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Justin Cognito
"Der Untergeher" ist das mit Glenn Gould, oder? Muss kurz nach dessen Tod entstanden sein. Haben die sich eigentlich wirklich gekannt?

 

Zumindest hat Thomas Bernhard wirklich am Mozarteum in Salzburg studiert, dachte ich als ich das Posting las und sagte während ich schrieb zu mir, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass er Glenn Gould kannte, weil ja überhaupt viele Begegnungen im Werk dieses schreibenden Pianisten autobiographisch sind, weil dieses ganze sogenannte schriftliche Werk ja eigentlich ja nichts anderes ist als ein Pianistenwerk, ein Mozarteumspianistenstudentenwerk und diese Mozarteumsstudentewerke sind ja allesamt bekannt dafür immer nur reine Autobiographie zu sein, wie ja überhaupt alle Salzburger Autoren zur Autobiographie neigen, vor allem jene die durchs Mozarteum gegangen sind, dessen autobiographischer Ungeist ja weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist und wenn ich nicht gesehen hätte wie Thomas Bernhard im Film von Krista Fleischmann geredet und fast schon vor sogenannten Charme gesprüht hat, dachte ich, hätte ich sowieso immer gesagt, dass so ein Mozarteumsstudent nichts schreiben kann als Autobiographien, sozusagen immer zur Autobiographie verdammt ist und Übertreibungskünstler hin, Provokateur her, ein schreibender Mozarteumsstudent sowieso nie über Glenn Gould hinauskommen kann.

 

PS: Wiederholung, Steigerung (bis ins Groteske) und Variation sind die Mitteln mit denen Bernhard sein Werk zusammenhält und was auf den ersten Blick wie eine große, eintönige Fläche aussieht bekommt beim näheren Hinsehen Struktur, Risse und Spalten. Zum Verständnis des Werkes sei (wenn man ihn denn irgendwo zu sehen bekommt) unbedingt Krista Fleischmanns Film "Thomas Bernhard - Eine Herausforderung. Monologe auf Mallorca" empfohlen.

Edited by Christoph Lauermann

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Stefan
Ich lese gerade "Portrait of the Artist as a Young Man" von Joyce.

 

Witzig, ich lese gerade (wieder) "Porträt des Künstlers als junger Dachs" von Dylan Thomas.

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iriskammerer
Da aber in der Arena zwischen epigoros und platon ein Streit um den Wert des hl. Augustinus angeklungen ist, habe ich mich an meine Lektüre von Jostein Gaarders "Vita brevis" erinnert. Das Buch habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Wer kennt es?

Ich -- allerdings hielt sich mein Vergnügen sehr in Grenzen. Gaardner wäre gerne eine Sokrates, der die Philosophie wieder zu den Menschen holt, aber leider ist er äußerst trivial und seine Kenntnisse antiker und mittelalterlicher Philosophie oberflächlich. Ich habe schon über die veralteten und falschen Darstellungen in Sophies Welt die Stirn gerunzelt ... Aber es ist halt populärphilosophischer Mainstream und "allgemein anerkannt". B)

 

Selbst lese ich derzeit Rafik Shamis Epos Die dunkle Seite der Liebe. Davor war es Selim Özdogans Die Tochter des Schmieds, ungewöhnlich für Özdogan, aber wunderschön. Meine Entdeckung in diesem Jahr ist James Meeks Die einsamen Schrecken der Liebe, außerdem Antoine Audouards Abschied von Heloise.

Und wenn ich noch ein bißchen nachdenke, fallen mir sicher noch ein paar ein. :lol:

 

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Justin Cognito
Ich -- allerdings hielt sich mein Vergnügen sehr in Grenzen. Gaardner wäre gerne eine Sokrates, der die Philosophie wieder zu den Menschen holt, aber leider ist er äußerst trivial und seine Kenntnisse antiker und mittelalterlicher Philosophie oberflächlich. Ich habe schon über die veralteten und falschen Darstellungen in Sophies Welt die Stirn gerunzelt ... Aber es ist halt populärphilosophischer Mainstream und "allgemein anerkannt". B)

 

