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Lesekreis "Jesus von Nazareth"


Justin Cognito

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Justin Cognito

Nachdem die Idee eines Internetlesekreises Anklang gefunden hat, nun der Versuch eines Beginns solchen ... Es geht um das Buch Jesus von Nazareth von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI aus 2007. Ein Ein- und Aussteigen ist jederzeit möglich. Wichtig wäre nur, wirklich am Text zu diskutieren. Das ist vielleicht mühsam, aber ich hoffe, dass es sich lohnt.

 

Zum ganzen Vorhaben (Vorwort):

 

Bei einem Buch wie Jesus von Nazareth ist es natürlich spannend in welche Tradition sich der Autor stellt, welche Einflüsse er nennt. So beginnt auch das Vorwort mit der begeisterten Nennung von Autoren von Jesusbüchern der 30er und 40er Jahre. Von denen sagt mir allerdings nur Romano Guardini etwas. Hat Jemand von Euch schon etwas von den anderen gelesen oder kann etwas über die Autoren sagen?

 

Die sonstige verwendete Literatur wird in Hinweisen am Ende des Buches genannt. Darin finden sich hauptsächlich die Grand Seigneurs der katholischen Exegese wie Rudolf Schnackenburg oder Joachim Gnilka oder solche die zu solchen werden könnten (?), etwa Thomas Söding (von dem ich allerdings nichts berichten kann, weil mir nur sein Name und seine Konfession, nicht aber sein Zugang zum NT bekannt ist). Auffallend ist hier das Fehlen aktueller protestantischer Klassiker wie etwa Gerd Theissens und Anette Merzs Buch über den Historischen Jesu oder Jürgen Beckers Buch zum selben Thema. Allerdings wird Klaus Berger rezipiert, dessen Jesus-Buch ich aber nicht kenne. Bei den mir bekannten klassischen katholischen Zugriffen zum Thema fällt mir das Fehlen von Ludger Schenke und John Dominic Crossan auf (die „Third Quest“ ist mit J. Meier vertreten). Aber das nur so nebenbei ……

 

Der im Buch genannte und kritisierte Riss zwischen historischem Jesus und dem Jesus des Glaubens wird in die 50er Jahre datiert (10 [2 Abs]). Das kann ich so nicht ganz nachvollziehen. Die Geschichte der „Leben Jesu Forschung“ geht doch schon viel weiter, letztlich auf Samuel Reimarus und bis ins 18. Jhdt zurück. Ein kurzer Abriss der Forschungsgeschichte schaut wie folgt aus: Von Reimarus bis (ungefähr) zum Beginn des 20 Jhdt. gab es einen ganz scharfen historischen Zugriff zum Thema (vor allem in der protestantischen liberalen Theologie), der von Albert Schweitzer 1906 zusammengefasst und verabschiedet wurde: Bei der historisch konsolidierten Gestalt Jesu handle es sich um Projektionen der Vorstellungswelt der jeweiligen Exegeten. Der wahre Zugang zu Jesus findet sich für Schweitzer in der Mystik. Die rund um den ersten Weltkrieg einsetzende existenialistische bzw. dialektische protestantische Theologie (Barth, Bultmann) brach dann auch vollkommen mit der liberalen Exegese und betonte die notwendige Entscheidungsstruktur des Christusglaubens, die sich durch die Ansammlung historischen Materials nicht suspendieren lässt. Im Vordergrund steht letztlich die bibeltheologische Frage bzw. existentielle Interpretation der Texte und nicht die exegetische Analyse. Die Schüler Bultmanns spitzen die Frage dann allerdings wieder historisch zu, indem sie die Entscheidung an einem Kern „authentischer Jesusüblieferung“ festmachten wollten, den sie zu entdecken versuchten. Als Maßstab galt ihnen das „doppelte Differnzkriterium“: Authentisch „jesuanisch“ ist nur, was weder jüdischer Mainstream der Zeit Jesu, noch eindeutig frühchristliche Bekenntnisaussage ist. Dieser Zugang wird nun mittlerweile wieder von den Vertretern der sogeannten „Third Quest“ abgelehnt, die sagen, dass man das Leben und Wirken Jesu gerade nicht anhand des Differenzkriteriums isolieren kann, sondern im Kontext der damaligen jüdischen Lebenswelt interpretieren muss.

 

Der Papst setzt in seiner Kritik ungefähr dort an wo es vor hundert Jahren Schweitzer getan hat: Er wirft den historisch arbeitenden Exegeten Projektionen vor (10 [3] - 11) und stellt als Gegenentwurf das Bild der inneren Freundschaft des Leser mit Jesus in den Mittelpunkt (11 [2]). Als Konstruktionspunkt seines Buches nennt er die Gemeinschaft Jesu mit dem Vater (12 [3]). Da diese als inneres Erleben historisch wohl nur schwer zu erschließen ist, handelt es sich dabei m.E. wohl um einen bibeltheologischen Konstruktionspunkt, der gleichsam die Folie ist, vor der der Autor die Bibel liest. Diese beiden Punkte zusammen machen durchaus Sinn: Indem die Bibel auf eine bestimmte Art gelesen wird, soll der Text den Menschen innerlich auf Gott hin bewegen und „Freundschaft mit Christus“ stiften. Die Lesart steht dazu unter dem Anspruch auch ein historisch sinnvolles Bild zu zeigen (20[2]f.). Ein (auch methodischer [!]) Anspruch dem es interessant sein wird, nachzugehen.

 

In der Ausfaltung der Methodenkritik werden die entsprechenden lehramtlichen Äußerungen zitiert (13 [2]f.) und die „unverzichtbare Dimension“ der historischen Methode in der Exegese betont (14[1]): Da Leben, Sterben und Auferstehen Jesu historische Ereignisse sind, müssen sie auch als solche erforscht werden können (14 [2]) Dabei stößt man allerdings an die Grenzen der Methode. Diese fasst der Papst meines Erachtens auf Seite 15 [3]f. sehr gut zusammen. Diese Grenzen machen für glaubende Menschen eine Ergänzung der Methoden notwendig, auf die die historische Methode auch von sich aus in Offenheit hinausweist (16 [4]). Das gefällt mir sehr gut: Es geht im Verhältnis von historischer Exegese und Bibeltheologie nicht um ein entweder - oder, sondern um ein sowohl - als auch. Dabei muss sich die historische Exegese natürlich an die historische Methode halten, alles andere wäre unseriös. Gefährlich wird es nur, wenn sie den biblischen Jesus „exklusiv“ als Forschungsobjekt beansprucht und andere Fragestellungen zu verhindern sucht. Aber das gilt umgekehrt auch für eine Bibeltheologie, die jede historische Forschung für irrelevant oder gefährlich abtut.

