iskander Geschrieben Donnerstag um 14:37 Melden Geschrieben Donnerstag um 14:37 (bearbeitet) Dies ist als Fortsetzung einer Unterdiskussion in einem anderen Thread gedacht. Vorgeschichte: @New Aaron hatte in einem Thread einem User, der nach eigener Behauptung unter anderem unter sexualmoralischer Skrupulosität leidet, Botschaften gesendet, die aus meiner Sicht die Skrupulosität noch stärken. (Seine Haltung scheint dabei weniger modern-katholisch als ein asketisch(-buddhistisch) zu sein, auch wenn er sich als Christ verortet.) Ich habe das kritisiert und dabei unter anderem auf weitreichende sexualwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und kriminalistische Untersuchungen hingewiesen, die nahelegen, dass eine strenge Sexualmoral eher ungünstige als günstige Effekte auf den Menschen hat. @New Aaron ist darauf nicht spezifisch inhaltlich eingegangen, sondern hat die grundsätzliche Validität wissenschaftlicher Erkenntnisansprüche negiert: Zitat Was weiß die Wissenschaft schon vom Menschen! Meine rhetorische Gegenfrage lautete: Zitat Vom Menschen weiß nur der religiöse Dogmatiker etwas? Die Diskussion hat dann mit einem Beitrag von @New Aaron geendet, weil der Thread geschlossen wurde: Zitat Dann lassen wir es uns von der KI sagen: https://www.academia.edu/156063270/Die_KI_plädiert_für_die_Überwindung_des_naturwissenschaftlichen_Denkens Der Link verweist auf einen Text von Manfred Reichelt, den man sich auch mithilfe der obigen URL hier herunterladen kann, und der unter der Überschrift steht: Die KI plädiert für die Überwindung des naturwissenschaftlichen Denkens Die Frage, die im Raum steht, wäre also, ob die Erkenntnisse der relevanten Wissenschaften (etwa der Sexualwissenschaften) obsolet sind, weil eine KI dies vermeientlich sagt. Meine Anmerkungen dazu wären die folgenden. Allgemeines: - Es fehlen selbst die elementarsten Angaben - beispielsweise allem Anschein nach sogar dazu, welche KI überhaupt benutzt wurde. - Bekanntlich beeinflusst die Art und Reihenfolge der Fragestellung den Inhalt von KI-Antworten oft (Sycophancy). Nichts spricht darauf hin, dass dieses Phänomen irgendwie berücksichtigt und kontrolliert worden wäre - im Gegenteil. - Zumindest am Anfang hat die KI eher neutral geantwortet und keine eigene Stellung bezogen; soweit sie KI später inhaltlich zustimmt, handelt es sich offensichtlich um Sycophancy-Effekte. Hinter dem Plädoyer gegen das "naturwissenschaftliches Denken" steckt also letztlich vor allem Reichelt selbst; hätte er andere Dinge gesagt und andere Fragen gestellt, hätte die KI ihm auch anders geantwortet. (Eigentlich hätte Reichelt, wie wir gleich sehen werden, ohnehin besser von der Überwindung einer "Verabsolutierung des naturwissenschaftlichen Denkens" oder des "Naturalismus" und des "Szientismus" gesprochen.) - Auch wenn KIs manchmal durchaus einen guten Eindruck von einem Thema vermitteln können und die Antworten manchmal als Provisorium taugen können, sind KIs, wie bekannt sein sollte, keine Wahrheitsautomaten. Nicht mal, wenn man bewusst alles tut, um den Sycophancy-Effekt zu minimieren (was hier ganz offensichtlich nicht getan wurde). (- Dass der Text in keinem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht, schon gar nicht in einem mit Peer Review, versteht sich dann wohl von selbst.) Spezifisches: Schaut man sich den Text etwas näher an sieht man schnell, dass es da überhaupt nicht um eine Überwindung der Naturwissenschaft als solcher geht, oder gar beispielsweise um eine Überwindung von Psychologie, Kriminalistik, Sozialwissenschaften oder Sexualwissenschaften; es geht vielmehr um