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Gesammelte Antworten


Guest Ketelhohn
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Guest Ketelhohn

Wieder einmal kann ich die Aufregung nicht ganz nachvollziehen. Wenn ich eine Horde Schwarzwild in mein Wohnzimmer lasse, darf ich mich nicht wundern, wenn sie artgemäß herumsauen. Ebensowenig beim hiesigen Schwarzwild, daß es eben jenen Kot erbricht, vom welchem ihm Herz und Hirn voll sind.

 

Bedenklicher und gefährlicher sind gewisser abgefeimte Lügen im Nebensatz, die keiner bemerkt, die ihr alle en passant ohne Widerrede schluckt:

 

»Man erfährt, daß es vor dem dritten Jahrhundert keine Stadt Nazareth gegeben hat - Jesus von Nazareth ist eine falsche Bezeichnung.«

 

Dies bloß als Beispiel. Sachlich ist das natürlich grober Unfug. Seit Mitte des ersten Jahrhunderts ist der Flecken bei Sepphoris durch erzählende Quellen mit Namen bezeugt. Der archäologische Befund hat eine kontinuierliche Siedlungsgeschichte seit etwa 2000 v. Chr. erbracht. – Tja, er kann halt lügen nur, und sonst gar nichts.

 

»Vor ein paar Jahrhunderten war es anderen wertvoll und wichtig, alle, die nicht an Euren Gott glaubten, umzubringen und wegen ihrer anderen Ansichten zu verurteilen.«

 

Das ist ebenso unwahr. Etc. pp.

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Guest Ketelhohn

»Robert hat allerdings mit seiner Korrektur wiederum recht, ich habe inzwischen einen (vagen) Hinweis entdeckt, dass eventuell der Name Nazareth schon Mitte des ersten Jahrhunderts benutzt worden ist.«

 

Ein Blick in die Evangelien könnte auch interessante Perspektiven eröffnen.

 

»Das war aber ein halbes Jahrhundert, nach dem Jesus dort angeblich geboren worden war.«

 

Wieder knapp daneben. Denn geboren wurde Jesus in Bethlehem. In diesem Fall bin ich übrigens gern bereit, den Fehlschuß oder besser Rohrkrepierer eher aufs Konto der Dummheit zu buchen denn auf jenes der Lüge.

 


»Dennoch ist in Nazareth schon für das 2./3. Jahrhundert ein judenchristlicher Kultbau, eine sogenannte Synagogenkirche, gesichert. Hier wurde übrigens auch die erste inschriftliche Nennung des Namens Maria, der Mutter des Herrn: auf dem Sockel einer Säule entdeckten die Ausgräber eine Inschrift: XE MAPIA - Ave Maria. XE ist ein Abkürzung von XAIPE - AVE - der Gruß des Engel des Herrn« (Erich D.).

 

Vielen Dank für diese interessante Information, Erich!

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Guest Ketelhohn

»Die Tatsache, daß über Jesus nur Paulus und die Evangelisten berichten und es keine Augenzeugen (der Auferstehung selbst - es gibt Berichte über Augenzeugen aber keine Berichte von Augenzeugen) gibt, deutet abenfalls auf Legendenbildung. Paulus berichtet zwar von 500 Augenzeugen des Auferstandenen (nicht der Auferstehung!), aber warum hat keiner von denen berichtet? Warum das Schweigen?«

 

Und wieder lag die Lüge mit dem Dummheit im Lotterbett ... Warum gab es keine Zeugen der Auferstehung? Je nun, mitten in der Nacht im Grab hinter einem schweren Stein, der es verschloß, und mit Wächtern davor: Da war nicht gut sein für Zeugen aller Art.

 

Die Zeugen freilich, die dem Auferstandenen begegnet sind, haben fleißig berichtet. Davon zeugen die Evangelien ebenso wie die Apostelgeschichte und einige Briefe des Neuen Testaments. Wenigstens drei dieser Zeugen haben sogar von geschrieben, nämlich Johannes, Petrus und – indirekt, nämlich die Auferstehung voraussetzend – Jacobus.

 

»Das ist nicht unsere Logik, sondern die Logik dieses Universums.«

 

Da hab’ ich wohl bloß geträumt, daß das neunzehnte Jahrhundert vorüber sei.

 


Zweifel an der Auferstehung – um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen – scheint mir übrigens besonders auch da vorzuliegen, wo man von der „historischen Tatsächlichkeit“ – die man ablehnt – eine „Glaubenswahrheit“ oder ein „reales“ Ereignis scheiden will; wobei hier „real“ meint: „nicht historisch“ – wie immer ein gesunder Mensch das begreifen soll. Solche Positionen vertreten etwa Karlinal Lehmann und sein Kollege Kasper, im Anschluß natürlich an Karl Rahner.

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Guest Ketelhohn

Kampfhunde haben die Eigenart, selbst dann noch weiterzubeißen, wenn sie selber halbtot sind. Ich frage mich, wer Menschen derart konditioniert, daß sie eine ähnliche Verhaltensweise an den Tag legen – indem sie beispielsweise immer wieder den selben Mist erzählen, der ihnen schon hundertmal als aberwitziger Stuß um die Ohren gehauen wurde. Hier die neuesten Beispiele:

 

»[...] Vision des auferstandenen Christus. Saul von Tarsus (= Paulus) hat dieses Motiv vermutlich dem Mithras-Kult entlehnt«

 

Aus der Zeit Pauli gibt es keine Spuren der römischen Mysterienreligion des Mithras. Wie oft hatten wir das hier schon?

 

»Tarsus war das Zentrum des Mithras-Kultes, dem überwiegend römische Soldaten anhingen - und Paulus war vor seiner Bekehrung Legionär«

 

Paulus als Legionär! Wie kann man solchen Bockmist schreiben? Und denselben Mist, gut durchgekaut, binnen weniger Wochen mehrmals hier placieren. Wie hießen die wiederkäuenden Tiere doch gleich?

 

Paulus war römischer Bürger und Jude, Pharisäer mit der besten Ausbildung, die ein Pharisäer damals bekommen konnte.

 

Tarsus war gewiß nicht das Zentrum der Mithras-Mysterien; immerhin aber spielte dieser Kult in Tarsus eine so wichtige Rolle, daß die Stadt Münzen mit dem Motiv des mithräischen Stieropfers prägte, von dem ja auch Paulus im Brief an die Auerochsen schreibt. Allerdings prägte Tarsus diese Münzen während der Regierung der Imperators Gordian III. Da war Paulus rund 175 Jahre tot.

 

»Erst mit dem Markus-Evangelium wird die Idee lebendig, daß die Auferstehung in der realen Welt mit einer realen Person geschehen ist. Jesus war da längst tot und fast schon vergessen «

 

Selbstverständlich war Jesus da tot, anders hätte Marcus ja kaum von Jesu Tod berichten können. »Vergessen« jedoch kaum: Anders hätte Marcus ja kaum von Jesu Tod berichten können. Ebenso berichtet er freilich auch von der Auferstehung: Insofern war Christus nicht mehr tot.

 

Nebenbei bemerkt hatte die Gemeinschaft von Qumrân ein um das Jahr 50 abgeschriebenes Exemplar des Marcus-Evangeliums in ihrer Bibliothek in Höhle 7. Kaum später schrieb Paulus.

 

»Kurz nach seinem Tode kam keiner seiner Anhänger auf den Gedanken, er sei auferstanden«

 

Bis die verrückten Weiber aufgeregt vom Grab zurückgelaufen kamen. Da gingen Petrus und Johannes nachschauen. Fünfzig Tage später fingen die Burschen an, alles hinauszuposaunen. Die Apostelgeschichte berichtet davon, geschrieben vom Arzt Lucas vor 67/68, als auch noch etliche jener »Fünfhundert« lebten, von denen Paul uns im Korintherbrief zu sagen weiß.

 

»Und 40 Jahre nach seinem Tod wußte niemand mehr die Details, also konnte auch niemand mehr seinem Leichnam nachspüren. weil es die ersten Christen erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts gab«

 

Vierzig Jahre nach Jesu Christi Tod war das Neue Testament fast komplett, nur die Schriften des Johannes standen noch aus – und die Entscheidung der Kirche über den Kanon. Christen gab es damals natürlich noch nicht: Matthæus, Marcus, Lucas, Petrus und Paulus, Judas und Jacobus waren Mysten des Mithras. Davon kann sich jedermann überzeugen, der ihre Schriften aufmerksam liest: Überall sind Anspielungen auf das Stieropfer des Mithras verborgen. Das griechische Wort für Kreuz etwa, stauroV, ist eine Verhüllung (integumentum) des Wortes für Stier: tauroV. Das verhüllend vorangestellte S steht für Seppel , die geheime Bezeichnung der Mitglieder des obersten Grades der Mithras-Mysten.

 

Was noch? Es kommen noch Krischna, Horus und Teutates. Ich gehe lieber schlafen.

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Guest Ketelhohn

»War es bei der Aufsuchung des Grabs hell oder dunkel? Beides, auch ein Widerspruch in der Geschichte (Markus 16:2: Sonnenaufgang - "Und sie kommen sehr früh am ersten Wochentag zu der Gruft, als die Sonne aufgegangen war.", Matthäus 28:1: Dämmerung "Aber spät am Sabbat, in der Dämmerung des ersten Wochentages, kam Maria Magdalena und die andere Maria, um das Grab zu besehen.", Lukas: sehr früh am Tage - "An dem ersten Wochentag aber, ganz in der Frühe, kamen sie zu der Gruft und brachten die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.", Johannes 20:1: als es noch sehr dunkel war - "An dem ersten Wochentag aber kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zur Gruft und sieht den Stein von der Gruft weggenommen.". Es steht 3:2, dass es sehr finster war, Markus, Matthäus und Lukas sind dafür, dass es hell war, Johannes und Robert Ketelhohn dafür, dass es finster war.«

 

Wie lange noch will der Kerl hier seine Erbärmlichkeit ausbreiten? – Tatsächlich beschreiben die genannten Quellen recht anschaulich –  gerade in der Zusammenschau der unterschiedlichen Blickrichtungen –, was sich da abspielte. Die Frauen kamen am Sonntag früh, als der Tag eben dämmerte, ans Grabmal. Bei Marcus (16,2) steht übrigens nicht: »als die Sonne aufgegangen war«, sondert in korrekter Übersetzung: »als die Sonne eben aufging«; ein typischer Anfängerfehler – auch wenn hier von der im allgemeinen recht guten Elberfelder begangen –, das participium aoristi durch Vorzeitigkeit wiederzugeben.

 

Also in der Dämmerung, beim Morgengrauen; und zwar Sonntag früh, denn der erste Tag der Woche ist der Sonntag (dies Solis), der auf den letzten Tag, den Sabbat, folgt. Dazu stimmt Mt 28,1: »Spät am Sabbat« ist allerdings wieder unsauber übersetzt. Nimmt man die Stelle für sich, ist die Übersetzung zwar nicht direkt falsch; es könnte aber ebensogut »längst nach dem Sabbat« heißen wie »spät am Sabbat«. Doch zeigt der Kontext, was gemeint ist: »als der erste Tag der Woche dämmerte«, das heißt: in der Morgendämmerung des nächsten Tags, des Sonntags, mithin auch: »nach dem Sabbat«.

 

Dasselbe sagt Lucas, dasselbe auch Johannes (20,1): »am ersten Wochentag aber, ganz in der Frühe«. Ein Problem, daß Johannes von Dunkelheit spricht? Wohl kaum. Das ist wie mit dem Glas, daß halb voll oder halb leer ist. Johannes ist in Gedanken bei den Ereignissen des Tages, wie er sie selber miterlebt hat. Von da aus ist die Dämmerung noch dunkel. Von der Nacht aus gesehen ist die Dämmerung umgekehrt hell. Allerdings sagt das keiner der Evangelisten. Sie reden recht objektiv davon, daß es dämmerte – bis auf Johannes, der seinen subjektiven Eindruck mit hineinbringt.

 

Wo soll da das Problem liegen? Wohl nur bei dem, der sowieso von all dem gar nichts begreifen will. Das gilt auch für das, was er im weiteren noch über Verfasserschaften und Datierungsfragen erbricht. Ich erspare mit weitere Kommentare.

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Guest Ketelhohn

»Falls man etwa die Berufung der Apostel dafür in Anspruch nimmt, könnte man genausogut sagen, dass nur galiläische Fischer mit jüdischem Hintergrund als Bischöfe in Frage kämen« (Mat).

 

Das Argument ist ebenso alt wie vergurkt. Schon die Zwölfe waren in der Mehrzahl keine Fischer. Paulus war kein Galiläer, ebensowenig die meisten der ersten (Weihe-)Generation nach den Aposteln. Timotheus beispielsweise war schon Heidenchrist, wenn Paulus (!) ihn auch mit Rücksicht auf einige Judenchristen noch beschnitt. Es gilt also das Beispiel der Apostel – und der Frauen, die Jesus gefolgt waren: Maria, Seiner Mutter, der andern Marien, Johannas, Salomes, dann aller andern heiligen Frauen.

 

»M.E. beruht die Tradition des Männern vorbehaltenen Priestertums darauf, daß in der römischen Kultur Frauen in der Regel keine öffentlichen Ämter bekleiden konnten, was sich dann ja bis in die Neuzeit in Europa fortsetzt«.

 

Auf die Priesterinnen wurdest du ja von Erich schon hingewiesen. Ich erspare mir, all die Kaiserinnen aufzuzählen, die zugleich Regentinnen waren. Im Osten gab es manche Herrscherin. Cleopatra ist recht bekannt. Kennst du auch Zenobia von Palmyra? Hypatia in Alexandrien, die Philosophin? Sodann Helena, die kann man kaum übersehen. Und Theodora. Kurz: Es stimmt nicht, was du sagst. Wenn schon, dann hatte hier die jüdische Kultur den maßgeblichen Einfluß. Entscheidend ist, daß die Kirche das bewahrt hat – wie vieles andere aus der jüdischen Kultur ja auch. Schließlich ist die Kirche die Erfüllung der an Abraham ergangenen Verheißung.

 

»Da die urchristlichen Gemeinden wie Vereine organisiert waren [...]«

»Aus diesem Grund hatte die urchristliche Gemeinde ebenso wie jede Synagoge die juristische Form des Vereins«.

 

Ach ja. Bei welchem Vereinsregister war die Urgemeinde denn eingetragen? Beim römischen des Prokurators oder bei dem des Synhedriums? Matz, das ist Quatz.

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Guest Ketelhohn

Matthias, natürlich sind Herrscherinnen allein nicht der Maßstab für das gesellschaftlich Mögliche oder gar Übliche. Ich habe jetzt leider nicht viel Zeit, darum bloß kurz einige Andeutungen. Erstens war die rechtliche und gesellschaftliche Position der Frau in Rom spätestens seit Beginn der Kaiserzeit einem Wandel unterworfen, zuerst in wirtschaftlichen Dingen. Die herausgehobene Position einiger Augustæ bis hin zur Regentschaft ist insofern durchaus ein Symptom unter mehreren.

 

Zweitens ist Rom gar nicht der richtige Maßstab, wenn es um frühkirchliche Entwicklungen geht; vielmehr waren die Gesellschaften des östlichen Mittelmeerraums das Umfeld der Kirche, also vor allem die „hellenistische“ Kultur der aus den Ptolemæerreichen hervorgegangenen römischen Provinzen oder Klientelstaaten und diejenige des syrisch-aramäischen Raums. Hier hatten die Frauen deutlich mehr Möglichkeiten zu öffentlichem Einfluß in herausgehobener Position; nicht umsonst waren einige der einflußreichsten Augustæ Syrerinnen.

 

Drittens ist das Argument nicht so einfach von der Hand zu weisen, daß es Priesterinnen mit hervorragendem Einfluß überall gab, auch im alten Rom und im nachmycenischen, vormacedonischen Griechenland (also dem „classischen“ Hellas), wo die Frau im öffentlichen Leben sonst nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte. Dein Einwand, daß das kirchliche Priestertum anderer Art sei, trifft allerdings den Kern, wiewohl anders als du meintest.

 

Denn das levitische Priestertum der Juden mit seinem Tempeldienst war funktional doch nichts anderes als das heidnische Priestertum der Völker. (Ich weiß wohl, daß es natürlich einen fundamentalen Unterschied gibt: Denn die Nachkommen Aarons opferten dem wahren Gott. Aber hier geht es mir um die funktionale Analogie.) Die Funktion hätten theoretisch auch Frauen ausfüllen können. Jesus Christus aber ist »Priester nach der Ordnung Melchisedechs«. Er ist Opfernder und Opfer zugleich. (Ich empfehle nochmals mit Nachdruck den Hebräerbrief zur Lektüre.)

