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Das Gespräch am Jakobsbrunnen


Mecky
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Meine Predigt vom Sonntag

 

Dieses Gespräch zwischen der Frau und Jesus ist faszinierend. Es bleibt nicht bei einem Thema. Da ist vom Wasser die Rede, vom Messias, vom rechten Ort der Anbetung, und natürlich von Männern. In diesem Falle gleich einmal von mehreren Männern.

Ebenso vielfältig wie die Gesprächsthemen scheinen auch die Männererfahrungen dieser Frau zu sein. Sie scheint es nicht zu lieben, bei einem einzigen Thema oder Mann zu bleiben. Was will diese Frau eigentlich?

 

Sie hat ja schon so vieles und Vielfältiges. Und doch befriedigt sie das nicht. Kein Thema ist so, dass es ihre Suche beendet, noch könnte es ein Mann sein. Das klingt fast wie eine Sucht. Nicht unbedingt eine explizite, als krankhaft erkannte Sucht, sondern eher wie die typischen Alltagssüchte, wie sie jeder Mensch kennt.

 

So, wie es schon bei Kindern vorkommt, wenn sie abends betteln: "Mama, darf ich noch ein bisschen aufbleiben? Nur noch ein bisschen?" Das, was sie wollen deckt sich nicht unbedingt mit dem, was sie brauchen. Und wenn die Mama fünf Minuten zusätzlich gewährt, ist der Wunsch noch nicht erstorben und sie bitten um eine weitere Verlängerung - bis sie einsehen, das dieses Suchtverhalten blödsinnig und morgen ja auch wieder ein Tag ist.

 

Jesus nimmt ein anderes Beispiel. Für ihn ist es das Wasser, das den Durst löscht. Hat man davon getrunken, denkt man erst einmal, dass es jetzt gut ist. Aber man bekommt schnell wieder und wieder und wieder Durst. Und so ist es doch mit Vielem. Wir jagen diesem und jenem hinterher, wie diese Frau den Männern. Und es gibt nichts, was uns dauerhaft befriedigen könnte.

 

Wenn sich das Suchen einengt, dann wird es zur Sucht. Der Alkoholiker sucht völlig gesund nach Freiheit von Problemen, nach seelischer Ruhe, nach Vergessen. Er hat seine Suche auf die Alkoholmethode spezialisiert - aus seiner gesunden Suche wurde eine Sucht. Und aller Alkohol der Welt kann seine Probleme nicht lösen und behindert seine Suche mehr, als dass er sie fördert.

 

Bei der Frau sind es die Männer. Sie sucht wohl wie jeder Mensch nach Annahme, Lust, Geborgenheit, Trost, nach jemandem, der ihr finanzielle Sicherheit gibt. Sie hat sich dabei auf Männer spezialisiert. Was soll ihr Jesus auf dieser Suche mitgeben?

 

Soll er sich zu einer geglückten Mischung aus Arnold Schwarzenegger, Albert Einstein, Beichtvater und Don Joan werden und ihr sagen: "Hallo hier bin ich! Ich bin Dein Märchenprinz?"

Ich befürchte, dass er die Suche dieser Frau nicht beenden würde, selbst wenn es ihm gelänge, zum idealen Menschen zu werden.

 

Er setzt an einem ganz anderen Punkt an. Nachdem er das Spielchen der Frau lange genug mitgespielt hat, kommt er gegenüber seinen Jüngern zum Kern. Er erzählt von sich. Er sagt ihr, was für ihn eine Speise ist, die nicht mehr des dauernden Nachschubs von außen und der weiteren Steigerung bedarf.

 

"Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zuende zu führen."

 

Das ist eine total andere Einstellung, als sie die Frau hat. Die Frau hat sich auf's Konsumieren verlegt. Und da braucht man immer Nachschub - ob es sich um Wasser, Brötchen, Gesprächsthemen oder Männer handelt, ist dabei völlig gleich. Immer ist es eine Erwartung an die Außenwelt. Das, was von außen kommt, soll sie innerlich erfüllen. Und gemeinerweise tut dies die Außenwelt nicht. Sie ist damit überfordert.

