Domingo:

Kurios ist, dass solche Diskussionen auch im alten Griechenland stattfanden, wo der Sophist Protagoras (Sophist = eine art Philosoph - ich schaudere bei der Vorstellung, was der Linguist Scholten hierüber sagen würde 😉) Homer einen Fehler nachweisen wollte, weil der "Sing, o Muse" dichtete und es sei komplett falsch, da den Imperativ zu benutzen, weil ein Mensch einer Göttin keine Befehle geben dürfe. Dabei enthalten so ziemlich alle altgriechischen Gebete Imperative; waren sie also alle frevelhaft? Ziemliche Sophisterei eben...

 

Ich habe mal spaßeshalber die KI Grok gebeten, zu erklären, wieso die moderne Sprachphilosophie und moderne Linguistik die Kritik von Protagoras hier wohl eher als naiv bewerten würden, und wo Überschneidungen und Differenzen der Ansätze von Sprachphilosophische und Linguistik bestehen würden. 

 

Hier die Antwort von Grok:

 

Protagoras' Kritik (überliefert u. a. bei Aristoteles, Poetik 1456b15–18) lautet im Kern: Homer beginnt die Ilias mit „ἄειδε θεὰ μῆνιν“ („Sing, o Göttin, vom Zorn...“) im Imperativ. Protagoras sieht darin einen Fehler, weil ein Mensch einer Göttin keinen Befehl erteilen dürfe – stattdessen sollte eine Gebets- oder Wunschform (z. B. Optativ) verwendet werden. Er klassifizierte Redeformen (u. a. Befehl, Gebet, Frage, Antwort) und kritisierte Homer als „ungrammatisch“ oder zumindest unangemessen im Sinne einer korrekten Zuordnung von Form und illokutionärer Absicht (Befehl vs. Bitte).

Moderne Sprachphilosophie und Linguistik (insbesondere Pragmatik) würden diese Kritik als naiv oder anachronistisch ablehnen, allerdings aus leicht unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung.

Moderne Sprachphilosophie dazu

Die Sprachphilosophie (z. B. in der Tradition von Wittgenstein, Austin, Searle, Grice oder der Ordinary Language Philosophy) würde Protagoras' Haltung als zu wörtlich, präskriptiv und kontextblind kritisieren:

  • Sprachspiele und Gebrauchstheorie der Bedeutung (Wittgenstein): Sprache funktioniert nicht über starre Regeln einer „idealen“ Logik oder Etikette, sondern in konkreten Sprachspielen. Der Aufruf an die Muse ist ein poetisches, konventionelles Sprachspiel der epischen Dichtung – kein wörtlicher Befehl im Alltags- oder rechtlichen Sinn. Die Bedeutung ergibt sich aus dem Gebrauch im Kontext der Tradition, nicht aus einer universellen semantisch-pragmatischen Regel „Mensch darf Göttin nicht befehlen“. Protagoras verwechselt hier den wörtlichen Satzmodus (Imperativ) mit der tatsächlichen illokutionären Kraft im literarischen Kontext.
  • Speech Acts (Austin/Searle): Imperative haben eine direktive illokutionäre Kraft (Versuch, den Hörer zum Handeln zu bringen). In der Poesie ist das jedoch fiktional und konventionalisiert. Der Dichter „befiehlt“ nicht wirklich; es handelt sich um eine performative Einladung zur Inspiration innerhalb eines Genres. Die Bedingungen für glückliches Gelingen („felicity conditions“) eines solchen Sprechakts sind literarisch-poetisch, nicht theologisch oder hierarchisch im Alltagssinn. Protagoras ignoriert den fiktionalen Rahmen und die Konventionen der Gattung.
  • Pragmatik und Implikatur (Grice u. a.): Die Äußerung erzeugt konversationelle Implikaturen. Der Hörer/Leser versteht sofort, dass es sich um eine traditionelle musische Invocation handelt, keine echte Anweisung. Protagoras' wörtliche Lesart verletzt das Kooperationsprinzip und ignoriert Kontext.

Die Sprachphilosophie würde Protagoras' Position als naiv bezeichnen, weil sie eine essentialistische oder normative Semantik voraussetzt (jede Form hat eine feste, kontextunabhängige Funktion), die der Vielfalt sprachlicher Praxis nicht gerecht wird. Sie übersieht die Kreativität und Konventionalität literarischer Sprache.

Moderne Linguistik dazu

Die Linguistik (besonders Pragmatik, Diskursanalyse und Stilistik) würde ähnlich argumentieren, aber empirischer und deskriptiver:

  • Pragmatik und Speech-Act-Theorie (die stark mit Searle/Austin verknüpft ist, aber linguistisch operationalisiert): Imperative in poetischen Kontexten sind routinemäßig nicht wörtlich. Man vergleicht das mit modernen Beispielen: „Komm, Muse!“ in der Lyrik oder sogar Alltagsmetaphern. Linguisten untersuchen Konventionen von Textsorten (Genres): In epischer Dichtung ist die Muse-Anrufung eine fest etablierte Eröffnungsformel mit ritueller Funktion, nicht ein illokutionärer Befehl. Protagoras projiziert Alltagspragmatik auf Literatur.
  • Korpuslinguistik und Historische Pragmatik: Man würde Daten aus vielen Sprachen und Epochen betrachten. Poetische Imperative an höhere Wesen oder Abstrakta sind weit verbreitet (z. B. in Hymnen, Gebeten, moderner Lyrik). Sie dienen der Stilistik, der Erzeugung von Feierlichkeit oder der Markierung von Gattung. Semantisch-pragmatisch liegt oft eine indirekte Sprechhandlung vor (Bitte als scheinbarer Befehl).
  • Kognitive Linguistik: Imperative aktivieren bestimmte mentale Frames. Im poetischen Kontext wird der Frame „göttliche Inspiration“ aktiviert, nicht „Hierarchie Mensch-Gott“ im wörtlichen Sinn.

