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Gesammelte Antworten


Gast Ketelhohn

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ParJenoV bedeutet zwar nicht unbedingt immer stricto sensu „Jungfrau“, sondern kann auch allgemeiner im Sinne von „junges Mädchen“ verwendet werden. Die spezifische Bedeutung Jungfrau überwiegt aber sehr deutlich, stärker als beim hebräischen „alma“. Die hellenistischen Juden haben damit ihre Interpretation der hebräischen Stelle gegeben.

 

Ohne weiteren Kontext muß der griechische Leser oder Hörer verstehen, daß der verheißene Knabe von einer unverheirateten Frau oder Jungfrau geboren würde. Anders ergäbe die Verwendung des in diesem Zusammenhang auffälligen Wortes keinen Sinn. Daß das so ins Griechische übersetzt wurde, zeigt, daß man es auf hebräisch ebenso verstand.

 

»Bei der Verwendung von doppeldeutigen Worten muss man den Kontext beachten. Und es macht einfach keinen Sinn, unvermittelt zu schreiben "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger ..." statt "Siehe, eine junge Frau ist schwanger ...". Das solltest sogar Du einsehen können - falsch übersetzt ist falsch übersetzt, gleichgültig, wer das nun ursprünglich war. Und Matthäus hat diese Stelle genommen, weil sie sich als Vorhersage eignet, und heute haben wir das Dogma von der Jungfrauengeburt. So entstehen Mythen und Legenden ...

Noch etwas zum Hebräischen: alma bedeutet junges Mädchen, für Jungfau gibt es einen eigenen Ausdruck, bethulah. Selbstverständlich kann ein junges Mädchen auch eine Jungfrau sein, aber das muss nicht der Fall sein. Die Doppeldeutigkeit wird durch den Kontext der Schwangerschaft eindeutig aufgelöst - sie ist schwanger, folglich kann sie keine Jungfrau mehr sein. Hätte man eine Jungfrauengeburt ausdrücken wollen, dann hätte man bethulah gewählt, alles andere macht einfach keinen Sinn.«

 

Hier hier genau andersherum argumentiert. Nicht: Weshalb schreibt man zum Begriff der Schwangerschaft das befremdlich anmutende Wort ParJenoV oder „alma“?, sondern: Was sagt mir die Schwangerschaft logischerweise über die ParJenoV ? – Das wäre ein ohne weiteres zulässiges, sinnvolles Verfahren etwa bei historischen, politischen oder auch philosophischen Texten. Nicht so bei litterarischen, aber besonders auch nicht bei prophetischen und apokalyptischen Schriften. Gerade daß Aussagen eines Textes paradox erscheinen, ist Kennzeichen prophetischer Litteratur. Ein Beispiel:

 

Wohlan, ihr Durstigen alle, kommt her zum Wasser; und die ihr kein Geld habt, kommt her, kaufet Getreide, kommt her und kaufet ohne Geld und umsonst Wein und Milch ... Da wird der Wolf bei dem Lämmlein wohnen, der Leopard bei dem Böcklein niederliegen. Das Kalb, der junge Löwe und das Mastvieh werden beieinander sein, also daß ein kleiner Knabe sie treiben wird. Die Kuh und die Bärin werden miteinander weiden und ihre Jungen zusammen lagern. Der Löwe wird Stroh fressen wie das Rindvieh. Der Säugling wird spielen am Loch der Otter und der Entwöhnte seine Hand nach der Höhle des Basilisken ausstrecken (Is  55,1.6-8).

 

Diese Verheißung ist unserer Wirklichkeit, unserer Erfahrung so entgegengesetzt, daß dem Messias, der solches heraufführen soll, wohl nicht unangemessen ist, wenn er von Anfang an, von der Geburt her nämlich, durch außergewöhnliche und unserer Erfahrungswelt ganz und gar widerstreitende Umstände herausgehoben ist.

 

Daß eine Jungfrau im Zusammenhang mit dem Erscheinen eines messianischen Kindes eine vornehme Rolle spielt, dies ist nebenbei bemerkt ein Gedanke, der der damaligen Welt auch sonst nicht fremd war: Man lese nur in Virgils berühmter vierter Ekloge von der Rückkunft der Virgo (Astræa) – der mit dem Sternbild der Jungfrau identifizierten Göttin Justitia –, die als keusche Geburtshelferin (Lucina) den Messiasknaben auf die Welt zu bringen bestimmt ist.

 

Was endlich Isaias selber, lieber Peter, von all dem verstanden hat, was er da schrieb, das können wir ihn noch nicht fragen. Halten wir fest an der Hoffnung und warten es ab. Vermutlich wird er über die Frage lachen, wenn wir sie ihm dereinst wirklich stellen werden.

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»Der Trick mit den Vorhersagen, den vor allem Markus benutzt hat, hat unter Theologen sogar einen Namen: vaticinia ex eventu

 

Dies trifft den oben diskutierten Fall nicht, da für diesen Weissagungstext (incl. griechischer Übersetzung) unbestritten feststeht, daß er lange vor dem mutmaßlich geweissagten Ereignis verfaßt wurde. Also kein vaticinium ex eventu kann das sein, sondern allenfalls ein „eventus vaticinium aptum consecutus“, ein Ereignis, das eine passende Weissagung gefunden hat.

 

Vaticinia ex eventu sind solche, die nicht im Nachhinein auf ein Ereignis gedeutet, sondern überhaupt erst im Nachhinein verfaßt werden. Für solche vaticinia hält die moderne Theologie weithin etwa des Isaias auf Cyrus zu deutende Weissagungen, die Danielvisionen – wenn man sie denn, was keineswegs notwendig ist, auf Antiochus Epiphanes deutet – und Jesu Prophezeiung der Tempelzerstörung.

 

Die Sache hängt jeweils eng mit der Frage nach der Datierung der Texte zusammen. Logischerweise kann man nur dann von einem vaticinium ex eventu reden, wenn der Text nach dem Ereignis verfaßt ist. Die Argumentation geht nun aber grundsätzlich nie von einem etwa bekannten Abfassungsdatum aus, sondern von der a priori feststehenden Meinung, daß eine Vorhersage künftiger Ereignisse nicht möglich sei. Paßt nun ein weissagender Text auf ein Ereignis, so folgert man – da der Prophet vorher nichts davon gewußt haben könne –, der Text müsse nachträglich und in Kenntnis des tatsächlich eingetretenen Ereignisses verfaßt worden sein, mithin eben ein vaticinium ex eventu darstellen.

 

Mit Methode ist offensichtlich unwissenschaftlich, da sie einen nicht hinterfragbaren Glaubenssatz zur apriorischen Voraussetzung hat: die Unmöglichkeit einer echten Weissagung. Entsprechend konstruiert man einen „Deutero-Jesaja“ oder einen nach dem Jahre 70 fälschenden Evangelisten. Ginge man dagegen neutral an die Texte heran, müßte man die Möglichkeit einer echten Weissagung zulassen. Man könnte es dann ebensowohl mit einem vaticinium ex eventu zu tun haben wie mit einem vaticinium eventu comprobatum, einer vom Ereignis beglaubigten Weissagung.

 

Dann erst könnte man vernünftigerweise darüber nachdenken, ob und aus welchen Gründen die eine oder die andere Variante glaubwürdiger ist, anstatt von vornherein eine Möglichkeit auszuschließen. Übrigens ist die Methode dieser tiefgläubigen Prophetenfeinde keineswegs neu: Schon Porphyrius hat um die Wende zum vierten Jahrhundert in Kata Cristianwn dieselben Argumente gegen Daniel ins Feld geführt.

 

Besonders absurd wäre, sie auf Jesus Christus selbst anzuwenden, zugleich aber am Glauben an seine Gottheit und seine Auferstehung festzuhalten. Wer von den Toten aufersteht, sollte nicht auch künftige Ereignisse voraussagen können? Ja, durch wen die ganze Welt erschaffen ist, der sollte nicht weissagen können? – Doch keine Sorge. So absurd denkt kaum jemand. Bohrt man bei den Leugnern der Möglichkeit von Weissagungen nach, dann stellt sich schnell heraus, daß sie nicht wirklich an die leibhaftige Auferstehung des Herrn glauben. Mögen sie sich auch mit den Lippen als Christen bekennen.

 

Kurioserweise gibt es übrigens noch eine dritte Art von Prophezeiungen: Ich nenne sie „vaticinia eventum provocantia seu efficientia“, das Ereignis hervorrufende oder bewirkende Weissagungen. Hauptverbreitungsgebiet ist Delphi. Ödipus vermöchte ebenso ein Lied davon singen wie Krösus. Doch das gehört nicht hierher.

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Man müßte wohl einmal klären, was Prophetie und Apokalyptik eigentlich ist. Man mißversteht prophetische Rede und apokalyptische Litteratur, wenn man sie allein als Vorhersage der Zukunft begreift, als eine Art historischer Wetterfroschtätigkeit. Der Prophet weissagt zunächst und vor allem in seine Zeit hinein. Die Apokalypse des Johannes wird man darum vor allem und zuerst als Deutung des bereits gegenwärtigen Mysteriums der Kirche zu lesen haben. Die Propheten klagen das abtrünnige Volk an, sie rufen zur Umkehr, und sie spenden Trost.

 

Dieser Trost enthält dann freilich auch Verheißungen, deren Erfüllung erst in der Zukunft liegt – oder in der Ewigkeit Gottes, wie die Fülle des kirchlichen Mysteriums, dessen Vorgeschmack allein wir in der Zeit schon verkosten können. Dreh- und Angelpunkt all solcher Weissagungsrede ist die Einfleischung, ist der Tod und ist die Auferstehung Gottes. Darauf muß sich notwendigerweise alle messianische Weissagung beziehen, die chronologisch vorher verkündet wurde.

 

Doch können wir das glauben? – Wenn wir Jesu von Nazaret vertrauen, wenn wir glauben, daß Er der Christus ist – der eingeborene Sohn Gottes, eingefleischt vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten und nach vierzig Tagen aufgefahren in den Himmel –, wenn wir also den Berichten der Apostel glauben und sie als sichere Wahrheit annehmen: Dann wissen wir auch, daß alle messianische Weissagung der Propheten des Alten Bundes auf Jesus Christus zielt, daß sie in Ihm erfüllt ist, wie er selbst beglaubigt:

 

Und es wurde ihm das Buch des Propheten Isaias gegeben; und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat; er hat mich gesandt, den Armen frohe Botschaft zu verkünden, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu predigen und den Blinden, daß sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen, zu predigen das Gnadenjahr des Herrn.« Und er rollte das Buch zusammen und gab es dem Diener wieder und setzte sich, und aller Augen in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Er aber fing an, ihnen zu sagen: »Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren« (Lc 4,17-21).

 

Weil der Herr wahrhaftig tot war und am dritten Tage auferstanden ist und lebt, können wir ihm antworten: Herr, ich glaube. Und wir dürfen hinzufügen: Hilf meinem Unglauben. – Mit den Kriterien historischer Textkritik läßt sich diese Sicherheit nicht erreichen. Weissagungen sind vollends erst dann verständlich, wenn sie sich erfüllt haben, und wenn eine Autorität, der ich vertraue, diese Erfüllung beglaubigt. Diese Autorität aber ist kein anderer als Gott selber. Er war es ja auch, der durch die Propheten gesprochen hat; ohne daß der Prophet volles Verständnis dessen zu haben brauchte, was er da redete. Er trat auf als Werkzeug des Heiligen Geistes.