 

Jesus denkt das genau andersrum. "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat." Jesus lebt aus dem Bewusstsein, dass er bereits erfüllt ist, und zwar mit einer Sendung, einem Auftrag. Sein Leben hat ein Ziel. Und zwar kein nebensächliches und kein beliebiges und kein unbedeutendes Ziel. Es ist ein Auftrag von Gott. Da ist kein Platz mehr für innere Leere, die mit Konsum ausgefüllt werden muss. Sein Auftrag erfüllt ihn vollständig, sein Leben lang, bis er schließlich am Kreuz abschließend sagen kann: "Es ist vollbracht!". Oder anders: "Meinen Auftrag auf Erden habe ich erfüllt."

 

Nicht die Außenwelt wird missbraucht, Jesus das Gefühl des Erfülltseins zu geben - das ist eine völlige Überforderung! Nichts Äußeres, kein Mann, kein Thema, kein Genussmittel kann uns erfüllen.

Sondern Gottes Auftrag erfüllt ihn.

 

Und dies ist bei Jesus nicht anders, als bei allen anderen Menschen. Menschen ohne Ziel, ohne Botschaft, ohne das Bewusstsein, dass sie einen Auftrag in diesem Leben haben, sind arm dran - bis hin zur bejammernswerten Erbärmlichkeit. Und so lange sie ihre Sendung durch Gott - und niemand anderes kann ihnen dies geben - nicht finden, wird sich alles nur verschlimmern.

 

Jeden von uns hat Gott an eine Stelle in dieser Welt gesetzt. In eine Familie. An einen Arbeitsplatz. Jedem von uns hat er seine Fähigkeiten mitgegeben. Jedem hat er Lebensthemen und Unfähigkeiten, Leiden, Sorgen, Freunden und Interessen mitgegeben. Wer in diesen Vorgaben, die uns Gott oft schon fast zu Beginn des Lebens mitgibt, nicht einen Auftrag erkennt, ist verloren und wird zum Opfer des Konsums und wird unglücklich. Und weise ist der, der aus den vielen einzelnen Anzeichen langsam und mehr und mehr erkennt, wozu er hier auf Erden von Gott gesandt ist.

 

Er trägt nämlich in sich eine Quelle, der Wasser selbst dann nicht versiegt, wenn alle Konsum-Wasserhähne zugedreht sind. Er trägt die Quelle Gottes mit sich, der seinem Auftrag ewigen Wert und ewige Bedeutung mitgibt.

 

Amen.

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Lieber Mecky,

 

ich habe nicht oft die Gelegenheit, mit dem Pfarrer über seine Sonntagspredigt zu diskutieren, deshalb habe ich Dein Posting aus dem Bibel-Teilen herausgesplittet.

Du sprichst einige Aspekte an, die ich bisher nicht in dieser Stelle gesehen hatte, das ist recht interessant.

Aber ich habe auch einige Fragen:

Bei der Frau sind es die Männer. Sie sucht wohl wie jeder Mensch nach Annahme, Lust, Geborgenheit, Trost, nach jemandem, der ihr finanzielle Sicherheit gibt. Sie hat sich dabei auf Männer spezialisiert. Was soll ihr Jesus auf dieser Suche mitgeben?

Erst sprichst Du von "typischen Alltagssüchten" dieser Frau, dann nur noch von ihrer Sucht nach Männern. Wieso hast Du ihre Sucht auf Männer verengt?

 

Ich befürchte, dass er die Suche dieser Frau nicht beenden würde, selbst wenn es ihm (Jesus) gelänge, zum idealen Menschen zu werden.

War Jesus denn kein idealer Mensch?

War Jesus ein Mensch, dem es nicht gelang, ein idealer Mensch zu werden?

Wie war Jesus denn?

 

Liebe Grüße, Gabriele

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Liebe Gabriele!

 

Ich habe die Alltagssüchte erwähnt, damit sich die Zuhörer identifizieren und nicht nur auf das eine Thema "Männer" abfahren - das wäre zu eng. Im Evangelium ist allerdings dieses Thema explizit erwähnt, deswegen bin ich dann darauf eingegangen.

 

Meiner Meinung stehen die fünf Männer hier als der "pars pro toto" für eine Suchtstruktur, die natürlich die ganze Person betrifft.

 

Das mit dem "idealen Menschen" ist natürlich so, wie ich es geschrieben habe, falsch. Ich halte meine Predigten grundsätzlich ohne Textvorlage und habe erst im Nachhinein die Predigt schnell zusammengeschrieben.

 

Gemeint ist: Selbst wenn Jesus von außen allen denkbaren Ansprüchen, die man an eine Person so üblicherweise stellt, genügt, würde dies der Frau nicht helfen. Es ist prinzipiell unmöglich, von außen das zu ersetzen, was von innen kommen muss.