Die Linguistik findet Protagoras naiv, weil er präskriptiv vorgeht („so darf man nicht sprechen“) statt deskriptiv zu beschreiben, wie Sprache tatsächlich in verschiedenen Registern funktioniert. Moderne Linguistik ist anti-präskriptiv und kontextuell.

Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Sprachphilosophie und Linguistik

Ähnlichkeiten:

  • Beide betonen Kontext, Gebrauch und Konvention über wörtliche Form.
  • Beide lehnen eine starre Zuordnung von grammatischer Form (Imperativ) zu illokutionärer Funktion ab.
  • Speech-Act-Theorie ist ein gemeinsamer Berührungspunkt (philosophisch bei Searle, linguistisch in der Pragmatik).

Unterschiede (relevant hier):

  • Sprachphilosophie ist stärker konzeptuell und normativ-kritisch: Sie fragt nach der Natur von Bedeutung, Wahrheit, Referenz und wie Sprache Wirklichkeit konstituiert (z. B. Linguistic Turn). Sie würde Protagoras' Kritik als Symptom eines verfehlten Sprachverständnisses (zu logizistisch oder essentialistisch) analysieren und breiter philosophische Implikationen ziehen (z. B. zur Fiktionalität, Autorität von Dichtung, Relativismus – passend zu Protagoras' eigenem „Mensch ist Maß aller Dinge“).
  • Linguistik ist empirisch und deskriptiv: Sie sammelt Daten, beschreibt Muster in Korpora, untersucht kognitive Mechanismen oder historische Entwicklung. Sie würde Protagoras vorwerfen, keine systematische Analyse von Textsorten oder cross-kulturellen Konventionen gemacht zu haben. Linguistik trennt klarer zwischen Grammatik (Syntax/Morphologie des Imperativs), Semantik und Pragmatik.

Zusammengefasst: Beide Disziplinen würden Protagoras' Kritik als anachronistisch und zu wörtlich ablehnen – die Philosophie mit Fokus auf grundlegende Sprachkonzepte, die Linguistik mit Fokus auf beobachtbare sprachliche Praxis. Die Grenzen sind fließend (Pragmatik ist ein Überschneidungsfeld), aber die Herangehensweisen unterscheiden sich in Abstraktionsgrad und Methode. Protagoras war ein früher Pionier grammatischer Reflexion, aber aus moderner Sicht fehlte ihm das Instrumentarium für kontextuelle und fiktionale Sprache.

Geschrieben (bearbeitet)

Beim ganzen Gendern-Debakel kommt, glaube ich, etwas Ähnliches zum Vorschein: Die Grammatiker haben bestimmte grammatikalische Formen "maskulin" und "feminin" genannt, so wie die Sophisten eine bestimmte Verbform "Befehlsform" (auf Latein eben "Imperativ") genannt haben. Und dann fangen die Leute an, diese Benennungen viel zu ernst zu nehmen. Diese Begriffe sind dazu gewählt, kurz und bündig auf bestimmte Wortformen hinzudeuten, indem eine ihrer besonders aufgefälligen Verwendungen in den Vordergrund geschoben wird. Imperative werden auch und sehr häufig bei 100%igen Befehlen verwendet, und das grammatikalische Geschlecht folgt in vielen Fällen dem natürlichen. Der Fehler besteht darin, solche Kürzel zu verabsolutieren und in ihnen das "Wesen" der jew. Form zu sehen.

bearbeitet von Domingo
Geschrieben
vor 21 Stunden schrieb Domingo:

Tut mir leid.

 

Dir muss das am wenigsten Leid tun.

Ich und meine Interpretation der Urgeschichte sind wie manden und sein Echter Gott, nur dass ich mich damit begnüge mein Ding einmal zu sagen, weil ich weiß, dass Gruppenidentität meine Logik schlägt, weil jede Gruppe ihre eigene Logik hat. 

Du hast dich auf eine dir fremde Logik eingelassen, dass ist sehr selten, und das rechne ich dir hoch an.  

Geschrieben (bearbeitet)
vor 15 Stunden schrieb Weihrauch:

Ich und meine Interpretation der Urgeschichte sind wie manden und sein Echter Gott, nur dass ich mich damit begnüge mein Ding einmal zu sagen

 

Also, so bescheiden musst Du jetzt nicht sein ;) Ja, Du sagst Dein Ding einmal - und wenn jemand darauf antwortet, gehst Du darauf ein und schreibst etwas, das Du nicht schon mal gesagt hast. Und Du sagst nicht, Du hättest Deine These bewiesen und wir sollten das nun zur Kenntnis nehmen und was würden wir jetzt tun?

bearbeitet von Domingo

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