 

Dies „ganz andere“ Priestertum Jesu Christi ist der entscheidende „theologische“ Grund dafür, weshalb das sakramentale Priestertum, das ja Repräsentation Christi bedeutet, nur einem Mann übertragen werden kann. Es handelt sich nicht um eine Funktion, die beliebig übertragbar wäre.

 

Jenseits all dieser Überlegungen muß ich dir sagen, daß Mtoto Recht hat: Du hat die Diskussion auf ein Nebengeleis gelenkt, das mit dem eigentlichen Thema nur mehr wenig zu tun hat.

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Guest Ketelhohn

»Lieber Martin, physische Gottessohnschaft heißt, und in diesem Fall gebe ich Erich recht, dass Jesus eben keinen menschlichen Vater hatte. Wenn ich daran nicht mehrfesthalte, ist es nicht mehr weit dazu, Jesus zu einer Art besserem Menschen zu degradieren. Dies wäre kein Christentum mehr« (Martin O.).

 

Liebe Martine, lieber Erich, hier scheint mir nun doch eine begriffliche Klärung angezeigt. Laßt euch doch nicht von Hans Küng einen derart abwegigen Begriff wie den einer „physischen Gottessohnschaft“ unterjubeln. So etwas gibt es nicht, außer in antiken Mythen, wo Zeus die Leda oder Europa begattete.

 

Wobei zuerst der Begriff physisch zu klären ist. Der Sprachgebrauch versteht darunter so viel wie „leiblich“, hat also keineswegs die Bedeutung des griechischen Worts „jusiV“ im Sinn, was etwa mit „Natur“ wiederzugeben wäre. Wäre dies gemeint, dann wäre der Begriff möglicherweise anders zu beurteilen.

 

Doch hier muß man eindeutig verstehen, daß die leibliche Sohnschaft des Menschen Jesus von Nazareth gemeint sei. Liebe Brüder, nach dem Fleisch ist Jesus der Sohn Mariens, Pflegesohn Josephs, und aus. Kein „Gottessohn“ wie ein antiker Mythenheros. Oder wollt ihr ihn zum Sohn des Heiligen Geistes machen? Nein, allein aus dem Fleisch Mariens stammt der Heiland. Dies war möglich, weil der Heilige Geist sie überschattete, jener Geist, in welchem sie zum Engel Gabriel ihr »fiat« sprechen konnte.

 

Sohn Gottes ist Jesus Christus Seiner Gottheit nach, von Ewigkeit her. Das Wort des Vaters, von diesem gezeugt. Das Wort des Vaters, durch welches alles erschaffen ist. Dies Wort, Gott Sohn, ist eingefleischt und Mensch geworden aus der Jungfrau Maria, eine Person, Gott von Natur und Mensch von Natur, beide Naturen unvermischt, unwandelbar, ungeteilt und unscheidbar.

 

Als Gott, könnte man vielleicht sagen, ist Jesus Christus seiner göttlichen Natur nach – in diesem Sinne „physisch“ – Sohn Gottes. Aber so meint es Küng nicht und so versteht es niemand. Ihr aber habt euch von Küng dies faule Ei andrehen lassen, das in Wahrheit eine Karikatur, ein Zerrbild des Glaubens der Kirche darstellt. Ob Küng bewußt solch Zerrbild zeichnet oder ob er es tatsächlich nicht besser weiß, kann ich nicht entscheiden. Zutrauen kann ich ihm beides, das eine menschlich, das andere intellektuell.

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Guest Ketelhohn

Erstaunlich – nein, eigentlich nicht –, wie manche Diskussionen hier abdriften. Da erscheint es mir doch besser, zunächst noch einmal meinen Beitrag von nebenan komplett wiederzugeben:


»daß wir nicht das Recht haben, zwischen Gut und Böse glatt zu unterscheiden«
 
Das ist falsch. Zwischen Gut und Böse müssen wir sogar unterscheiden und uns vor dem Bösen hüten. Was nicht unseres Amtes ist, das ist zu richten, zu verurteilen. Der Hirte allerdings hat sehr wohl die Pflicht, seine Schafe vor Schaden zu bewahren, was unter Umständen bedeuten kann, Maßnahmen gegen offenkundige und uneinsichtige Sünder zu ergreifen, sofern es in seiner Macht steht. Aktuelles Beispiel sind etwa die Fälle von Priestern, die Jungen mißbraucht haben. Dies hat aber auch nichts mit Verurteilen zu tun. (Ich rede hier von der Kirche: von dem, was des Christen Amt ist – nicht von der Funktion des Staates. Das wäre ein anderes Thema.)
 
Anders liegt der Fall aber, wenn es nicht um die „normale Sünde“ geht – wie im Wort vom Unkraut im Weizen –, sondern um die Wahrheit, um den Glauben der Kirche. Darauf bezieht sich ja vor allem das Wort von den Wölfen. Die Hirten sollen wachen, daß der Glaube nicht verfälscht und die Herde nicht auf giftige Weiden geführt wird. Hier ist scharfes Urteil nötig, wie es schon die Apostel übten: Man denke an den Schmied Alexander oder Simon Magus.
 
Im übrigen habe ich den Eindruck, daß teils weder das Matthæus-Wort verstanden wurde, das ich oben zitiert habe, noch meine Absicht bei der Zitation. Dort geht es doch gerade um die Einladung. Sogar mit drastischen Mitteln. Freilich nicht um Offenheit. Das ist der Punkt.
 
Das Urteil aber spricht auch hier der König, und zwar am Tag des Hochzeitsmahls. Das ist ganz dasselbe, was auch das Wort vom Unkraut im Weizen meint. Doch wie gesagt, hier geht es nicht um die Irrlehrer.


Die Ausübung von Gewalt ist also Sache des Staates; unbeschadet dessen, daß in besonderen Situationen, namentlich bei Gefahr im Verzug, der Hirt – wie jedermann – auch gewaltsame Maßnahmen ergreifen kann, ja muß, wenn andere Mittel nicht ausreichen, die Gefahr abzuwenden. Die Jurisprudenz redet von „Nothilfe“.

 

Was die „Menschenrechte“ mit dem Thema zu schaffen haben, vermag ich nicht recht einzusehen. Ich muß dazu gelegentlich einmal gesondert Stellung nehmen. Einiges aber doch schon jetzt: Daß »die Idee der individuellen Menschenrechte [..] ausschließlich im christlich geprägten Kulturkreis Europas und Amerikas entstanden« sei, wie Thomas schreibt, trifft zwar zu. Man kann aber redlicherweise schlecht ignorieren, daß diese Idee ausschließlich in explizit kirchenfeindlichem und antichristlichem Kontext entstanden ist.

 

Seit dreißig oder fünfzig Jahren laufen auch die Christen umher zuhauf und verkünden, die Idee der Menschenrechte sei ihrem Wesen nach christlich, wiewohl zuerst außerhalb des Christentums aufgekommen; sie habe sich – so versucht man rechtfertigend zu erklären – antithetisch gegen die unvollkommene Kirche ihrer Zeit gestellt, um – gleichsam als Synthese beider – ein höheres Menschentum zu gebären, eine wahrhaft christliche Kirche: Da scheint durch Hegel noch Joachim durch, der Florenser Abt und Einbläser chiliastischen Schwarmgeists.

 

In Wahrheit sind die Sprecher der Kirche auf einen längst fahrenden Zug aufgesprungen. Da sie nun sehen, in welches Schlamassel der Zug fährt, rufen sie lauthals, um dem Verderben zu wehren: »Dies ist der Zug der Menschenrechte!« Sie begreifen nicht, daß das Schild »Menschenrecht« den Abfahrtbahnhof meint. Vergessen ist auch – der Name klingt doch zu schön –, welche Gemetzel sich bei der Abfahrt auf diesem Bahnhof abspielten, vergessen sind die Blutströme der Guillotinen, vergessen auch die Leichensümpfe der Vendée.

 

Keiner kommt auf den Gedanken, daß der Zug aus »Menschenrecht« ganz fahrplanmäßig fährt. Daß es einfach der falsche Zug ist, auf den man gesprungen ist. Sie merken noch nicht einmal, daß sie keine Fahrkarte haben, und wundern sich, von den zahlenden Fahrgästen schief angeschaut zu werden. Am Ende wird der Schaffner sie doch hinauswerfen: freilich in unwirtlicher Gegend, wo Heulen und Zähneknirschen herrscht.

 

Besänne man sich des eigenen Fahrplans, so fände man – zum Beispiel – einen Bahnhof, der da heißt: »Du sollst nicht töten«. Auf der Fahrstrecke des Zugs aus »Menschenrecht« dagegen liegt eine Haltestelle namens: »Ich habe das Recht auf Leben«. Ach, ihr blinden Passagiere! Glaubt ihr das denn? Morgen erleidest du einen Herzinfarkt und stirbst. Heißa, nun ruf es laut hinaus: »Ich will mein Recht, mein gutes Menschenrecht: Ich will leben!«

 

Aus und Schluß. Du bist schon mausetot. Schrei nur, keiner hört und keiner hilft. Dein Recht hast du bekommen, hast erhalten, was Adam dir verdient: den Tod. Nichts andres ist dein Recht. Und doch – ist Einer da, der will dir nicht dein Recht – das hast du nicht –, der will dir Seines schenken. Schenken! Also wolle keine Rechte. Hoffe, wart, erwarte freudig wie ein Kind: Und staune, was dir zuteil wird, wenn du deine guten Rechte fahren läßt.

 

Das ist der Fahrplan des Zuges namens Kirche. Er fuhr nicht ab in »Menschenrecht«, sein Heimatbahnhof heißt Calvaria. Sein Motor heißt nicht Hybris, gefeuert wird nicht mit Fordern und Verlangen. Ihn treibt vielmehr die Liebe, ihn macht die Demut fahren. Die Wagen, Räder, Achsen aber – kurz: der ganze Zug – sind Leib und Blut. Steig um, wer sich im Zug vertan.

 

Gute Nacht!


»Aus der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776«

Genau. Das illustriert den Unterschied, den ich meine.

 

Betrachten wir noch einmal ein Beispiel. Das „fünfte Gebot“ sagt gemäß der katechetischen Überlieferung: »Du sollst nicht töten.« Das „Menschenrecht“ dagegen: »Du hast ein Recht, zu leben.« Objektiv scheint beides darauf zu zielen, daß nicht ein Mensch den andern umbringe. Das „Gebot“ allerdings hält beide zur Demut an: nicht auf sich selbst zu schauen, sondern auf den andern. Das „Recht“ dagegen ist gänzlich ich-bezogen. Es hält zum hochmütigen Einfordern des eigenen Rechts an, notfalls auf Kosten des andern. Es ist die genaue Verkehrung des ersten.

 

Sollte dennoch jemand meinen, seit der Erfindung des Menschenrechts sei im Ergebnis eben doch alles besser geworden – namentlich im Vergleich mit dem ach so finsteren „Mittelalter“ –, der stelle sich einmal vor, viele unserer modernen Errungenschaften einem Menschen des neunten oder zwölften Jahrhunderts anzudienen. Beispiele? 30, 40, 50 % Steuern; allgemeine Wehrpflicht; Schulpflicht; Verbrauchssteuern auf jeden Pups, den ich lasse; überfüllte Gefängnisse und langjährige Freiheitsstrafen; Geldstrafen, wenn ich meinen Wagen vor dem Haus abstelle; und vieles mehr.

 

Der „mittelalterliche“ Mensch, dem du mit stolzgeschwellter Brust davon berichtetest – beispielshalber würdest du die Schulpflicht mit dem Recht auf Bildung begründen, etc. –, der möchte dich wohl unversehens fragen, ob du gar nicht merktest, daß du ein Sklave seist. Vielleicht wendetest du ein, er selber sei der Unfreie, der hörige, schollengebundene Bauer; oder der an strenge Bekleidungsvorschriften gebundene Städter. Ich garantiere, er würde dich auslachen. Die ihm von Menschen auferlegten Grenzen empfände er als normal, die deinen dagegen als monströs.

 

Was ihn hingegen wirklich band, das war die Natur. Sturm, Dürre, Hagel, Hunger; Not, Siechtum, Tod. Dinge, die wir im Alltag im Griff zu haben meinen. (Um so schwerer trifft es uns dann, wenn die Kontrolle uns entgleitet.) Uns bindet der Staat. Es scheint uns kaum zu stören, solange dieser Staat uns eins verschafft: Amusement.

 

Doch ich schweife ab. Eins nur wollte ich andeuten: Das vermeintliche „Menschenrecht“ ist keineswegs da besser verwirklicht oder garantiert, wo man es lauthals beschwört und kollektiv anbetet. Doch ist diese Beobachtung eher sekundär, denn man begreift noch etwas viel Wichtigeres nicht, was in den Zeiten vor der Erfindung des „Menschenrechts“ jedermann evident war: die natürliche Grenze solchen Pochens auf Rechte. Sie liegt im Menschen selber und heißt Tod.

 

(Geändert von Ketelhohn um 21:43 - 18.Februar.2003)

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Guest Ketelhohn

»Ich finde Teile von Volkers Thesen im letzten Posting zumindestens soweit lesenswert, daß ich auf eine Antwort von Christen neugierig bin. Bisher hat sich aber leider keiner der Christen beflissen, dem etwas entgegenzustellen« (CavemanHamburg).

 

Caveman, die von dir aufgezählten Fragen beruhen im wesentlichen auf dem Unverständnis dessen, was die Kirche die „hypostatische Union“ der beiden Naturen in Jesus Christus nennt: daß Er ganz Gott war und ganz Mensch ist. Grundsätzlich ist zu antworten, daß die Kirche nicht behauptet, das sie das Wesen Gottes vollständig erfaßt habe. Sie lehrt das, was wir über Gott aufgrund der Offenbarung wissen können. Sie erklärt, wie Offenbarungsaussagen verstanden werden müßten, um nicht als einander widersprechend ausgelegt zu werden können. Denn Gott widerspricht sich nicht.

 

»Wenn Jesus ganz Gott war, dann war er allwissend. Leider hat er sich laut den Evangelien aber nicht so benommen.«

 

Das kann ich nicht nachvollziehen. Er hat ausführlich von seinem bevorstehenden Tod gesprochen. Auch die Auferstehung hat er angekündigt.

 

»Er war auch allmächtig, aber auch so hat er sich nicht benommen.«

 

Dies ist die Versuchung Satans.

 

»Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden! Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ Darauf nimmt ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellt ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln deinethalben Befehl geben, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht etwa an einen Stein stoßest.“ Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht geschrieben: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Wiederum nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und spricht zu ihm: Dieses alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da spricht Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.“ Da verließ ihn der Teufel; und siehe, Engel traten hinzu und dienten ihm« (Mt 4,3-11).

 

Jesus hat sich selbst also nicht kraft göttlicher Allmacht seinem menschlichen Dasein entzogen. Wahrer Gott und wahrer Mensch. Den Kelch des Leidens hat er ganz getrunken. Dennoch hat er Wunder gewirkt, Kranke geheilt, Dämonen ausgetrieben und Tote auferweckt. Wer vermöchte solches, wenn nicht der allmächtige Gott?

»Und wenn Jesus Gott war, dann war er die drei Tage nicht einmal tot [...]. Wenn er wirklich tot war, dann war er nicht Gott[...].«

 

Sie haben den ermordet, der Gott war. Gleichwohl war nicht „Gott tot“. Jesus starb seiner Menschheit nach, das heißt: Die menschliche Seele trennte sich vom menschlichen Leib. Sie blieb mit der Gottheit verbunden und stieg in die Unterwelt hinab, um die Seligen des Alten Bundes zu befreien. Am dritten Tage auferstand Er von den Toten, was heißt: Seine mit der Gottheit »unvermischt und unwandelbar, unteilbar und untrennbar« geeinte Seele wurde wieder mit ihrem nunmehr verherrlichten, unverweslichen Leib vereint.

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Guest Ketelhohn

»Wenn ich im folgenden nicht auf dieses Posting eingehe, Volker, dann nicht, weil ich deine grandiose Analyse der geschichtlichen Wurzeln des Urchristentums etwa nicht gelesen, »ignoriert« hätte. Sondern weil ich dir im einzelnen mangels wissenschaftlichen Werkzeugs – mehr aber noch aus Zeitgründen – nicht nachweisen kann, wo überall du Spekulationen als Fakten verkaufst« (Peter E.).

 

Lieber Peter, im Gegensatz zu dir habe ich im Augenblick keine Lust, mir diese Kinderkacke auch noch anzutun. Ein kurzer Blick fiel aber auf dies:

 

»Und da die Christen fast alle anderen Geschichten ausgelöscht haben (z. B. durch die Niederbrennung der Bibliothek von Alexandrien mit ihren 500.000 Bänden) kennen wir nur die Geschichte der Sieger so ausführlich.«

 

Tja ja. Das hat schon die Urkirche verbrochen, im Jahre 48. Achtundvierzig v. Chr. Hm. Es waren wohl die Ururchristen. Wahrscheinlich die Großeltern von Joachim und Anna. Oder hat da mal wieder einer Cæsar und Christus verwechselt? Aber den Christen ist ja alles zuzutrauen. Wo doch auch Athanasius wenigstens fünf erfolgreiche Selbstmordattentate gegen antitrinitarisch-arianische Kaiser verübt hat, der halbpalästinensische Ägypter, der verfluchte.