 

Weil die Kirche aber ihrem Herrn und Gott vertraut, bekennt sie voller Freude den Glauben der Apostel, ohne den keiner Christ sein kann:

 

»Ich glaube ... an den einen Herrn Jesus Christus, den eingeborenen Sohn Gottes ..., der unsertwegen, der Menschen, und um unsres Heils willen von den Himmeln herabgestiegen ist und eingefleischt ist vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria und Mensch ward; der sogar gekreuzigt wurde für uns unter Pontius Pilatus, gelitten hat und begraben wurde und auferstanden ist am dritten Tage gemäß den Schriften und aufgefahren ist in den Himmel; ... und an den Heiligen Geist, den Herrn, der lebendig macht, ... der gesprochen hat durch die Propheten«.

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»was ich meine: die bibel, wenn sie einigermaßen übersetzt ist, ist in ihren wichtigsten teilen verständlich, so verständlich, dass sie jeder mensch verstehen kann. was ich schlimm finde ist, wenn jemand sagt: "du kannst die wichtigen stellen der bibel nicht verstehen, wenn du nicht das richtige hintergrundwissen besitzt, also musst du entweder theologie studieren, oder dir von mir helfen lassen, ich zeige dir schon die richtige auslegung."

theologie soll hilfe zum verstehen sein, aber sich nicht als mittler zwischen den gläubigen und die bibel schieben. sonst gibt es nämlich (wieder) eine theologenkaste, die das wort gottes erklärt und das laienvolk, was gläubig, aber dumm empfängt. nein, die bibel ist zum lesen da, zum immer wieder lesen, zum auseinandersetzen, zum rätseln, aber sie ist verständlich. jesus war kein geheimbündler, der möglichst verklausuliert gesprochen hat, sondern er hat uns gott geöffnet« (Jes).

 

Lieber Jes, das ist eine etwas schiefe Sicht der Bibel, übrigens eine typisch protestantische, wenn ich das offen sagen darf. Wie schnell auf gefährliche Abwege geraten kann, wer „eigenmächtig“ in „der Bibel“ liest, das kannst du kaum übersehen, wenn du dich zum Beispiel im Internet nur ein wenig umschaust. Das bedeutet nun aber keineswegs, daß „die Theologie“ da gleichsam als Übersetzer zwischengeschoben werden müßte. Im Gegenteil. „Die Theologie“ kann ebenso „eigenmächtig“ die Schriften lesen. Unter Umständen kann ihr Studium sogar hinderlich sein.

 

Zwei Begriffe sind erklärungsbedürftig, soll das Gemeinte deutlich werden. Was heißt hier „eigenmächtig“, und was ist „die Bibel“? Der Begriff „Bibel“ ist an sich schon irreführend. Ursprünglich ist es ja ein Plural: ta biblia, libri oder scripturæ, die Bücher oder Schriften. Es handelt sich um eine Sammlung „heiliger“, nämlich als inspiriert angesehener Schriften, die über einen langen Zeitraum entstanden und als „kanonisch“ definiert worden sind.

 

Es handelt sich zum einen um die heiligen Bücher des Alten Bundes, also die Bücher, die die Juden in der Synagoge verkündigt haben, und zwar in Gestalt der griechischen Fassung der Septuaginta, die die Urkirche als ihre Bibel angenommen hat. Hinzu kam im Neuen Bund eine Anzahl von Schriften der Apostel und Apostelschüler, die unmittelbar aus dem apostolischen Verkündigungswerk herrühren: so die Briefe Pauli an „seine“ Gemeinden, die Schrift des Marcus, die auf der Verkündigung Petri in Rom beruht, das Evangelium des Matthæus, das aus der Verkündigung an die Juden stammt und nach dem Zeugnis des Irenæus ursprünglich „hebräisch“ (eher aramäisch) verfaßt war, und in ähnlicher Weise die übrigen Bücher des Neuen Testaments.

 

Was war der Zweck dieser Schriften, und was der Zweck ihrer Verbreitung und „Kanonisierung“? Die ursprünglichen Zwecke sing gewiß verschieden, je nach Textgattung und nach Situation von Verfasser und Adressat: Lehrschreiben, pastorale Schreiben, Zusammenfassungen der „Urkatechesen“ zum gemeindlichen Gebrauch, theologische Deutung oder prophetische Rede. Diese Schriften wuchsen aber schnell über ihren Ursprungszweck hinaus, sie wurden von Gemeinde zu Gemeinde gegeben und dort gelesen.

 

„Gelesen“? – Sagen wir besser: Sie wurden „verkündet“. Denn sie dienten eben genau nicht der privaten Lektüre – ohne daß diese ausgeschlossen wäre –, sondern wurden in der Liturgie vorgetragen und ergänzten dort die Lesungen aus dem Alten Testament. Dies ist der Grund, weshalb die Gesamtheit der Bischöfe sich der Frage annahm: Welche Schriften konnten als inspiriert gelten und darum liturgisch verwendet werden, welche waren auf private und erbauliche Zwecke zu beschränken, und welche endlich ganz und gar schädlich und darum von jedermann zu meiden? – Aus den Debatten um diese Fragen erwuchs, was wir heute den biblischen „Kanon“ nennen und was erst im Lauf des vierten Jahrhunderts zum Abschluß kam.

 

Konkreter Ort der „Lektüre“ dieser heiligen Schriften war also von Anfang an, schon mit ihrer ersten Verbreitung über die Oikoumenh beginnend, die liturgische Versammlung der Katechumenen und Gläubigen. Dort wurden sie vom Bischof oder seinem Beauftragten – Priester oder Diakon – kraft seines Lehramts autoritativ erklärt und ausgelegt. Dies schließt die weitere Vertiefung des Gehörten durch die Katechumenen und Gläubigen in häuslichem Studium keineswegs aus, im Gegenteil. Ebensowenig das wissenschaftliche Studium des Theologen. Entscheidend bleibt aber immer die Rückbindung an die Kirche.

 

Denn „die Bibel“ geht der Kirche nicht voraus, sondern umgekehrt. Die heiligen Schriften sind aus der Ausübung des kirchlichen Lehramts erwachsen, sie sind Teil der apostolischen Tradition und bleiben Eigentum der Kirche, die kraft der von Jesus Christus verliehenen Vollmacht dieses Schatzes waltet.

 

Nur am Rande sei deinem Einwand begegnet, damit schalte sich eine „Theologenkaste“ zwischen Gott und die Gläubigen. Erstens geht es gerade nicht um die wissenschaftliche Ausbildung – so nützlich sie auch sein kann –, sondern um die vom Herrn im Sakrament verliehene Vollmacht. Zweitens kennt gerade die katholische Kirche dank des Zölibats solche „Kastenbildung“ nicht mehr, im Gegensatz etwa zum levitischen Priestertum des Alten Bundes, aber auch zur dynastiebildenden Tendenz protestantischer Pastorenfamilien.

 

Ich ahne, daß du wiederum allergisch reagiert, weil ich nicht diskursiv rede, sondern gleichsam mit autoritativem Gestus. Ich will wenigstens versuchen, dir einen Ansatz zum Verständnis zu geben. Wenn ich als „Kompetent“ zur Taufe trete, fragt mich die Kirche: »Robert, was begehrst du von der heiligen Mutter Kirche?« Und ich antworte: »Den Glauben.« Wenn ich antworte: »Ein Diskussionsforum, um mit euch zu disputieren, was Glauben eigentlich ist«. Ich komme, um zu empfangen:

 

»Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und sie halten lehret alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit.«

 

Danach sollen wir handeln, alle die wir bereits empfangen haben: »Denn wenn ich das Evangelium predige, so ist das kein Ruhm für mich; denn ich bin dazu verpflichtet, und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte.«

 

Auch das Gespräch hat seinen Platz, Jes. Dieser Ort hier scheint mir dazu jedoch nicht sehr geeignet zu sein. Hier ist es besser, es zu halten wie Paulus vor dem Areopag. Mögen die meisten abwinken: Denen Gott die Ohren öffnet, die hören.

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Lieber Ralf, darüber hat Augustinus schon mit Hieronymus gestritten, nicht ganz zu Unrecht, wie ich finde. Ich fasse die wesentlichen Gründe für jetzt und hier bloß kurz zusammen. Zunächst einmal kennen wir den hebräischen „Urtext“ gar nicht. Überliefert ist der Text der Masoreten aus dem zehnten Jahrhundert (n. Chr.). Ziel der Masoreten war die Vereinheitlichung des Textes unter konsequenter Ausmerzung aller Varianten oder Abweichungen von der als inspiriert angesehenen oder definierten Gestalt. Eine ähnliche Bestrebung hatte es bereits nach der Zerstörung des Tempels bis etwa ums Jahr 100 gegeben, allerdings noch nicht mit derselben Konsequenz durchgeführt.

 

Schon damals legte man sich aber im wesentlichen auf eine von den palästinischen Rabbinern geprägte Textgestalt fest und verwarf die vor allem von den Alexandrinern vertretene griechische Fassung der LXX. Dies geschah offenkundig aus antichristlich-polemischem Impuls heraus. Jedenfalls ist nach all dem heute die Textsituation der Zeit Jesu nur überaus schwer zu rekonstruieren, da aus vormasoretischer Zeit nur geringe Fragmente auf uns gekommen sind. Man hat eine palästinische, eine alexandrinische und eine babylonische Überlieferung zu unterscheiden versucht. Die Lage dürfte aber noch komplizierter sein. Inzwischen ist die Textgrundlage dank Qumrân etwas verbreitert. Allerdings bleibt die wesentliche Auswertungsarbeit noch zu leisten. Dasselbe gilt übrigens auch für die zahllosen Klein- und Kleinstfragmente aus der Kairoer Geniza.

 

Zumindest wird man aber eines schon sagen können: daß die Vorstellung geographisch zu unterscheidender Traditionen nicht befriedigt. In Palästina wurden zur Zeit Jesu neben Texten, die man als „palästinisch“ bezeichnen mag – und die im großen und ganzen schon dem entsprechen, was später der Masoretentext wurde – in der Tat auch solche verwendet, die eher „alexandrinisch“ aussehen, also Lesarten haben, die man sonst von der LXX kennt. Dasselbe gilt auch vom samaritanischen Pentateuch, der im übrigen eher altertümliches Gepräge hat.

 

Kurz, die Frage nach einem „Urtext“ – die ohnehin für jedes Buch des alttestamentlichen Kanons gesondert zu beantworten wäre – ist mit den Mitteln historischer Textkritik gegenwärtig auch nicht im Ansatz zu beantworten. Dagegen gibt es die autoritative Entscheidung der alten Kirche, die LXX als verbindlich anzunehmen. Auf ihr basieren darum auch die frühen Übersetzungen, fürs Abendland die üblicherweise als Vetus Latina bezeichnete Gruppe lateinischer Fassungen (wie Itala, Afra).