 

Im Buch folgt ein Abschnitt über die kanonische Exegese, also die Lektüre der Texte im Ganzen der Schrift und ein Teil über die Schriftwerdung als Prozess (17 [2]). Dass die Annahme der Zusammengehörigkeit von AT und NT einen Glaubensentscheid voraussetzt (18 [1]), ist klar. Umgekehrt muss man m.E. daher sehen, dass es aus jüdischer Sicht durchaus legitim ist das AT für sich stehen zu lassen.

 

Die „Inspiration“ der biblischen Autoren in der Gemeinschaft und gemeinsamen Geschichte der Glaubenden über alle Zeiten zu verorten (18[2]f.) halte ich für einen sehr schönen Zugang zum Thema „Inspiration“, der zum Thema Volk Gottes (19 [3]) überleitet.

 

Der abschließende christologische Teil (21 [2]f.) führt auf den oben genannten „Konstruktionspunkt“ zurück und faltet diesen aus. Dabei ist mir die Differenz zwischen „dem Großen das am Anfang steht“ und Versuchen das Textwachstum methodisch nachzuvollziehen zu apodiktisch formuliert. Warum soll nur bei der historischen Person Jesu ein „sowohl als auch“ von historischer und theologischer Forschung möglich sein und nicht auch der Schriftwerdung selbst?

Edited by Justin Cognito
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Hallo Justin,

 

vielen Dank für die tolle Zusammenfassung!

Ich bin über's Wochenende weg, werde aber Anfang kommender Woche dann das Vorwort lesen und in die Diskussion einsteigen.

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Justin Cognito

Zur Einleitung:

 

Die Einleitung beginnt mit Überlegungen zur Verheißung eines neuen Mose im Buch Deuteronomium (Dt. 18,5) (26f).Dieser neue Mose wird dabei als Prophet gedeutet, der mit dem Herrn von „Angesicht zu Angesicht“ verkehrt und der dieses Gesicht Gottes auch anderen zeigen kann (29). Das ist eine interessante Interpretation des Prophetenamtes, über die man sicher auch vor dem Hintergrund anderer Prophetengestalten im AT diskutieren kann.

 

Dieser „neue Mose“ wird den ersten Mose sogar noch überbieten wobei die Begründung dieser „unausgesprochene, größere Erwartung“ (30[2]), sich mir nicht ganz erschließt. Ihr Inhalt ist mir klar, aber wie der Papst zu ihr kommt, kann ich nicht ganz nachvollziehen – Bitte um Hilfe. Die Begründung mit dem Johannes-Prolog (31 [2]) ist in sich stimmig und sprachlich schön ausgeführt – allein zwingend ist sie für mich nicht.

 

Fraglich ist für mich auch Annahme, dass die Botschaft Jesu aus keiner Schule stamme (31 [3]) und radikal anderes ist. Meine Frage: Ist sie das wirklich? Natürlich hat sie ihr ganz eigenes Profil, aber sie steht doch durchaus im Kontext jüdischen Tora-Glaubens (den sie allerdings sehr eigenständig akzentuiert) – oder? Begründet wird diese Andersheit der Lehre mit ihrem Ursprung beim Vater [31(3)f.]. Aber ist es dann nicht erst recht zu erwarten, dass die Lehre in der Tradition Israels steht, dem sich Gott ja auch schon zuvor geoffenbart hat?

 

Zum Abschluss der Einleitung gibt es noch einen christologischen (32[2]) und einen soteriologischen (33) Ausblick. Beim christologischen geht es um die menschliche und die göttliche Natur Christi die im Gebet zusammenfallen. Im soteriolgischen um die Gottesgemeinschaft in der Christusgemeinschaft und die damit einhergehende Überschreitung der Schranken des Menschseins.

Edited by Justin Cognito
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Dieser „neue Mose“ wird den ersten Mose sogar noch überbieten wobei die Begründung dieser „unausgesprochene, größere Erwartung“ (30[2]), sich mir nicht ganz erschließt. Ihr Inhalt ist mir klar, aber wie der Papst zu ihr kommt, kann ich nicht ganz nachvollziehen – Bitte um Hilfe. Die Begründung mit dem Johannes-Prolog (31 [2]) ist in sich stimmig und sprachlich schön ausgeführt – allein zwingend ist sie für mich nicht.

 

Der Papst geht immer wieder fast schon schematisch von einer Sehnsuchts/Andeutungs/Unvollständigkeit/nicht ganz Erfülltheit im AT und dann der Vollendung/Erfüllung in Christus aus. Der Johannesprolog wurde nicht als Begründung aufgeführt, sondern erscheint nur "in diesem Zusammenhang". Die eigentliche Begründung steht in 30[2], im unvollständigen Sehen und Offenbaren Gottes ("Rücken") Unvollständiges Sehen bei Mose und in persona den Vater sehen bei Jesus sehen (innertrinitarisch) macht natürlich einen Unterschied. Warum ist das für dich nicht zwingend stimmig? Weil es sich nicht automatisch in einer Erwartung niederschlagen muss, genauso wenig wie eine Buchreligion wie der Islam Christus erwartet, sondern einen Menschen zum Siegel der Propheten erklärt hat, obwohl offensicthlich noch eine tiefere Offenbaurng möglich wäre? Wenn nicht von einer Erwartung, so muss doch von einer Offenheit gesprochen werden. Bei Simeon wird aber klar, dass es schon um mehr geht: Er kann sterben, weil seine Augen das Heil gesehen haben...da steckt unglaublich viel Sehnsucht mit drin, also schon die Erwartung von "mehr", und der Messias selbst kann ja auch nciht nur irgendein weiterer Prophet sein, sondern soll schon erlösen. Wenn aber das wahre Glück in der Thora liegt, so muss wahre Erlösung auch mit einer größeren Offenbarung des göttlichen Wortes einhergehen. Insofern ist die Richtung dennoch nciht beliebig, sondern schon vorgegeben: Nicht irgendein Prophet, sondern die Fleischwerdung des Wortes kann wahre Erlösung versprechen.

 

Fraglich ist für mich auch Annahme, dass die Botschaft Jesu aus keiner Schule stamme (31 [3]) und radikal anderes ist. Meine Frage: Ist sie das wirklich? Natürlich hat sie ihr ganz eigenes Profil, aber sie steht doch durchaus im Kontext jüdischen Tora-Glaubens (den sie allerdings sehr eigenständig akzentuiert) – oder? Begründet wird diese Andersheit der Lehre mit ihrem Ursprung beim Vater [31(3)f.]. Aber ist es dann nicht erst recht zu erwarten, dass die Lehre in der Tradition Israels steht, dem sich Gott ja auch schon zuvor geoffenbart hat?