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Hallo Mecky,

 

ziel einer Preidigt ist es meines Erachtens, Gottes Wort ganz konkret mit dem heutigen Alltag in Verbindung zu bringen, das ist dir gut gelungen. Bei uns wirds (manchmal leider) oft zu einer Theologievorlesung.

 

Ich kann mich in dem Text gut wiederfinden, nur wirft sich bei mir unweigerlich immer wieder eine Frage auf. Wie wird man weise - wie erkenne ich Gottes Willen? Mir gehts oft im Umkehrschluß so, daß ich hinterher weiß, wo Gott die Finger drin hatte.

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Das mit dem "idealen Menschen" ist natürlich so, wie ich es geschrieben habe, falsch. Ich halte meine Predigten grundsätzlich ohne Textvorlage und habe erst im Nachhinein die Predigt schnell zusammengeschrieben.

Lieber Mecky,

 

in diesem Falle möchte ich mich ganz herzlich bei Dir bedanken, dass diese Predigt den Weg hierher ins Forum gefunden hat.

Dass dabei sich Ungenauigkeiten einschleichen, ist schon klar.

 

Liebe Grüße, Gabriele

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Meine Predigt vom Sonntag

womit hast Du die Leute anschließend wieder wach bekommen? :):blink: :ph34r:

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Laut meiner Predigtausbildung gibt es in einer Gemeinde während der Predigt vier Gruppen:

 

1. Die, die hellwach zuhören

2. Die, die pennen

3. Die, die gerade aufwachen

4. Die, die gerade am einpennen sind.

 

Ich habe mich um die schlafenden mit folgender Fürbitte bemüht:

"Für unsere ganze Kirche: Dass sie den Ruf einer moralisch-säuerlichen und seelenlosen Institution verliert."

 

Das musste in diesem Falle genügen.

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Meine Predigt vom Sonntag

womit hast Du die Leute anschließend wieder wach bekommen? :):blink: :ph34r:

indem er noch eine Anmerkung zur Einführung der Patene bei der Handkommunion gemacht hat.

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Meine Predigt vom Sonntag

womit hast Du die Leute anschließend wieder wach bekommen? :blink::blink: :ph34r:

indem er noch eine Anmerkung zur Einführung der Patene bei der Handkommunion gemacht hat.

:):):P

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OneAndOnlySon

Sehr gute Predigt - danke, mich hat sie sehr persönlich angesprochen.

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Beim ersten lesen konnte ich mit Meckys Predigt überhaupt nichts anfangen. Ich hatte nämlich den Ausgangspunkt des Gesprächs übersehen. Die Frau lehnt erst mal ab: „Die Juden haben das Heil, ich aber bin keine Jüdin und kann es deshalb nicht erlangen.“ Wenn man davon überzeugt ist, dass der Durst ohnehin niemals gelöscht werden kann, dann verbietet man sich zuerst den Durst und sucht auch nicht mehr nach Wasser, sondern nach Bestätigung, dass es keines gibt. Die Frau hat sich auf Männer spezialisiert, aber für diesen Konsum erwartet sie auch Verdammung und vielleicht tut sie’s auch nur deshalb (jedenfalls lese ich das aus „er hat mir alles gesagt, was ich getan habe“ heraus). Die Frau mißbraucht ihre Außenwelt, das erkennt sie auch gerade noch so. Dass sie sich selbst mißbraucht erkennt sie nicht. Spätestens als die anderen hinzukommen wäre jetzt eine Abweisung zu erwarten, aber auch die kommt nicht. Und an dieser Stelle bricht die Fixierung, die negative Erwartungshaltung zusammen.

Am Anfang der Geschichte steht eine tief verletzende Abwertung, die verinnerlicht wurde und so den ganzen Kreislauf erst in Gang gesetzt hat, und den die Frau selbst auch nicht durchbrechen kann. Durchbrochen wird er von ihrem Gesprächspartner, der die Erwartung von Mißbrauch und Ablehnung nicht erfüllt und damit die eingespielten Denkmuster durchkreuzt. Also doch ein entwaffnender „Märchenprinz“, der von Außen kommt. Und nicht ganz zufällig kommt er aus der Mitte des „imaginierten Feindes“, und damit von Innen.