 

Ende des vierten Jahrhunderts ging Hieronymus im Auftrag von Papst Damasus daran, die schon wegen der sprachlichen Mängel der bisherigen Versionen dringend gewünschte Neuübersetzung zu schaffen. Hieronymus griff dabei fürs Alte Testament auf den hebräischen Text zurück, wie er ihm damals in Palästina zur Verfügung stand. Details seiner Tätigkeit (einschließlich der Bedeutung der origeneischen Hexapla) lasse ich hier außen vor. Augustinus kritisierte des Hieronymus Rückgriff auf die Texte der Hebräer, obgleich dieser in nicht wenigen Fällen wohl doch die dem Volk bekannten Worte der älteren Übersetzungen – und mit ihnen die Fassung der LXX – beibehielt (obwohl wir andererseits nicht wissen, was für hebräische Texte Hieronymus verwendet hat). Textpassagen der LXX, die sich in den hebräischen Büchern überhaupt nicht fanden, hat Hieronymus übersetzt, aber entsprechend markiert.

 

Durchgesetzt hat sich die Übersetzung des Hieronymus, nachmals Vulgata genannt, zunächst nicht. Erst mit der Reform Karls des Großen und Alkuins, also über vierhundert Jahre später, wurde sie im Westen die meistgebrauchte lateinische Bibel. Offiziell als maßgeblich deklariert wurde sie erst 1546 vom Tridentinum, also nochmals ein Dreivierteljahrtausend später – und gleich anschließend noch zweimal gründlich überarbeitet. Den Psalter allerdings hatte schon Hieronymus in doppelter Fassung abgeliefert, nach der LXX und nach den Hebräern. Liturgisch gebraucht wurde immer nur die LXX-Version.

 

Unterdessen hatte Luther das Alte Testament ganz aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt und sogar alles, was sich im jüdischen Kanon nicht mehr fand, gestrichen. Die modernen katholischen Bibeln übersetzen seit den siebziger Jahren gleichfalls ganz überwiegend aus dem Masoretentext, jedoch unter Beibehaltung des kirchlichen Kanons, also aus der LXX ergänzt. Paul VI. gab nach dem Vaticanum II eine neue lateinische Übersetzung in Auftrag, oder besser eine Überarbeitung der Vulgata nach den vorgenannten Kriterien, also auf Basis des Masoretentexts. Auch ins Neue Testament wurden diverse Hypothesen der modernen Exegese eingearbeitet, als handele es sich um gesicherte Erkenntnis.

 

Johannes Paul II. hat das erstaunlich schnell fertiggestellte Resultat dieser Arbeit 1979 unter dem Namen Nova Vulgata als nunmehr allein verbindlich promulgiert. Die kommunikativen Möglichkeiten unserer Zeit haben dazu geführt, daß dieser Text in kürzester Zeit überall durchgesetzt wurde. Mich erinnert das fatal an die Rechtschreibreform. Eigentlich ist es noch schlimmer: Der grandioser Schnellschuß eines aufgeblähten und völlig überzogenen römischen Zentralismus. Man vergleiche die Eile, mit der man das durchgepeitscht hat, mit den fast 1200 Jahren, die die Vulgata bis zur Verbindlichkeit benötigt hat.

 

Ich will die Berechtigung einer Überarbeitung nicht generell in Abrede stellen. Mit dem, was man geändert hat, bewegt man sich aber auf sehr dünnen Eis. Mich selber hat es gelinde gesagt schockiert, als ich merkte, was ich mir vor ein paar Jahren mit meinem neuen lateinischen Stundenbuch eingehandelt hatte. Bei einigen bekannten Psalmen bin ich nämlich arg ins Schleudern geraten und zweifelte schon an meinem Verstand, bis mir klar wurde, daß ich meine Sinne noch beisammen hatte und mir bloß das Brevier den Text der Nova Vulgata untergejubelt hatte. Das hat mich verstehen lassen, wie weise es war, daß man Hieronymus seinerzeit genötigt hat, seine Psalmenübersetzung gemäß den Hebräern bloß als nie gebrauchte Beigabe neben die LXX-Fassung zu stellen.

 

Kurz und gut, ich halte fest, daß die Promulgation der Nova Vulgata kein Glaubensgut darstellt, noch weniger die Einführung der noch weitaus mangelhafteren deutschen „Einheitsübersetzung“. Ich halte mich an die Vulgata. Fürs Alte Testament greife ich in Zweifelsfällen auf die LXX zurück, notfalls auch gegen die Vulgata, und weiß mich damit mitten in der apostolischen Tradition. Die Nova Vulgata halte ich wegen der angedeuteten prinzipiellen methodischen Mängel für auf Dauer nicht tragfähig. Man wird sie bei einer künftigen Neubearbeitung zu berücksichtigen haben, aber nur neben und nach der Vulgata. Eine solche Neubearbeitung ist wünschenwert, auch für die Volkssprachen. Fürs Deutsche würde ich aber nicht von der Einheitsübersetzung ausgehen, sondern von Allioli/Arndt.

 

Wenn man fürs Neue Testament die Hypothesen der modernen Exegeten berücksichtigen möchte, ist höchste Vorsicht geboten. Nur was als völlig sicher gelten muß, darf in den Bibeltext eingehen. Im Zweifel sollte der griechische textus receptus die Richtschnur bleiben, wie ihn auch die Ostkirche gebraucht. Fürs Alte Testament sollte man die Vulgata behutsam nach der LXX korrigieren, wo nötig.

 

Vor allem aber sollte man sich vor zentralistischen Dekreten hüten. Etwas mehr praktische Freiheit ist nötig. Man kann sich darauf beschränken, die liturgische Verwendung bestimmter ungeeigneter Übersetzungen zu untersagen. Aber neben der Nova Vulgata sollte die alte Vulgata wieder erlaubt werden, neben der Einheitsübersetzung zum Beispiel Hamp/Stenzel/Kürzinger und Allioli/Arndt. Und warum sollten nicht auch neue Übersetzungen in privater oder diözesaner Initiative entstehen und nach Approbation zugelassen werden? Es ist kaum zu befürchten, daß dann das allgemeine Chaos ausbräche. Mißbräuche sollen die Hirten verhindern – und da gäbe es genug zu tun –, aber nicht die legitime Freiheit der Gläubigen beschneiden.

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Ich habe nur gestern kurz einige Bilder jener Lichterzeremonie von Assisi im Fernsehen sehen können. Im Namen welches Gottes hat man sich da versammelt, wo Christen gemeinsam mit Zauberpriestern heidnischer Dämonenkulte, persischen Manichäern und Meistern philosophischer Kulte mit deistischem oder – im wörtlichen Sinne – gottlosem Lehrgebäude liturgische Zeremonien begehen? Ist es so abwegig, wenn ich in jener Lichterzeremonie nur eine Karikatur der Osternacht zu erkennen vermag?

 

Thomas, Dank für deine Erklärungen. Mir ist nun klarer, worauf eigentlich du deinen Vorwurf der Lüge beziehst. Allerdings bin ich immer noch überzeugt, daß er sowohl gegen den Weißen Raben als auch gegen Bischof Fellay ungerecht ist, zumal er ja bewußte Böswilligkeit impliziert. Solche Böswilligkeit will ich im übrigen auch keinem der an Assisitreffen beteiligten Bischöfe unterstellen, weder den Katholiken, noch den Orthodoxen und Altorientalen.

 

Sven, komm getrost aus der Deckung – nebenbei, muß ’ne recht üppige Deckung sein, was? –, denn ich werde hier nicht gegen Christian losballern, sonst zerfasert das Thema. Bloß was ich in Sachen Weltfrieden gesagt habe, das gilt natürlich ebenso für moralistische Übertreibungen in Fragen der Sexualmoral oder der Fortpflanzungsmedizin.

 

Wer nicht mitleidet am Elend der Kriegsopfer, beim Anblick abgetriebener Kinderfetzen im Mülleimer, erfrorener achtjähriger Russen in Moskaus Straßen, verhunderter Dreijähriger in Athiopien und totgespritzer Zwölfjähriger in Neuyorker Bahnhofstoiletten, dessen Seele ist schon erstorben. Und keiner hier im Forum leidet wohl so furchtbar mit der geschundenen Kreatur mit wie der von manchem so verachtete LuckyLuke. Aber können wir nicht vertrauen, daß unser Vater im Himmel die Seinen, die hier wegen der Bosheit der Menschen leiden müssen, in Seinem Reich um so mehr belohnen und beschenken wird? – Angesichts des konkreten Leidens ist das oft nur ein schwacher Trost, aber dennoch wahr.

 

Darum laßt uns nicht darauf verfallen, das Leiden an sich beseitigen zu wollen: den Krieg als solchen, die Abtreibung, das Verbrechen, den Ehebruch, die Pornographie, den Mord, die Sünde überhaupt. Damit gerieten wir in einen gnadenlosen Moralismus, auf die schiefe Bahn, daß wir selber die Welt heilen wollen. Das funktioniert nicht bloß nicht, es wendet vor allem den Blick vom Eigentlichen ab. Darum bitte ich euch: Schaut auf das Kleine, Einzelne. Erst auf die andern, dann auf euch. Aber erst auch auf die Nachbarn, dann auf die Fernen – und nicht immer gleich und zuerst und zuletzt aufs Ganze. Schmiedet keine moralistischen Projekte zur Errettung der Welt, ob Lebensschützer oder Friedensbewegter.

 

Gottes Gedanken sind nicht meine. Vielleicht bilde ich mir ein, zur Rettung der Kirche ausersehen zu sein, aber Gottes Plan für mich ist einzig, daß ich meine Kinder im rechten Glauben erziehe. Wehe mir, wenn ich um meiner Projekte willen Gottes Plan verfehle. Und wehe dem, der um der Schaffung einer sittlich besseren Welt willen das einzig erlösende, für ihn vergossene Blut des Heilands vergißt und am Ende wohl gar sein eigenes Projekt an die Stelle des Erlösers setzt.

 

Ja, unser Heiliger Vater ist ein großer Moralist. Ich sehe das mit Sorge, wiewohl ich es angesichts seiner persönlichen Erfahrung der furchtbaren Leiden des zwanzigsten Jahrhundert verstehen kann. Mehr noch kann ich aber Josefs Sehnsucht verstehen, der Herr möge die Zeit abkürzen. Maranatha! Komm, Herr.

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Zitat von Ketelhohn (26.01.2002)
: »Wenn heidnische Zauberpriester ihre Dämonen anrufen, was bewirkt das? Was ist anders, wenn sie dasselbe auf Einladung des römischen Bischofs in einem Franziskanerkloster tun? – Vorausgesetzt sei, daß Gebet keine Psychotechnik ist, sondern echter Dialog mit einem Andern, einem Höheren.«

Da augenscheinlich niemand auf meine obige Frage antworten will oder kann, versuche ich es noch einmal anders. Immerhin ist von glaubensloser Seite vermerkt worden, daß keiner ihrer Vertreter zum Assisitreffen eingeladen war. Das Gegenargument, es sei doch ein Gebetstreffen gewesen, lahmt leider auf mehreren Hufen. Denn einmal müßte man sich zunächst einigen, was Gebet denn sei. Einige der geladenen und erschienenen Gruppierungen sind eher philosophische Weltanschauungsgeneinschaften denn Religionen (wobei ich die Frage, inwiefern das Christentum als „Religion“ bezeichnet werden kann, einmal ganz außen vor lasse), die statt zu „beten“ allenfalls meditieren werden.