Ich gehe mit Gaarder nicht so streng ins Gericht, immerhin ist er kein Philosoph sondern Romancier und Sophies Welt ist kein Philosophielehrbuch sondern ein Jugendroman der bei seiner Zielgruppe die Lust am Philosophieren wecken kann. Das macht er meines Erachtens ganz gut und es gelingt ihm dabei Fragen für eine differenzierte Auseinandersetzung aufzuwerfen. Vita Brevis hat mir als kleiner Briefroman auch ganz gut gefallen, auch wenn die Fiktion hier Briefe aus dem vierten Jahrhundert vor sich zu haben, natürlich komplett daneben geht, da sie mit der damaligen Gedankenwelt ungefähr soviel zu tun haben wie Asterix mit dem Bellum Gallicum. Aber abgesehen davon kann dieses Buch ein guter, von heutigem Denken geleiteter Anstoß sein sich mit Augustinus Confessiones auseinanderzusetzen und einen Blick in diese Mutter aller Autobiographien zu werfen ist natürlich immer lohnend.

Edited by Christoph Lauermann

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iriskammerer
Aber abgesehen davon kann dieses Buch ein guter, von heutigem Denken geleiteter Anstoß sein sich mit Augustinus Confessiones auseinanderzusetzen und einen Blick in diese Mutter aller Autobiographien zu werfen ist natürlich immer lohnend.

Selbstverständlich, allerdings fand ich die Lektüre von Vita brevis im Hinblick auf Augustinus eher abstoßend, die Problematik wird ausschließlich von einer modernen, Warte aus gesehen, was mir als Auseinandersetzung selbst für einen Jugendroman zu dünn ist. B)

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Justin Cognito

Aber abgesehen davon kann dieses Buch ein guter, von heutigem Denken geleiteter Anstoß sein sich mit Augustinus Confessiones auseinanderzusetzen und einen Blick in diese Mutter aller Autobiographien zu werfen ist natürlich immer lohnend.

Selbstverständlich, allerdings fand ich die Lektüre von Vita brevis im Hinblick auf Augustinus eher abstoßend, die Problematik wird ausschließlich von einer modernen, Warte aus gesehen, was mir als Auseinandersetzung selbst für einen Jugendroman zu dünn ist. B)

 

Andererseits dürfte es relativ schwer sein heute aus der Perspektive einer spätantiken Frau zu schreiben, zumal in einem Roman erscheint mir das fast unmöglich. Ein solches Zusammenspiel von Form und Inhalt eines historischen Romans scheint mir beinahe ausgeschlossen. Daran scheitert sogar (der von mir hochverehrte) Umberto Ecco regelmäßig, und der sollte es doch besser wissen (1).

 

(1) Wobei für mich Baudolino noch immer der mit Abstand vergnüglichste historische Roman ist.

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iriskammerer
Andererseits dürfte es relativ schwer sein heute aus der Perspektive einer spätantiken Frau zu schreiben, zumal in einem Roman erscheint mir das fast unmöglich. Ein solches Zusammenspiel von Form und Inhalt eines historischen Romans scheint mir beinahe ausgeschlossen.

Das bezweifle ich, solange man keine Absolutheitsansprüche stellt. Aber Kenntnisse, die über Sachbücher hinausgehen wie z.B. ein kritisches Quellenstudium und zumindest einen Überblick über Forschungsstand und Forschungsgeschichte wünsche ich mir bei historischen Themen schon.

Die Auseinandersetzung mit dem Ähnlichen und dem Fremden gelingt halt nur mit fundierten Kenntnissen -- und auch dann nur, wenn man diese einsetzen will und nicht ausschließlich darauf aus ist, seinen Lesern ein paar nette Stunden zu machen.

Gaardner erhebt diesen Anspruch, wird ihm allerdings leider nicht Weise gerecht.

 

(1) Wobei für mich Baudolino noch immer der mit Abstand vergnüglichste historische Roman ist.

Das finden erstaunlich wenige, mit dieser Ansicht, die ich teile, eckt man gelegentlich sogar ziemlich an. Was weitestgehend daran liegt, daß die allgemein verbreiteten Kenntnisse vom Mittelalter sehr stark geprägt sind von völlig falschen Vorstellungen, die ihre Wurzel in der frz. Aufklärung und der Romantik haben.

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Domingo

"Vita brevis" ist sicher anachronistisch, doch finde ich es recht keinlich, einem Roman vorzuwerfen, er sei nicht so gut recherchiert und dem Denken der Zeit nicht treu genug geblieben. Die Grundaussage des Buchs ist natürlich aus einer ganz modernen Warte heraus getroffen, doch solange der Autor das Buch nicht als Doktorarbeit im Fach Geschichte einreichen will, ist es durchaus legitim und dem Wesen von fiktionalen Werken angemessen, so zu verfahren, wie Gaarder hier verfahren ist.