 

Er führt in der Bergpredigt die Tradition fort, allerdings nciht im Rahmen einer organischen Weiterentwicklung, sondern indem er die Thora in seiner Person auf den Punkt brachte. Lies mal 136[2] und v.a. S. 138-145. Hier wird anhand der Sabbatstreitigkeit klar, wie neu diese Position Christi ist, und wie wenig sie sich von seiner Person abtrennen lässt. Wie ein roter Faden zieht sich der Gedanke durch das Buch, dass fast jedes Gleichnis eine Offenbarung der Gottessohnschaft ist. Ich frage mich, ob das heutige Evangelium von Maria und Martha nicht auch in diesem Kontext gelesen werden müsste. Normalerweise interpretiert man hieraus das Verhältnis zwischen Aktion und Kontemplation. Ich glaube aber, dass es einfach darum geht, dass wenn Gott einen Tag zu Dir in die Wohnung kommt, oder wenn er Dich auffordert, Dir nachzufolgen, dass Du dann kapierst, dass es Gott ist, und nicht weggehst, um Plätzchen zu holen, obwohl er mit dir reden will. Im Grunde genommen war die tätige Martha ungläubig, denn nur eines tat not: Christus zuzuhören, weil er das fleischgewordene Wort ist. Die Sabbatgeschichte sagt genau dasselbe. Oder das Aufheben des Fastens: kein Fasten, denn warum sollten die Jünger diese Askese der Gottessschau betreiben, wenn der, der das Antlitz Gottes in der Welt ist, bei ihnen ist? Genau dasselbe bei den Nachfolgern: den Vater nicht bestatten, denn der Menschensohn ist kein irgendwer, dem man sagen kann: ich komme gleich. Mose hätte auch nciht zu Gott sagen können: Warte mal, Gott, ein bißchen in Deinem Dornbusch, ich muss mal gerade kurz nochmal vom Berg runter, ich muss dem Aaron noch was wichtiges sagen. Es ist immer dasselbe, in zig Gleichnissen nur unterschiedlich ausgedrückt.

Edited by Steffen
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ich hab mir das Buch gekauft und ca. 100 Seiten gelesen.

Ich kann überhaupt nichts damit anfangen.

Falls jemand Ínteresse hat es günstig zu erwerben, ich würde es abgeben...

 

VG

Marius

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WOW!!

 

Hut ab vor Euch, super geschrieben. Leider versteh ich nur die Hälfte.

 

- vielleicht gibts nicht jeder zu, aber ich bin sicher, so manche Begriffe sind nicht nur mit unbekannt. Und bevor jeder googeln muss, bitte ich um kurze Erklärung der folgenden Begriffe/Sätze (falls das zu viel ist oder vorausgesetzt wird, kann ich leider nicht mehr teilnehmen)

 

-Bei der historisch konsolidierten Gestalt Jesu

- existenialistische bzw. dialektische protestantische Theologie

- „Third Quest“ abgelehnt, die sagen, dass man das Leben und Wirken Jesu gerade nicht anhand des Differenzkriteriums isolieren kann

 

:angry: ????

 

- handelt es sich dabei m.E. wohl um einen bibeltheologischen Konstruktionspunkt, der gleichsam die Folie ist, vor der der Autor die Bibel liest

hä?

 

- Unterschied zwischen "kanonische Exegese" und "historischer Exegese"?

-Die „Inspiration“ der biblischen Autoren in der Gemeinschaft und gemeinsamen Geschichte der Glaubenden über alle Zeiten zu verorten was ist verorten??

 

-apodiktisch

 

- soteriologischen

 

 

Steffens posting dagegen kann ich komplett verstehen.

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- soteriologischen

Soteriologie ist die Gnadenlehre (da geht es also um die Vermittlung des Heils).

 

Zum Rest später, weil ich grad keine Zeit habe.

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ich hab mir das Buch gekauft und ca. 100 Seiten gelesen.

Ich kann überhaupt nichts damit anfangen.

Falls jemand Ínteresse hat es günstig zu erwerben, ich würde es abgeben...

 

VG

Marius

 

Was würdeste denn für haben wollen?

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ich hab mir das Buch gekauft und ca. 100 Seiten gelesen.

Ich kann überhaupt nichts damit anfangen.

Falls jemand Ínteresse hat es günstig zu erwerben, ich würde es abgeben...

 

VG

Marius

 

Was würdeste denn für haben wollen?

 

ich hab`s mir doch anders überlegt. Als Regensburger muss ich es irgendwie zum Andenken an den Regensburger Papst behalten....

Außerdem komm ich so selten zur Post :angry:

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Justin Cognito
Der Papst geht immer wieder fast schon schematisch von einer Sehnsuchts/Andeutungs/Unvollständigkeit/nicht ganz Erfülltheit im AT und dann der Vollendung/Erfüllung in Christus aus. Der Johannesprolog wurde nicht als Begründung aufgeführt, sondern erscheint nur "in diesem Zusammenhang". Die eigentliche Begründung steht in 30[2], im unvollständigen Sehen und Offenbaren Gottes ("Rücken") Unvollständiges Sehen bei Mose und in persona den Vater sehen bei Jesus sehen (innertrinitarisch) macht natürlich einen Unterschied. Warum ist das für dich nicht zwingend stimmig?

 

Stimmig ist die Überbietung aus unserer christlichen Perspektive. Aber ob der "neue Mose" von dem der Text spricht, zur Zeit der Texterstellung auch schon als Überbietung des ersten Mose gesehen wurde? Das glaub ich eher nicht. Wer wäre auch auf die Idee gekommen, das es überhaupt möglich ist, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, ohne zu sterben.

 

Wenn nicht von einer Erwartung, so muss doch von einer Offenheit gesprochen werden.

 

Offen ist der Text für eine solche Interpretation - wie wir Christen sie ja anstellen - sicherlich.

 

Bei Simeon wird aber klar, dass es schon um mehr geht: Er kann sterben, weil seine Augen das Heil gesehen haben...da steckt unglaublich viel Sehnsucht mit drin, also schon die Erwartung von "mehr", und der Messias selbst kann ja auch nciht nur irgendein weiterer Prophet sein, sondern soll schon erlösen. Wenn aber das wahre Glück in der Thora liegt, so muss wahre Erlösung auch mit einer größeren Offenbarung des göttlichen Wortes einhergehen. Insofern ist die Richtung dennoch nciht beliebig, sondern schon vorgegeben: Nicht irgendein Prophet, sondern die Fleischwerdung des Wortes kann wahre Erlösung versprechen.

 

Die Frage ist ob und wie sich die Messiaserwartung mit der Erwartung des neuen Mose deckt? Das die Tora als das lebendige Gesetz Gottes auf engste mit seiner Selbstoffenbarung in Christus zusammenhängt, sehe ich auch so.