 

Mir geht es heute abend aber um die, die tatsächlich beten, die ein höheres, geistiges Wesen anrufen. Weil sich außer drei Forumsteilnehmern niemand an der Anwesenheit etwa von Hindus, persischen Manichäern und afrikanischen Zauberern störte – waren doch alle für den Frieden! –, frage ich den gut-katholischen, papsttreuen Rest, warum diverse andere Religionen nicht geladen waren. Erleben nicht längst die alten heidnischen Religionen Europas einen neuen Frühling? Wo also waren die – teils durchaus gut organisierten – Anhänger der germanischen, keltischen, römischen und slawischen Götter, wo die Hexen oder „Wiccas“? Wo die gnostischen und satanischen Antikirchen? Wer von alledem nichts mitbekommen hat, kann sich unter nachfolgenden Adressen ein paar Einblicke verschaffen:



Was also, wenn vor ein paar Tagen in Assisi europäische Heidenpriester Odin oder Tyr, Teutates, Juppiter, Phöbus-Apollo oder Swaroh um Frieden angerufen hätten? Wenn griechische Heiden ein Friedenslicht im Zeusheiligtum vom Olympia entzündet hätten, um es nach Assisi zu tragen und dort den andern Lichtern zu gesellen? Wenn man die Lampen von Assisi nach Rom zur augusteischen Ara Pacis getragen hätte? Darauf hätte ich gern eure ehrlichen Antworten.

 

Gruß

Robert

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Lieber Thomas, lieber Rest,

 

zunächst entschuldige ich mich für die Verspätung meiner Antwort. Aber wir haben nun mal nicht alle sechs Stunden nächtlicher Freizeit, wie mancher unsrer Forumsbrüder hier.

 

Die Debatte hat sich mittlerweile von meiner Frage, Thomas,  und deiner Antwort darauf wegbewegt. Bevor ich den Bogen zurück schlage, möchte ich zwei Aspekte kurz berühren, die unterdessen zu Tage getreten sind.

 

Der eine ist die Definition christlichen Glaubens als eines „Für-Wahr-Haltens“. Von solch einer Definition ausgehend, halten die Ungläubigen mit einiger Konsequenz dagegen, daß sie eben etwas anderes – oder vielleicht, noch konsequenter: gar nichts – für wahr halten. Da steht dann letztlich Meinung neben Meinung, und du hast schlechte Karten, wenn du den andern überzeugen möchtest.

 

Ich will hier nicht grundsätzlich das Wahrheitsproblem erörtern, mit all seinen erkenntnistheoretischen Implikationen, obgleich sich so stricte philosophisch die Absurdität des Skeptizismus – oder, ins Theologische übersetzt, des Indifferentismus – zeigen ließe. Solch philosophischer Diskurs ist wichtig und nötig, aber höchst selten geeignet, den Ungläubigen zu bekehren.

 

Wie also kann ich deutlich machen, was eigentlich der Glaube sei? – Zwei Gleichnisse Jesu, die Matthäus berichtet, führen uns auf den richtigen Weg: »Ähnlich ist das Himmelreich einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mann, der ihn findet, wieder versteckt, um vor Freude darüber hinzugehen und alles zu verkaufen, was er hat, und jenen Acker zu kaufen. Und wiederum ist das Himmelreich ähnlich dem Fall, als ein Kaufmann schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle fand, ging er weg, verkaufte alles, was er hatte, und kaufte die Perle« (Mt 13,44-46).

 

Solch ein Schatz ist der Glaube. Ich bin voller Freude und gebe alles daran, ihn zu bekommen und zu behalten, ich halte ihn fest. Da gibt es kein Herumkritteln, keine Haarspalterei, ob mein Schatz nach meinem oder deinem Dafürhalten denn nun ein Schatz und die Perle eine Perle sei oder vielleicht doch bloß ein Wackerstein.

 

Erst wenn die Perle mein ist, dann kommt die Theologie und die Dogmatik zum Zuge, mit ihrer Magd, der Philosophie, im Gefolge. Ihre Aufgabe ist – um im Bilde zu bleiben –, den Reichtum und die Schönheit meines Schatzes und meiner Perle zu ermessen und zu beschreiben. Der Schatz aber ist die Voraussetzung für alles weitere. Wer keinen Schatz hat, der ist arm dran. Er mag über fremder Leute Schätze philosophieren, aber er bleibt ein armer Schlucker. Daher auch die Armseligkeit der zeitgenössischen Universitätstheologie.

 

Der zweite oben erwähnte Aspekt ist die Gnade. Unser Freund Pedrino, der gerade eine depressive Phase durchleidet – ich kann’s nachfühlen, bin selber ziemlich fertig –, meinte die Nichtexistenz göttlicher Gnade aus dem Umstand erweisen zu können, daß die Gebete der Gläubigen um Frieden vor Ausbruch der Zweiten Weltkriegs nicht erhört worden seien. – Hier liegt nun ein grundsätzliches Mißverständnis vor. Die Kirche hat niemals gelehrt oder behauptet, unter Gnade seien irgendwelche irdischen Wohltaten zu verstehen. Die Gnade Gottes besteht nicht aus Zuckerguß oder Streicheleinheiten.

 

Wiederum will ich hier keinen Abriß einer Gnadentheologie ausbreiten. Laßt mich statt dessen an das oben eingeführte Bild anknüpfen. – Wir sind blind geboren, von Natur aus blind. Denn unsere Natur ist – durch die Erbsünde nämlich – von Grund auf beschädigt. Keiner hat die Möglichkeit zu sehen, ja wir wissen nicht einmal, was das ist: „sehen“. Bestenfalls dunkel zu ahnen vermögen wir, daß uns etwas fehlt. Von dieser Ahnung zeugt die Philosophie der Heiden, namentlich der Platoniker. Doch weiter können wir nicht gelangen.

 

Wenn ich nun an den Schatz im Acker stoße, empfinde ich nur dem Schmerz meines Fußes. Den Schatz als solchen vermag ich nicht zu erkennen. Er erscheint mir nur als Stein des Anstoßes, an dem ich Gefahr laufe mir den Fuß zu brechen. Ich werde mir die Stelle merken und künftig einen großen Bogen um sie herum machen, oder vielleicht, wenn ich es schaffe, sogar den vermeinten Brocken ausgraben und in den Fluß werfen, auf daß sich niemand mehr daran stoße.

 

Nun gibt es aber eine Arznei, von der ich nichts weiß und nichts wissen kann, ein Heilmittel für unsere Blindheit, und einen Arzt, der diese Arznei besitzt. Er allein teilt diese Arznei zu, er allein verabreicht sie, gratis und ohne Lohn zu verlangen, nach seinem freien Ermessen und ohne mir, der ich ja nicht einmal um meine Krankheit weiß, vorab zu offenbaren, wozu diese Arznei nütze und wovon sie mich heilen werde. Sobald ich aber das Mittel empfangen habe, wirkt es: Es heilt meine Blindheit, und ich werde sehend.

 

Plötzlich erkenne ich mich selbst und verstehe, was Blindheit ist und was das Augenlicht, ich nehme meinen Arzt wahr, der mir das Gesicht zurückgegeben, und bin erfüllt von Dankbarkeit gegen ihn. Ich muß freilich noch lernen, den neu erworbenen Sinn zu gebrauchen, wie der Säugling zu laufen lernt. Aber ich sehe bereits den Schatz und erkenne nun endlich, was das ist, woran ich als Blinder gestoßen war: Ich reiße ihn an mich, um ihn nicht wieder herzugeben. Die Arznei aber, die mich geheilt hat, ist bekannt unter dem Markennamen „Gnade“. Im Handel nicht erhältlich, nicht einmal in Apotheken.

 

Damit zurück zur Ausgangsfrage, der Frage nach dem Gebet. Zunächst eine Klarstellung: Nach der „Wirkung“ des Gebets hatte ich ganz bewußt und gezielt, aber beschränkt allein auf das Gebet der Heiden gefragt, das Gebet der Christen also ausdrücklich nicht gemeint. Du läßt, Thomas, diese Unterscheidung beiseite, lehnst den Begriff der Wirksamkeit – aus Sicht des christlichen Beters rzu Recht – insofern ab, als es keinen Automatismus geben könne, infolgedessen Gott auf mein Gebet hin mir die gewünschte Wirkung bescherte, und siehst dann eine „Wirkung“ nur im Betenden selber, der nämlich durch sein Gebet sich für Gott öffne.

 

Dies Verständnis des Gebets ist sicher nicht von vornherein falsch, sofern es ums Gebet des Christen geht. Es nähert sich aber doch in seiner Einseitigkeit dem, was ich in meiner Frage etwas provokant eine „Psychotechnik“ genannt hatte. Mir scheint  wichtig, daß wir eins nicht vergessen: Das Gebet ist eine zweiseitige Angelegenheit. Zur Verdeutlichung soll wiederum ein Gleichnis Jesu dienen, diesmal nach Lukas:

 

»Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, daß sie ohne Unterlaß beten und nicht nachlassen sollten, und sprach: „Es gab einen Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und den Menschen nicht achtete. Nun war aber eine Witwe in jener Stadt, die ging zu ihm und sprach: ‘Gewähre mir Vergeltung an meinem Widersacher.’ Lange Zeit wollte er nicht, doch hernach sagte er bei sich selbst: ‘Wenn ich auch Gott nicht fürchte und den Menschen nicht achte, so will ich doch dieser Witwe, weil sie mir lästig ist, Vergeltung gewähren, damit sie nicht am Ende komme und mich schlage.’“ Der Herr aber sprach: „Höret, was dieser Richter der Ungerechtigkeit sagt. Sollte aber Gott nicht Vergeltung für seine Auserwählten wirken, die zu ihm rufen bei Tag und bei Nacht, und bei ihnen lange abwarten? Ich sage euch: Er wird ihnen Vergeltung schaffen in Kürze“« (Lc 18,1-8).

 

Die nächste Frage wäre, worum und wie wir beten sollen. Wie? »Im Geist und in der Wahrheit«, wie der Herr es zur samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen gesagt hat (Jo 4,23). Das ist das erste: daß wir den Geist erbitten, uns recht beten zu lehren, auf daß wir um das bitten, was Seinem Willen und Ratschluß entspricht – und nicht um die hybriden Ziele unsrer eigenen Projektionen. Dann aber immer munter drauf los, und das »ohne Unterlaß«.

 

Doch genug vom christlichen Gebet: Denn eigentlich hatte ich ja nach dem der Heiden gefragt. Denen, die einen höchsten Gott und Vater anbeten, ohne Jesus Christus zu kennen, gilt wiederum das Wort Jesu an die Samaritanerin: »Ihr betet an, was ihr nicht kennt« (Jo 4,22). Die aber heidnische Götter, Götzen, Geister oder Dämonen beschwören? Was ist mit ihnen?

 

Ich fiele, so wirfst du mir vor, Thomas, in ein »vorchristliches Weltbild zurück«, indem ich die »in anderen Religionen verehrten Gottheiten« zur »„Konkurrenz“ des einen Gottes« erklärte und ihnen unterstellte, »Menschen vom wahren Gott abhalten zu wollen«. – Nein, das ist kein vorchristliches Weltbild, sondern das des Alten Bundes, des Dekalogs und damit der Kirche: Denn „kein Jota wird vergehen“. Gelten die beiden ersten Gebote (Ex 20,2-6)? Ist unser Gott ein „eifersüchtiger Gott“, gemäß dem Wort, das an Moses ergangen ist?