 

Mir persönlich hat es das Buch angetan. Das mag auch damir zusammenhängen, dass ich fürs Examen (Lat. Philologie) ausgerechnet die Confessiones lesen musste. Und Gaarder spricht sehr schriftstellerisch aus, was meine innerliche Reaktion auf Augustinus' Biographie war. Ich bin jetzt glücklich, die Confessiones gelesen zu haben, jetzt weiß ich nämlich genau, warum ich Augustinus ablehne B)

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Katta

Ich lese gerade mit Genuss "Familienleben" von Viola Roggenkamp... B)

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Lucie
Zumindest hat Thomas Bernhard wirklich am Mozarteum in Salzburg studiert, dachte ich als ich das Posting las und sagte während ich schrieb zu mir, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass er Glenn Gould kannte, weil ja überhaupt viele Begegnungen im Werk dieses schreibenden Pianisten autobiographisch sind, weil dieses ganze sogenannte schriftliche Werk ja eigentlich ja nichts anderes ist als ein Pianistenwerk, ein Mozarteumspianistenstudentenwerk und diese Mozarteumsstudentewerke sind ja allesamt bekannt dafür immer nur reine Autobiographie zu sein, wie ja überhaupt alle Salzburger Autoren zur Autobiographie neigen, vor allem jene die durchs Mozarteum gegangen sind, dessen autobiographischer Ungeist ja weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist und wenn ich nicht gesehen hätte wie Thomas Bernhard im Film von Krista Fleischmann geredet und fast schon vor sogenannten Charme gesprüht hat, dachte ich, hätte ich sowieso immer gesagt, dass so ein Mozarteumsstudent nichts schreiben kann als Autobiographien, sozusagen immer zur Autobiographie verdammt ist und Übertreibungskünstler hin, Provokateur her, ein schreibender Mozarteumsstudent sowieso nie über Glenn Gould hinauskommen kann.

Wobei es überhaupt die Frage ist, wenn ich hier an die sogenannten autobiographischen Schriften wie "Die Ursache" oder "Der Keller" zurückdenke, ob man von einer Autobiographie sprechen kann, wenn da jemand aus der Rückschau sein früheres Leben beschreibt, oder genauer gesagt ein früheres Leben, denn mit welchem Recht nenne ich beispielsweise das, was einer Person namens umbrucarli, damals hieß sie ja nicht einmal umbrucarli, was dieser umbrucarli, die ja damals natürlich noch keinerlei Anspruch auf diesen Namen besaß, in früheren Jahren widerfahren ist und von mir, die ich mir inzwischen den Anspruch erworben habe, mich umbrucarli zu nennen, erinnert wird, mit welchem Recht nenne ich das mein früheres Leben und eine Beschreibung desselben oder vielmehr natürlich des Erinnerten eine Autobiographie? Vielmehr wirkt es doch auf und formt dabei den Leser, der sich wiedererkennt in und formen lässt von dem, was er da liest, seien es Berichte von Geigen- oder Gesangsstunden eines späteren Mozarteumsstudenten, auch wenn dieser Leser oder diese Leserin, die sich später einmal einen Anspruch auf den Namen umbrucarli erwerben wird, selbst niemals Geigen- oder Gesangsstunden genommen hat, sich dennoch in dem von jenen Geigen- oder Gesangsstunden Erinnerten deutlicher wiedererkennt als der Autor selbst, der ja Jahre, Lichtjahre davon entfernt ist, zum Zeitpunkt der Niederschrift und es deshalb angemessener ist, bei jenen sogenannten autobiographischen Werken nicht einmal von sogenannten Autobiographien zu sprechen sondern vielmehr von Biographien derer, die aufs engste mit jenem erinnerten Niedergeschriebenen verbunden sind, obschon sich da äußerlich keine Gemeinsamkeit ergibt zwischen jenem späteren Mozarteumsstudenten und der Leserin, die sich weit später den Namen umbrucarli beilegen wird?

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jos1

Andererseits dürfte es relativ schwer sein heute aus der Perspektive einer spätantiken Frau zu schreiben, zumal in einem Roman erscheint mir das fast unmöglich. Ein solches Zusammenspiel von Form und Inhalt eines historischen Romans scheint mir beinahe ausgeschlossen.