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Die Frau hat sich auf Männer spezialisiert

reiner Wahnsinn diese Projektionen (aus der Zukunft)

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Er setzt an einem ganz anderen Punkt an. Nachdem er das Spielchen der Frau lange genug mitgespielt hat, kommt er gegenüber seinen Jüngern zum Kern. Er erzählt von sich. Er sagt ihr, was für ihn eine Speise ist, die nicht mehr des dauernden Nachschubs von außen und der weiteren Steigerung bedarf.

 

"Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zuende zu führen."

Lieber Mecky,

 

Ich "hänge" noch ein wenig an dieser Stelle, und habe eben noch mal nachgelesen:

Nicht zu der Samariterin sagt er die zitierte Stelle, sondern zu seinen Jüngern, die mit Essen aus dem Dorf zurückgekommen sind. Die Frau hingegen ist ins Dorf geeilt, um dort den Leuten zu erzählen, was ihr geschehen ist. Eigentlich gilt nicht ihr diese Antwort, sondern den Jüngern, die meinen, Jesus braucht das, was sie mitbringen.

Auf der von Dir beschriebenen Ebene passt es aber auf die Samariterin.

 

Das ist eine total andere Einstellung, als sie die Frau hat. Die Frau hat sich auf's Konsumieren verlegt. Und da braucht man immer Nachschub - ob es sich um Wasser, Brötchen, Gesprächsthemen oder Männer handelt, ist dabei völlig gleich. Immer ist es eine Erwartung an die Außenwelt. Das, was von außen kommt, soll sie innerlich erfüllen. Und gemeinerweise tut dies die Außenwelt nicht. Sie ist damit überfordert.

 

Jesus denkt das genau andersrum. "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat." Jesus lebt aus dem Bewusstsein, dass er bereits erfüllt ist, und zwar mit einer Sendung, einem Auftrag. Sein Leben hat ein Ziel. Und zwar kein nebensächliches und kein beliebiges und kein unbedeutendes Ziel. Es ist ein Auftrag von Gott. Da ist kein Platz mehr für innere Leere, die mit Konsum ausgefüllt werden muss. Sein Auftrag erfüllt ihn vollständig, sein Leben lang, bis er schließlich am Kreuz abschließend sagen kann: "Es ist vollbracht!". Oder anders: "Meinen Auftrag auf Erden habe ich erfüllt."

 

Liebe Grüße, Gabriele

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Nicht zu der Samariterin sagt er die zitierte Stelle, sondern zu seinen Jüngern, die mit Essen aus dem Dorf zurückgekommen sind. Die Frau hingegen ist ins Dorf geeilt, um dort den Leuten zu erzählen, was ihr geschehen ist. Eigentlich gilt nicht ihr diese Antwort, sondern den Jüngern, die meinen, Jesus braucht das, was sie mitbringen.

Auf der von Dir beschriebenen Ebene passt es aber auf die Samariterin.

Ja, stimmt, liebe Gabriele.

 

Ich sehe allerdings die ganze Bibelstelle als seine Einheit an - zumal es sozusagen um das gleiche Thema geht. Erst ums Trinken, dann ums Essen: Von was leben wir?

Fast hört man das ganze Johannesevangelium mitschwingen, von dem Wort, das bei Gott war und Gott ist, über die Frage, was uns erfüllt, über die Brotrede in Johannes 6 (Ich bin das wahre Brot, das vom Himmel kommt) bis hin zu seinem letzten Satz: "Es ist vollbracht". Seine Sendung ist das, wovon er lebt, bis seine Sendung am Kreuz schließlich "vollbracht" ist, also alles getan ist. Geniale und konsequente Komposition.

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Komisch, ich hör die Stelle ganz anders.

Und wie hörst Du sie?

Hallo Johanna!

 

Ich hab deine Frage erst jetzt gesehen…

Es fällt mir gar nicht so leicht, zu antworten,weil ich eher nur eine Ahnung davon habe , um was es gehen könnte und nur so ein bisschen suchen kann.

Dass es sich um eine geniale Komposition handelt, denk ich auch. Drum kann ich mir (im Gegensatz zu manchen Stellen bei den Synoptikern –Heilungsgeschichten z.B., wo ich schon denke, dass sich viel erschließen kann, wenn man psychologisches Wissen zum Verständnis mit einbezieht) bei dieser Stelle überhaupt nicht vorstellen, dass es sich da um ein Psychopathogramm einer Person mit Suchtverhalten handeln soll. (Aber das hat der Mecky jetzt eh auch schon so ungefähr gesagt).