 

Gott selbst wird nicht müde, uns vor diesen „Konkurrenten“ zu warnen. Aber wer oder was sind nun diese „konkurrierenden“ Götter? Dämonen oder Hirngespinste? Vielleicht kommt es darauf gar nicht so sehr an, ob beispielshalber Mithras ein realer Dämon ist oder ein Fiktion menschlichen Geistes. Indem ich ihn anbete, mache ich ihn zum Götzen, setze ihn also an die Stelle des einen wahren Gottes. Zum Götzen kann ich übrigens vieles machen, nicht bloß Dämonen. Beispielsweise meinen Rechner, das Auto, die Frau, das Kind – besonders die Erstgeborenen und zumal die Einzelkinder – und vor allem andern mich selber.

 

Ist es angesichts dessen wahr, was du behauptest: der »Vollendung [der Schöpfung] in der Wiederkunft des Herrn« könne »kein Dämon im Wege stehen«? Ja, nicht der Vollendung der Schöpfung insgesamt, nicht der Parusie unseres Herrn – meiner eigenen Vollendung jedoch sind meine Götzen ein gewaltiges Hindernis. Wird endlich durch symbolhafte Handlungen höchster kirchlicher Autorität bei vielen der Eindruck erweckt oder bestärkt, das Gebet zu solchen Götzen können sozusagen gleichberechtigt neben der Anbetung Gottes oder auch bloß auf etwas minderer Position stehen, sei aber im Prinzip wertvoll, so werden alle, bei denen dieser Eindruck entsteht, verhängnisvoll irregeleitet. Genau dies aber ist durch das Treffen von Assisi geschehen, wie dessen Rezeption in den achristlichen Massenmedien mir ebenso deutlich gemacht hat wie manches persönliche Gespräch.

 

Die „Wirkung“ der heidnischen Gebete geht aber darüber hinaus. Daß zahlreiche heidnische Kultformen im wesentlichen in der Beschwörung von Geistern bestehen, bösen Dämonen also, kann man doch schlechterdings nicht bestreiten, das bestreiten die Geisterbeschwörer ja nicht einmal selber. Weite Teile Afrikas und Asiens – zumal China – sind von solchem Geisterglauben beherrscht. Aber selbst wenn ein Mithras, Schiwa oder Donar, der da angerufen wird, kein konkreter, einzelner Dämon sein sollte – wann klopft auch schon ein böser Geist an die Tür und gibt seine Visitenkarten ab? –, so reiße ich, indem ich Götzen anbete, doch Fenster und Türen weit auf, nicht um frische Luft hereinzulassen, sondern um den Dämonen Zutritt zum Schrein meines Herzens zu gewähren. Zeugnis davon geben die faulen Früchte der heidnischen Kulte. In Assisi hat man durch den ausgeübten Götzendienst die Dämonen – und ihr Name ist Legion – zur trauten Versammlung gerufen.

 

Damit du mich nicht wieder falsch verstehst: Ich rede von den Früchten der Kulte, nicht der Menschen. Überhaupt hast du im zweiten Teil deiner Antwort den Gegenstand meiner Frage nicht recht getroffen, denn mir ging es hier gar nicht um die denkbaren Heilsmöglichkeiten für Nichtchristen, sondern allein um die Folgen des Treffens von Assisi. Darum gehen auch die Zitate aus dem Katechismus weitgehend ins Leere: Ich habe nichts dagegen einzuwenden, aber sie treffen nicht den Kern des Problems.

 

Lediglich das Zitat aus Nummer 843 scheint mir problematisch, wo es heißt, Anhänger anderer Religionen suchten nach Gott, »wenn auch erst „in Schatten und Bildern“«. Lumen gentium 16, das hier zitiert wird, bezieht sich ausdrücklich auf die Rede Pauli vor dem Areopag: Es geht also um die „philosophische Religion“, wie Varro es genannt hat, und ihre Verehrung des „unbekannten Gottes“. Daß heidnische Götter „Schatten und Bilder“ jenes „unbekannten Gottes“ seien, haben nicht einmal dessen philosophische Anhänger behauptet. Für diese, die Platoniker, waren die Götter ihrer Mythologien tatsächlich nichts anderes als „Dämonen“.

 

Die Rede von „Schatten und Bilder“, die Lumen gentium hier immerhin anlog anwendet, stammt in der christlichen Tradition an sich aus der Beschreibung erstens des Verhältnisses des Alten Bundes zum Neuen, sodann der pilgernden Kirche zur ewigen. Darum Vorsicht bei der Ausdehnung solch allegorischer Sprache auf ganz andere Sachverhalte. Sonst wären die Eunuchen des Mithras wohl plötzlich Vorausschatten der Priester der Kirche Christi? Nein, „nach der Ordnung Melchisedechs“ weiht die Kirche ihre Priester.

 

Ich verzichte darauf, nun noch aufzulisten was Gott durch seine Propheten dem Volk seiner Verheißung über die Baalskulte der Nachbarvölker in Stammbuch geschrieben hat, wobei übrigens die sehr reale, also dämonische Existenz dieser Baale deutlich würde. Der Sachverhalt ist klar genug: Man hat mit den „religiösen Führern“ heidnischer Kulte die falschen Leute eingeladen, man hat durch die kirchlicherseits ausgesprochene Einladung zum Götzengebet die Legion der bösen Geister herbeigerufen und hierdurch sowie durch die Lichterfeier als Zerrbild einer Liturgie die Gläubigen verwirrt. Und das alles um des hybriden Ziels willen, das da „Weltfrieden“ heißt. Herr, steh deiner Kirche bei!

 

Gruß

Robert

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»Daß es [..] unterschiedliche Wege gibt, die Bibel zu interpretieren, ist sicher richtig [...] Mir erscheint die historisch-kritische Methode auch die sinnvollste zu sein[...]«

 

Da haben wir wieder einmal das Zauberwort: die „historisch-kritische Methode“. Dazu könnte man Bände schreiben, oder auch bloß einen gewaltigen Seufzer ausstoßen. Vorsicht ist geboten. Man frage immer zuerst, wer’s denn sei, der auf diese Methode sich beruft. Denn Mehrheits-Theologie und -Exegese nehmen gegenüber den Geschichtsquellen – zu denen, in welcher Weise auch immer, die biblischen Bücher jedenfalls gehören – immer noch eine Haltung ein, die auf dem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft aufgekommenen fundamentalen Skeptizismus beruht, der nichts gelten läßt, was nicht mit absoluter Sicherheit positiv beweisbar ist.

 

Es ist dies ein Denken, das letztlich auf dem cartesianischen Erkenntnismodell beruht und, im Alltag angewandt, zu ganz absurden Konsequenzen führt. Die Geschichtswissenschaft selbst hat diesen Skeptizismus längst überwunden und vielmehr eine Methode der Kritik historischer Quellen entwickelt, die diese als solche zunächst einmal ernst nimmt und nicht generell und a priori in Zweifel zieht. Ganz Ähnliches gilt für die Altphilologie. Wenn die theologische Exegese demgegenüber von ihrer historisch-kritischen Methode redet, so ist in aller Regel jener fundamentale Skeptizismus gemeint, den ich – wenn die leichte Ironie erlaubt ist – als die via negativa der theologischen Quellenkritik bezeichnen möchte.

 

Hinzu kommt – das sei bloß am Rande festgestellt – spätestens seit Bultmann ein ideologisches Moment, dergestalt daß die Methode geradezu zum Glaubensgut erhoben wird, als ob der Glaube an den berühmten „Christus des Glaubens“ heilsnotwendig sei, der Weg zur Hölle dagegen gepflastert mit für historisch-faktisch bare Münze genommenen „Glaubenszeugnissen“.

 

Daß den erklärten Kirchenfeinden nur recht ist, was der Mehrheit der (pseudo-)katholischen Exegeten billig scheint, liegt auf der Hand. Auf der Strecke bleibt dabei freilich stets der gesunde Menschenverstand. Um dies zu illustrieren, seien im folgenden zur Erbauung der Gläubigen wieder einmal ein paar Schlaumeiereien christenfeindlicher Provenienz als Eigentore entlarvt:

 

I. Das Kamel und das Nadelöhr.

 

Obschon kein dogmatisch besonders relevantes Problem, hat immer das Wort Jesu Anstoß erregt, leichter gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich komme (Mt 19,24; Mc 10,25; Lc 18,25 ). Das Bild erscheint doch als gar zu abwegig. Es gibt verschiedene Versuche, es wegzuinterpretieren, so etwa durch die Vermutung, das Nadelöhr meine ein damals bekanntes, besonders enges und niedriges Stadttor in Jerusalem oder auch in Petra.

 

Unser notorischer christenfeindlicher Missionar verweist auf seine Internetseite, wo er die hierzulande gut und gerne anderthalb Jahrhunderte alte These präsentiert, es handle sich um eine schlichte Wortverwechslung: Die griechischen Wörter für „Kamel“ und „Schiffstau“ unterschieden sich nur um einen Buchstaben.

 

Auf den ersten Blick scheint das bestechend zu sein: Das Kamel heißt griechisch k¢amhloV, und der geübte Blick ins Schulwörterbuch zeigt dem humanistischen Bildungsbürger geschwind, daß k¢amiloV das Ankertau bezeichnet. Womöglich erinnert er sich auch noch, daß im späteren Gemeingriechisch, der Koin¢h, das Hta mehr und mehr wie ein langes Iwta ausgesprochen wurde.

 

Bei genauerem Nachdenken sollten sich jedoch Fragezeichen am geistigen Horizont abzeichnen. Erstens ist da das eindeutige, gemeinsame Zeugnis dreier Evangelisten. Zu deren Zeit – im ersten Jahrhundert – hatte sich das Hta zwar vom langen, offenen ä, wie wir’s in der Schule gelernt haben, schon zum geschlossenen e entwickelt, aber längst nicht zum i; das gehört erst in byzantinische Zeit.

 

Zweitens gilt als Grundregel der historischen Quellenkritik, daß im Zweifel der lectio difficilior der Vorzug zu geben ist, der schwierigeren Lesart. Ein schlampiger Kopist glättet eher ein holpriges Original, er tendiert, wenn er Fehler macht, eher zum Naheliegenden als zum Abwegigen; also auch eher zum Ankertau als zum Kamel: was für ein originales Kamel spricht.

 

Drittens gebraucht Jesus an anderer Stelle (Mt 23,24) ein weiteres Bild, in dem Kamele vorkommen, und zwar sogar verschluckt werden, im Gegensatz zu den ihnen gegenübergestellten Mücken. Da denkt man an unsre Mücke, die zum Elephanten wird – auch ein abstruses Bild: weshalb nicht zur Wespe? –, aber auch an Jesu Wort vom Balken im Auge. Auch dies reichlich absonderlich: Oder wer hat schon jemanden mit einem Balken im Auge gesehen (außer Polyphem, den Niemand damit geblendet hatte)? Es scheint also, als liebte Jesus solche Bilder. Man denke daran: Er war Orientale und redete zu Orientalen. Und orientalischer Herkunft – und zwar semitischer – ist auch das Wort „Kamel“. Die Griechen haben es den Juden oder Arabern entlehnt.

 

Diesen drei Fragezeichen können wir nun aber ein Ausrufezeichen aufsetzen: Denn der Clou an der Geschichte – den unsre Schulwörterbücher verschweigen –, ist folgender: Das Wort k¢amiloV nämlich ist mit der Bedeutung „Ankertau“ ist weder bei vorchristlichen Schriftsteller bezeugt, noch in den ersten christlichen Jahrhunderten bis wei über die Kirchenväterzeit hinaus.