 

Er führt in der Bergpredigt die Tradition fort, allerdings nciht im Rahmen einer organischen Weiterentwicklung, sondern indem er die Thora in seiner Person auf den Punkt brachte. Lies mal 136[2] und v.a. S. 138-145. Hier wird anhand der Sabbatstreitigkeit klar, wie neu diese Position Christi ist, und wie wenig sie sich von seiner Person abtrennen lässt. Wie ein roter Faden zieht sich der Gedanke durch das Buch, dass fast jedes Gleichnis eine Offenbarung der Gottessohnschaft ist. Ich frage mich, ob das heutige Evangelium von Maria und Martha nicht auch in diesem Kontext gelesen werden müsste. Normalerweise interpretiert man hieraus das Verhältnis zwischen Aktion und Kontemplation. Ich glaube aber, dass es einfach darum geht, dass wenn Gott einen Tag zu Dir in die Wohnung kommt, oder wenn er Dich auffordert, Dir nachzufolgen, dass Du dann kapierst, dass es Gott ist, und nicht weggehst, um Plätzchen zu holen, obwohl er mit dir reden will. Im Grunde genommen war die tätige Martha ungläubig, denn nur eines tat not: Christus zuzuhören, weil er das fleischgewordene Wort ist. Die Sabbatgeschichte sagt genau dasselbe. Oder das Aufheben des Fastens: kein Fasten, denn warum sollten die Jünger diese Askese der Gottessschau betreiben, wenn der, der das Antlitz Gottes in der Welt ist, bei ihnen ist? Genau dasselbe bei den Nachfolgern: den Vater nicht bestatten, denn der Menschensohn ist kein irgendwer, dem man sagen kann: ich komme gleich. Mose hätte auch nciht zu Gott sagen können: Warte mal, Gott, ein bißchen in Deinem Dornbusch, ich muss mal gerade kurz nochmal vom Berg runter, ich muss dem Aaron noch was wichtiges sagen. Es ist immer dasselbe, in zig Gleichnissen nur unterschiedlich ausgedrückt.

 

Danke für die Erklärung, da bin ich ja schon sehr auf die einschlägigen Stellen gespannt.

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Justin Cognito
- vielleicht gibts nicht jeder zu, aber ich bin sicher, so manche Begriffe sind nicht nur mit unbekannt. Und bevor jeder googeln muss, bitte ich um kurze Erklärung der folgenden Begriffe/Sätze (falls das zu viel ist oder vorausgesetzt wird, kann ich leider nicht mehr teilnehmen)

 

wer Fremdwörter verwendet, denn trifft auch die Pflicht sie gegebenenfalls zu erklären - da hast du natürlich ganz recht. Ein Versuch:

 

 

-Bei der historisch konsolidierten Gestalt Jesu

"Historisch konsolidiert" bedeutet, dass das was wir aus der Bibel über Jesus erfahren mit anderen Quellen verglichen wurde und sich dadurch verfestigt hat.

 

- existenialistische bzw. dialektische protestantische Theologie

"Existenzialistisch" bedeutet in diesem Zusammenhang eine Denkschule der Philosophie/Theologie, die in den Mittelpunkt nicht die Beschaffenheit der Dinge stellt, sondern ihre unmittelbar Bedeutung für das Leben der Menschen. Also: Es geht nicht darum hochtrabend und theoretisch zu erklären wie Jesus zugleich Gott und Mensch sein kann etc., sondern darum was der Glauben daran mit uns Menschen macht. "Dialektisch" bedeutet immer die Spannung zwischen zwei Thesen bzw. Bereichen. Die dialektische Theologie betont dass Gott und Welt zwei ganz verschiedene Bereiche sind, Gott lässt sich nach den Maßstäben der Welt nicht erklären. Weil sein Anruf uns aber in unserer Existenz betrifft ist hier eine Nähe zur existenzialistischen Theologie gegeben.

 

- „Third Quest“ abgelehnt, die sagen, dass man das Leben und Wirken Jesu gerade nicht anhand des Differenzkriteriums isolieren kann

 

Das Differenzkriterium wurde Mitte des 20 Jhdt. von Theologen entwickelt: Echt jesuanisch ist alles, was weder in jüdischen Traditionen steht, noch frühchristliche Bekenntnisaussagen sind. Denn sowohl jüdische Traditionen als auch frühchristliche Bekenntnisaussagen wurden von den Autoren der biblischen Bücher hinzugefügt. Die "Third quest" stellt die Frage was echt jesuanisch ist nun anders, weil sie die Lehre Jesu gerade als Teil des Judentums interpretiert. Also alles was mit jüdischen Traditionen zu tun hat ist sogar mit einer höheren Wahrscheinlichkeit echt jesuanisch.

 

- handelt es sich dabei m.E. wohl um einen bibeltheologischen Konstruktionspunkt, der gleichsam die Folie ist, vor der der Autor die Bibel liest

Man kann auch sagen: Dieser Teil erklärt wie der Papst in seinem Buch vorschlägt die Bibel zu lesen. "Bibeltheologisch" bedeutet, dass versucht wird zu erklären wie in der Bibel von Gott gesprochen wird. Also nicht die Frage wie der Text entstanden ist und was er aussagen will (Exegese) steht im Vordergrund sondern der Versuch über die ganze Bibel verteilte Aussagen darüber zu finden, wer Gott für uns ist.

 

- Unterschied zwischen "kanonische Exegese" und "historischer Exegese"?

Die kanonische Exegese nimmt die Bücher des NT (den Kanon) als ganzes so wie sie uns nun vorliegen und versucht in ihnen Aussagen zu finden, die sich aus dem Gesamttext ergeben. Die "historische Exegese" versucht den Ursprung einzelner Bibelstellen (Perikopen) herauszufinden.

 

-Die „Inspiration“ der biblischen Autoren in der Gemeinschaft und gemeinsamen Geschichte der Glaubenden über alle Zeiten zu verorten was ist verorten??

"Verorten" bedeutet etwas einen Ort, einen Zusammenhang, einen Platz zu geben, von dem aus sich der Sinn der Sache erschließt. Was "Inspiration" bedeutet, erschließt sich nur wenn man daran denkt, dass die Glaubenden aller Zeiten eine Geschichte mit Gott verbindet. In dieser Geschichte zu stehen, inspiriert zu den Texten die wir heute als Bibel vor uns liegen haben

 

-apodiktisch

Wer etwas "apodiktisch" sagt, behauptet dass das ohne wenn und aber unumstößlich so ist.

 

- soteriologischen

Jesus wird als unser Retter bekannt. Retter heißt auf griechisch "soter". Die Soteriologie ist also die Lehre von Jesus als unserem Retter. Daher hat sie mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu zu tun (auch wenn sie sich in der Geschichte oft mit der Beschäftigung mit seinem Sterben begnügte)

 

 

Ich hoffe, dass ich Dir etwas helfen konnte.

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Justin Cognito

- soteriologischen

Soteriologie ist die Gnadenlehre (da geht es also um die Vermittlung des Heils).

 

Zum Rest später, weil ich grad keine Zeit habe.

 

[Rabulistikmodus an]

Natürlich hängt eines mit dem anderen zusammen, aber in der klassischen dogmatischen Traktatenstruktur sind Gandenlehre und Soteriologie zwei verschiedene Themenfelder. Die Soterilogogie wird oft gemeinsam mit der Christologie gelehrt, weil bei beiden das Handeln Jesu im Vordergrund steht. Bei der Gnadenlehre geht es darum wie der Mensch auf die liebende Zuwendung Gottes (Gnade) antwortet.