 

Dann war da noch der Wundertäter, Wanderprediger und Witwenbeglücker Apulejus von Madaura. Das waren bestimmt auch die Christen, die den Prozeß wegen Zauberei gegen ihn anstrengten und alle seine Schriften, Prozeßakten und überhaupt sein ganzes Andenken vernichteten. Den Göttern sei Dank, es hat sich dennoch alles erhalten.

 

Noch schlimmer trieben es die Christen mit dem gottbegnadeten Wundertäter, Wanderprediger und Bohnenverächter Apollonius von Tyana. Sie bezahlten Lucian, daß er Apollonius als Scharlatan verleumde. Als Kaiserin Julia Domna den Philostrat veranlaßte, des Apollonius göttliches Leben zu beschreiben, zwangen die Christen sie, sich zu entleiben. Ihren Sohn Caracalla, der den offiziellen Kult des Apollonius angeordnet hatte und ihm Tempel bauen ließ, ersäuften sie in seinen eigenen heißen Thermen. Ähnlich erging es allen Anhängern des Tyaners. Ein Wunder der Olympier, daß die Berichte über den göttlichen Heros dennoch erhalten sind.

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Guest Ketelhohn

Jürgen, du hast ganz Recht: Die Paläographie spielt bei der Beurteilung des titulus crucis natürlich eine zentrale Rolle. Die Zusammenschreibung von Omikron und Ypsilon ist wohl im ersten Jahrhundert durch eine Reihe von Inschriften bezeugt. In den byzantinischen Schriften erscheint sie jedoch erst im sechsten Jahrhundert. Vom zweiten bis zum fünften Jahrhundert gibt es keinerlei Zeugnisse.

 

Die inschriftlichen Zeugen müßte ich freilich erst mal näher betrachten, bevor ich mir selber ein definitives Urteil bilden kann. Der Text des titulus hat aber noch weitere Auffälligkeiten:

[*]linksläufigen Text;

[*]Epsilon statt Eta in „Nazarenus“;

[*]latinisierende Endung „-us“ statt „-os“;

[*]„basileus“ analog zum Latein ohne Artikel (das Fragment enthält noch das anlautende Beta; vermutlich auch „Nazarenus“ ohne Artikel, das Wort beginnt jedoch am Rand der fragmentarischen Tafel).

 

Die Linksläufigkeit spricht für einen jüdischen Schreiber, die Latinismen der griechischen Zeile für jemanden, dem Latein geläufiger war und der jedenfalls aus dem Lateinischen übersetzt hat.

 

Paläographische Gründe schließen eine Fälschung aus der Zeit der Kreuzauffindung durch Helena Anfang des vierten Jahrhunderts aus. Dies gilt auch noch Ende desselben Jahrhunderts, zu der Zeit also, da Ambrosius uns berichtet, bei der Auffindung sei auch der titulus gefunden worden, und zwar mit der von Johannes überlieferten Inschrift, was vom römischen Fragment bestätigt wird. Da wir ebenso wissen, daß Helena Fragmente des Heiligen Kreuzes nach Rom gebracht hat, liegt die Vermutung nahe, daß darunter eben auch ein Fragment des titulus war.

 

Jedenfalls gab es diesen titulus. Sollte es sich beim Römer titulus um eine spätere Fälschung handeln, könnte sie den Zweck gehabt haben, das ursprüngliche, womöglich verlorengegangene Fragment zu ersetzen. Das wäre aber reine Spekulation. Wenn der titulus einmal da war, wehalb hätte er verlorengehen sollen? Dafür gibt es keinerlei Anhalt. Im Gegenteil, die Eigenart des titulus spricht dagegen. Weshalb nur ein Fragment? Wer konnte in Rom Hebräisch, oder wer konnte Reste hebräischer Buchstaben auf ein scheinbares Fragment placieren, die zum Wort ha-nozri passen? Wer endlich wäre auf die Idee gekommen, linksläufig zu schreiben? Diese und weitere Fragen finden keine halbwegs befriedigende Erklärung, so daß die Möglichkeit einer späteren Fälschung als äußerst unwahrscheinlich gelten muß, wenn nicht andere, triftige Gründe auftauchen sollten.

 

Eine frühe Fälschung müßte aber ins erste Jahrhundert fallen. Der Fälscher hätte dann von seinem Werk – ganz interesselos – keinerlei Gebrauch gemacht. Es hätte jahrhundertelang nur auf Helena gewartet. Auch keine plausible These.

 

Dagegen scheint alles für die Authentizität zu sprechen. Die erwähnten Auffälligkeiten passen dazu bestens. Wenn Pilatus etwa einen römischen Juden als Dolmetscher oder dergleichen mitgebracht hat, wäre leicht erklärlich, daß dieser, nachdem er den hebräischen Text geschrieben hatte, spontan weiter linksläufig schrieb; ebenso, daß er die griechische Fassung, aus dem Diktat des Pilatus übersetzend, mit einigen Latinismen durchsetzte – teils vielleicht auch, um Platz zu sparen, so durch Weglassung der Artikel.

 

Ein schlüssiger Beweis ist das noch nicht, aber nach gegenwärtigen Kenntnisstand erscheint die Authentizität des römischen titulus-Fragments überaus plausibel.

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Guest Ketelhohn

»In den ersten Jahren des Christentums dachte niemand daran, eine systematische Trinitätslehre zu entwickeln.«

 

Es dachte niemand daran, überhaupt irgendeine systematische Lehre zu entwickeln. Auch in Nizäa nicht. Vielleicht war Thomas der erste, der Aquinat.

 

»Und zu Jesus wurde spätestens seit Paulus gebetet.«

 

Seit Thomas, genannt Didymus.

 

»War Jesus ein Zwischenwesen zwischen Gott und Mensch? Diese Interpretation war lange Zeit sehr "in". Jesus wurde als das "erste Geschöpf" verstanden.«

 

Wo und von wem? In der Kirche eben nicht.

 

»Oder war Jesus Gott (Vater) selbst, der sozusagen in einen menschlichen Leib geschlüpft war? Auch dies wurde diskutiert, hatte allerdings niemals allzu großen Anhang. Trotzdem ist diese Version wichtig, weil die heutige Vorstellung des Verhältnisses von Vater und Jesus oft in diesem Sinne verstanden wird - sowohl bei Christen als auch bei Nichtchristen. «

 

Derlei habe ich noch nie vernommen.

 

»Sie erhielt erst richtig Aufschwung, als die Konzilien definierten: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Klingt ja so, als wäre Gott in einen menschlichen Körper geschlüpft - und im christlichen Pantheon zumindest ein Platz für ca. 30 Jahre leer gewesen sei.«

 

Der Nachsatz enthält eine völlig abwegige und nicht nachvollziehbare Schlußfolgerung. Die verwendeten Begriffe – »schlüpfen«, »Pantheon«, »leerer Platz« – sollen mutmaßlich komisch oder polemisch sein, zeugen aber bloß von grenzenloser Ignoranz.

 

In der Tat hat der allmächtige, ewige Gott, der Sohn des Vaters, das Wort, durch das alles erschaffen ist, menschliche Natur angenommen, hat Fleisch angenommen – beuge die Knie vor diesem Mysterium! –, sich auf ewig vereinigt mit diesem einen, konkreten Menschen, mit seinem Leib und seiner erschaffenen Seele. Dieser Mensch ward von Maria in ihrem Schoß empfangen und eingefleischt, weil sie sich auf das Wort des Engels hin vom Geist erfüllen ließ, und erhielt den Namen Jesus. Ja, im Schoße dieses palästinischen Mädchens, einer Tochter Israels, nahm der ganze, gewaltige Gott Platz. Glaubst du das? Anders kannst du nicht Christi Jünger sein.

 

Wer das nicht glaubt: anathema sit.

 

Absurd im übrigen – es sei nochmals gesagt – die Vorstellung, Gott habe anderswo ein „Loch“ klaffen lassen, indem er Mensch ward. Um so etwas zu reden, muß man davon ausgehen, Gott sei zuvor irgendwo gewesen, an einem Ort also. Unfug. Gott der ist Ewige, außerhalb von Raum und Zeit. Wenn er in die Zeitlichkeit eintritt, bleibt er gleichwohl ewig.

 

»Diese drei Möglichkeiten boten Diskussionsstoff für mehrere Jahrhunderte. Besonders die Begrifflichkeit war schwer zu fassen. Oft bedeuteten gleiche Begriffe (z.B. "persona") in verschiedenen Mündern völlig andere Dinge.«

 

Sagen wir besser: »in verschiedenen Zungen«. Denn viel Unverständnis lag in der Verschiedenheit der Sprachen begründet. Insoweit Zustimmung.

 

»1. Es gibt nur einen Gott. Gott kann nur einmal "ich" sagen.«

 

Es gibt nur einen Gott. Dieser Gott ist sich selbst „Du“. In Ihm ist Beziehung. Er ist zugleich „Ich“, „Du“ und Beziehung zwischen dem „Ich“ und dem „Du“. Das ist das Geheimnis der Trinität.

 

»2. Dieses "Ich" Gottes ist allerdings nicht monolithisch, sondern lebendig. Gott will sich offenbaren. Und Gott ist in sich Liebe. «

 

Das ist unklar ausgedrückt. »Gott ist in sich Liebe« könnte meinen, was ich oben zu 1. gesagt habe. Die Formulierung »nicht monolithisch, sondern lebendig« ist verquast und unverständlich. – Daß Gott sich offenbaren will, gehört in die Heilsökonomie und hat mit Seinem trinitarischen Wesen nichts zu tun.

 

»3. Jesus ist NICHT Gott im monolithischen Sinne. Es ist NICHT so, dass Gott in einen Menschen geschlüpft ist und im Himmel ein Platz leer war oder der Himmel vollständig gottleer war. Diese Behauptung wurde "Monophysitismus" bzw. "Patripass[ch]ianismus" genannt und wurde von den Konzilien abgelehnt. «

 

Ralf hat auf das begriffliche Mißverständnis bereits hingewiesen. Patripassianismus ist eine Form des Modalismus: der Sabellianismus oder radikale Monarchianismus; er bezieht sich auf die Lehre von der Trinität insofern, als sie ausschließlich heilsökonomisch gedeutet wird, nicht aber „innergöttlich“. Monophysitismus dagegen bezieht sich auf das Verhältnis der göttlichen und der menschlichen Natur in Christo, hat also mit unserem Thema nichts zu tun; hinsichtlich der Trinität sind die Monophysiten völlig orthodox.

 

»4. Stattdessen gibt es zwischen Jesus und Gott eine inhaltliche Identität. Auch diese inhaltliche Identität bezieht sich nicht auf alles. Wenn Jesus einen Schnurr- oder Vollbart trug, hieße das nicht, dass Gott Bartträger ist.«

 

Der Begriff »inhaltliche Identität« ist hier völlig untauglich, wie ebenfalls Ralf bereits festgestellt hat. Ich verstehe auch nicht, was damit gemeint sein soll. Jesus von Nazareth, der Christus, ist Gott. Derselbe Jesus ist zugleich ganzer, vollständiger Mensch. Das ist das Geheimnis der hypostatischen Union.

 

Die Frage nach der Barttracht Gottes ist nur auf den ersten Blick kindisch: In Wahrheit führt sie ins Zentrum dieses Geheimnisses. Ich frage zunächst dagegen: Kann man sagen, Maria habe Gott geboren? – Wer dies verneint, ist bestenfalls Nestorianer, wahrscheinlich Schlimmeres. Jawohl, Maria ist die Gottesgebärerin. Wenn darum Jesus Christus Bart trägt – nicht trug: Er lebt ja, und zwar im Leib –, was man von einem Juden annehmen muß, dann dürfen wir auch sagen: In Ihm, Jesu Christo, dem eingefleischten Wort, trägt Gott Bart.

 

»Die Identität bezieht sich explizit auf den Willen Jesu. Dies wurde im sog. Monoteletistenstreit durchdiskutiert. Ergebnis, der Wille Jesu ist der freie Wille Jesu, der Wille Gottes ist der freie Wille Gottes. Es bleiben also zwei Personen. Aber beide wollen dasselbe. Weiterhin sind damit die Willensäußerungen Jesu eine authentische Kundgebung des Willens Gottes. «

 

Genau hier liegt gerade keine Identität vor. Der menschliche Wille ordnet sich im Gehorsam dem göttlichen Ratschluß unter.

 

»5. Aus diesem Grund können Christen zu Jesus sagen "Mein Herr und mein Gott". «

 

Gerade nicht wegen des Willens Jesu – sei er mit dem göttlichen Willen identisch oder diesem gehorsam –, sondern weil Jesus Seiner Natur nach Gott ist.

 

»a) Ein gefährlicher Satz aus dem Johannesevangelium, weil er zu monophysiti[sti]schen Vorstellungen verführen kann.«

 

Das ist denkbar, falls einer sich unbedingt selber seine Religion basteln möchte, anstatt auf die Kirche zu hören. Darum lege ich hier die gesunde Lehre dar. Der Verfasser scheint allerdings eher der entgegengesetzten – nestorianischen – Gefahr erlegen zu sein und darum seine Schwierigkeit mit diesem Wort zu haben. Abgesehen von seinem oben zutagegetretenen grundsätzlichen Mißverständnis des Monophysitismus.

 

»B) Ein sehr fruchtbarer Satz aber für die Glaubenspraxis. Wenn ich mich nach dem richte, was Jesus wollte, dann richte ich mich (wegen der inhaltlichen Identität) nach dem Willen Gottes. «

 

Ich beginne zu verstehen, was mit »inhaltlich« gemeint sei. Jesus wird als Morallehrer begriffen, und seine Lehre darum als Lehre Gottes angesehen: Was Jesus von mir will, das will Gott von mir. Das freilich hat nun weder mit der Lehre von der Trinität noch mit jener von der hypostatischen Union zu tun. Doch wahr ist, daß Nachfolge Jesu bedeutet, auf Gottes Weg zu wandeln. Wohlan, »so verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge Mir nach«

 

»c) Ein schwieriger Satz, weil es immer eine Differenz zwischen Worten und Wille gibt. Z.B. können Worte mißverstanden werden und von dem Willen, den sie ausdrücken, wegführen.«

 

Binsenweisheit.

 

»6. Für das Verhältnis zwischen heiligem Geist und Gott gilt Ähnliches wie für das Verhältnis zwischen Jesus und Gott. [Kleiner Exkurs: Geist (im jüdischen Sinne des Wortes) meint das, was einen Menschen belebt und bewegt. Die Motivation, die Triebkraft, die einen Menschen zu einer bestimmten Handlungsweise führt.] «

 

Es geht hier allerdings um den Geist Gottes, nicht eines Menschen. Siehe oben.

 

»Wenn Christen sagen, daß in ihnen der heilige Geist wirkt, dann heißt dies: In ihnen liegt eine eigene Motivationskraft vor, die aber inhaltlich mit dem [motivans] ‹movens› Jesu und Gottes übereinstimmt.«

 

Nein, sondern Gott selbst wirkt dann in mir. Aber wodurch? Ich schlage vor, es einmal mit der Gnade zu versuchen.

 

»In diesem Sinne kann der Christ sagen: Gott ist in mir. Jesus ist in mir. Oder man kann andersrum sagen: Der Geist Gottes war in Jesus.«

 

Bei Jesus ist der Geist Gottes jedoch Sein eigener Geist, gemäß Seiner göttlichen Natur.

 

»[...] Diese Geist-Gottes-Leitung bei Jesus vollständig. Bei anderen Menschen ist sie ebenso vorhanden, aber sie ist nicht vollständig. Andere Menschen handeln auch aus anderen Geisteshaltungen heraus. Die Differenz kann man ungefähr mit dem Wort "Sünde" beschreiben. Wo ein Mensch aus anderen Geistern heraus handelt, handelt er nicht im Sinne Jesu bzw. Gottes.«

 

Hier tritt nun der Geist des Verfassers immer deutlicher zutage. Jesus Christus ist ihm dem Wesen nach keineswegs Gott, sondern bloßer Mensch: unterschieden von uns lediglich dadurch, daß er in besonderer, vollkommener Weise dem Willen oder Geist Gottes konform lebt und handelt. Das tendiert gewaltig in die Richtung des Adoptianismus.