 

Die erste Bezeugung finde ich in der Suda, der byzantinischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts. Vielleicht hat der eine oder andere Bibelkommentator sich schon einmal die Mühe gemacht, weitere Zeugnisse zusammenzustellen, denn ganz aus der Luft gegriffen hat die Suda den entsprechenden Eintrag sicher nicht. Viel dürfte sich aber kaum finden lassen, und wenn etwas, dann geht es sicher kaum weit übers neunte Jahrhundert zurück, aus welchem nebenbei bemerkt auch die erste Erwähnung jener These vom Jerusalemer Stadttor stammt.

 

Jedenfalls stellt dieses ominöse Ankertau zumindest eine gegenüber den Evangelientexten sehr viel jüngere Bildung dar. Da es überdies für seine Herkunft keinerlei Anhalt gibt, darf man mit Fug annehmen, daß es sich um eine Wortschöpfung byzantinischer Theologen oder eher Philologen handelt, die genau über Jesu Kamel gestolpert waren und mutmaßend eine besser passende Bedeutung erfanden, mit gleicher Aussprache, aber andrer Orthographie.

 

Kurz: Vergeßt das Ankertau und das Schiffstau. Denkt ans Kamel, aber seid keins.

 

 

II. Das Kreuz.

 

Derselbe Geistesrecke behauptet auf seiner Internetseite – und verweist immer wieder darauf –, das Wort „Kreuz“ komme in der Bibel nicht vor. Es sei vielmehr ein heidnisches Symbol, die Christen hätten es nur übernommen. Die Bibel verwende statt dessen „das griechische Wort stauros (= Pfahl)“. Daß zur weiteren Begründung ausgerechnet auf eine Internetseite der Zeugen Jehovas weiterverwiesen wird, die vor allem den Querbalken bekämpfen, sei bloß als Kuriosum am Rande vermerkt.

 

Tatsächlich ist das lateinische Wort „crux“, von dem sich unser deutsches „Kreuz“ ableitet, der Oberbegriff für diverse Arten von Hinrichtungspfählen. „Galgen“, könnte man auch sagen. Wobei man sich unterm damaligen Galgen nicht das vorstellen darf, was wir heute kennen, sondern eben einen Pfahl, häufig mit Querbalken (patibulum), wie er bei der Kreuzigung Jesu ganz offensichtlich verwendet wurde. Es gab auch den einfachen Pfahl, an den ebenfalls genagelt oder auf den gespießt wurde, es gab die gegabelte furca, es gab Kopfüber-Kreuzigungen und dazu reichlich Folterwerkzeuge. Seneca beispielshalber berichtet darüber in der Consolatio ad Marciam (20,3).

 

Solche Kreuze, Galgen oder Pfähle also meint das griechische stauroV ebenso wie das lateinische „crux“ oder auch das gotische „galga“ bei Wulfila, das sprachlich unserm Galgen entspricht. »Wir aber verkündigen den am Galgen gehenkten Messias«, könnte heute in der deutschen Bibel stehen, hätten wir den Begriff nicht aus dem Lateinischen entlehnt.

 

Soviel zum Begriff und der Etymologie. Eine andre Frage wäre die nach der Kreuzessymbolik. Unbestritten ist, daß es auch heidische Symbole in Kreuzesform gibt. Das ändert aber nichts daran, daß das Kreuz als christliches Symbol früh nachweisbar ist. Zum Motiv des Hinrichtungskreuzes Jesu gesellen sich dabei zwei weitere: Das alte, mindestens auf Ezechiel zurückgehende jüdische Tau-Kreuz und etwas später die Christus-Initiale Ci.

 

 

III. Die Hölle.

 

Auf ähnliche Weise wie Kreuz und Kamel will unser Meister der wahren Exegese auch die Hölle zum Teufel jagen. Bei Anwendung seiner historisch-kritischen Methode könne man sie – die Hölle – »hinauswerfen«. Zum Beleg wird eine obskure Internetseite angeführt, die sich in allerhand etymologischen Spielereien ergeht. Deren Kritik am Begriff der „Hölle“ läßt sich wie folgt zusammenfassen: Die Konzeption einer „Hölle“ sei der Bibel völlig fremd und stamme aus Mythen des Mithraskults und des Zoroastrismus. Zweck ihrer Einführung sei gewesen, Anders- oder Ungläubigen mit „Höllenqualen“ drohen zu können. Die Bibel kenne dagegen nur die Begriffe Hades und Gehenna. Der Hades bedeute wörtlich das Unsichtbare oder nicht Wahrgenommene, Gehenna sei bloß eine Schlucht bei Jerusalem (Ge-Hinnom), in der früher Kinder geopfert worden seien.

 

Was ist dagegen einzuwenden? Erstens ist die Etymologie des Wortes „Hades“ durchaus nicht gesichert, sondern taucht erst im sechsten Jahrhundert auf. Es kann sich durchaus um einen nachträglichen Deutungsversuch handeln. Sollte die Deutung dennoch zutreffen, so wäre die Bedeutungsentwicklung durchaus ähnlich derjenigen des germanischen Begriffs, den im Deutschen „Hölle“ vertritt, abgeleitet von derselben Wurzel wie „hehlen“ und „Hülle“, mit der Bedeutung „die Verbergende“.

 

Was die Gehenna betrifft, so ist auch hier nicht zu entscheiden, ob der Begriff sich tatsächlich von jenem Tal herleitet oder ob umgekehrt erst im nachhinein das Wort Gehenna volksetymologisch mit dem Tal in Verbindung gebracht worden ist. Darauf kommt es jedoch gar nicht an, und ebenso wenig darauf, daß der Prophet Jeremias tatsächlich in diesem Tal dargebrachte Menschenopfer bezeugt (wenngleich keine Opferung von Kindern: da hat jemand den Begriff Söhne und Töchter Israels mißverstanden).

 

Daß Etymologie und Semantik häufig in ganz verschiedene Richtungen laufen, weiß jeder Anfänger der Philologie. Entscheidend ist, welche Unterweltsvorstellung einer hat, der solche Begriffe gebraucht, was immer deren Etymologie sei. Die Unterwelt oder das Totenreich der Griechen und Römer ebenso wie die der Germanen war finster, feucht, neblig, freud- und trostlos, steht also der Vorstellung einer Feuerhölle, wie sie hier der Etymolog attackiert, elementar entgegen. Das Judentum der Zeit Jesu nun war in sehr verschiedene Strömungen gespalten, die ebenso unterschiedliche Jenseitsvorstellungen hatten. Es dürfte durchaus schon die Konzeption einer Feuerhölle gegeben haben, wie sie etwa der Talmud noch widerspiegelt. Das Alte Testament freilich kennt derlei nicht, sondern nur die Scheol als Aufenthaltsort der Toten – durchaus mit Zügen, die sie dem Hades der Griechen vergleichbar erscheinen lassen.

 

Was aber lehren Jesus Christus und die Apostel?

 

Und wenn deine Hand für dich ein Anstoß zur Sünde wird, so haue sie ab! Es ist besser für dich, daß du als Krüppel in das Leben eingehest, als daß du beide Hände habest und in die Gehenna fahrest, in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. Und wenn dein Fuß für dich ein Anstoß zur Sünde wird, so haue ihn ab! Es ist besser für dich, daß du lahm in das Leben eingehest, als daß du beide Füße habest und in die Gehenna geworfen werdest, in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.Und wenn dein Auge für dich ein Anstoß zur Sünde wird, so reiße es aus! Es ist besser für dich, daß du einäugig in das Reich Gottes eingehest, als daß du zwei Augen habest und in die Gehenna des Feuers geworfen werdest, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt (Mc 9,43-48; cf. Mt 5,29-30; 18,8-9).

 

Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der nach dem Töten Macht hat, in die Gehenna zu werfen; ja, sage ich euch, diesen fürchtet (Lc 12,5; cf. Mt 10,28).

 

Und die Zunge ist ein Feuer, die Welt der Ungerechtigkeit. Die Zunge zeigt sich unter unseren Gliedern [als diejenige], die den ganzen Leib befleckt und den Lauf des Daseins entzündet und von der Gehenna entzündet wird (Jac 3,6).

 

Den Feiglingen aber und Ungläubigen und Greulichen und Mördern und Unzüchtigen und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern wird ihr Teil sein in dem See, der von Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod (Apc 21,8).

 

Der hilflose Versuch unsres Etymologen, hierin nur eine Art Müllverbrennungsanlage in jenem Tal zu erblicken, in welcher man auch die Leichname hingerichteter Verbrecher beseitigt habe, ist gar zu billig. Es ist offenbar, daß die Vorstellung der Scheol ersetzt wird – nein, nicht einfach durch die Feuerhölle Gehenna, sondern zuerst durch die Verheißung einer ewigen Seligkeit der Gerechten. Denn auch dies kannte das Alte Testament nicht. Erst Jesus Christus, der Bezwinger des Todes, vermag das Leben in Fülle zu schenken. Derselbe Jesus Christus verschweigt aber auch nicht die Kehrseite dieser Medaille, die Möglichkeit ewiger Verdammnis.

 

Dafür steht in der Regel der Begriff Gehenna, der also bezeichnet, was wir heute auf deutsch mit „Hölle“ meinen, anders als das „hel“, „hell(i)a“, „halja“ der Alten, das der Scheol bedeutungsmäßig näher steht. Wenn auch im Neuen Testament gelegentlich noch vom Hades die Rede ist, so dürfte damit hebräisches Scheol wiedergegeben sein – eine unbestimmte Redeweise, die man auf deutsch am besten mit Unterwelt übersetzt. Das gilt auch generell im Alten Testament. Denn tatsächlich konnte es ja zur Zeit des Alten Bundes nichts anderes als eine Scheol geben – vom limbus patrum spricht die Kirche –, bis den Weltenrichter Tod und Teufel besiegt und verd****

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Das Thema hat sich ja lieblich entwickelt!

 

[...] um mal auf die Frage nach der Existenz Jesu zu antworten: Es gibt einige wenige außerbiblische Zeugnisse, die Jesus erwähnen (leider weiß ich »nicht ganz genau, wo: Ich meine, daß Tacitus Jesus erwähnt hat).«

 

Vermutlich sind außerchristliche Zeugnisse gemeint, denn außerbiblische gibt es natürlich zuhauf. Tacitus hat Jesus in der Tat erwähnt. Er berichtet sogar die Kreuzigung durch Pontius Pilatus (ann. XV,44). Weitere heidnische Zeugnisse finden sich bei Plinius (ep. X,96 an Trajan mit dessen Reskript) und Sueton (Claud. XXV,4; Nero XVI,2), weitere mittelbar bei Minucius Felix und Euseb. Ferner sind indirekte Zeugnisse zu nennen, nämlich Anspielungen bei einigen Stoikern des ersten Jahrhunderts und insbesondere die parodierenden Passagen bei Petron. Jüdische Zeugen sind Flavius Josephus (ant. XX,9,1; XVIII,3,3 mit dem arabischen Exzerpt in der Weltgeschichte [Kitab el-’Unwan] des Agapius [Mahbub] von Hierapolis [el-Menbidsch im heutigen Irak]) und der Talmud.