[Rabulistikmodus aus]

Edited by Justin Cognito
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*Qualm*....(weißer Rauch entsteigt meinem Haupte). OK ich les es daheim in Ruhe nochmal durch, einiges wird zwar schon klarer aber momentan guck ich ungefähr noch so :

:angry:

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Stimmig ist die Überbietung aus unserer christlichen Perspektive. Aber ob der "neue Mose" von dem der Text spricht, zur Zeit der Texterstellung auch schon als Überbietung des ersten Mose gesehen wurde? Das glaub ich eher nicht. Wer wäre auch auf die Idee gekommen, das es überhaupt möglich ist, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, ohne zu sterben.

 

Das legt Benedikt sehr gut dar, allerdings in der Reich Gottes- und Bergpredigtinterpretation. Er hat mich davon überzeugt...lies doch mal die Ausführungen zum Sabbat! (S. 138 ff., außerdem zur Bergpredigt S. 94ff)

 

Offen ist der Text für eine solche Interpretation - wie wir Christen sie ja anstellen - sicherlich.

 

Ja, der gedanke wird übrigens nochmal aufgegriffen und vertieft: 278ff

Edited by Steffen
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So beginnt auch das Vorwort mit der begeisterten Nennung von Autoren von Jesusbüchern der 30er und 40er Jahre. Von denen sagt mir allerdings nur Romano Guardini etwas. Hat Jemand von Euch schon etwas von den anderen gelesen oder kann etwas über die Autoren sagen?

 

Ich leider auch nicht...

 

Der im Buch genannte und kritisierte Riss zwischen historischem Jesus und dem Jesus des Glaubens wird in die 50er Jahre datiert (10 [2 Abs]). Das kann ich so nicht ganz nachvollziehen.

 

Die Stelle ist mir auch aufgefallen. Genauso wie du würde ich den Beginn dieser Entwicklung weiter zurückdatieren. Es könnte natürlich sein, dass der Papst hier speziell Bezug auf Bultmann nimmt. Seine Entmythologisierung begann in den frühen 50-er Jahren und wurde seitdem teilweise mit Begeisterung innerhalb der Kirchen fortgesetzt. Letztlich war das auch der große Bruch, auf den der Papst sich hier wohl bezog und der den Glauben erschütterte.Die Trennung zwischen dem Jesus des Glaubens und dem historischen Jesus kann man sicherlich mindestens bis zur Aufklärung zurückverfolgen, nur hatte das zumindest auf die katholische Kirche damals noch keine Auswirkungen gehabt.

Danke für deinen hervorragenden Abriß zur „Leben Jesu Forschung“!

 

Der abschließende christologische Teil (21 [2]f.) führt auf den oben genannten „Konstruktionspunkt“ zurück und faltet diesen aus. Dabei ist mir die Differenz zwischen „dem Großen das am Anfang steht“ und Versuchen das Textwachstum methodisch nachzuvollziehen zu apodiktisch formuliert. Warum soll nur bei der historischen Person Jesu ein „sowohl als auch“ von historischer und theologischer Forschung möglich sein und nicht auch der Schriftwerdung selbst?

 

Einerseits den Inhalt der Texte und andererseits die Entstehung der Texte selbst historisch zu erforschen, würde meiner Meinung nach zu viele Variablen ins Spiel bringen.

Ich vermute, dass der Papst, dessen Wertschätzung der Bibel ich schon immer sehr beeindruckend fand, hier die Glaubwürdigkeit der Schrift nicht antasten wollte. Er hat ja auch sehr gut erklärt, weshalb er der Schrift vertraut.

Edited by Lutheraner
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Der im Buch genannte und kritisierte Riss zwischen historischem Jesus und dem Jesus des Glaubens wird in die 50er Jahre datiert (10 [2 Abs]). Das kann ich so nicht ganz nachvollziehen.

 

Die Stelle ist mir auch aufgefallen. Genauso wie du würde ich den Beginn dieser Entwicklung weiter zurückdatieren. Es könnte natürlich sein, dass der Papst hier speziell Bezug auf Bultmann nimmt. Seine Entmythologisierung begann in den frühen 50-er Jahren und wurde seitdem teilweise mit Begeisterung innerhalb der Kirchen fortgesetzt. Letztlich war das auch der große Bruch, auf den der Papst sich hier wohl bezog und der den Glauben erschütterte.Die Trennung zwischen dem Jesus des Glaubens und dem historischen Jesus kann man sicherlich mindestens bis zur Aufklärung zurückverfolgen, nur hatte das zumindest auf die katholische Kirche damals noch keine Auswirkungen gehabt.

 

Der Beginn dieses Bruchs ist erheblich früher und beginnt eigentlich mit Bruno Bauer und Strauß. Dies hat eine eigene theologische Strömung begründet, die (heutzutage vorwiegend) niederländische Radikalkritik. Ein Beispiel dafür ist heute der Theologe Hermann Detering, hier seine Rezension zu dem Jesus-Buch des Papstes:

 

Nach dem historischen Jesus fragen - oder historisch nach Jesus fragen?

 

Besonders interessant ist seine Bemerkung:

 

Zumal der Papst vollkommen klar erkannt hat, was einige aufgeregte Papst-Kritiker offenbar erst noch lernen müssen: daß es völlig sinnlos ist, hinter dem Jesus der Evangelien noch einen anderen vorauszusetzen. Die Suche nach dem Menschen hinter dem von den Evangelisten dargestellten Gott-Menschen ist zum Scheitern verurteilt, weil die Verfasser der Evangelien einen solchen nirgendwo im Blick hatten.
(Quelle: siehe Link oben)
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Einerseits den Inhalt der Texte und andererseits die Entstehung der Texte selbst historisch zu erforschen, würde meiner Meinung nach zu viele Variablen ins Spiel bringen.

Ich vermute, dass der Papst, dessen Wertschätzung der Bibel ich schon immer sehr beeindruckend fand, hier die Glaubwürdigkeit der Schrift nicht antasten wollte. Er hat ja auch sehr gut erklärt, weshalb er der Schrift vertraut.

Ich finde an diesem Buch ausgesprochen beeindruckend, wie "evangelisch" es daherkommt. Das Jesusbild, das Ratzinger zeichnet, ist der Jesus der Schrift - verstanden als der Christus des alten und des neuen Testamentes. Ein "sola scriptura" Messias, der nicht von der Kirche oder der Tradition gesalbt wird, sondern vom überlieferten Wort selbst. Es wäre spannend, darüber nachzudenken, ob eine Weiterführung dieses Ansatzes langfristig eine wirklich ökumenische Perspektive eröffnen könnte: Kirche nicht aus der Historie, sondern aus der Schrift verstanden...

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Tja. Da fehlt mir doch gewaltig was an Grundbildung.