 

»7. Folgende Aussagen sind damit für einen Christen unangemessen:

a) Bei Gott ist 3=1. Das ist Unfug - nicht nur mathematisch. Es gibt einen einzigen Gott. Dieser Gott ist auf der Erde erschienen in Jesus Christus. Jesus ist aber eine eigene Person, auch wenn sie in ihrem Wesen mit Gott inhaltsidentisch ist. «

 

Göttliche Ungleichungen zu diskutieren, überlasse ich Nicolaus Cusanus. – »Inhaltsidentisch« ist und bleibt Laberquark. Daß dieser Käse hier plötzlich auf das Wesen bezogen wird, anstatt – wie oben – auf den Willen, liegt wohl eher am Begriffsbrei im Geiste des Verfassers als daran, daß er nun etwas anderes meinte. Natürlich ist Jesus von Nazareth eine Person, aber aus zwei Naturen: der göttlichen und der menschlichen. Ebenso ist er eine Person der Dreifaltigkeit Gottes, mit dem Vater und dem Heiligen Geist.

 

»Und Gott ist gegenwärtig im Wesen eines jeden Menschen durch den heiligen Geist. Hier allerdings verdeckt durch die Sünde.«

 

Gott ist in mir nur gegenwärtig, wenn ich diese Gegenwart zulasse.

 

»Andererseits kann der Mensch eine Übereinstimmung zwischen sich und Jesus entdecken. Nämlich dort, wo er die selbe Motivation, den selben Willen etc. in sich spürt, der auch Jesus angeleitet hat.«

 

Den Willen spürt man nicht, man hat ihn – indem man handelt, nämlich will. Das Wollen ist ein Akt. In einem solchen Akt entscheide ich mich gegen oder – kraft der Gnade – für den Willen Gottes.

 

»Zugleich ist dies der Wille Gottes bzw. die Gegenwart Gottes in ihm (auch wieder nicht monolit‹h›isch: Es gibt zwei Willen, die aber inhaltsidentisch sind). «

 

Auf den ersten Blick scheint dies korrekt zu sein – für den Fall, daß einer dem Willen Gottes kraft der zuvorkommenden Gnade zustimmt. Jedoch ist jeder Wille notwendigerweise auf ein Ziel gerichtet. Dieses Ziel aber kann beim Willen Gottes und eines Menschen nicht dasselbe sein: aus dem einfachen Grunde, daß der Mensch das Ziel nicht kennt, daß Gott bestimmt hat. Unser Wissen ist begrenzt, darum kann unser Wille auch nur bis zu dieser Grenze reichen, im besten Fall: vollständige und gehorsame Unterordnung unter den Willen Gottes – ohne daß man mehr als den nächsten Schritt zu kennen bestrebt sei.

 

»B) Ein Christ kann nicht sagen: Jesus war nichts als ein normaler oder besonderer Mensch.«

 

Korrekt.

 

»Richtig ist, daß Jesus ein Mensch war. Diese Aussage stimmt zu 100 %.«

 

Korrekt.

 

»Aber: Wegen der inhaltlichen Identität ist im Wesen Jesu Gott aut‹h›entisch erfahrbar. Dies unterscheidet ihn von anderen Menschen (Sündern). «

 

Was denn nun, »Wesen« oder »Wille«? Und wie komme ich in das »Wesen Jesu« hinein? – Laberquark.

 

»c) Ein Christ kann nicht sagen: Ich befolge den Willen Gottes, aber nicht den Willen Jesu.«

 

Korrekt.

 

»Wegen der inhaltlichen Identität kann ich gleichberechtigt sagen: "Ich höre die Worte Jesu" und "ich höre Gottes Wort".«

 

Jesus ist Gottes Wort. Seinem Wesen nach.

 

»In gleichem Maße, wie ich die Worte Jesu verstehe bzw. mißverstehe, verstehe bzw. mißverstehe ich das Wort Gottes.«

 

Nicht: »in gleichem Maße«, sondern: »indem«.

 

»Insofern kann ein Christ sagen: Jesus ist Gott. Wer ihn sieht/hört (kurz: wahrnimmt), sieht/hört den Vater. «

 

Nicht »insofern« – angesichts der Darlegungen des Verfassers könnte das überhaupt kein normaler Mensch mehr sagen –, sondern ganz einfach so, wie es dasteht. Wie es der Herr selber gesagt hat. Jesus ist Gott. Wer Ihn sieht, den Sohn, sieht den Vater. Basta. Mehr bedarf es nicht. Das versteht ein Kind.

 

»[...] Wenn Du sagst: "Gott hat braune Augen, weil Jesus braune Augen hatte", oder "Gott ist am Kreuz gestorben und der Himmel war am Karfreitag abend leer", dann bist Du in monophysitische Gedanken abgeglitten.«

 

Was ein rechter Monophysit ist, würde angesichts solcher Vorhaltungen wohl verständnislos nach Luft schnappen. Soll das eine Karikatur sein – dann wäre sie mehr als dümmlich –, oder meint der Verfasser es ernst? Ich befürchte das zweite.

 

»Wenn Du sagst: Das Wesen Jesu (nicht aber seine Person) ist 100% das Wesen Gottes, dann liegst Du auf der Linie der Konzilien, der ich mich anschließe. «

 

Es wird immer konfuser. Was versteht der Verfasser solcher Sätze eigentlich unter dem Begriff „Wesen“? Mir will fast scheinen, das gehe in dieselbe Richtung, als ob ich zu meiner Flamme sagte: »Gnädiges Fräulein, Sie haben ein solch bezauberndes Wesen.« Leider ist das bloß Gewese.

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Guest Ketelhohn

»Ach, Robert. An dieses Zitat schließen sich dann einige Ausgrenzungen meiner Person an. Überhaupt hab ich die meisten Deiner Ausgrenzungen und Verdächtigungen hier nicht zitiert« (Mecky).

 

Dazu noch ein persönliches Wort, Mecky. Du bist Spezialist darin, mit unklaren Begriffen wortreich den Glauben in Nebelschwaden aufzulösen. Du kannst Begriffe verwenden, die nahezu völlig der Orthodoxie konform sind und der apostolischen Überlieferung entsprechen. Wendet man jedoch das Blatt, treten gegenteilige Inhalte zutage und man meint, bald einen Arianer, bald einen Adoptianisten, bald einen Pelagianer reden zu hören: die Methode der Modernisten, wie der heilige Pius X. sie in Pascendi Dominici gregis beschrieb – und die schlimmste Gefahr für die Kirche nannte.

 

Darum ist es nötig, dich hart anzufassen. – Doch wozu? – Wer zur Kirche kommt, um die Taufe zu begehren, der kann sie nicht einfach so bekommen. Die Kirche fragt ihn: »Was begehrst du von der heiligen Kirche Gottes?« Und er erwidert: »Den Glauben.« – »Was gibt dir der Glaube?« – »Das ewige Leben.« – Dann trittst du ins Katechumenat ein und empfängst den Glauben. Du empfängst. Und du gibst wieder, was du empfangen hast, und bekennst. Die Kirche prüft dich. Erst dann kannst du die Taufe empfangen und wirst in die Mysterien eingeführt: in die Sakramente.

 

Bist du als Kind getauft worden, so haben deine Eltern und dein Pate stellvertretend für dich den Glauben bekannt und versprochen, deine Erziehung gleichsam als nachträgliches Katechumenat zu gestalten, um dir den Glauben zu übergeben. Wo diese postbaptismale Übergabe des Glaubens (die traditio symboli) an das Kind versagt hat – was hier und heute, Gott sei es geklagt, die Regel ist –, ist der Erwachsene, wenn er Christ sein will, gerufen, zur Kirche zu gehen, um den Glauben zu empfangen.

 

Die Wege solcher verspäteten Übergabe des Glaubens sind sehr verschieden. Hart sind sie alle. Gesegnet, wer als Kind von gläubigen Eltern den Glauben empfing. Doch die Kirche ruft alle, und dem Arbeiter, der als letzter kommt, ist kein geringerer Lohn verheißen. Dies Forum hier ist gewiß kein solcher Weg. Doch damit auch hier der Ruf der Kirche erschalle, leihen einige Brüder ihr, unserer Mutter, unsere unwürdige, allzu oft häßliche, schrille, heisere und mißtönende Stimme; darunter auch ich. Der Geist Gottes ersetzt, wessen wir ermangeln.

 

Der Ruf ergeht an dich. Die Kirche legt dir den Glauben vor. – Du wendest ein, die Trinität sei so schwer zu begreifen. Du versuchest, sie gedanklich zu durchdringen. – Ich entgegne dir: Wer hat dich gelehrt, daß der Glaube bei der Trinität beginne? Wer hat dir eingeflüstert, du müssest Gottes Wesen begreifen? Wenn du fragst, legt die Kirche dir vor, was du wissen kannst und glauben sollst. Dajenu – das ist genug.

 

Nimmst du das an? Du hast nicht auf meine gestrige Frage geantwortet: Glaubst du, daß Maria Gott geboren hat? – Ich weiß, daß es dir schwerfällt, dazu ja zu sagen.

 

»Und es bedarf einigen Nachdenkens um zu überlegen, was geschieht, wenn der transzendente, ewige Gott in unsere Welt einkehrt.«

 

Nein, es bedarf des Hörens. Des Hörens und des Gehorsams. Also was geschieht? Er wird Mensch. Der ewige Gott kommt ins Fleisch und wird Mensch. Wer Ohren hat, der höre.

 

»Die Gottheit Jesu allerdings an seinem Bart festzumachen, wäre Unfug. Ob Jesus nun einen Bart trug oder nicht, ist für seine Göttlichkeit von keinerlei Relevanz.«

 

Merkst du nicht, wie du fliehst, vor der gestellten Frage wegläufst?

 

Auf theologisch-philosophische Grundsatzfragen gehe ich nach all dem nicht weiter ein. Um der sachlichen Richtigkeit willen sei nur darauf hingewiesen, daß du immer noch Monophysitismus und Monarchianismus verwechselst. Aber das bloß am Rande. Ach ja, eine deiner Fragen verdient noch tiefere Antwort:

 

»Woran erkennt man das göttliche Wesen Jesu?«

 

»Da spricht er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel« (Mt 16,15-17).

 

»Die Antwort: "Weil es in der Bibel steht!" würde mir übrigens nicht genügen, weil ich weiterfragen würde, woran es denn die Bibelschreiber erkannt haben.«

 

»Denn nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel.«

 

»Und ich frage so lange nach, bis geerdete Sätze herauskommen.«

 

»Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott« (Jo 20,28).

 

»Geerdete Sätze!«

 

»Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig« (Jo 20,27).

 

Auf die weiteren Fragen nach der „Natur“ oder dem „Wesen“ Gottes antworte ich nicht. Thomas, der Didymus, hat in der Seitenwunde die Natur Gottes berührt. Mehr weiß ich nicht. Du aber höre hier auf zu fragen. Mehr zu wissen frommt dir nicht. Du willst ganze Spanferkel fressen und hast noch nicht einmal Milchzähne. Trink die Muttermilch, die die Kirche dir gibt.

 

Ich habe dich gestern mit der Mutterbrust der Kirche an die Lippen zu rühren versucht: Wohlan, »so verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge Mir nach.« Du hast noch nicht davon getrunken. Vielleicht mißverstehst du das Wort als ein moralisches Präzept; oder als Beschreibung eines Sonderwegs für einige besonders Auserwählte. Falsch. Darum noch einmal im Zusammenhang:

 

»Und siehe, einer trat herzu und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich Gutes tun, um das ewige Leben zu erlangen? Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem Guten? Es ist nur Einer gut! Willst du aber in das Leben eingehen, so halte die Gebote! Er spricht zu ihm: Welche? Jesus antwortet: Das: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht falsches Zeugnis reden! Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der Jüngling spricht zu ihm: Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch? Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als aber der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter« (Mt 19,16-22).

 

Dieser junge Mann bin ich und bist du. Jesus redet klar und deutlich. Wer Ohren hat, der höre. – Auch die andere Brust will ich dir reichen:

 

»Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und die Mutter, Weib und Kinder, Brüder und Schwestern haßt, dazu aber auch seine eigene Seele, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir her kommt, der kann nicht mein Jünger sein« (Lc 14,26-27).

 

Ich kenne nicht deine Familie und deine persönlichen Beziehungen. Wohl aber das, was du hier schreibend von dir selbst offenbarst. Darum sage ich dir: Hasse deine eigene Seele. Hasse deinen grübelnden Sinn, der immer höher steigen will und sich dabei immer tiefer vergräbt und einsinkt im Morast des Unverständnisses. Der Herr will nicht, daß du Philosoph werdest, sondern Christ. Nicht die vermeintlich höhere Erkenntnis, nach der du strebst, nicht die Anerkennung der Bewunderer und nicht die Liebe der Familie bringen dich dem Reich Gottes näher. Hasse deine eigene Seele.

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Zitat von Lichtlein am 21:39 - 18.Februar.2003

die postings sind zum Teil jetzt wieder in der Arena zu finden - im originären Zusammenhang - soweit sie im "Auferstehung: Zweifel ..."-Thread waren.


inzwischen habe ich komplett den Überblick verloren über die diversen Auferstehungs-Threads und den Zusammenhang der Diskussion:-)

 

naja, nicht so schlimm.

 

Hauptsache, Christus ist auferstanden.

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Guest Ketelhohn

»Die Authenzität des Thomasevangeliums ist heute unter Gelehrten unumstritten. Forscher haben festgestellt, dass die Texte nicht aus der Quelle Q stammen, sondern dass es sich um ein unabhängiges Evangelium handelt, das in Teilen genauso alt oder älter ist, als die Quelle Q« (Helmut Felzmann).

 

Das koptische sogenannte Thomas-Evangelium, 1946 in Nag Hammadi entdeckt, ist tatsächlich eine interessante Quelle. Es gehört zweifellos in gnostisch-vormanichäischen Kontext und ist vermutlich syrischen Ursprung. Die Originalsprache dürfte Griechisch sein, mithin von den drei bekannten Papyrus-Fragmenten repräsentiert werden, die man nach dem Fund des vollständigen koptischen Textes zuzuordnen vermochte.

 

Von der Textgattung her handelt es sich um eine Spruchsammlung. Der Verfasser gibt diese Sprüche als Worte Jesu aus. Ein Teil ist aus den Evangelien bekannt – aber großenteils gnostisch überformt, modifiziert oder erweitert – oder zeigt zumindest Anklänge an Evangelienworte. Ein Teil der Sprüche hat Parallelen nicht in den Evangelien, sondern in anderen gnostisch-apokryphen Schriften, ein beträchtlicher Teil entbehrt jedoch auch jeder anderweitigen Bezeugung. Einige Beispiele mögen auf den Charakter dieses gnostischen Werks einstimmen:

 

Nr. 12: Die Jünger sagten zu Jesus: Wir wissen, daß du uns verlassen wirst; wer ist es, der groß über uns werden wird? Jesus sagte zu ihnen: Da, wo ihr hingegangen sein werdet, werdet ihr auf Jakobus, den Gerechten, zugehen, für den Himmel und Erde gemacht worden sind.

 

Nr. 13: Jesus sagte zu seinen Jüngern: Vergleicht mich, sagt mir, wem ich gleiche. Simon Petrus sagte zu ihm: Du gleichst einem gerechten Engel. Matthäus sagte zu ihm: Du gleichst einem weisen Philosophen. Thomas sagte zu ihm: Meister, mein Mund wird es absolut nicht zulassen, daß ich sage, wem du gleichst. Jesus sagte: Ich bin nicht dein Meister, denn du hast dich berauscht an der sprudelnden Quelle, die ich hervorströmen ließ. Und er nahm ihn und zog sich zurück und sagte ihm drei Worte. Als Thomas aber zu seinen Gefährten zurückgekehrt war, fragten sie ihn: Was hat dir Jesus gesagt? Thomas sagte zu ihnen: Wenn ich euch eines der Worte sage, die er mir gesagt hat, werdet ihr Steine nehmen und sie gegen mich werfen, und ein Feuer wird aus den Steinen hervorkommen und euch verbrennen.

 

Nr. 30: Jesus sagte: Wo drei Götter sind, da sind es Götter; wo zwei oder einer ist, da werde ich mit ihm sein.

 

Nr. 61: Jesus sagte: Zwei werden ruhen auf einem Bett, einer wird sterben, der andere wird leben. Salome sagte: Wer bist du, Mensch, wessen Sohn? Du bist auf mein Bett gestiegen und hast an meinem Tisch gegessen. Jesus sagte zu ihr: Ich bin der, der aus dem hervorkommt, der gleich ist; es sind mir Dinge meines Vaters gegeben. Salome sagte: ich bin deine Jüngerin. Jesus sagte zu ihr: Darum sage ich: Wenn er gleich ist, ist er voller Licht; aber wenn er geteilt ist, wird er voller Dunkelheit sein.

 

Nr. 75: Jesus sagte: Es gibt viele, die an der Tür stehen, aber es sind die Einsamen, die in das Brautgemach eintreten werden.