 

»Die Evangelien sagen sehr wenig über den historischen Jesus aus, da sie 1-2 Generationen später verfaßt wurden.«

 

Sind die „Generationen“ chronologisch gemeint? Man rechnet dreißig Jahre auf ein Menschenalter. Dann ist das Evangelium des Lucas tatsächlich etwa eine Generation nach Jesu Kreuzigung und Auferstehung geschrieben worden. Johannes schrieb gut zwei Generationen danach. Matthæus und Marcus aber jedenfalls noch während der „ersten Generation“, nämlich in den vierziger Jahren.

 

Unabhängig davon stellt sich aber die Frage, weshalb auch ein oder zwei Generationen nach einem Ereignis verfaßte Quellen »sehr wenig« über das Ereignis aussagen sollen. Dann müßten wir einen Sueton oder Tacitus gleich wieder in die Tonne kloppen. Nicht bloß die Aussagen über Christus, sondern nahezu ihr ganzes Werk, denn das weitaus meiste schrieben sie im Abstand von wenigstens zwei oder drei Generationen. Seltsam nur, daß die historische Zunft beide als hervorragende Quellen schätzt.

 

Nebenbei sei bemerkt, daß die ganze Geschichtswissenschaft seit Jahrhunderten Bibliotheken vollschreibt über Geschehnisse, die Jahrhunderte oder Jahrtausende zurückliegen. Soll das auch gleich alles auf den Müll? O Mann, die spinnen, die Exegeten! Die zeitliche Distanz ist nur eines von vielen Kriterien bei der Beurteilung einer historischen Quelle (wobei ein bis zwei Generationen überhaupt keine Distanz sind). Auf die Quellen der Quelle kommt es beispielshalber auch an. Woher weiß einer, was er schreibt? Warum und wozu schreibt er? Was sagen Zeitgenossen über ihn? Solche Fragen muß man stellen.

 

»Tacitus z. B. erwähnt Juden, die der Lehre ‹des› „Chrestos“ folgen. Da Tacitus hier nicht mit biblischen Zeugen oder anderen relevanten Personen selbst geredet hat, sondern nur das wiedergibt, was diese „Juden“ selbst von sich bzw. ihrer Lehre behaupten, ist dies nur als Wiedergabe von Wissen anzusehen, daher keine Quelle.«

 

Quatsch. So könnte man überhaupt keine Geschichtswissenschaft treiben. Wer nur Augenzeugenberichte als historische Quellen anerkennt, der soll seine Geschichtsbücher wegwerfen, und zwar samt und sonders. Dann mag er sich die BILD holen, denn BILD war dabei.

 

Soviel grundsätzlich. Zum konkreten Einwand sei bemerkt, daß Tacitus neben verschiedenen früheren Historikern insbesondere die acta senatus benutzte. Da war Pilatus ganz gewiß aktenkundig.

 

»Der berühmt-berüchtigte Text von Flavius ist wohl als Fälschung anzusehen, in historisch früheren Varianten ist die umstrittende Textpassage nicht enthalten.«

 

Der zweite Teil dieser Aussage ist schlicht falsch. Richtig ist, daß heute ein breiter Konsens darüber besteht, daß bestimmte Formulierungen in der einschlägigen Passage bei Flavius Josephus schwerlich von einem Juden stammen können, also nachträgliche Einschübe eines christlichen Bearbeiters oder Kopisten sein müssen. Diese Annahme hat in der Tat alle Wahrscheinlichkeit für sich. Von einer „Fälschung“ sollte man – nebenbei bemerkt – dennoch nicht sprechen, das wäre anachronistisch. Der Urheber der Einschübe dürfte dieselben als korrigierende Ergänzungen empfunden haben.

 

Interessant ist nun aber, daß eine zweite Fassung des Textes existiert, in der diese christlichen Einschübe fehlen, die wesentlichen Fakten des Wirkens und des Todes Jesu aber gleichwohl geboten werden: nämlich das oben bereits erwähnte Exzerpt in der arabischen Weltgeschichte des Agapius Hierapolitanus. Hier liegt offensichtlich die ursprüngliche Fassung des Josephus zugrunde.

 

»Ob Jesus überhaupt existiert hat, ist unter Historikern sehr umstritten.«

 

Unfug. Es gibt überhaupt keinen ernsthaften Historiker, der die Existenz Jesu bestritte.

 

»Historische Beweise für seine Existenz gibt es keine [...]«

 

Was versteht man unter einem „historischen Beweis“? Videoaufnahmen? – Solche Aussage kann nur treffen, wer die exzessive Quellenskepsis des neunzehnten Jahrhunderts bis zur Monströsität gehegt und gepflegt hat. Man bringe mir einmal den so verstandenen „Beweis“ für die Existenz eines Plotin oder eines Apollonius von Tyana. Oder gar Platos selber. Na? Keine Videos? Nicht einmal ein Autograph? Ein mit dem Namen besticktes Taschentuch? Nein? Gar nichts? O wie schade! Doch niemand zweifelt an der Historizität der genannten Personen. Na so was!

 

»[...] ausgerechnet einer der bedeutendsten Menschen der Weltgeschichte ‹soll› keine erkennbaren Spuren hinterlassen haben [...]«

 

Mit wie großen Quadratlatschen hätte er denn durch die Weltgeschichte tapsen sollen, damit auch der letzte I**** durch die zentnerschweren Tomaten, Gurken und Melonen auf seinen Augen hindurch die Abdrücke erkenne? Wie kläglich sind dagegen die Tapfen eines Apulejus und Apollonius, dieser wandernden Magiere, die durchaus zu ihrer Zeit Aufsehen erregten und Gefolgen sammelten!

 

»Wenn Jesus gelebt haben sollte, dann wurde er schlicht nicht zur Kenntnis genommen - nicht einmal von den Essenern, die auf den Messias warteten, und die alle religiösen Geschehnisse genau beobachteten.«

 

Darum hatten sie in Qumrân auch neutestamentliche Schriften in ihrer Bibliothek. Die Fragmente aus dem Markusevangelium und dem ersten Brief an Timotheus haben sicher protojesuitische Agenten in Höhle sieben geschummelt.

 

»Eine weitere unpassende Tatsache ist darin zu sehen, daß von seinen Jüngern keiner die Geschehnisse aufgezeichnet hat bzw. aufzeichnen ließ, so daß die ersten Texte über ihn erst lange nach seinem Tod entstanden.«

 

Wir haben Briefe (aus den fünfziger Jahren bis in die neunziger) von Petrus, Johannes, Jacobus und Judas sowie von Paulus, der „Nachgeburt“. Zwei Apostel haben selbst Evangelien verfaßt, nämlich Matthæus –  noch in den vierziger Jahren, auf aramäisch, die überlieferte griechische Fassung stammt von einem unbekannten Übersetzer, vielleicht auch Redaktor – und gegen Ende des ersten Jahrhunderts Johannes, der ferner neben den Briefen auch noch eine apokalyptishe Schrift verfaßt hat. Das Evangelium des Marcus beruht auf der Katechese des Petrus, von Marcus auf Bitten der römischen Gemeinde in den vierziger Jahren niedergeschrieben. Lucas gibt die paulinische Tradition wieder, hat aber nach eigener Aussage weitere Recherchen angestellt, um historiographischem Anspruch nach griechischer Weise gerecht zu werden. Nach derselben Methode hat er überdies die Apostelgeschichte verfaßt. Beide Schriften waren vor den Märtyrertoden Petri und Pauli 67/68 abgeschlossen.

 

»So finden sich bei Paulus eine Reihe von Aussagen wieder, die direkt dem Mithraskult entstammten.«

 

Erzähl doch mal, was du über den Mithraskult weißt – und woher.

 

»Wäre Jesus nicht zum Begründer einer Religion ausersehen worden, würde heute kaum ein Mensch daran zweifeln, daß es sich um eine Legende handelt, vor allem wegen der vielen legendären Wunder, die schon seinen Vorbildern zugesprochen wurden (es gibt kein einziges Wunder, welches nicht schon zuvor anderen zugesprochen wurde, nichts Originelles - seltsam).«

 

Seltsam, daß den andern kaum jemand von zwölfe bis mittags getraut hat. Seltsam auch, daß kein andrer von den Toten auferstanden ist.

 

»Aber aufgrund der Umstände kann man von keinem Menschen verlangen, an Jesus mehr als an Siegfried oder an den Wolf und die sieben Geißlein zu glauben.«

 

Das verlangt auch keiner von dir. Aber ich bin hier wohl nicht der einzige, der verlangt, daß du deinen Müll anderswo absonderst. Mehr verlange ich nicht.

 

»Glauben anhand fehlender Tatsachen«

 

Der Quark wird immer quärker. Die Tatsachen liegen offen zutage. Nur Tatsachen soll ein Christ glauben. Du lügst erbärmlich. Dir soll keiner glauben.

 

»Noch ein Nachtrag: in gewisser Hinsicht ist es müßig, "seriöse Historiker" zu zitieren, die der Ansicht sind, daß Jesus nie gelebt hat. Historiker denken meist andersherum als Gläubige: solange keine historischen Fakten existieren, die auf eine geschichtliche Existenz Jesu deuten, werden diese meist mit den Achseln zucken und sagen: "Solange es keine historischen Belege gibt, ist es Unsinn, etwas über die Geschichtlichkeit auszusagen". Historiker sind, was die Existenz von Personen angeht, ohnehin Agnostiker - die Behauptung, eine bestimmte Person habe existiert, erfodert Beweise. Fehlen diese, dann macht es keinen Sinn, über die Existenz und das Leben zu spekulieren.«

 

Abgesehen davon, daß hier einer ofensichtlich aus argumentativer Not sich aufs Schwafeln verlegt, zeigt die Art der Schwafelei eins: Einen leibhaftigen Historiker hat der Schwafelkopp selbst aus der Ferne noch nicht gesehen.

 

Drei Seiten weiter: »Ergo ist es reine Zeitverschwendung, hier eine Liste von Historikern vorzulegen.«

 

Q.e.d.

 

»Hallo, ich möchte die Diskussion noch einmal zusammenfassen und weiterführen. Also: Es gibt keine historischen Beweise für die Existenz Jesu.«

 

Hier spricht nun wieder der studierte „katholische“ Exeget. Doch der Quatsch bleibt Quatsch, siehe oben, passim.

 

»Historischer Beweis im engeren Sinne wären archäologische Befunde (sprich Inschriften, die von Jesus selbst stammen) oder andere schriftliche Primärquellen (Schriften von Jesus bzw. einem seiner Schüler bzw. von direkten Augenzeugen).«

 

O arme katholische, verbeamtete Universitätsexegese! Auch an diesen Geistesriesen geht die Frage: Wo ist der „Beweis“ für die Existenz eines Plotin oder eines Apollonius von Tyana oder Plato?

 

»Das NT als historische Quelle anzusehen, wäre nicht ganz die "feine englische Art", jedenfalls aus historisch-wissenschaftlicher Sicht.«

 

Nein, nicht englisch, aber die Art des modernen Historikers.