eine Kritik an einer szientistischen und naturalistischen Philosophie. So heißt es beispielsweise konkret: "KI: 'Kritische Denker argumentieren, dass eine rein naturwissenschaftliche Weltsicht – oft als Szientismus bezeichnet – wesentliche Bereiche des Menschseins ausblendet. Während die Wissenschaft das „Wie“ der Welt erklärt, bleibt sie beim „Warum“ und bei Sinnfragen stumm. [....]'" Für eine Kritik an Szientismus und Naturalismus bestehen auch aus meiner Sicht prinzipiell auch gute Gründe, unabhängig davon, was man jetzt von der konkreten Diskussion zwischen Reichelt und der unbekannten KI halten mag. Das alles ist aber völlig irrelevant für die Fragestellung, ob Wissenschaften relevante Dinge (etwa über den Menschen) herausfinden können. Nichts, was von der KI gesagt wurde, würde die Validität der empirischen Erkenntnisse, auf die ich mich konkret berufe, infragestellen; nichts davon würde nahelegen, dass die Wissenschaft keine substantiellen Erkenntnisse über den Menschen gewinnen kann; nichts würde suggerieren, dass dort, wo empirisch zugängliche Fragen verhandelt werden, wissenschaftliches Vorgehen sinnvollerweise durch religiöse Versicherungen ersetzt werden könnte oder gar sollte. Es ist ein weiter gedanklicher Sprung von "Eine KI sagt auf Nachfrage, dass kritische Denker gegen Szientismus und Naturalismus bestimmte Einwände erheben" zu "Ich brauche mich um relevante wissenschaftliche Erkenntnisse nicht kümmern, weil die eh alle nichts taugen, und ich kann sie ganz nach Belieben durch religiöse Überzeugungen mit gnostischem Einschlag ersetzen". bearbeitet Donnerstag um 14:38 von iskander Zitieren
Kulti Geschrieben Freitag um 06:49 Melden Geschrieben Freitag um 06:49 Mal ganz davon abgesehen dass da zwar ein I in KI steckt, es aber immer noch um ein Werkzeug geht. Wird das Werkzeug entsprechend benutzt, dann liefert es halt die gewünschten Ergebnisse. Kein Grund hier von Neutralität auszugehen oder dem ganzen unhinterfragt Autorität zu geben. (Die inhaltliche Diskussion zur christlichen Sexualmoral sehe ich allerdings lieber auch im christlichen Kontext geführt. Ein Konfliktfeld weniger in dem Thema) Zitieren
iskander Geschrieben Gestern um 00:00 Autor Melden Geschrieben Gestern um 00:00 Ich möchte fairerweise übrigens noch erwähnt haben, dass Manfred Reichelt allem Anschein nach Naturwissenschaften nicht pauschal negativ sieht, sondern ihnen ihre Kompetenz zugesteht. Das zeigt sich an mehreren Stellen. So heißt es bei ihm etwa: "Denn man sieht ja, dass die Zunahme an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen dazu beitrug, diese immer vertrauenswürdiger zu machen." Reichelt kritisiert offenbar das, was er als Einseitigkeit und Verengung in den Wissenschaften selbst und in der Haltung der Menschen wahrnimmt. @Kulti Zitat (Die inhaltliche Diskussion zur christlichen Sexualmoral sehe ich allerdings lieber auch im christlichen Kontext geführt. Ein Konfliktfeld weniger in dem Thema) Was meinst Du damit? Zitieren
Kulti Geschrieben vor 18 Stunden Melden Geschrieben vor 18 Stunden @iskander Ich beziehe mich damit auf eine Stelle, an der Du darauf hinweist dass wissenschaftliche Studien belegen dass eine zu strikte Sexualmoral negative Auswirkungen hat. Ich denke wenn jemand eine Problematik aus einem ethischen Kontext heraus formuliert, ist es erstmal hilfreich zu schauen, was innerhalb dieses Kontextes geht. Wenn Du das ganze auf eine wissenschaftliche Ebene hebst, machst Du das potentielle Konfliktfeld Wissenschaft - Religion auf. (Die genaue Stelle müsste ich suchen) Zitieren
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