 

Nr. 87: Jesus sagte: Elend ist der Leib, der von einem Leib abhängig ist, und elend ist die Seele, die von diesen beiden abhängt.

 

Nr. 114: Simon Petrus sagte zu ihnen: Mariham soll aus unserer Mitte fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sagte: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist wird, vergleichbar mit euch Männern. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Himmelreich gelangen.

 

Diese Beispiele will ich nicht im einzelnen erörtern, bloß einzelne Hinweise daran knüpfen. Die Datierung der Schrift ist umstritten und hängt mit der Frage zusammen, ob die Evangelien als bekannt vorausgesetzt werden oder aber das Thomas-Evangelium als unabhängige, parallele oder gar vorgängige Quelle angesehen wird. Die obigen Beispiele zeigen, daß wir jedenfalls zweierlei voraussetzen können: Erstens muß dem Verfasser der trinitarische Gottesbegriff der Christen bekannt gewesen sein – denn dagegen wendet sich polemisch Nr. 30 –; zweitens muß der „Herrenbruder“ Jacobus das Martyrium bereits erlitten haben (vgl. Nr. 12).

 

Es läßt sich aber noch mehr sagen. Die These einer mündlichen Parallelüberlieferung – parallel etwa zu der angeblichen Logienquelle Q, die in die synoptischen Evangelien eingeflossen sein soll – ist nicht plausibel. Zu offenkundig sind die Zusätze und Bearbeitungen bekannter Worte in gnostischem Sinn. Aber nicht nur die gnostische Umdeutung fällt auf, sondern auch die konsequente Eliminierung jeglichen historischen Zusammenhangs: Während in den Evangelien die überlieferten Worte Jesu im Zusammenhang der jeweiligen historischen Situation stehen, wird dies von Thomas-Evangelium strikt ausgeblendet. Insbesondere fällt auf, daß jeder Hinweis auf Geburt, Leiden, Tod und Auferstehung fehlt.

 

Die Spruchsammlung also, die übrigbleibt, könnte – derart von Geschichtlichkeit befreit – als zeitlose Weisheitslitteratur im Stile der jüdisch-alttestamentlichen Spruchguts erscheinen. Der Vergleich – den im einzelnen vorzuführen ich mir spare – zeigt jedoch sogleich, daß es um ganz anderes geht. Die Weisheitsbücher wollen eben Weisheit vermitteln, überwiegen sehr praktisch-konkret, teils auch philosophisch, namentlich im Buch der Weisheit. Das Thomas-Evangelium dagegen präsentiert sich als Träger verhüllter Geheimlehren. Nr. 13 spricht das explizit aus, das gesamte Thomas-Evangelium praktiziert die Methode: Das Eigentliche bleibt ungesagt.

 

Da also die Evangelien als bekannt und verbreitet vorauszusetzen sind – auch das Johannesevangelium: allein schon, aber nicht nur, wegen der Selbstbezeichnung des Verfassers als „Thomas Judas Didymus“ –, kann das Abfassungsdatum frühestens Anfang des zweiten Jahrhunderts liegen. [Anmerkung für Chronologieunkundige: Das sind Pi mal Daumen die Jahre, die drei Ziffern haben und mit der Eins beginnen. Außer dem Jahr 100, dafür kommt 200 hinzu.] Zu Anfang des dritten Jahrhunderts war das Thomas-Evangelium bereits bekannt, wie Hippolyt und Origenes bezeugen. Die ebenfalls in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts entstandenen „Thomas-Akten“ – möglicherweise unmittelbar manichäischer Herkunft, jedenfalls von Mani in seinen Kanon aufgenommen – machen vom Thomas-Evangelium bereits Gebrauch.

 

Damit ist die Entstehungszeit des Thomas-Evangeliums jedenfalls auf das zweite Jahrhundert einzugrenzen: ohnehin das Jahrhundert der Gnosis, eines Marcion, eines Valentin und vieler weiterer Schöpfer dualistischer, hochspekulativer Lehrgebäude. Die antignostischen Schriften orthodoxer Provenienz – wie die fünf Bücher adversus hæreses des Irenæus von Lyon – geben uns, abegesehen von Einzelheiten der Lehre, ein vielfach recht anschauliches Bild vom Wirken dieser gnostischen Meister. Die Wirkungsgeschichte beginnt oft mit dem Ausschluß aus der Kirche, so bei Marcion und wahrscheinlich auch Valentin. Sie entfalteten darauf intensive Propagandatätigkeit und errichteten eigene Gemeindestrukturen.

 

Dies ist ein wichtiger Umstand: Denn von Anfang an standen diese gnostischen Gruppierungen neben der Kirche, die sie ablehnten. Die Trennlinie war klar. Indem die Orthodoxie sich im polemischen Schriften gegen die Gnosis wandte, bekämpfte sie keine Häresie im Innern, sondern eine außerhalb stehende Konkurrenz – anders also, als später in der Auseinandersetzung um den Origenismus oder im Kampf gegen Arianer und Pelagianer.

 

Darum ist die Idee abwegig, es habe damals sozusagen eine ganze Anzahl unterschiedlicher Strömungen und Denkrichtungen im Christentum gegeben, aus der nur mehr oder weniger zufällig eine – die „orthodoxe“ – als Siegerin hervorgegangen sei, während das Thomas-Evangelium eine andere repräsentiere, aus der sich der aufgeklärte Mensch heute natürlich wieder bedienen dürfe. Nein, es gab eine Linie direkter Fortsetzung und Nachfolge der Apostel und Evangelisten, und es gab zahlreiche Lehrer von eigenen Gnaden, die ihren ganz besonderen esoterischen Heilsweg lehrten und sich dabei nach Bedarf aus der kirchlichen Überlieferung ebenso bedienten wie aus philosophischen Quellen und manchen östlichen Kulten.

 

Unbegründet ist aber auch die Freude manches kritizistischen Exegeten, das Thomas-Evangelium sei als authentische Logienquelle „Th“ nun gleichsam der schlagende Beweis für die Existenz der frühchristlichen Litteraturgattung der Spruchsammlung und untermauere damit die These von der Logienquelle „Q“. Das Gegenteil ist der Fall. Das Thomas-Evangelium zeigt nämlich gerade die gnostische Methode im Kontrast zu den Evangelien auf: Diese berichten Geschichten und Ereignisse, die Gnostiker nur Wortgeklingel. Das Herrenwort hat bei den Evangelisten seinen „Sitz im Leben“, in der Geschichte, in konkreten Situationen. In den Evangelien handelt der Herr, im Thomas-Evangelium raunt er. In den Evangelien bringt er sich selbst dar, für die Gnostiker deutet er wer weiß wohin.

 

Das kann auch gar nicht verwundern. Denn wie uns die ältesten Quellen über die Abfassung der Evangelien bezeugen, sind sie gleichsam aus der lebendigen Katechese der Apostel erwachsen. Matthæus hat ursprünglich für die Juden in Palästina auf aramäisch aufgeschrieben, was die Urgemeinde den Neugierigen und Interessenten erzählte. Marcus hielt in Rom schriftlich fest, was Petrus dort verkündete. Lucas hatte vor allem die Predigt des Paulus gehört und bei Bedarf auch verdolmetscht, bemühte sich aber, noch weitere Zeugen auszufragen und verfaßte so im engeren Sinne ein Geschichtswerk, ja er führte die Geschichte fort, indem er über die Zeit der ersten Verkündigung selbst berichtete. Johannes endlich ergänzte als Greis das in den Schriften der drei andern Festgehaltene noch aus persönlicher Erinnerung dazu die inzwischen ausgebildete theologische Deutung.

 

Das wesentliche dieser frühen Katechese ist die Verkündigung zentralen Heilsereignisse. Ohne Zweifel haben da die Worte des Herrn besondere Bedeutung, aber sie hätten diese Bedeutung nicht ohne das, was die Apostel gesehen und erlebt haben. Man lese die Urkatechesen des Petrus, Stephanus und Paulus: Lucas teilt sie mit in der Apostelgeschichte bei der Schilderung von Pfingsten, der Steinigung Stephans, Pauli Rede vor dem Areopag und desselben Verteidigung vor Festus und Agrippa. Dazu kommt des Apostels eigene ausführliche Katechese im Hebräerbrief, den ja vielleicht auch Lucas übersetzt hat.

 

All diese Verkündigung ist strikt historisch. Die Geschichte des Alten Bundes war schon geschrieben, nicht aber die Geschichte Jesu. Unvorstellbar, daß man diese nicht weiterüberliefert hätte an alle, die zum Glauben kamen. Worte und Werke. – Aber die historisch-kritische Exegese hat uns doch die Abhängigkeiten der Evangelisten gezeigt – mag da einer einwenden –, ohne die gemeinsame Logienquelle sind die synoptischen Texte gar nicht erklärbar! – Falsch. Nichts ist leichter erklärbar: Denn zunächst verkündeten die Apostel gemeinsam. Im Heiligen Land. Man redete über das Geschehene und berichtete es weiter.

 

Wie sollte da nicht ein gemeinsamer Grundstock an Einzelepisoden sich herausbilden? Die gewiß auch einmal unterschiedlich angeordnet werden können, mehr oder minder vollständig und ausführlich wiedergegeben oder in der Wortwahl schwankend, zumal bei Übersetzung in eine fremde Sprache, aber im Kern ein und denselben Inhalt haben? Woher sollte das Interesse kommen, eine reine Spruchsammlung aufzustellen, wenn man Jesus nicht für einen Weisheitslehrer, sondern für den kraft seiner Auferstehung lebendigen Messias hielt?

 

All diese vermeintlich historisch-kritischen Konstrukte überzeugen nicht. Denn sie beachten nicht die tatsächliche Situation der Apostel und Evangelisten, ihr Leben, ihr Interesse. Vielmehr trägt hier der Exeget anachronistisch seine eigene Vorstellung in die Geschichte hinein. Welcher Art diese Vorstellungen sind, eben dies illustriert uns das gnostische Thomas-Evangelium als die Logienquelle. Es sind gnostische Vorstellungen. Auch und gerade bei den berühmtesten Vertretern der Zunft. Kein Zufall, daß gerade ein Adolf von Harnack die Rehabilitation Marcions unternahm. Die Kirche dagegen hält an der Tradition der Apostel fest. Das walte der Heilige Geist.

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Guest Ketelhohn

»Kannst du mal die Quelle deines Textes nennen?«

 

Ich pflege meine Beiträge selber zu verbrechen. Koptisch kann ich freilich nicht, wie Scherzkeks Lucia mutmaßt, auch kein Amharisch, Syrisch oder Hebräisch, um das einmal klarzustellen. Darum habe ich oben auch keine Detailprobleme einzelner Pseudothomas-Logien erörtert. Für eine Gesamtbeurteilung genügt aber allemal eine halbwegs zuverlässige deutsche Übersetzung. Für jede Faktenangabe hier Quellenangaben zu bringen, wäre wohl reichlich überkandidelt; derlei gehört in die Fußnoten wissenschaftlicher Arbeiten, nicht in Beiträge eines Diskussionsforums. Wenn einer von mir behauptete Fakten bezweifelt – Fakten, nicht Urteile –, dann möge er mich im Einzelfall unter entsprechender Begründung nach der Quelle meiner Behauptung fragen.

 

Da ich oben einige Aspekte übergangen hatte, um den Beitrag nicht endlos auszuwalzen, dadurch in einem Punkt aber auch unpräzis war, möchte ich heute eine Ergänzung nachschieben. Im wesentlichen habe ich gestern die Unplausibilität der These von den Logiensammlungen als frühester schriftlicher Jesus-Überlieferung dargelegt. Dazu soll auch das sogenannte Thomas-Evangelium gehören, das einen Traditionsstrang neben jenen andern repräsentiere, die dann später eingeflossen seien in die Evangelienüberlieferung der durch historischen Zufall siegreichen „orthodoxen“ Richtung. Diese These also kann keineswegs überzeugen, wie ich ausgeführt habe.

 

Hierzu bin ich auch auf einige Fragen der Datierung eingegangen. Unbestritten sind dabei, soweit ich sehe, die Referenzen auf das Pseudothomas-Evangelium in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts bei Hippolyt, Origenes und in den gnostischen Thomas-Akten, mithin der terminus ad quem. Dasselbe gilt vom Martyrium des „Herrenbruders“ Jacobus als terminus a quo. Ausgeklammert hatte ich aber die verwickelte Problematik der Thomastraditionen. Der Hinweis auf die Selbstbezeichnung des pseudepigraphischen Verfassers als »Didymus Judas Thomas« und das Johannes-Evangelium als Voraussetzung dafür war etwas dürftig.

 

Die Thomas-Legende ist uns vor allem durch die oben erwähnten gnostischen Thomas-Akten überliefert. Einzelheiten sind schwer überprüfbar, aber neben abstrusen Histörchen enthalten diese Akten auch historische Nachrichten, die anderweitig – teils durch Münzfunde – bestätigt werden, so über einen parthischen Fürsten Gundaphar oder Gondophernes, der den nordwestindischen Raum von Afghanistan bis zum Pandschab beherrschte. In Mailapur schließlich in Südindien, bei Madras am Golf von Bengalen, soll Thomas ums Jahr 72 das Martyrium erlitten haben.

 

Nicht die Details, aber wesentliche Eckdaten werden von der westlichen ebenso wie von der indischen Tradition bestätigt. Daß der Apostel Thomas über den syrisch-persischen Raum bis nach Indien hin missioniert habe und dort das Martyrium erlitten, das ist spätestens im vierten Jahrhundert Gemeingut der griechischen ebenso wie der lateinischen Kirche. Am Konzil von Nizäa 325 nahm auch ein chaldäischer Bischof Johannes »von Persien und Indien« teil. Die südindischen „Thomas-Christen“ halten bis heute das Gedächtnis an das Martyrium „ihres“ Apostels Thomas hoch, wobei sich freilich nicht nachweisen läßt, wie weit diese Tradition zurückreicht. Stichhaltige Beweise, daß sie jünger sei, als es ein Martyrium des Thomas im ersten Jahrhundert erforderte, gibt es allerdings auch nicht, insbesondere keine Wiederauffindungsgeschichte, an welche man unter Umständen Zweifel knüpfen könnte, ob nach Jahrhunderten wiederentdeckte Gebeine tatsächlich dieselben seien, für die man sie hielte.

 

In Edessa endlich – heute Urfa genannt, in der bis in die siebziger Jahre überwiegend aramäischen Südosttürkei nahe der syrischen Grenze – verehrte man im vierten Jahrhundert nachweislich Märtyrergebeine als diejenigen des Apostels Thomas. Die spanische Jerusalem-Pilgerin Egeria etwa hat sie dort in den achziger Jahren des vierten Jahrhunderts gesehen. Der dortigen Lokaltradition zufolge, an der zu zweifeln kein Anlaß besteht, wurden die Gebeine des Thomas wohl kurz nach 230 von Osten her – also aus dem persisch-indischen Raum – nach Edessa gebracht. 1258 wurden sie nach Chios transferiert und von dort nach Ortona, wo sie sich noch heute befinden, abgesehen von verschiedenen kleineren Reliquien wie dem Finger des Apostels in Santa Croce di Gerusalemme zu Rom.

 

An den Eckdaten der Thomas-Geschichte zu zweifeln, in denen die verschiedenen Überlieferungen übereinstimmen, besteht somit kein triftiger Grund, auch wenn sie sich nicht mit Gewißheit beweisen lassen. Wie aber, so müssen wir nun fragen, hängt die orthodox-kirchliche Thomas-Tradition mit jener der Gnosis und der Manichäer zusammen? Denn die Überlieferung der Stadt Edessa ist durchaus ebenso gut katholisch wie die griechischen und lateinischen Zeugnisse und die südindisch-malabarische Überlieferung, während die Thomas-Akten gnostisch-manichäisch sind, desgleichen die übrigen unter dem Pseudepigraphon des Thomas laufenden Apokryphen, so unser Thomas-Evangelium, das sogenannte Kindheitsevangelium des Thomas oder das auch nur koptisch in Nag Hammadi überlieferte »Buch des Thomas des Athleten«.

 

Ausgangspunkt der gnostischen Thomas-Tradition ist unbestritten der syrische Raum, vielleicht Edessa selbst, wo zugleich auch eine kirchliche Thomas-Verehrung beheimatet gewesen sein muß, wie die erwähnte Reliquientranslation in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts zeigt. Solcher Reliquienkult ist nun aber gerade keine Sache der Gnosis – ja, es mag sein, daß man kirchlicherseits sogar den Gnostikern des Thomas Gebein gleichsam polemisch vor die Nase setzen wollte –, und tatsächlich ist ja das Pseudothomas-Evangelium, wie wir gesehen haben, auch älter.