Das Johannesevangelium redet für mich durchgehend vom Wechsel der Ebenen, vom gleichnishaften Begreifen, von der zur Wirklichkeit gewordenen Bedeutung (vom „fleischgewordenen Wort“).

Alles bei ihm ist Symbol-sprache (redet gleichzeitig von der äußeren Realität und von der Realität der Geistebene und der Verschränkung und Durchdringung dazwischen) und es kommt mir vor, dass er bei dieser Stelle zeigt, wie sich das Verständnis religiöser Sprache wandeln muss: von einem konkretistischen Verstehen zu einem Symboldenken.

Am Beginn des Gesprächs versteht die Frau Jesu Worte konkretistisch. Sie unterscheidet nicht zwischen Wasser und „Wasser“, würde sich eigentlich nur wünschen, dass ihr Leben bequemer würde, wenn es gerade leicht ginge.

Und dann kommt es mir vor, als ob der Johannes zeigen wollte, wie sich Glaube richtig entwickeln muss und wie Jesus einen Menschen zu diesem neuen Verständnis führt.

Weil sie das mit dem Wasser nicht versteht, wechselt er scheinbar das Thema und redet sie auf den Durst an, der in ihr steckt. Ich denke auch, es ist ein Durst nach gelingender Beziehung, nach Erfülltheit. Und da kapiert sie auf einmal, dass es nicht um ihre konkreten Männerbeziehungen und um konkretes Wasser geht, sondern dass das „Wasser des Lebens“ Durststillung auf einer ganz anderen Ebene bringt. Irgendwie beginnt sie auch zu ahnen, dass das nichts ist, wofür man sich nicht einsetzen und bemühen müsste. Man muss verstehen und lernen wollen, neugierig und offen sein, fragen, und man muss sich lösen von der „Religion der Väter“ und beginnen „im Geist anzubeten“: in ein inneres, durch Einsicht und Übereinstimmung mit sich selbst geprägtes Verhältnis zum „Vater“ zu treten.

Ich glaube, dass die Stelle von dem Übergang zwischen konkretistischem Verständnis und Symbolverständnis redet. Nicht umsonst findet es am „Jakobsbrunnen“ auf dem „Josefsfeld“ statt.

Beides (Jakob und Josef) sind Gestalten, die träumen (auch Traumsprache ist ja Symbolsprache).

Aber während der Jakob nur sehr bewegt ist von seinem Traum und spürt, dass da was Bedeutungsvolles passiert ist, es aber nicht einordnen kann und darum einfach einmal aus Ergriffenheit den Ort des Träumens mit einem Stein markiert und Öl darüberschüttet, reagieren die Josefe in der Bibel sehr genau auf das, was ihnen im Traum gesagt wird. Sie haben gelernt, diese Sprache zu verstehen und ihr zu folgen, so dass Träume ganz konkrete Hilfe für den Alltag werden können.

 

(Es gibt übrigens bei Ezechiel (Ez 9) auch eine Stelle, wo 6 Männer vorkommen, und die auch davon redet, dass es nicht um Äußeres, sondern um das Herz und das innere Wachstum geht. Dort geht es um die Folgen, darum, was passiert, wenn wir nicht begreifen.)

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Liebe Susanne!

 

Wie ordnest Du dann die Stelle ein, wo Jesus sagt: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat."

 

Für mich ist dieser Satz der zentrale Knackpunkt geworden, von dem aus sich der Rest der Geschicht erschließt. Die Antwort auf Durst und Begehrlichkeit.

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Wie ordnest Du dann die Stelle ein, wo Jesus sagt: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat."

 

Für mich ist dieser Satz der zentrale Knackpunkt geworden, von dem aus sich der Rest der Geschicht erschließt. Die Antwort auf Durst und Begehrlichkeit.

Ich meine, dass es um den entscheidenden Schritt geht, nicht mehr zu fragen, was von außen kommen kann, also was ich "nehmen" kann, sondern was von innen kommen kann, was ich also geben kann. Das ist der Schritt von Passivität zu Aktivität, vom Suchtverhalten ("Sucht" kommt übrigens nicht von "suchen", sondern von "siechen") zum Erwachsenwerden.

 

Damit weitet sich auch die Perspektive von dem weg, was uns Menschen geben können, zu dem hin, "wer wir sind": Weit mehr, als was wir wiedergespiegelt bekommen können. Das zu tun, was unsere Aufgabe ist, ist eben nicht Folge von Umwelteinflüssen, also nicht Reflex auf die Anforderungen der Menschen an uns, sondern ist sozusagen das, was wir bereits originär mitbringen.