Das bezweifle ich, solange man keine Absolutheitsansprüche stellt. Aber Kenntnisse, die über Sachbücher hinausgehen wie z.B. ein kritisches Quellenstudium und zumindest einen Überblick über Forschungsstand und Forschungsgeschichte wünsche ich mir bei historischen Themen schon.

Die Auseinandersetzung mit dem Ähnlichen und dem Fremden gelingt halt nur mit fundierten Kenntnissen -- und auch dann nur, wenn man diese einsetzen will und nicht ausschließlich darauf aus ist, seinen Lesern ein paar nette Stunden zu machen.

Gaardner erhebt diesen Anspruch, wird ihm allerdings leider nicht Weise gerecht.

(1) Wobei für mich Baudolino noch immer der mit Abstand vergnüglichste historische Roman ist.

Das finden erstaunlich wenige, mit dieser Ansicht, die ich teile, eckt man gelegentlich sogar ziemlich an. Was weitestgehend daran liegt, daß die allgemein verbreiteten Kenntnisse vom Mittelalter sehr stark geprägt sind von völlig falschen Vorstellungen, die ihre Wurzel in der frz. Aufklärung und der Romantik haben.

Das glaube ich nicht. Gerade die Kenner des Mittelalters haben es schwer mit Baudolino. Das ist ein Sammelsurium von allen verschiedensten Traditionen, Texten und Legenden, die im zweiten Teil vor allem um die Legende der zehn verlorenen Stämme und des Priester-Königs Johannes kreisen. Ich fand das Buch zu langatmig und vor allem an einigen Stellen recht langweilig. Der Name der Rose war ja etwas anderes, auch für die Medievisten.

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Justin Cognito
Das glaube ich nicht. Gerade die Kenner des Mittelalters haben es schwer mit Baudolino. Das ist ein Sammelsurium von allen verschiedensten Traditionen, Texten und Legenden, die im zweiten Teil vor allem um die Legende der zehn verlorenen Stämme und des Priester-Königs Johannes kreisen. Ich fand das Buch zu langatmig und vor allem an einigen Stellen recht langweilig. Der Name der Rose war ja etwas anderes, auch für die Medievisten.

 

Aber gerade der Name der Rose (der für mich als Krimi ja 100% funktioniert) hat in all seinem Bemühen um Genauigkeit, historische Richtigkeit und analytische Tiefe für mich das Element des Ungleichzeitigen, Zufälligen, und Verlogenem vermissen lassen, das für mich die Authentizität des Baudolinos ausmacht und das einem formal im Mittelalter angesiedeltem Buch (als Entstehungszeit!) gut ansteht. Hier bewahrt sich das Mittelalter sein Recht in dem jedes mögliche Mittelalterbild, als immerzu falsches Mittelalterbild, verneint wird (frei nach Adorno [1]). (PS: Zum Namen der Rose gab es bei uns sogar einmal ein kirchengeschichtliches Seminar, kann einem Roman eigentlich Schlimmeres wiederfahren? [wobei das Seminar angelbich recht gut war]).

 

PS: Die (vorgebliche) mittelalterliche Rezeption christologischer Streitigkeiten aus den ersten Jahrhunderten, die in der Gestalt diverser Stämme und Fabelwesen die im zweiten Teil des Baudolinos ihren Auftritt haben, hat mich unglaublich erheitert und gehört für mich eigentlich zur Pflichtlektüre des Faches Christologie.

 

[1] in jener berühmten Stelle der Dialektik der Aufklärung als er zum Bilderverbot der Juden schreibt, dass hier das Bild sein Recht bewahrt, in der getreuen Durchführung seines Verbots ... es gibt nichts Wahres im Falschem.

Edited by Christoph Lauermann

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iriskammerer
Mir persönlich hat es das Buch angetan. Das mag auch damir zusammenhängen, dass ich fürs Examen (Lat. Philologie) ausgerechnet die Confessiones lesen musste. Und Gaarder spricht sehr schriftstellerisch aus, was meine innerliche Reaktion auf Augustinus' Biographie war. Ich bin jetzt glücklich, die Confessiones gelesen zu haben, jetzt weiß ich nämlich genau, warum ich Augustinus ablehne B)

Interessanterweise sprichst du damit aus, was für mich das Problem solcher Romane ist: Man lehnt etwas ab, weil man sich weigert oder nicht imstande ist, ein bestimmtes Verhalten bzw. eine bestimmte Argumentation aus jener Zeit (d.h. aus seinem kulturellen und gedanklichen Umfeld) heraus zu betrachten.