 

Voraussetzung gnostischer Thomastümelei ist nicht die Person des Apostels, schon gar nicht sein Gebein. Das Wichtigste ist sein Name: Denn Thomâs dürfte zwar die Kurzform eines griechischen Namens wie Thaumasios darstellen, läßt sich aber auch als aramäisches Thomâ verstehen, was „Zwilling“ bedeutet, auf griechisch DidumoV – der erstmals bei Johannes überlieferte Beiname des Thomas. Die Gnosis stilisiert Thomas zum Zwillingsbruder Jesu. Sie vermengt ihn aber zugleich mit dem Apostel Judas Thaddæus: Nicht umsonst nennt der Verfasser des Pseudothomas-Evangeliums sich »Didymus Judas Thomas«.

 

Die von Euseb referierte Abgar-Legende, die einen angeblichen Briefwechsel zwischen König Abgar V. und Jesus von Nazareth enthält, führt uns der Hintergründen auf die Spur: Thomas habe nach der Himmelfahrt Jesu, dessen Versprechen erfüllend, einen gewissen Thaddæus aus der Schar der siebzig Jünger zur Verkündigung des Evangeliums nach Edessa entsandt. Euseb will selbst eine in syrischer Sprache verfaßte Urkunde mit dem Wortlaut der Schreiben im Archiv von Edessa gefunden haben, deren wörtliche Übersetzung er bringt. Das ist durchaus glaubwürdig, denn wenn Eusebs Urteil auch mitunter höchst einseitig und nicht immer klarsichtig ist, Quellen zitiert er nach allem, was wir überprüfen können, höchst zuverlässig.

 

Nun ist Eusebs Quelle selber in diesem Fall höchst unglaubwürdig; nichtsdestotrotz bezeugt sie das Bestehen einer vorher auch immer sich speisenden Edessener Lokaltradition. Man darf vielleicht annehmen, daß das Königshaus nach der Annahme des Christentums im dritten Jahrhundert versuchte, seinen Ahnherrn protochristlich zu tünchen. Dieser Versuch dürfte aber nur dann Sinn ergeben, wenn die Erinnerung an die Erstverkündigung eines Thaddæus noch bestand, mag es nun einer der Siebzig oder einer der Zwölfe – nämlich Judas Thaddæus, wie die gnostischen Schriften nahelegen – gewesen sein.

 

Wir dürfen wohl den Umkehrschluß ziehen, daß Thomas nicht in Edessa selbst war, sonst hätte man sich gewiß auf ihn selbst berufen. Die besondere Merkwürdigkeit gnostischer Schriften besteht nun darin, daß sie die Person dieses Thaddæus, der in Edessa verkündigt hat, mit jener des zum Zwilling Jesu stilisierten Thomas verschmelzen und angebliche Geheimlehren aufschreiben lassen. Voraussetzung hierfür – um zur Frage der Datierung zurückzukehren – ist gewiß, daß der Apostolat des Thomas im syrisch-persischen Raum bekannt, aber auch abgeschlossen war, also nach seinem Martyrium in den siebziger Jahren. Damit ist die im vorigen Beitrag dargestellte Voraussetzung des Vorliegens der synoptischen Evangelien ebenfalls erfüllt. Frühester Entstehungszeitraum des Pseudothomas-Evangeliums wären somit ungefähr die achtziger Jahre.

 

Die Doppelbezeichnung als »Didymus Thomas« (abgesehen vom zusätzlichen Namen »Judas«) setzt aber sehr wahrscheinlich die Bekannschaft mit dem Johannesevangelium voraus, das erstmals den Apostel so nennt. Damit wären wir Anfang des zweiten Jahrhunderts angelangt. In dieselbe Zeit oder noch später kommen wir aber auch, wenn wir bedenken, daß die Thomas-Judas-Verschmelzung schwer vorstellbar ist, solange die Augenzeugen der apostolischen Zeit noch lebten. Sollte die Mission der Apostel schon um das Jahr 50 nach Edessa und ins östliche Syrien gelangt sein, könnten wir frühestens im zweiten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts den Tod der letzten Augenzeugen uns somit die Abfassung des Pseudothomas-Evangeliums ansetzen. Wahrscheinlicher dürfte ein noch größerer Zeitabstand sein, wozu auch paßte, daß wir erst im Laufe der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts Zeugen für die Existenz dieser Schrift finden.

 

Damit befinden wir uns zeitlich wie räumlich mitten in jener von allerhand Sektierertum geprägten Atmosphäre, aus der bald Mani hervorgehen und seine gnostisch-synkretistische Weltreligion gründen sollte. Ich möchte darum, um zum Abschluß zu kommen, unser Pseudevangelium ungefähr in den beiden letzten Jahrzehnten des zweiten Jahrhunderts ansiedeln, schließe aber eine Entstehung vielleicht sechzig, maximal siebzig Jahre früher oder höchstens zehn Jahre später nicht völlig aus. Jedenfalls aber gehört sie in den Kontext heterodoxer und eigenständig organisierter syrisch-persischer Sekten des zweiten Jahrhunderts, gänzlich losgelöst von der in der Tradition Jesu und der Apostel stehenden frühen Kirche.

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Guest Ketelhohn

»Lieber Robert, obwohl Du uns hier gut über die LXX etc. aufklärst, muß ich Dich auf eine „gewaltige Unkorrektheit“ hinweisen [...]« (Erich im Getümmel der Arena).

 

Lieber Erich, Dein Pawlowscher Reflex ist intakt. – Ich antworte lieber hier, denn mit dem ursprünglichen Thema hatte dein Beitrag nichts zu tun. Auch nicht mit meinem Beitrag übrigens, auf den du dich beziehst. Wie auch immer, eine Richtigstellung tut not.

 

Du bestreitest erstens die Berechtigung, den Namen Palästina für das Heilige Land zu verwenden; zweitens behauptest du, der einzig rechte Name dieses Landes sei Israel und begründest dies mit biblischem Zeugnis; drittens endlich erörterst du die Frage, wem dies Land rechtens gehöre.

 

Ich hatte von „palästinischen Rabbinern“ geredet – woran du deine Polemik festmachst – und damit die geographische Bezeichnung eines bestimmten Überlieferungsstrangs zu geben versucht, unter Verwendung des üblichen, und zwar in der gesamten kirchlichen Tradition ebenso wie im wissenschaftlichen Diskurs bis heute üblichen Begriffs. Näherhin meinte ich jene Tradition, aus welcher nachmals die rabbinische Schule von Tiberias hervorging.

 

Diese Bezeichnung „Palæstina“ geht, wie du zu Recht feststellst, auf den römischen Provinznamen zurück. Insofern zeihst du mich berechtigterweise der Unkorrektheit, denn die römische Provinz dieses Namens wurde erst im zweiten Jahrhundert gebildet, während zu der Zeit, auf die ich mich an der zitierten Stelle bezog (zwischen den Jahren 70 und 100), der offizielle Name Judæa war. Noch etwas früher müßte man von Judæa, Samaria und Galilæa reden, von weiteren Raffinessen abgesehen. Um solche feinen Unterscheidungen ging es mir jedoch nicht, wie aus dem Kontext unschwer ersichtlich, sondern bloß um die grobe geographische Zuordnung.

 

Den Namen Palæstina haben die Römer übrigens aus dem Griechischen übernommen, wo er seinerseits ein aramäisches Lehnwort ist, mit dem man ursprünglich das „Philisterland“ (pelišta’în) an der Küste bezeichnete, also etwa den Landstrich von Gaza bis Joppe. Der Gebrauch der griechischen Verkehrssprache dehnte diese Bezeichnung allmählich aufs ganze Land bis zum Jordan aus, bis die Römer ihn nach 135 als offiziellen Provinznamen übernahmen. Von da hat ihn natürlicherweise die Kirche übernommen, wo er bis heute gilt, so etwa bei der amtlichen Bezeichnung von Diözesen (anders freilich im diplomatischen Verkehr, wo man sich dem jeweiligen status quo anpaßt).

 

„Israel“ ist als Benennung des Landes entgegen deiner Behauptung biblisch nicht belegt. Korrekterweise verweist du darauf, daß an einer Reihe von Stellen nach den deutschen Übersetzungen vom „Land Israel“ die Rede ist (terra Israel, gh Israhl); die weitaus meisten Belege finden sich bei Ezechiel. Ist dir aufgefallen, daß immer dann, wenn das Land gemeint ist, das Wort „Land“ auch ausdrücklich dabeisteht? Sonst ist „Israel“ nämlich erstens der neue Name Jakobs, zweitens – wie auch Jakob – der Name des Volks, das von diesem Patriarchen abstammt.

 

In Wahrheit ist auch in der Verbindung „Land Israel“ nichts anderes gemeint. Die Übersetzung ist allerdings nicht ganz korrekt: Es müßte nämlich eigentlich der Genitiv stehen: „Land Israels, des Volks Israel“. (Strenggenommen müßte auch in der Wendung „Volk Israel“ der Genitiv stehen, denn gemeint ist das Volks Israels, also Jakobs.) Im engeren Sinne wiederum ist mit Israel (Land, Volk Israels) auch nur das Nordreich gemeint, im Gegensatz zum Südreich Juda (auch wieder eigentlich: Reich der Söhne des Juda, des Sohnes Jakobs).

 

Auch daß der Name Palæstina in den Schriften nicht auftauche, ist nicht ganz richtig. In der ursprünglichen Form „Land der Philister“ ist er im Gegenteil sehr häufig, freilich in der oben erläuterten eingeschränkten Bedeutung. Das ist aber nicht entscheidend. Ausschlaggebend ist vielmehr, daß der Name Palæstina seit über 1800 Jahren allgemein gebräuchlich ist. Ich sehe keinen Grund, davon Abstand zu nehmen. Denn der Name Israel hängt am Volk, nicht am Land.

 

Wer aber ist Israel? In Jesus Christus ist offenbar geworden, was zuvor nur Schatten war. Israel nach dem Fleisch ist der Schatten, herstammend aus dem fleischlichen Samen Abrahams. Das geistliche Israel sammelt der Herr aus allen Völkern: die Kirche, das wahre Israels, die Erfüllung der an Abraham ergangenen Verheißung, zahlreich wie der Sand am Meer und die Sterne des Himmels. Mit der Erfüllung in Jesus Christus ist der Tempeldienst aufgehoben, das Volk zerstreut. Der Bund Gottes mit den Juden ist nicht aufgehoben, nein. Er ist erfüllt. Von Anfang an bis jetzt bekehren sich Juden zum Herrn, kehren heim zu ihrem Volk Israel, der Kirche. Noch aber bleibt ein Teil mit Blindheit geschlagen, bis daß die Fülle der Heiden eingegangen sein wird. Dann wird sich auch der rest von Israel bekehren.

 

Jesus Christus aber, der dann im Fleisch wiederkehrt, wird kein irdisches Messias-Reich errichten. Die Gestalt dieser Welt vergeht. Ein neuer Himmel und eine neue Erde wird sein, das Neue Jerusalem – das jetzt schon im Sakrament der Kirche in die Welt hereinbricht – wird vom Himmel herabkommen. Frag mich bloß nicht, wie das genau aussehen wird. Was du dagegen dir vorstellst, ist die Konstruktion des Millenarismus. Das ist nicht die Lehre der Kirche. Die Kirche verurteilt Anhänger millenaristischer Ideen ausdrücklich nicht als Häretiker, aber sie untersagt, den Millenarismus zu lehren.

 

Zu warnen ist vor dem Millenarismus auch deswegen, weil er auf schmalem Grade wandelt, von welchem man allzu leicht in den Abgrund der politisch-religiösen Ideologie abstürzt. Eine solche ist der Zionismus. Damit wären wir dann auch schon bei der Frage, wem das Land Palästina nun gehöre. Erst einmal unserm Gott, sagst du. Nun ja, gewiß. Er hat ja alles erschaffen. In einem andern Sinne freilich ist ein andrer Herr oder Fürst dieser Welt: also auch Israels, des Volks. Ebenso des Landes. Da ist kein Unterschied zwischen Palästina, Österreich und dem Staat der Vatikanstadt. Sie sind als irdische Staaten Babylon. Jerusalem, das ist die Kirche.

 

Weil der irdische Staat nun einmal irdisch ist, sehe ich auch die Frage nach dem rechtmäßigen Eigentümer Palæstinas einzig unter Gesichtspunkten irdischen Rechts. Wo freilich gegensätzliche Rechtspositionen einander widerstreiten, da muß man ganz praktisch einen Ausgleich anstreben, um Frieden zu schaffen.

 

Lieber Erich, Gott hat seine Verheißung erfüllt und Israel das Land gegeben. Wozu das? Damit in der Fülle der Zeit in diesem Land ein junges Mädchen voller Glauben und Gottesfurcht seinem Herrn und Gott durch den Engel der Verkündigung ihr Ja sagen konnte. Weil aber das Volk der Juden in seiner Mehrheit sein Nein dagegengesetzt hat, sind ihm Tempel, Stadt und Land genommen worden. Die aber sich Mariens Ja anschlossen, denen hat der Herr noch Größeres nicht bloß verheißen, sondern ungefragt geschenkt. Sie haben ein neues Land, eine neue Heimat erhalten, gemeinsam mit den übrigen Heiligen aus den Völkern. Mit uns.

 

Herzlichen Gruß von Israelit zu Israelit

Robert


Lieber Erich, lieber Josef, ihr seid zwei grundsätzlichen Fehlurteilen erlegen:

 

Erstens sind die durch die Propheten ergangenen Verheißungen, der Herr werde das verstreute Israel aus allen Völkern wieder versammeln, gemäß dem Glaubenssinn nicht auf das fleischliche Israel zu deuten, sondern auf das geistliche. Jungs, die Trennwand zwischen Juden und Heiden ist eingerissen! Die Söhne Jakobs nach dem Fleisch sind darum doch nicht ausgeschlossen: Im Gegenteil, viele aus den Juden sind bereits im wahren Israel versammelt, vom galiläischen Fischer Petrus bis zu denen, die heute die Taufe nehmen. Und Paulus versichert uns ja, daß am Ende das ganze Israel – hier meint er sein Volk nach dem Fleisch – sich bekehren werde. Ihr aber und ich, wir gehören auch dazu. Dies Verständnis der Propheten, liebe Brüder, lehrt klar und beständig unsere Mutter Kirche, einmütig auch lehren dies die Väter.

 

Zweitens ist der Zionismus eine rein weltliche Ideologie. Ich kann nur davor warnen, daß man sich deren Lehren zueigen mache. Hier lernt von den gläubigen Juden – „Orthodoxe“ pflegt man sie zu heißen –, nicht von den protestantischen Bibelfundamentalisten, welche heute Amerikas Politik dazu bestimmen, dem extremistischen Flügel des Zionismus zu willfahren, der gegenwärtig das Heilige Land beherrscht. Die Früchte sind Krieg und Unterdrückung, Mord und Totschlag. Die Not der Armen und Unterdrückten, der Witwen und Waisen schreit zum Himmel.

 

Erich, du hast meinen Beitrag noch nicht aufmerksam gelesen. Was nämlich den Begriff vom „Land Israel“ betrifft, so habe ich oben ausgeführt, wie er zu verstehen ist: „Land Israels“ müßte man richtigerweise übersetzen, also Genitiv. Und III Rg (1. Kön) 1,3 steht ohnehin was anderes.

 

Was das Eigentum am Land angeht, so kann es schwerlich durch Raub rechtmäßig erworben werden. Soweit die zionistische Siedlungsbewegung Land durch Kauf erworben hat, meinetwegen auch mehr oder minder herrenloses Land ersessen, soweit geht die Sache in Ordnung. Der Flügel allerdings, aus dem der heute herrschende Likud hervorgegangen ist, war von Anfang an terroristisch, verbreitete Angst und Schrecken, vertrieb und ermordete die seit Jahrhunderten das Land bebauenden Menschen. Diese Methode wird von Teilen der Siedlungsbewegung heute mit Unterstützung von Staat und Armee fortgeführt.

 

Das ist Unrecht, himmelschreiendes Unrecht. Solches Unrecht wird auch nicht um einen Deut dadurch gemildert, daß Teile der Gegenseite statt legitimer Verteidigung grausamen Terror üben. Im Gegenteil, auch diese unschuldigen Opfer unter den eigenen Leuten lasten auf dem Schuldkonto jener Führer, die durch Unterdrückung eines andern Volkes aus diesem die grausamen Rächer erwecken.

 

Nur ganz am Rande, lieber Erich, möchte ich deine Nase darauf stoßen, daß die palästinischen Christen, die seit Urzeiten im Lande leben oder lebten – und zwar zum Teil wahrscheinlich auch die Griechen, vor allem aber diejenigen, die durch den Lauf der Geschichte heute weitgehend arabisiert sind –, zu einem guten Teil Nachkommen auch der alten Judenchristen sind.