 

Mir sagt weder "Riss zwischen historischem Jesus und dem Jesus des Glaubens wird " was noch Bulthaupt , Bauer oder Strauß und mit Dialektik und soweiter kann ich leider auch nichts mit anfangen. Ich werde nur noch mitlesen und versuchen, irgendwas zu kapieren, was hier geschrieben wird. Sorry der level ist mir viel zu hoch- ich hab nur mittlere Reife !

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Mir sagt weder "Riss zwischen historischem Jesus und dem Jesus des Glaubens wird " was noch Bulthaupt , Bauer oder Strauß und mit Dialektik und soweiter kann ich leider auch nichts mit anfangen.

 

Nicht durch solches "Name Dropping" irritieren lassen!

 

Ich versuche, es mal ohne die ganzen Namen etc. zu erklären: Ursprünglich für das Christentum, so nahm man an, war eine historische Person namens "Jesus", von der die Evangelisten getreu berichtet hatten.

 

Einige Theologen fingen nun im letzten und vorletzten Jahrhundert an, "hinter" den Berichten der Evangelien nach der "historischen Person Jesus" zu forschen. Man stelle ich vor, man will eine Biographie über Jesus schreiben, so mit den wichtigsten Daten, einen Lebenslauf - wann hat er was gemacht, und in welcher Reihenfolge?

 

Es stellte sich heraus, dass dieses Vorhaben undurchführbar war. Man bekam aus den Evangelien kein schlüssiges Bild, einerseits, weil die Daten sehr spärlich waren, und andererseits, weil sie obendrein widersprüchlich waren. Es gab also quasi "zwei Jesusse" - einen historischen, über den man fast nichts wusste, und einen Jesus der Evangelien, über den man sehr viel wusste (oder zu wissen glaubte), der aber nicht so ganz zum historischen Jesus passte. Und das ist der erwähnte "Riss" zwischen dem historischen Jesus und dem Jesus des Glaubens. Ersterer war quasi kaum vorhanden, letzterer wurde im Laufe der Zeit immer unschärfer und verschwommener.

 

Seinen "Höhepunkt" hatte diese Entwicklung einerseits mit der Herz-Jesu-Forschung von Albert Schweitzer, der kategorisch sagte, dass man von einem historischen Jesus fast nichts wisse und nichts wissen könne - und was man wisse, widerspreche dem Glauben. Das war das, was später einige der Skeptiker dazu veranlasste, zu behaupten, dass es nie einen historischen Jesus gegeben habe, sondern nur einen Jesus des Glaubens, d. h., es kann keinen Riss geben, weil es nur einen Jesus gegeben hat - den Jesus des Glaubens, eine Sagengestalt wie Siegfried oder Wilhelm Tell. Das ist die Position von Detering, der sagt, dass es keinen Riss gibt, sondern eben nur den Jesus des Glaubens.

 

Das ging nun einigen wieder zu weit, man nahm lieber einen Riss an. Nun hat man aber gerade in letzter Zeit festgestellt, dass viele der Aussagen von Jesus nicht von Jesus stammen können, sondern von anderen Quellen herrühren (vor allem altes Testament, aber auch Spruchweisheiten der kynischen Wandersphilosophen u. v. a. mehr), und damit wandelt sich natürlich auch das Jesusbild, je nach den Texten, die man als authentisch annimmt oder nicht. Das ist der Grund, warum der "Jesus des Glaubens" quasi unscharf geworden ist.

 

Der Versuch der Entmythologisierung (verknüpft mit dem Namen Bultman) war letztlich auch ein Versuch, "hinter" dem Jesus des Glaubens den historischen, tatsächlichen Menschen Jesus zu finden, in dem man alles Wundersame und Mythische (das eben auf Übertreibungen oder sogar Fantasie beruhte) quasi vom Jesusbild "abzog", um damit den "wahren Jesus" hinter dem "Jesus des Glaubens" sehen zu können. Das Problem dabei ist: Wie viel zieht man ab? Alle Wunder - aber was ist dann mit der Auferstehung? Nur die Wunder, für die es historische Vorbilder gab? Na, das sind ja mittlerweile schon alle! Nur die besonders fantastischen Wunder? Aber wer legt da eine Grenze fest? Geht man zu weit, landet man bei einem reinen Menschen ohne jede Göttlichkeit.

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Justin Cognito

Der im Buch genannte und kritisierte Riss zwischen historischem Jesus und dem Jesus des Glaubens wird in die 50er Jahre datiert (10 [2 Abs]). Das kann ich so nicht ganz nachvollziehen.

 

Die Stelle ist mir auch aufgefallen. Genauso wie du würde ich den Beginn dieser Entwicklung weiter zurückdatieren. Es könnte natürlich sein, dass der Papst hier speziell Bezug auf Bultmann nimmt. Seine Entmythologisierung begann in den frühen 50-er Jahren und wurde seitdem teilweise mit Begeisterung innerhalb der Kirchen fortgesetzt. Letztlich war das auch der große Bruch, auf den der Papst sich hier wohl bezog und der den Glauben erschütterte.Die Trennung zwischen dem Jesus des Glaubens und dem historischen Jesus kann man sicherlich mindestens bis zur Aufklärung zurückverfolgen, nur hatte das zumindest auf die katholische Kirche damals noch keine Auswirkungen gehabt.

 

Der Beginn dieses Bruchs ist erheblich früher und beginnt eigentlich mit Bruno Bauer und Strauß. Dies hat eine eigene theologische Strömung begründet, die (heutzutage vorwiegend) niederländische Radikalkritik. Ein Beispiel dafür ist heute der Theologe Hermann Detering, hier seine Rezension zu dem Jesus-Buch des Papstes:

 

Nach dem historischen Jesus fragen - oder historisch nach Jesus fragen?

 

Besonders interessant ist seine Bemerkung:

 

Zumal der Papst vollkommen klar erkannt hat, was einige aufgeregte Papst-Kritiker offenbar erst noch lernen müssen: daß es völlig sinnlos ist, hinter dem Jesus der Evangelien noch einen anderen vorauszusetzen. Die Suche nach dem Menschen hinter dem von den Evangelisten dargestellten Gott-Menschen ist zum Scheitern verurteilt, weil die Verfasser der Evangelien einen solchen nirgendwo im Blick hatten.
(Quelle: siehe Link oben)

 

Das führt jetzt ein bisschen vom Buch weg, aber natürlich hat Lutheraner Recht wenn er meint, dass die Tradition der Textkritik in Bezug auf biblische Texte bis in die Aufklärung zurückgeht. Gemeinhin wird Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) die als Begründer dieser Disziplin genannt. Seine Texte wurden übrigens erstmals von Lessing herausgegeben, als "Fragment eines Wolfenbüttelschen Fremden". Als Vertreter einer "natürlichen Religion" grenzte er in seiner Kritik diese von den Biblischen Texten ab.