Logisch, wenn ich Augustinus' auf der Basis des Zeugnisses in den Confessiones nach den Kriterien unserer Zeit betrachte, dann kommt ein Blödmann heraus, der seiner Freundin ein Kind macht und sie, als er sie über hat, weil er doch lieber Pfaffe werden will, nach Hause schickt, den Sohn aber behält, um (schlechtes Gewissen wegen Sünde) noch einen Pfaffen daraus zu machen.

Bloß ist diese Betrachtungsweise rein "emanzipatorisch-modern" und anachronistisch. Sie sagt nichts über Augustinus aus, sondern ausschließlich etwas über unsere eigene Denke, denn hier wird nur ein (obendrein verkürzter) Sachverhalt verwendet, um ihn nach unseren heutigen Vorstellungen auszudeuten.

 

Das ist jetzt kein persönlicher Vorwurf an dich, sondern etwas Grundsätzliches, an dem unser empirisch-naturwissenschaftliches Weltbild (das eigentlich ein stoisches ist) krankt: Obwohl die Spät- und Postmoderne es leugnet, werden alte Kulturen ebenso wie indigene Kulturen vollkommen unreflektiert nach unseren heutigen Vorstellungen beurteilt.

Edited by iriskammerer

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iriskammerer
Aber gerade der Name der Rose (der für mich als Krimi ja 100% funktioniert) hat in all seinem Bemühen um Genauigkeit, historische Richtigkeit und analytische Tiefe für mich das Element des Ungleichzeitigen, Zufälligen, und Verlogenem vermissen lassen, das für mich die Authentizität des Baudolinos ausmacht und das einem formal im Mittelalter angesiedeltem Buch (als Entstehungszeit!) gut ansteht. Hier bewahrt sich das Mittelalter sein Recht in dem jedes mögliche Mittelalterbild, als immerzu falsches Mittelalterbild, verneint wird (frei nach Adorno [1]).

Auch wenn das jetzt eine gewagte Verallgemeinerung ist: Baudolino bewegt sich in der Bilderwelt (und damit in der Gedankenwelt) der Zeit Friedrich Barbarossas; genau das macht das phantatische Element aus: Der Roman zeigt paradigmatisch, daß die Gedanken- und Bilderwelt einer Zeit ihre Realität ist. Und insofern ist er hochgradig realisitisch. :lol:

Außerdem geht es um die grundsätzliche, schon bei Hesiod und Platon diskutierte Eigenart des Schriftstellers (= Geschichtenerzählers) als Lügners, der das Wahre ins Gewand der Lüge hüllt, um es erst verstehbar zu machen.

Es wird ja gerne behauptet, die Menschen in Antike und Mittelalter seien noch nicht weit genug entwickelt gewesen, um zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können.B) Diese Lehrmeinung ignoriert die Fiktionalitätsdiskussion in der antiken und mittelalterlichen Philosophie (man denke nur an die Probleme der Bibelexegese im Mittelalter ... Exegese wäre überflüssig gewesen, hätte man jedes Wort für wahr und zugleich real genommen).

Umberto Eco macht sich tw. gerade über diese Borniertheit moderner Philologie lustig. :lol:

Das merkt man allein schon an den zahllosen bewußt eingestreuten Anachronismen und Hommagen (um nur drei auffällige zu nennen: Poes Murder in the Rue Morgue, Mike Tyson, Cyrano de Bergerac ...).

 

Für mich ist Baudolino ein philosophischer Roman über Fiktionalität per se, der den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität (d.h. der "Bilderwelt", die wir aus den Daten der Wirklichkeit kognitiv gestalten und in der wir leben!), den er gewohnt launig aufspannt.

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Domingo

Mir persönlich hat es das Buch angetan. Das mag auch damir zusammenhängen, dass ich fürs Examen (Lat. Philologie) ausgerechnet die Confessiones lesen musste. Und Gaarder spricht sehr schriftstellerisch aus, was meine innerliche Reaktion auf Augustinus' Biographie war. Ich bin jetzt glücklich, die Confessiones gelesen zu haben, jetzt weiß ich nämlich genau, warum ich Augustinus ablehne B)

Interessanterweise sprichst du damit aus, was für mich das Problem solcher Romane ist: Man lehnt etwas ab, weil man sich weigert oder nicht imstande ist, ein bestimmtes Verhalten bzw. eine bestimmte Argumentation aus jener Zeit (d.h. aus seinem kulturellen und gedanklichen Umfeld) heraus zu betrachten.