 

Josef, über Gog und Magog gilt das oben hinsichtlich der Prophetien Gesagte. Es geht um die letzte Verfolgung der Kirche, wie auch Apc 20 offenbart. Zur rechten Einordnung empfehle ich dringend, Augustin civ. Dei XX,11 nachzulesen. Aus solchen Weissagungen konkretes politisches Handeln abzuleiten, ist mehr als gefährlich. Es ist buchstäblich tödlich.

 

Deine Bemerkungen zum Staatsverständnis endlich, Josef, wären ein Thema für sich. Ich versuche, mich auf kurze Anmerkungen zu beschränken. Die von dir beschriebenen „Aufgaben“ des irdischen Staats habe ich ja keineswegs bestritten. Es ging mir um die Feststellung, daß jeder irdische Staat als solcher der Sphäre des »Fürsten dieser Welt« angehört, jener Welt, deren »Gestalt vergeht«. Der irdische Staat ist von Menschen gemacht, geboren aus dem Willen des Mannes. Sein Urbild heißt Babylon, um in der Sprache der Schrift und der Väter zu reden.

 

Dem steht nicht entgegen, daß Paulus mir befiehlt, dem Staat, als meiner von Gott gesetzten Obrigkeit gehorsam zu sein. Damit sagt er nicht, daß diese Obrigkeit gut sei. Darauf kommt es gar nicht an. Das ist dasselbe wie mit dem ungerechten Herrn, dem der Knecht gehorchen soll. Nicht um ein objektives Gut geht es dabei, sondern um meine Bekehrung.

 

Aber natürlich hat der Staat auch eine objektive Aufgabe. Deren Name ist Friede und Recht. In moderner Sprache könnte man diesen traditionellen Begriffen noch die Wohlfahrt der Bürger beigesellen, doch ergibt sie sich ohnehin aus den beiden genannten Zielen. Weil nun aber jeder irdische Staat als Menschenwerk der Sphäre des »Fürsten dieser Welt« angehört, also unter dem Gesetz der Sünde steht, kann er Frieden und Recht auch im besten Falle nur unvollkommen erreichen. Der vollkommene Friede und das wahre Recht sind allein Gottes, ihr Ort ist das Neue Jerusalem.

 

Gewiß aber ist auch eine irdische, also unvollkommene staatliche Ordnung ein Ding, das wir schätzen, dessen wir Gebrauch machen – aber nur Gebrauch, nicht Genuß! –, das uns einen Wandel ohne Verfolgung, die Aufzucht unserer Kinder  und die Verkündigung des Evangeliums ermöglichen soll. Als Christen haben wir, so uns Verantwortung im Staate zuteil wird, die Pflicht, nach diesen Zielen zu streben. Und ebenso gewiß dürfen wir – bei Wahrung der gebotenen Achtung – auch einen ungerechten Herrscher mahnen, an Recht und Frieden zu denken.

 

Zu Recht hat dies zum Beispiel Papst Pius XI. getan, als er die Einführung des Festes Christi des Königs proklamierte, und in zahlreichen weiteren Lehrschreiben zu einzelnen Fragen. Insbesondere die Freiheit der Kirche gilt es stets vom ungerechten Herrscher einzufordern. Im bestvorstellbaren Fall ist der Herrscher selbst ein Heiliger, lebt der Staat mit der Kirche in Harmonie oder Symphonie.

 

Doch selbst in solchem Falle – nur wenige und kurze Zeiten gab es da in der Geschichte der Kirche – bleibt unvollkommen, was der irdische Staat darstellt und gewährt. Es gab freilich immer wieder Vorstellungen, nach denen der ganz christianisierte Staat gleichsam selber in die Kirche eintrete und eins werde mit ihr. Solche „Reichstheologie“ vertrat als erster einflußreicher Theologe schon Euseb von Cæsarea, im Westen bald darauf Optatus von Mileve und Orosius, der kirchenpolitisch für Augustin tätig war, in seinem Geschichtsbuch aber unter Beweis stellt, daß er von Augustins Theologie nichts verstanden hat.

 

Im Grund ist das eine Art Immanentismus. Die Heilserwartung wird in die Welt hinein gezogen. Die Begriffe „Christ“ und „römischer Bürger“ seien nun praktisch schon gleichbedeutend, schwärmt Orosius angesichts der Christianisierung der Imperium Romanum. Die Kirche lehrt aber etwas anderes: Nicht Bürger Roms sind wir, sondern Bürger Jerusalems. Nichtsdestotrotz hat diese „Reichstheologie“ immer neue Anhänger gefunden. Das sogenannte Mittelalter hat beständig gekämpft und geschwankt zwischen solchen – mit der vorhandenen Realität des von Karl dem Großen erneuerten Römerreichs verbundenen – Ideen und der Treue zur Lehre des größten abendländischen Kirchenvaters Augustin.

 

Joachim von Fiore hat das Schema des Immanentismus aufgenommen und auf „links“ und progressiv gewendet weitergetragen. Später hat Lessing sich diese Ideen angeeignet und verbreitet. Der linke Flügel führt endlich zu Marx und Genossen, der konservative zu Hegel und dessen Gefolgen. Doch noch jede Verheißung dieser innerweltlichen Propheten hat sich als falsch erwiesen.

 

Auch die christliche Variante eines Heiligen Reichs trägt heute nicht mehr. Nicht daß das Sacrum Imperium keine heilsgeschichtliche Funktion gehabt hätte. Vorbei, vorbei. Mein Herz blutet darob, aber Gott redet in den Fakten. Und Fakt ist, daß die Kirche zurückgeworfen ist in eine heidnische, feindliche, verfolgende Umwelt. Gog und Magog werden über uns kommen. Über uns, die Kirche, sobald die Tausend Jahre des irdischen Reichs unseres Herrn vorüber sind. Dies Tausendjährige Reich aber ist die Kirche auf Erden, die Kirche als sakramentaler Leib und pilgerndes Volk. Ob diese letzte Verfolgung morgen losbricht oder in tausend Jahren, das weiß keiner von uns.

 

Wir können auf einen neuen Konstantin oder Karl hoffen – Gott weiß, ob Er uns einen erwecken will –, besser aber hoffen wir auf das Horn unseres Heils, das Er bereits erweckt hat aus dem Hause Seines Knechtes David. Diese Frohe Botschaft euch nochmals zu verkündigen bleibt mir allein: Wir sind Israeliten. Denn der Herr hat uns zu Seinem Volk gemacht. Da lebt Israel, wo allezeit Er Sein Opfer bringt auf Calvaria: in der Liturgie der Kirche. Amen.

 

(Geändert von Ketelhohn um 22:00 - 18.Februar.2003)

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Guest Ketelhohn

Es handelt sich um die Homilie Resistite fortes in fide (so die Anfangsworte, nach I Pt 5,9: »widerstehet fest im Glauben«) Pauls VI. vom 29. Juni 1972, gehalten in der Gedächtnismesse anläßlich des 9. Jahrestags seiner Papstkrönung. Daraus folgende Zitate: »Wir haben die Empfindung, daß durch manchen Riß der Rauch Satans in den Tempel Gottes eingedrungen sei. Wir halten dafür, daß in der Welt etwas Außernatürliches aufgetreten sei mit genau dem Ziel, Verwirrung zu stiften, die Früchte des Ökumenische Konzils zu ersticken und zu verhindern, daß die Kirche in den Hymnus der Freude darüber ausbreche, in Fülle das Bewußtsein über sich selbst wiedererlangt zu haben. Eben dazu möchten Wir mehr denn je in diesem Augenblick fähig sein, die von Gott zugewiesene Funktion auszuüben, die Brüder im Glauben zu stärken [vgl. Lk 22,32]. Wir möchten euch dies Charisma der Gewißheit vermitteln, das der Herr demjenigen gibt, der Ihn – auch auf unwürdige Weise – auf dieser Erde vertritt.« Der eingedrungene Rauch Satans bestehe im »Zweifel, in der Ungewißheit, dem Problematisieren, der Unruhe, der Unzufriedenheit, dem Vergleich. Man traut nicht mehr auf die Kirche; man traut dem ersten Propheten«, der da komme, um »ihn zu fragen, ob er die Formel des wahren Lebens habe. Es ist der Zweifel eingetreten in unsere Gewissen, und er ist eingetreten durch Fenster, die vielmehr für das Licht hatten offen sein sollen. ... Man dachte, nach dem Konzil wäre ein sonniger Tag für die Geschichte der Kirche gekommen. Doch gekommen ist ein Tag der Wolken, des Unwetters, der Finsternis, der Suche, der Ungewißheit« (meine Übersetzung nach der italienischen Ausgabe in: Insegnamenti di Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, vol. X, pp. 707-709; das amtliche lateinische Original dürfte in den Acta Apostolicæ Sedis zu finden sein, dem vatikanischen Amtblatt).

 

Problematisch an diesem Text ist die Formulierung von der „Wiedererlangung“ der Bewußtseins der Kirche über sich selbst, sofern sie so im Originaltext enthalten und – wie man verstehen muß – tatsächlich als spezifische Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils gemeint ist. In gewisser Weise ist solche Wiederbewußtwerdung des wahren Wesens und der vom Herrn geschaffenen Gestalt der Kirche eine Aufgabe, die der Kirche zu jeder Zeit neu gestellt ist, denn immer dringt zeitbedingt menschliches Beiwerk ein und wird allzu leicht für göttlich gehalten.

 

So ist Pauls VI. Formulierung vielleicht auch psychologisch zu deuten. Er hatte, wie viele andere, eine solche Erwartung an das von seinem Vorgänger einberufene Konzil: Die Kirche möge von allzumenschlichem Ballast befreit werden, der das Eigentliche verdunkele. Er sah dabei, so scheint mir, im Alten diesen Ballast weitaus größer, als er war und als realistischer Sicht zuträglich gewesen wäre, und wurde so Opfer einer irrational und irreal überhöhten Erwartung an das Neue. Mir scheint, genau diese überhöhte Erwartung ließ jene Risse aufbrechen, durch welche der „Rauch Satans“ eindringen konnte.

 

Paul VI. erscheint so als tragische Gestalt. Den „Rauch Satans“ nimmt er scharfsichtig wahr, versteht jedoch nicht die Ursachen der Krise. Der übersteigerte Zukunftsoptimismus der Konzilszeit – dessen Kehrseite im übrigen eine verdüsterte Sicht der Vergangenheit war, ja eine gewisse Verachtung der Kirche unserer Väter sogar – wird abgelöst von einer aus Enttäuschung geborenen pessimistischen Grundhaltung, in welcher der Papst sich plötzlich mit den erklärten Gegnern des Konzils vereint findet und welche die Freude an der Kirche raubt. Den Hymnus ihrer Freude aber darf und soll und muß die Kirche allezeit jubeln:

Es jauchze nun der Himmel englische Schar,

es jauchzen die göttlichen Mysterien,

und ob solch gewaltigen Königes Siegs

erschalle die Tuba des Heils.

 

Es freue sich auch die Erde, von solchen Blitzen strahlend erhellt,

und, von des ewigen Königs Glanz erleuchtet,

gewahre sie sich: ledig geworden von allen Erdkreises finsterem Nebel.

 

Es frohlocke auch die Mutter Kirche,

von Blitzen geschmückt des gewaltigen Lichts:

und von lauten Stimmen der Völker halle dieser Saal.

...

Dies ist die Nacht,

da Du zuerst unsre Väter, Israels Söhne,

herausgeführt aus Ägypten,

das Rote Meer trockenen Fußes durchqueren ließest.

...

Dies ist die Nacht,

da Christus – zerbrochen die Bande des Todes –

aus der Unterwelt als Sieger emporstieg.

...

O glückliche Schuld,

die einen solchen und gewaltigen Erlöser zu haben verdient hat.

 

O wahrhaft selige Nacht ...

 

Vor solchem Jubel weicht aller Rauch Satans in die Tiefen des Scheol.

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Guest Ketelhohn

»6. Ein solches Beispiel ist das der Interkommunion: Es ist ausdrücklich falsch, zu behaupten, daß diese dogmatisch verboten sei. Richtig ist, daß sie disziplinarisch verboten ist, und zwar gerade, weil hierzu eine abschließende Entscheidung noch nicht gefällt werden kann. Um in dieser Situation der Unklarheit keine falschen Gebräuche einreißen zu lassen, hat der Papst dies verboten. Deswegen ist die Formulierung, daß "wir noch nicht so weit seien", die Interkommunion zu feiern, die einzig präzise. Wahr kann ein Satz nur dann sein, wenn er schon immer und für immer und unter allen Umständen wahr ist. Genau das läßt sich über den Satz "die Interkommunion ist unmöglich bzw. unzulässig" gerade nicht sagen« (Sven Stemmildt).

 

Lieber Sven, während ich dem Rest deines obigen Beitrags cum grano salis beipflichten kann, ja einiges nachdrücklich unterstütze, nötigt der zitierte Absatz mich zu einer eindringlichen correctio fraterna, leider notwendigerweise öffentlich, da auch dein eigener Beitrag mit gewohnter Selbstgewißheit, Wortgewalt und Überzeugungskraft coram publico vorgetragen war. Also nicht bloß dich zu korrigieren fällt mir zu, sondern auch die Brüder vorm Irrtum zu schützen.

 

Zutreffend schreibst du, die „Interkommunion“ sei nicht »dogmatisch verboten«. Wenn die Kirche Handlungen untersagt, dann ist dies immer ein disziplinarischer Akt. Ein Verbot – oder auch Gebot – kann schon rein begrifflich nicht als „Dogma“, als Lehrsatz bezeichnet werden. Allerdings gibt es Handlungen, die als solche bereits in sich schlecht sind. In diesen Fällen kann man schwerlich von einem Verbot durch die Kirche reden. Vielmehr regelt die Kirche bloß, wie im Falle eines solchen Delikts mit dem Delinquenten zu verfahren sei.

 

Falsch ist, daß im Falle der „Interkommunion“ »eine abschließende Entscheidung noch nicht gefällt werden« könne; erst recht, daß »„wir noch [sic!] nicht so weit seien“, die Interkommunion zu feiern«. Diese Formulierung wäre nur dann »die einzig präzise«, wenn die von ihr implizierte Präjudikation künftiger „Interkommunion“ beabsichtigt wäre. Da du aber, lieber Sven, zwei Sätze zuvor behauptest, die Entscheidung sei offen, und du dich schwerlich als Hellseher wirst präsentieren wollen, widersprichst du dir selbst. Willst du neutral formulieren, dann laß Begriffe wie »noch« und »so weit« weg. Sag einfach, »bisher« oder »bis heute« sei „Interkommunion“ nicht erlaubt, um ganz unparteiisch-liberal zu klingen und noch auf allen Stühlen zugleich sitzen zu können.

 

Damit stehen wir dann vor der Frage, ob die Entscheidung tatsächlich noch offen sei, ob mithin die Möglichkeit bestehe, „Interkommunion“ könne künftig einmal „disziplinarisch“ erlaubt werden. Bevor wir die Frage beantworten können, bedarf der Begriff der „Interkommunion“ einer Klärung. Hier wurde er wohl in einem weiteren Sinne gebraucht, der einschließt, was man gewöhnlich „Interzelebration“ nennt – also die gemeinsame Zelebration einer „ökumenischen Abendmahlsfeier“ durch einen katholischen Priester und einen protestantischen Prediger – neben der „Interkommunion“ im engeren Sinne, also der gemeinsamen Teilnahme von Katholiken und Protestanten sei es an der Kommunion in einer katholischen Messe, sei es an einem protestantischen „Abendmahl“. Ausgeklammert bleibe hier zunächst die Betrachtung weiterer christlicher Denominationen, insonderheit der Orthodoxen.

 

Es liegt auf der Hand, daß wir der Antwort nicht näher kommen, solange nicht klar ist, was die Eucharistie der Katholiken und was das „Abendmahl“ der Protestanten eigentlich ist. Das Sakrament ist nach katholischem Glauben kein reines Zeichen. Zeichen wohl – bestehend aus Materie, Form und rechter Absicht der vollziehenden Person –, aber ein wirkmächtiges Zeichen, gemäß dem Prophetenwort: »Denn gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, er habe denn die Erde getränkt und befruchtet und zum Grünen gebracht, daß sie dem Sämann Samen und dem Hungrigen Brot gibt, also soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es soll nicht leer zu mir zurückkehren, sondern ausrichten, was mir gefällt, und durchführen, wozu ich es sende.«

 

Im eucharistischen Sakrament wird die Materie von Weizenbrot und Wein durch die Form der Konsekrationsworte des in kirchlicher Absicht zelebrierenden Apostelnachfolgers, also Bischofs, oder des an seinem Amt teilhabenden Priesters, der Substanz nach zu Leib und Blut Jesu Christi gewandelt, unter Erhaltung der äußeren Gestalten des Brotes und Weins. Da diese Wandlung substantiell ist, bleibt sie nach der liturgischen Handlung erhalten; sie ist gebunden an den vom Herrn bevollmächtigten – nämlich durchs Sakrament der Weihe in der Nachfolge der Apostel stehenden – Liturgen.