 

David Friedricht Strauß (1808-1874) und Bruno Bauer (1809-1882) waren Hegelianer. Ihnen ging es nicht darum die biblischen Texten zu wiederlegen, sondern sie wollten zeigen, dass sich in ihnen das wahre Wesen des Menschen finden lässt. Ihre Herangehensweise war die Entmythologisierung der Texte, ihr Ziel (ganz im Sinne Hegels) die dreifache Aufhebung des Textes (der Wortsinn ist (1) nicht mehr gültig, der Textsinn wird aber (2) bewahrt und (3) auf eine höhere Stufe gehoben).

 

Rudolf Bultmann (1884-1976) wiederum hat wieder einen ganz anderen Zugang. Er spricht zwar auch von der Entmythologisierung der Texte, meint damit aber nicht, dass in ihnen etwas über das Wesen des Menschen zu erfahren ist, sondern, dass sich in einer existentiellen Interpretation der Texte die Glaubenserfahrung ereignet. Darum steht bei ihm auch das Kerygma im Mittelpunkt.

 

Hermann Detering kannte ich nicht, sein Zugang scheint mir - nach dem was ich auf seiner Homepage gelesen habe - der eines Literaturwissenschaftlicher zu sein, kein Wunder er ist ja auch ein solcher. Von dieser Position aus arbeitet er vermutlich sauber (da hab ich keine Veranlassung das Gegenteil anzunehmen), aber seien Herangehensweise schließt die historische Fragestellung natürlich schon von Vornherein weitgehend aus. Für einen Literaturwissenschaftlicher ist Hogwarts eine Zauberschule, die Frage ob es eine solche tatsächlich gibt ist weitgehend irrelevant ... und genauso verhält es sich für ihn wohl mit den biblischen Begebenheiten. Das ist legitm, aber radikal? Ich weiß nicht ......

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Justin Cognito
Tja. Da fehlt mir doch gewaltig was an Grundbildung.

 

Mir sagt weder "Riss zwischen historischem Jesus und dem Jesus des Glaubens wird " was noch Bulthaupt , Bauer oder Strauß und mit Dialektik und soweiter kann ich leider auch nichts mit anfangen. Ich werde nur noch mitlesen und versuchen, irgendwas zu kapieren, was hier geschrieben wird. Sorry der level ist mir viel zu hoch- ich hab nur mittlere Reife !

 

Lass Dich nicht von ein (uns) paar "gescheitigenden" Männern entmutigen, warte einfach ab bis wir wirklich im Buch drinnen sind und lass uns an dem teilhaben, was dich daran bewegt, dass ist mindestens so wichtig wie das was bisher hier geschrieben wurde ....

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Hermann Detering kannte ich nicht, sein Zugang scheint mir - nach dem was ich auf seiner Homepage gelesen habe - der eines Literaturwissenschaftlicher zu sein, kein Wunder er ist ja auch ein solcher. Von dieser Position aus arbeitet er vermutlich sauber (da hab ich keine Veranlassung das Gegenteil anzunehmen), aber seien Herangehensweise schließt die historische Fragestellung natürlich schon von Vornherein weitgehend aus. Für einen Literaturwissenschaftlicher ist Hogwarts eine Zauberschule, die Frage ob es eine solche tatsächlich gibt ist weitgehend irrelevant ... und genauso verhält es sich für ihn wohl mit den biblischen Begebenheiten. Das ist legitm, aber radikal? Ich weiß nicht ......

 

Radikal bedeutet in diesem Fall, nicht die "Hermeneutik des Glaubens" vorauszusetzen, sondern die "Hermeneutik des Argwohns". Radikal bedeutet, dass man die Grundlagen der historisch-kritischen Exegese nimmt, und diese ohne Ausnahme anwendet, ohne sich vom Ergebnis beeinflussen zu lassen. D. h., wenn das Ergebnis wäre, dass Jesus nicht Gott war oder es keinen Jesus gab, dann wird das akzeptiert. Für Theologen ist das ziemlich radikal ... Es wird eben kein Glauben vorausgesetzt, sondern nur eine "Liebe zur Wahrheit", wohin immer dies auch einen führen wird.

 

Radikal ist das Ganze vor allem wegen seiner Ergebnisse: Der Jesus der Evangelien ist in jedem Fall eine Sagengestalt, die durch die Evangelien überhaupt erst konstruiert wurde, und zwar aus antiken Vorbildern. Einen historischen Jesus hat es entweder nicht gegeben, oder wenn doch, dann hat dieser keine praktische Ähnlichkeit mit dem Jesus des Glaubens. Die eigentliche Erfindung des Jesus stammt entweder von Paulus oder von Markus (Detering hält Paulus selbst für eine Erfindung, d. h., auch Paulus hat nie gelebt, sondern ist eine Idee von Markion). Markus hatte keine historische Vorlage, er hat eine kursierende Sammlung von weisen Sprüchen genommen (Q), die keiner einzelnen Person zugeschrieben war, und zusammen mit Versatzstücken aus dem AT und anderen Legenden eine neue Legende konstruiert - wie aus einem Baukasten. Weder er noch die anderen Evangelisten hatten irgendein Interesse an irgendeiner Wahrheit, es ging ihnen darum, einen Glauben zu propagieren, und was immer dazu nötig war, wurde getan. Man baute dabei auf bereits existierenden jüdischen und heidnischen Sekten auf und modifizierte ihre Ideen, insbesonders die Ideen der kynischen Philosophen, der heidnischen Mysterien und die (auch griechische) Gnosis waren ihre Vorlage, was bedeutet, dass das Christentum älter ist als Jesus. Paulus selbst hat nie an einen historischen Jesus geglaubt, sondern an einen mythischen Christus, die Idee, daraus eine historische Person zu machen, kam von Markus. Alles, was man Jesus zuschrieb, wurde aus älteren Quellen abgeschrieben und mit einer halbwegs plausiblen Geschichte verbunden, d. h., man erfand das ganze Umfeld (beispielsweise die zwölf Jünger, diese sind nur Staffage, oder die Auseinandersetzung mit den Pharisäern).

 

Die Idee mit dem leeren Grab ist eine Erfindung des Markus, Paulus wusste noch nichts davon. Markus hat auch diese Idee aus den heidnischen Mysterien genommen. Im Grunde genommen hat Markus einen fiktiven Roman geschrieben, der sich hier und da historischer Begebenheiten bedient, aber nur als Hintergrund, sozusagen als Kulisse für ein Drama. Die anderen Evangelisten haben verschiedene Strömungen, die Markus benutzt hat, entweder verstärkt oder abgeschwächt, aber ihr Werk basiert natürlich auf Markus. Entstanden sind die Evangelien im 2. Jahrhundert, nicht im ersten, als alle Zeugen, die hätten widersprechen können, schon lange genug tot waren. Die Evangelisten waren die Propagandisten eines entstehenden Kultes, aus dem später u. a. die rKK wurde. Um die aufkommenden Streitigkeiten des Kultes schlichten zu können, erfanden sie eine zentrale Figur, nämlich Jesus, und benutzten die ihm zugeschriebenen Aussprüche dazu, die Streitigkeiten zu schlichten. Kurz, der Roman hatte zusätzlich einen politischen Zweck. Ende des zweiten Jahrhunderts hat sich das dann verselbstständigt und irgendwie schien die Idee, dass es eine historische Person namens Jesus und einen Begründer des Kults gegeben habe großen Anklang.