Logisch, wenn ich Augustinus' auf der Basis des Zeugnisses in den Confessiones nach den Kriterien unserer Zeit betrachte, dann kommt ein Blödmann heraus, der seiner Freundin ein Kind macht und sie, als er sie über hat, weil er doch lieber Pfaffe werden will, nach Hause schickt, den Sohn aber behält, um (schlechtes Gewissen wegen Sünde) noch einen Pfaffen daraus zu machen.

Bloß ist diese Betrachtungsweise rein "emanzipatorisch-modern" und anachronistisch. Sie sagt nichts über Augustinus aus, sondern ausschließlich etwas über unsere eigene Denke, denn hier wird nur ein (obendrein verkürzter) Sachverhalt verwendet, um ihn nach unseren heutigen Vorstellungen auszudeuten.

 

Das ist jetzt kein persönlicher Vorwurf an dich, sondern etwas Grundsätzliches, an dem unser empirisch-naturwissenschaftliches Weltbild (das eigentlich ein stoisches ist) krankt: Obwohl die Spät- und Postmoderne es leugnet, werden alte Kulturen ebenso wie indigene Kulturen vollkommen unreflektiert nach unseren heutigen Vorstellungen beurteilt.

 

Ausgehend von diesem Posting habe ich in der Arena einen neuen Thread eröffnet.

 

 

 

Edit: Thread verlinkt

Edited by sylle

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asia

G.A.S. von Matt Ruff.

Fängt schonmal gut an, würde mich am liebsten gleich mit Buch und Tee aufs Sofa verkriechen, geht leider nicht.

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Inge
Ich lese gerade mit Genuss "Familienleben" von Viola Roggenkamp... B)

 

Danke für den Tip, ich jetzt auch :lol:

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Explorer

Wie sind denn die neueren Grishams so? Ich hab jetzt schon einige Jahre nichts mehr von ihm gelesen - konnte er sein Niveau halten?

 

(Tom Clancys letzte Bücher waren z.B. ja ein Totalreinfall...)

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Domingo
Wie sind denn die neueren Grishams so? Ich hab jetzt schon einige Jahre nichts mehr von ihm gelesen - konnte er sein Niveau halten?

 

Ich kenne nur den einen, den wohl neusten. Ich finde ihn klasse geschrieben (habe bisher ungefähr 1/4 der 480 Ss. gelesen): Sowohl der Ich-Erzähler als auch die Südstaatenprovinz werden sehr schön porträtiert, die Beschreibungen von Situationen und Handlungen sind gut gelungen und durchgehend mit Humor durchsetzt.

 

Tom Clancy schreibt hingegen eher Drehbücher für Hollywood-Actionfilme :ph34r:

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ullr

"Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann.

Richtig gut.

Eine gute Ergänzung zur "Die Geburt des Meters" von Denis Guedj.

Und für recht gute Lyrik ist immer noch Chinaski (Charles Bukowski) gut.

"Nicht mit sechzig, Honey" B)

Gruß

Ullr

Edited by ullr

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Pegasos
"Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann.

Richtig gut.

Echt? Dann hat mir mein Vater ja wenigstens etwas gutes zu Weihnachten geschenkt, auch wenn ich noch nie davon gehört habe. (Ich komme allerdings zurzeit nicht zum Lesen, sofern es sich nicht um Lehrbücher handelt.)

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Wie sind denn die neueren Grishams so? Ich hab jetzt schon einige Jahre nichts mehr von ihm gelesen - konnte er sein Niveau halten?

 

Ich kenne nur den einen, den wohl neusten. Ich finde ihn klasse geschrieben (habe bisher ungefähr 1/4 der 480 Ss. gelesen): Sowohl der Ich-Erzähler als auch die Südstaatenprovinz werden sehr schön porträtiert, die Beschreibungen von Situationen und Handlungen sind gut gelungen und durchgehend mit Humor durchsetzt.

 

Tom Clancy schreibt hingegen eher Drehbücher für Hollywood-Actionfilme :ph34r:

Die Filme sind im Vergleich zu den Büchern grottenschlecht (naja, bis auf Roter Oktober vielleicht). Bis "Befehl von Oben" waren die Bücher wirklich gut und spannende Thriller, aber seitdem geht's bergab...

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