 

Dies ist der Glaube der Kirche nach der Überlieferung der Apostel, dies bezeugen schon die Apostolischen Väter, und dies lehrt das einmütige Zeugnis der Kirchenväter. Dies haben alle Ortskirchen, die in der apostolischen Sukzession stehen, stets treu bewahrt, und dies haben mehrere Ökumenische Konzilien und die Inhaber des Stuhles Petri immer wieder bestätigt. Dieser Schatz des Glaubens kann nur treu bewahrt, bezeugt und weitergegeben werden. Er ist der Kirche anvertraut, nicht zur freien Verfügung übereignet. Kein Papst, kein Konzil, keine Macht noch Gewalt kann an ihm etwas ändern.

 

Das „Abendmahl“ der Protestanten ist von Luther – und abermals von weiteren Reformatoren – neu und in gezieltem Gegensatz zum Sakrament der Kirche eingesetzt worden. Daß hier etwas ganz anderes gemeint ist, als was die Kirche glaubt, erhellt schon aus der reformatorischen Lehre, daß zwar auf die eine oder andre, nirgends wirklich klar definierte Weise in der liturgischen Handlung unter den Gestalten von Brot und Wein Jesus Christus vorliege, jedoch beschränkt auf eben die liturgische Handlung. Hernach seien Brot und Wein wieder Brot und Wein, als sei die Vorstellung des Illusionisten beendet und der Vorhang gefallen. An eine Wandlung der Substanz glauben die Protestanten nicht mehr.

 

Darum auch haben sie das Sakrament der Weihe und mit ihm die ganze apostolische Sukzession über Bord geworfen. Luther hat seine Amtsträger selbst eingesetzt oder von Fürsten einsetzen lassen. Dadurch fehlt den Protestanten nun nicht nur der Glaube an die überlieferte apostolische Lehre vom eucharistischen Sakrament, ihnen fehlt vor allem jegliche Vollmacht, dies Sakrament zu vollziehen. Selbst wenn also die Protestanten – oder irgendeine ihrer Gemeinschaften – diese überlieferte apostolische Lehre annähme, änderte das nichts daran, daß mangels apostolischer Sukzession sie weiterhin dieses Sakraments entbehren müßten.

 

Daß einer solchen protestantischen Gemeinschaft von seiten einer in apostolischer Sukzession stehenden Ortskirche – und sei sie auch schismatisch – durch die Weihe von Bischöfen das Sakrament und mit ihm die Sukzession gleichsam wiedereingestiftet würde und sie dennoch für sich und protestantisch bliebe, ist schlechterdings unmöglich. Denn sie träte ja mit einem solchen Akt in die sakramentale Gemeinschaft mit jener Orts- oder Teilkirche ein, von der sie das Sakrament empfinge, wäre also nicht mehr protestantisch. Solche Schritte der Heimkehr gibt es tatsächlich, beschränkt freilich auf seltene Fälle einzelner, kleiner Gemeinden. Zuallermeist sind es jedoch Einzelpersonen, manchmal Familien, die sich bekehren. Daß große protestantische Organisationen sich als solche bekehrten, erscheint völlig undenkbar. Doch selbst wenn sie es täten, kehrten sie dadurch heim in den Schoß der heiligen Mutter Kirche, sie blieben keine Protestanten. Ein anderes ist tatsächlich unmöglich. Die protestantischen Gemeinschaften sind Menschenwerk und können sie sich nicht selbst heilen, selbst wenn sie wollten.

 

Was dies für eine „Interzelebration“ bedeutet, liegt auf der Hand. Es handelt sich um zwei völlig verschiedene Dinge, die man da zu mischen versucht. Der katholische Priester, der das versucht, spiegelt damit aber vor, es handele sich um gleichartige Dinge, und macht sich damit dem Irrtum einer häretischen und schismatischen Gemeinschaft gemein, ja schlimmer noch: Er verbreitet diesen Irrtum selber, indem er die eigenen Gläubigen irreleitet. Er ist nichts anderes, als was die Schrift einen Wolf im Schafspelz nennt. Von solch reißenden Wölfen aber muß man zwingend annehmen, daß sie nicht mehr tun wollen, was die Kirche tut, wenn sie liturgisch handeln, also auch nicht das Sakrament vollziehen. Und zwar gilt diese Vermutung nicht nur für den konkreten Ort jener „Interzelebration“, sondern überall, wo jener Wolf liturgisch handelt, solange er nicht öffentlich Reue und Umkehr kundtut.

 

Mit anderen Worten, bei der „Interzelebration“ handelt es sich um einen häretischen und schismatischen Akt. Wenn der Täter an seinem Tun hartnäckig festhält, sei es im Wort oder in fortgesetzter Tat, verläßt er die Gemeinschaft der Kirche. Die communicatio in sacris mit ihm, also die sakramentale Gemeinschaft, ist nicht möglich, ohne daß man selber ihm in den Irrtum folgte. Daraus ergibt sich nun, daß die disziplinarischen Vorschriften, die die Kirche aufstellt, bloß regeln können, wie man gegebenenfalls mit dem Vergehen umgeht. Daß es aber bei der „Interzelebration“ sich um ein solches handelt, und zwar um ein schweres, ergibt sich aus der Natur der Sache. Die Häresie, das Schisma oder die Apostasie kann die Kirche ebensowenig „erlauben“ wie den Mord, den Ehebruch oder die Sodomie.

 

Gilt dasselbe auch für die „Interkommunion“ in engeren Sinne? – Hinsichtlich der Teilnahme von Katholiken am protestantischen „Abendmahl“ – also nicht der bloßen Anwesenheit bei der Veranstaltung – kann man zu keinem anderen Ergebnis kommen, sofern diese Teilnahme im vollen Bewußtsein der Tragweite des Handelns stattfindet.

 

Differenzierter ist jedoch umgekehrt die Teilnahme von Protestanten an der kirchlichen Eucharistie zu sehen. Zunächst gilt ja, daß jeder Mensch eingeladen ist, in die Kirche Gottes einzutreten. Eintreten kann ich aber nirgends, ohne zu laufen, das heißt: ohne die erforderlichen Schritte in die richtige Richtung zu tun. Insbesondere muß ich durch die Tür eintreten, nicht aber gegen die Wand laufen. Die Tür zur Kirche heißt Taufe.

 

Die Protetanten sind nun aber getauft. – Sind sie dadurch bereits „drinnen“? Nicht vollständig, sie sind gleichsam im Vorhof stehen geblieben. Durch Abschaffung der übrigen Sakramente haben sie sich den Weg zur Liturgie der Gläubigen verbaut. Doch die Kirche wünscht, daß sie den Weg zum Heiligtum finden möchten. Dazu ist es nun aber nötig, daß sie das Heiligtum erkennen, daß sie es anerkennen und daß sie zu ihm gelangen wollen.

 

Konkret bedeutet das, die Lehre der Kirche über die Eucharistie anzunehmen. Letztlich nichts anderes, als „katholisch“ zu sein. Äußere Formalitäten – wie die in Deutschland beim Übertritt von Staats wegen geforderte Erklärung beim Amtsgericht – sind nicht das Entscheidende. Wer aber die kirchliche Lehre über die Eucharistie angenommen hat, der wird kaum mehr an einem protestantischen Abendmahl teilnehmen können, selbst wenn gesellschaftliche oder familiäre Zwänge oder sonstige schwerwiegende Gründe entschuldigen mögen, daß er den Übertritt – die Heimkehr, müssen wir als Katholiken besser sagen – noch nicht formal und amtlich zu vollziehen wagt.

 

Der Priester, der die Liturgie feiert und die Kommunion spendet, wird also im Falle, daß Protestanten teilnehmen und die Kommunion begehren, sorgsam fragen müssen, ob die Voraussetzungen gegeben sind. Er tut gut daran, nichts zu übereilen – denn sonst schadet die vorzeitige Teilnahme dem Kommunikanten mehr, als daß sie nützte –, aber ebenso den die Teilnahme Begehrenden auf seinem Weg zur vollen Gemeinschaft zu begleiten, zu führen und zu stärken.

 

Ganz anders stehen die Dinge, wenn es nicht um „Interkommunion“ oder „Interzelebration“ mit Protestanten geht, sondern mit Orthodoxen. Die bestehenden dogmatischen Differenzen sind geringfügig und meines Erachtens kulturell, historisch und politisch bedingt und damit in der Liebe überwindbar, ohne daß eine Seite tatsächlich gezwungen wäre, ausdrücklich ihre Lehre zu ändern; vor allem aber betreffen sie in keinem Fall die Lehre von den Sakramenten. Es gibt dort unterschiedliche Redeweisen aufgrund verschiedener theologischer Traditionen, aber keine Lehrdifferenzen. Dies wird ausdrücklich gegenseitig anerkannt. Ebenso ist beiderseits die Gültigkeit der apostolischen Sukzession der jeweils andern Seite unbestritten.

 

Wenn ein katholischer und ein orthodoxer Priester die Eucharistie zelebrieren, tun sie also der Substanz nach ganz dasselbe. Das gleichwohl bestehende Schisma wird gewöhnlich auf die Akte gegenseitiger Bannung vor 950 Jahren zurückgeführt. Ganz korrekt ist das nicht, denn die damaligen Bannflüche betrafen erstens nur einzelne Personen – immerhin freilich den Patriarchen von Konstantinopel und die Legaten des Bischofs von Rom –, zweitens wurden sie noch lange Zeit hindurch nicht als wirklich kirchentrennend betrachtet, hinderten also nicht die communicatio in sacris zwischen Gläubigen der griechischen und der lateinischen Tradition. Die Kirchentrennung vollzog sich erst allmählich und gleichsam schleichend. Sie ist heute ein Faktum, das als solches vorliegt, ändert aber nichts an der Substanz der Sakramente.

 

„Interkommunion“ und „Interzelebration“ sind zwischen Orthodoxen und Katholiken darum grundsätzlich möglich. Das Verbot ist hier in der Tat rein disziplinarischer Art. Die individuelle Erlaubnis zur „Interkommunion“ wird mitunter bereits erteilt. „Interzelebration“ bleibt vorerst verboten, ist aber dennoch sogar von Bischöfen vollzogen worden – gewiß beiderseits ein Akt des Ungehorsams, ebenso gewiß keine häretische Tat. Ob aber schismatisch? Kaum, sofern es sich um konzelebrierende Bischöfe handelte, von denen ein jeder den festen Willen hatte, in der Gemeinschaft mit „seinem“ Papst oder mit „seinem“ Patriarchen zu bleiben.

 

Die bestehenden Regeln können hier also geändert werden. Zu erwarten – vielleicht auch zu wünschen – ist dies aber sicherlich erst, wenn in den bestehenden Streitfragen wenigstens soweit Einigung erzielt worden sein wird, daß fortbestehende Unterschiede von den Gläubigen nicht mehr als kirchentrennend empfunden werden.

 

Darum geht es jedoch nicht in der aktuellen Debatte. Leider. Es geht vielmehr darum, daß gewisse Interessengruppen den bevorstehenden sogenannten „Ökumenischen Kirchentag“ dazu mißbrauchen wollen, den apostolischen Glauben der Kirche in die protestantische Pfanne zu hauen. Damit meine ich nicht Gruppierungen wie den unter dem dümmlichen Namen „Kirche von unten“ auftretenden Verein von Tabubrechern, die noch nicht einmal merken, wenn sie als Bauernopfer verheizt werden. Ich meine vielmehr diejenigen, die »Geduld« predigen: »noch« sei »die Zeit nicht reif für die Gemeinschaft am Tisch des Herrn«. Falsch, meine Herren, denn die Gemeinschaft gibt es bereits: Wo immer das Meßopfer gefeiert wird, da öffnet sich der Himmel, und die Gemeinschaft aller Engel und Heiligen jubelt: »Sanctus sanctus sanctus Dominus Deus Sabaoth«.

 

Und abermals falsch, denn für jene Art unrechter Gemeinschaft, die man da für die Zukunft verheißt, wird niemals eine rechte Zeit kommen. Was man mit solchen Reden erreichen kann, ist die Selbstzelebration der Deutschkatholischen Meyer-Lehmann-Kirche. Nichts, was katholischen Namen verdient. Die spannende Frage bei der bevorstehenden Veranstaltung von EKD und Meyers ZK wird sein, ob die Verwirrung und Vernebelung der Wahrheit weiter fortschreitet, oder ob es – kaum ohne heftiges Krachen im Gebälk – zu der so dringend erforderlichen Scheidung der Geister kommt.

 

Dich, lieber Sven, wünsche ich dabei sehnlich auf seiten der Nebelhörner, die laut die Wahrheit in die babylonischen Schwaden der Verwirrung hineintröten.

 

Viele Grüße

Robert

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Guest Ketelhohn

»Daher hat der Heilige Geist unter den Jüngern Jesu e i n e n Menschen ausgewählt, von dem Er - auch erst seit 1870 - sicher sein kann daß er Ihm gehorchen will: Den Papst. Seitdem hält der Heilige Geist alle Veröffentlichungen, die die Päpste als Hirten und Lehrer der Kirche zu machen haben , u n f e h l b a r« (Josef)

»6. Unter den Menschen wählt der Heilige Geist Jene aus, die noch am ehesten bereit sind Ihm zu gehorchen und macht sie zu  H i r t e n  der Christenheit. Den Gehorsamsten den der Heilige Geist finden kann, macht Er zum Papst. Und garantiert - seit 1870 - die Unfehlbarkeit der Päpste, immer dann, wenn sie als Hirten und Lehrer der Christenheit tätig sind. Eine unterschiedliche Bewertung von dogmatischen und disziplinarischen Aussagen und Maßnahmen der Päpste ist daher unzulässig« (ders.).

 

Das ist eine papistische Häresie. Jesus Christus hat unter seinen Jüngern zwölfe besonders ausgewählt und ihnen das Apostelamt anvertraut. Einen unter ihnen hat er nochmals in besonderer Weise zum Knecht aller gemacht: Petrus, den „Felsen“, dem er den Auftrag gab, »die Brüder zu stärken«.

 

Dieser Auftrag ist die Garantie dafür, daß der Bischof von Rom und daß die Gemeinschaft der Apostelnachfolger zusammen mit dem Nachfolger Petri den Glauben bewahrt, wie die Apostel ihn überliefert haben. Darum stärkt der Heilige Geist den Papst und das Kollegium der Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm derart, daß sie nicht irren, wenn sie mit höchster Lehrautorität „ex cathedra“ reden.

 

Dies natürlich zu jeder Zeit, nicht erst seit 1870. Diese Vorstellung, 1870 sei erst die päpstliche Unfehlbarkeit geboren worden, ist im übrigen nicht bloß wider die gesunde katholische Lehre, sondern auch gegen den gesunden Menschenverstand. Ein klassischer Fall des morbus Münchhausensis: Der Papst hätte sich seine eigene Unfehlbarkeit ja selber erschaffen, hätte sie nicht schon zuvor bestanden. Anders gesagt, die Infallibilitätsdefinition müßte selbst noch fehlbar sein, womit die Katze sich in den Schwanz bisse.

 

Vor allem aber ist die Vorstellung grober Unfug, jeder Pups des Papstes sei unfehlbar. Manche Päpste waren eine ziemliche Katastrophe. Ja, möglicherweise waren welche sogar völlig ungläubig. Einige schwankten angesichts von Häresien, leisteten häretischem Gedankengut durch ihre Kirchenpolitik praktisch Vorschub. Auch nach 1870. Und vorher. Manche Päpste waren üble Prasser, Säufer, Hurenböcke. Und so weiter. Na und? Warum sollten sie anders sein als wir? Dennoch haben sie die ihnen anvertraute Herde immer den Glauben der Kirche gelehrt, wenn sie mit höchster Lehrgewalt redeten. Darum geht es.

 

Manche Päpste muß man allerdings hart angehen, bis sie das Rechte tun oder sprechen. Gehorsam? Na ja. Ich könnte haufenweise Päpste aufzählen, die den Heiligen Geist einen guten Mann sein ließen, bis der soundsovielte Nachfolger endlich reagierte. Auch der gegenwärtige Bischof von Rom liegt nach meiner Überzeugung in einigen – und zwar nicht nebensächlichen – Fragen grundfalsch. Ich bin wohl verpflichtet anzunehmen, was mein Bischof und was der Papst rät und vertritt. Wenn ich allerdings nach gründlicher und gewissenhafter Prüfung zu dem Ergebnis komme, daß er irrt und daß dieser Irrtum schwerwiegenden Schaden verursachen kann, dann muß ich mich offen dagegenstellen und – meinem Gewissen folgend, eins mit dem von den Aposteln her überlieferten Glauben der Kirche – von der Wahrheit Zeugnis geben. Die Assisi-Treffen sind ein konkretes Beispiel. Ein anderes ist die sogenannte „große Vergebungsbitte“.

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