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Hallo Mecky!

Ich deute das Wort von der Speise so, dass der Wille Gottes in 3,16 konkretisiert ist und dass es das ist, was Johannes sagen will: Jesus ist in die Welt gekommen um die Liebe Gottes zu verkünden (nichts anderes sasgt Markus mit basileia tou Theou) und das woran man die Christen erkennt ist eben diese Liebe. Ganz anders die Gelehrten mit ihrem Gesetz... (Wer hat gesündigt - er oder seine Eltern...)

Ein NEUES Gebot gebe ich euch - und es ist doch das "alte" aus Mk 10...

Entschuldige bitte die Kürze! Bin auf dem Weg ins Bett...

Gruß Sophia

Edited by sophia
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Liebe Susanne,

 

danke für Deine Antwort. Mir ist noch nicht ganz klar geworden, inwiefern Deine Bezugnahme auf die Symbolsprache, auf das Wechseln der Ebenen, im Widerspruch zur psychologisierdenden Lesart stehen würde; eher spannst Du den Rahmen noch mal weiter auf, aber das Psychogramm würde sich in diesen Rahmen sogar sehr gut einfügen: Das Verstehen einer Traumsprache und Umsetzen in Handlung, das Ablösen der Fixierung auf eine konkrete Begrifflichkeit durch ein essentielles Begreifen – das finde ich auch in Meckys Darstellung der Sucht wieder, als einem zum Scheitern verurteilten Versuch, eine innere Leere mit dem zu füllen, was sich äußerlich greifen und „einverleiben“ lässt, dann aber sogleich konsumiert, also verflüchtigt ist. Was mich an dieser Darstellung am Anfang etwas gestört hat war die Ausblendung des konkreten Kontext in dem das Gespräch stattfindet, und die Bewertung seines Verlaufs. Wenn es um ein Wechseln der Ebenen geht, dann müssen sie alle benannt werden, also auch die konkrete. Warum ist die so konstruiert? Wie kommt es zur Fixierung auf diese Ebene? Warum begreift die Frau nicht? Du schreibst, dass Jesus das Gespräch beginnt und auch führt, das sehe ich auch so: nicht die Frau ist es, die mit einer Forderung an Jesus herantritt und dann, in ihrer planlosen Suche (oder Sucht), von einem Thema aufs nächste wechselt, sondern sie wird in ein Gespräch involviert, das sich ihrer Kontrolle entzieht, und nur dadurch, dass sie sich darauf einlässt, kann sie die Fixierung überwinden, bzw. die Ebene wechseln.

 

Dieser Aspekt, dass hier doch etwas von Außen kommt und angenommen werden muss, scheint mir wichtig, und den sehe ich zunächst im konkreten Kontext. Ich versuche noch mal etwas ausführlicher darzustellen, wie ich es gelesen habe: die erste Reaktion auf Jesus Bitte um Wasser ist eine Abfuhr. Juden reden nicht mit Nichtjuden, erst recht nicht mit nichtjüdischen Frauen; es sei denn, sie brauchen etwas von ihnen, z.B. Wasser und haben keinen Schöpflöffel. Hier schwingen Vorwurf, Häme, Kränkung mit; es gibt also eine Vorgeschichte. Stell Dir vor Du gehst eine Straße entlang und ein Jude kommt Dir entgegen, der, sobald er Dich als Nichtjüdin erkannt hat, die Straßenseite wechselt, um ja nicht Gefahr zu laufen mit Dir in Berührung zu kommen und durch Dich „verunreinigt“ zu werden (andere haben Angst vor „Verwässerung“, aber das nur am Rande). Ziemlich abwertend, oder? Dieses und ähnliches erlebst Du immer wieder, aber gleichzeitig nimmst Du auch etwas wahr, was hinter diesem Verhalten steht: „22Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden“ Doch davon bist Du ausgeschlossen, und die abwertenden Gesten vermitteln es Dir im Alltag. Beste Voraussetzungen, um eine Suchtpersönlichkeit zu entwickeln.