 

Nun, das widerspricht der Auffassung der katholischen Kirche in so ziemlich jedem Punkt, oder?

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Justin Cognito
Hermann Detering kannte ich nicht, sein Zugang scheint mir - nach dem was ich auf seiner Homepage gelesen habe - der eines Literaturwissenschaftlicher zu sein, kein Wunder er ist ja auch ein solcher. Von dieser Position aus arbeitet er vermutlich sauber (da hab ich keine Veranlassung das Gegenteil anzunehmen), aber seien Herangehensweise schließt die historische Fragestellung natürlich schon von Vornherein weitgehend aus. Für einen Literaturwissenschaftlicher ist Hogwarts eine Zauberschule, die Frage ob es eine solche tatsächlich gibt ist weitgehend irrelevant ... und genauso verhält es sich für ihn wohl mit den biblischen Begebenheiten. Das ist legitm, aber radikal? Ich weiß nicht ......

 

Radikal bedeutet in diesem Fall, nicht die "Hermeneutik des Glaubens" vorauszusetzen, sondern die "Hermeneutik des Argwohns". Radikal bedeutet, dass man die Grundlagen der historisch-kritischen Exegese nimmt, und diese ohne Ausnahme anwendet, ohne sich vom Ergebnis beeinflussen zu lassen. D. h., wenn das Ergebnis wäre, dass Jesus nicht Gott war oder es keinen Jesus gab, dann wird das akzeptiert. Für Theologen ist das ziemlich radikal ... Es wird eben kein Glauben vorausgesetzt, sondern nur eine "Liebe zur Wahrheit", wohin immer dies auch einen führen wird.

 

Ich denke nicht, dass diese Hermeneutik für Theolog/inn/en radikal ist, sie ist eben nur nicht theologisch (und auch nicht exegetisch). Natürlich kann man sich der Person Jesu auch historisch oder literaturwissenschaftlich näher. Dann kommt man natürlich zu anderen Ergebnissen als Theolog/inn/en. Was aber nicht daran liegt, dass diese alle verblendet wären, sondern daran, dass einfach andere Fragen gestellt werden. Wer in den Texten nicht nach Gott fragt, wird ihn auch nicht finden. Trotzdem kann man literaturwissenschaftlich oder historisch über sie schreiben. Natürlich - die Ergebnisse können sicher auch spannend sein.

 

Radikal ist das Ganze vor allem wegen seiner Ergebnisse: Der Jesus der Evangelien ist in jedem Fall eine Sagengestalt, die durch die Evangelien überhaupt erst konstruiert wurde, und zwar aus antiken Vorbildern. Einen historischen Jesus hat es entweder nicht gegeben, oder wenn doch, dann hat dieser keine praktische Ähnlichkeit mit dem Jesus des Glaubens. Die eigentliche Erfindung des Jesus stammt entweder von Paulus oder von Markus (Detering hält Paulus selbst für eine Erfindung, d. h., auch Paulus hat nie gelebt, sondern ist eine Idee von Markion). Markus hatte keine historische Vorlage, er hat eine kursierende Sammlung von weisen Sprüchen genommen (Q), die keiner einzelnen Person zugeschrieben war, und zusammen mit Versatzstücken aus dem AT und anderen Legenden eine neue Legende konstruiert - wie aus einem Baukasten. Weder er noch die anderen Evangelisten hatten irgendein Interesse an irgendeiner Wahrheit, es ging ihnen darum, einen Glauben zu propagieren, und was immer dazu nötig war, wurde getan. Man baute dabei auf bereits existierenden jüdischen und heidnischen Sekten auf und modifizierte ihre Ideen, insbesonders die Ideen der kynischen Philosophen, der heidnischen Mysterien und die (auch griechische) Gnosis waren ihre Vorlage, was bedeutet, dass das Christentum älter ist als Jesus. Paulus selbst hat nie an einen historischen Jesus geglaubt, sondern an einen mythischen Christus, die Idee, daraus eine historische Person zu machen, kam von Markus. Alles, was man Jesus zuschrieb, wurde aus älteren Quellen abgeschrieben und mit einer halbwegs plausiblen Geschichte verbunden, d. h., man erfand das ganze Umfeld (beispielsweise die zwölf Jünger, diese sind nur Staffage, oder die Auseinandersetzung mit den Pharisäern).

 

Die Idee mit dem leeren Grab ist eine Erfindung des Markus, Paulus wusste noch nichts davon. Markus hat auch diese Idee aus den heidnischen Mysterien genommen. Im Grunde genommen hat Markus einen fiktiven Roman geschrieben, der sich hier und da historischer Begebenheiten bedient, aber nur als Hintergrund, sozusagen als Kulisse für ein Drama. Die anderen Evangelisten haben verschiedene Strömungen, die Markus benutzt hat, entweder verstärkt oder abgeschwächt, aber ihr Werk basiert natürlich auf Markus. Entstanden sind die Evangelien im 2. Jahrhundert, nicht im ersten, als alle Zeugen, die hätten widersprechen können, schon lange genug tot waren. Die Evangelisten waren die Propagandisten eines entstehenden Kultes, aus dem später u. a. die rKK wurde. Um die aufkommenden Streitigkeiten des Kultes schlichten zu können, erfanden sie eine zentrale Figur, nämlich Jesus, und benutzten die ihm zugeschriebenen Aussprüche dazu, die Streitigkeiten zu schlichten. Kurz, der Roman hatte zusätzlich einen politischen Zweck. Ende des zweiten Jahrhunderts hat sich das dann verselbstständigt und irgendwie schien die Idee, dass es eine historische Person namens Jesus und einen Begründer des Kults gegeben habe großen Anklang.

 

Nun, das widerspricht der Auffassung der katholischen Kirche in so ziemlich jedem Punkt, oder?

 

Natürlich widerspricht dass den Auffassungen der katholischen Kirche. Aber das ist für einen Literaturwissenschaftler ja wohl kein Problem. Die vorgetragenen Argumente enttäuschen mich dann allerdings ein bisschen: Eine Mischung aus Gemeinplätzen (Q, Maruspriorität, etc.) und originellen Spekulationen (Mit der Behauptung Paulus sei eine Erfindung Markions hat er zumindest den Überraschungsbonus auf seiner Seite). Dazu nicht näher festzumachende Versatzstücke (die [!] Gnosis, kynische Philosophen, Mysterienkulte) und das völlige Ignorieren von Formeltraditionen (die als älteste Schicht, schon von Paulus rezipiert wurden) und intratextuellen (vor allem bibeltheologischen) Bezügen. Aber mir ist klar, dass eine kurze Zusammenfassung keine in sich runde Argumentation sein kann. Spannend klingt die Sache allemal.

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