 

Diese Vorgeschichte nehme ich als den konkreten Kontext, und der zieht sich, in den unterschiedlichsten Konstellationen, ebenfalls durch das gesamte Evangelium. Die Abwertung führt zur Selbstentfremdung, die Fixierung auf das Ausgeschlossensein führt zur Sucht, zu einer Suche nach etwas, was für die Frau unerreichbar scheint, und was sie vor allem auch als unerreichbar für sich annimmt – das ist für mich der Knackpunkt. Sie hat das Ausgeschlossensein so verinnerlicht, dass sie ihr Leben wie eine Bestätigung dieses Ausgeschlossenseins führt. Was ihr Liebesleben angeht, so sehe ich hier nicht nur die Sucht als Vereinnahmen der Außenwelt, sondern auch ein Verhalten, das verurteilt wird. Auch das ergibt sich logisch aus diesem Kontext: Sucht hat auch mit dem gezielten Überschreiten gesellschaftlich gesetzter Grenzen zu tun, ist ein „asoziales“ Verhalten, ein sich außerhalb der Gesellschaft stellen. Dass Jesus ihr alles gesagt hat, was sie getan hat, verblüfft nicht so sehr aufgrund der hellseherischen Qualität dieser Aussage, sondern weil die erwartete Verurteilung nicht stattfindet. Um das Wasser zu finden, das den Durst stillt, muss die Frau sich so annehmen, wie sie ist. Und auch die Jünger wundern sich, „aber keiner sagte: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr?“ Bis zu diesem Punkt ist sie ganz in das Gespräch hineingezogen und merkt noch nicht, dass die von ihr sorgsam gehegten Koordinaten verschoben wurden; mit dem Hinzukommen der anderen bricht die Gesprächssituation wieder auf und an diesem Punkt nimmt sie sich selbst verändert wahr. „28Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen...“

 

Diesen Rahmen finde ich wichtig, wenn ich mich nicht nur in die Frau hineinversetzen will, um meinem eigenen Suchtverhalten nachzuspüren, sondern auch in die Begegnung mit ihr. Halte ich ihr ihr Verhalten vor, blicke ich herab auf ihre „Erbärmlichkeit"? Oder versuche ich zu verstehen woher es kommt, und was ich selbst damit zu tun habe?

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Liebe Susanne!

 

Wie ordnest Du dann die Stelle ein, wo Jesus sagt: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat."

 

Für mich ist dieser Satz der zentrale Knackpunkt geworden, von dem aus sich der Rest der Geschicht erschließt. Die Antwort auf Durst und Begehrlichkeit.

Lieber Mecky!

 

Ich glaub, dass im Gespräch Jesu mit den Jüngern noch einmal genau das Gleiche geschieht, wie davor mit der Frau: dass ganz drastisch gezeigt wird, dass es nicht um ein konkretistisches Verstehen geht und dass die neue Sprache (das neue Denken, das neue Verstehen, metanoia), in die wir hineinwachsen sollen bzw. die wir uns erarbeiten sollen, (damit Symbolverstand fertig werden kann, braucht es so viele Schritte!) zu einer Umwälzung aller Maßstäbe führt.

 

Ich habe jetzt noch einmal gelesen, was du in deiner Predigt dazu geschrieben hast. Ich versteh es schon auch so ähnlich.

Ich glaub nur, dass es eine Antwort ist, die man sich nicht einfach so geben lassen kann, sondern dass das ( dass es satt macht, seinen eigenen Willen in den Willen des Größeren zu stellen) Frucht langer Arbeit an sich selbst und immer wieder neuer Bereitschaft, sich verändern zu lassen, ist.

Es genügt ja nicht die Bereitschaft "den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat", das so verrückt Schwierige ist ja, diesen Willen immer wieder neu zu erkennen.

Ich glaube, das ist für uns Lebensaufgabe. So wie für den Petrus: „Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“.

 

Da, in diesem Gespräch, wissen die Jünger ja auch noch n i c h t s davon ("Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wißt"), dass einem dieses Einwilligen in den großen Werdewillen zu einer Speise werden kann, die so satt macht, dass man nie mehr hungrig ist.

Sie unterscheiden sich kein bisschen von der Frau.

 

“Knackpunkt“ ist dieser Satz für mich insofern, als man an ihm sieht, wie ein Mensch aussieht, dessen Symbolverstand ganz fertig ist. Er gibt das Ziel vor.

 

Aber ich geb dir auch darin Recht, dass der Wandlungsort, an dem wir in diese Haltung hineinwachsen müssen, unser ganz konkreter Alltag und der Ort, an den wir gestellt sind, ist.

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