 

»Auf der anderen Seite ist das NT nicht als historische Quelle konzipiert und niedergeschrieben worden, sondern als eine religiöse Werbebotschaft [...].«

 

Beides schließt einander nicht aus. Gegenstand der christlichen Verkündigung sind ja gerade geschehene Fakten, Ereignisse. Eine Geschichte ist zu berichten. Richtig ist, daß das litterarische Genus sich von dem der profanen Historiographie unterscheidet. Das liegt daran, daß die ersten Evangelien gewissermaßen Niederschriften der zuerst mündlichen Katechese der Apostel darstellen. Lucas freilich erhebt schon den Anspruch, als Historiker zu gelten. Aufbau und Stil seiner Werke zeigen den Unterschied zu Matthæus und Marcus. Johannes wiederum berichtet zwar auch Fakten, aber er will einerseits die früheren Evangelien ergänzen, ohne alles zu wiederholen, vor allem aber will er theologisch deuten, was da geschehen war.

 

»Historische Fakten, die für die religiöse Heilsbotschaft nicht notwendig waren wurden schlicht und einfach weggelassen oder den Gegegenheiten angepaßt.«

 

Das ist eigentlich gängige Historikermethode. Ja, eigentlich treibt man’s in allen Berufen so. Was aber die Evangelisten betrifft, kannst du diesen Vorwurf ihnen gegenüber konkretisieren?

 

»Der Gottessohn Mitras wurde am 25. Dezember in einer Krippe von einer Jungfrau geboren.«

 

Welche Quelle überliefert das, mein Bester?

 

»P. S.: Bist Du Exeget?«

 

Wenn die Hirten nicht langsam aufzumerken beginnen, wird „Exeget“ unter Gläubigen bald zum Schimpfwort.

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Nun zu dir, lieber Caveman:

 

»Tacitus und Sueton haben das wiedergegeben, was sie von lebenden Früh-Christen gehört haben. Tacitus macht sogar den Fehler, "Chrestos" als Namen Jesu anzusehen, und nicht als Titel. Womit man sieht, daß er unreflektiert wiedergab, selbst aber wenig Ahnung von der Materie hatte.«

 

Nein, Caveman. »Chrestus« steht bei Sueton, nicht bei Tacitus. Überhaupt erweckt Sueton den Eindruck, überhaupt nicht zu wissen, wovon er spricht. Er weiß bloß von »Juden«, die von einem gewissen »Chrestus« aufgestachelt worden seien. Hier kann man vermuten, der Autor kenne die Materie bloß vom Hörensagen – und zwar sicher nicht aus dem Munde der Christen. Er hat sich vermutlich ein griechisches CrhstoV vorgestellt, was man damit erklären kann, daß crhstoV („brauchbar, nützlich, günstig, gütig“) dem Römer eine weitaus geläufigere Vokabel war als cr[e]istoV („gesalbt“).

 

Bei Tacitus steht »Christus«, dafür nennt er aber die Christen »chrestiani«, jedenfalls dem allgemein als maßgeblich erachteten Codex Mediceus II zufolge, der aus dem 11. Jahrhundert stammt. Die Litteratur darüber ist Legion. Das kann ich auch nicht ansatzweise hier ausbreiten; nur soviel: Tacitus leitet die Bezeichnung »chrestiani« ausdrücklich von »Christus« ab, der unter Tiberius vom procurator Pontius Pilatus hingerichtet worden sei. Es ist hier also völlig klar, wen Tacitus meint und daß er weiß, wovon er redet.

 

»Auch Deine Erwähnung Pilatus und die römischen Akten möchte ich zurückweisen. Oder, um ein Zitat aus obiger Quelle zu bringen [...]«

 

Eine Internetadresse als »Quelle«. Hm. Meinst du das ernst?

 

» [...] "Some suggestion had been made that there could have existed the report of Jesus execution, perhaps penned by Pilate himself, filed in the Roman archives; and that this is where Tacitus derived his information from. Two considerations make this suggestion dubious. Firstly, the Roman archives, if it did contained any references to the execution of Jesus would have used his proper name, Yeshua or Iesus, but definitely not Christ [...]«

 

Ein Bericht des Pilatus nach Rom dürfte in der Tat den Namen Jesus Nazarenus enthalten haben. Aber Tacitus will hier die Herkunft der offenkundig allgemein bekannten Bezeichnung „Christen“ erläutern. Weshalb sollte er da „Jesus“ schreiben, selbst wenn es an den Akten gestanden haben sollte? Er schrieb ja für Römer, und zwar zuerst für heidnisch-konservative Senatskreise.

 

»[...] Secondly, the title Tacitus gave to Pontius Pilate - procurator - is an anachronism. We know from an inscription discovered in Judea, a dedication of a building by Pilate to Tiberius, that his title was perfect not procurator. In fact, the title of Roman provincial governors was only changed to procurator from the time of Claudius in AD41. Pilate was governor of Judea from AD26 to 37; thus at no time during that tenure could he had held the title ascribed to him by Tacitus. [...]«

 

Nun, zwar nicht Perfekt, wohl aber Präfekt war der Titel der Statthalter kleinerer kaiserlicher Provinzen wie Judæa. Nicht unmittelbar durch Erlaß des Claudius, wohl aber unter dem Einfluß seiner Entscheidung, den bisherigen (Fiskal-)Prokuratoren judikative Kompetenzen zuzusprechen, ging der Begriff des Prokurators allmählich auch auf die Provinzpräfekten über. Weshalb aber hätte Tacitus nicht den zu seiner Zeit üblichen Begriff verwenden sollen?

 

Übrigens übersetzt Hieronymus den von Lucas verwendeten verbalen Begriff für das Amt – hgemoneuw – mit procurare; wo Lucas den Begriff substantivisch verwendet – hgemwn –, da hat die Vulgata præses.

 

Wie auch immer, ich habe nirgends behauptet, Tacitus habe im Senatsarchiv den offiziellen Bericht des Pilatus ausgeschrieben. Das halte ich sogar für unwahrscheinlich, denn ein Bericht des Pilatus – den man voraussetzen darf – ging jedenfalls an den Kaiser und wäre allein im kaiserlichen Archiv einzusehen gewesen, denn Judæa war kaiserliche Provinz, keine senatorische.

 

»[...] At any rate the archives, as Tacitus himself said, were not available to private individuals, himself included. All the above considerations show that Tacitus was merely echoing popular opinion about Jesus and had no independent source of information. Thus, as a separate historical evidence for Jesus, the passage in the Annals has no value." «

 

Doch. Für die Zeit Neros hat Tacitus nachweislich Senatsakten verwenden können, und anläßlich der neronischen Christenverfolgung nach dem Brand Roms bringt er ja eben die berühmte Passage über Christus.

 

Sueton und Tacitus sind alle Quellen über Jesus Christus, ebenso wie die übrigen heidnischen und jüdischen Autoren, die ich in meinem vorigen Beitrag erwähnte. Der Stellenwert dieser Quellen ist sehr unterschiedlich. Zusammengenommen machen sie die Existenz eines gewissen Christus für den Historiker hinreichend plausibel. Freilich handelt es sich nicht um die wichtigsten vorliegnden Quellen: Weitaus bedeutender für unser Wissen über Jesus Christus sind vielmehr die Schriften christlicher Provenienz, voran diejenigen des Neuen Testaments. Anderes kann ja auch keiner erwarten. – Soviel für heute. Schlafenszeit. Auf den Rest gehe ich morgen ein.

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Fortsetzung von gestern nacht.

»Und Deine Aussagen über den Text von Josephus sind schlichte Halbwahrheiten, kunstvoll arrangiert, um möglichst glaubwürdig zu wirken. Nur, Sätze wie "Von einer „Fälschung“ sollte man – nebenbei bemerkt – dennoch nicht sprechen, das wäre anachronistisch. Der Urheber der Einschübe dürfte dieselben als korrigierende Ergänzungen empfunden haben" zeugen von wenig Seriösität. Wenn jemand nachträglich und ohne Wissen des Autors eine Textpassage hinzufügt und/oder ändert, und damit die komplette Aussage des Textes ändert, dann ist dies eine Fälschung.«

 

Mein Guter, ich habe dir zu erklären versucht, daß der Impuls von uns Modernen, in solchen Änderungen eines Textes eine negativ apostrophierte Fälschung zu sehen, ein Anachronismus ist. Vorstellungen wie Originalität oder gar Urheberrecht sind Kinder jüngerer Zeiten. Wenn du das bestreitest, zeigst du bloß, wie wenig du dich mit älterer Geschichte befaßt hast. Im übrigen habe ich damit doch selber eingeräumt, daß wir mit hoher Wahrscheinlichkeit von Zusätzen aus späterer Zeit ausgehen können.

 

»We find further support for the non authenticity of the third paragraph from the fact that while Josephus's works was known to the earlier church fathers, we find no reference to the above passage in support of Jesus' historicity until the time of Eusebius, well into the fourth century. In fact we even find the church father Origen (c185-253) telling us that Josephus did not believe that Jesus was the messiah. An unlikely statement, if the passage above existed during Origen's time. [6] These considerations, when coupled with the obviously Christian wordings of the third paragraph, shows conclusively that the passage Antiquities 18:3:3 is an early Christian insertion. In short, pious forgery.«

 

Ohne die ganze Forschungsdebatte referieren zu können, wiederhole ich doch noch einmal den entscheidenden Knackpunkt, den du mit Stillschweigen übergehst, Caveman: Es gibt eine arabische Fassung der inkriminierten Josephus-Passage, welche die „unjüdischen“ Formulierungen nicht enthält, wohl aber nüchterne Fakten über Jesus Christus nennt. Umgekehrt enthält die mutmaßlich von christlicher Hand bearbeitete Fassung Wendungen, die man von keinem Christen erwarten kann. Zudem gibt es eine zweite Stelle bei Josephus, die – im Zusammenhang mit der Hinrichtung des Jacobus – auch Jesus Christus erwähnt, und zwar ohne verdächtige, auf Manipulation deutende Formulierungen.

 

Ferner berichtet Flavius Josephus über Johannes den Täufer – und zwar nach der inkriminierten Stelle über Christus, und ohne irgendeine Verbindung zwischen beiden erkennen zu lassen. Wäre die Stelle also komplett von einem christlichen Schreiber eingefügt worden, so hätte der Mann jedenfalls einen denkbar ungeeigneten Zusammenhang ausgewählt. Sinnvoller wäre nach dem Vorläufer und Wegbereiter über Christus zu reden gewesen. Dieser kompositorische Sonderbarkeit wiederum bleibt aber nur so lange sonderbar, wie man sie einem Christen zuschreibt. Daß der Jude Josephus aber es nicht besser weiß, darüber braucht man sich nicht zu wundern.

 

Kurz, daß Flavius Josephus über Jesus Christus als historische Person berichtet hat, ist nach der Quellenlage hinreichend gesichert. Daß die Stelle ant. XVIII,3,3 in der Form, die die Handschriften seit dem 11. Jahrhundert überliefern, originär flavianisch ist, das darf man als ziemlich unwahrscheinlich ansehen.

 

»Falls es Dich interessiert: Text- und Geschichtsfälschung ist eine der ältesten Sünden dieser Welt und schon lange vor Jesus gang und gäbe. Die Blüte solcher "Aktivitäten" erlebte Europa übrigens während der Karolinger- und Merowinger-Zeit, wo die Schreibkundigen (meist Priester/Mönche) die Kunst des Fälschen beherrschen mußten, es gehörte quasi zum guten Ton. Für die Historiker von heute bedeutet dies allerdings, daß sie alle Dokumente aus jener Zeit erst einmal grundsätzlich als falsch ansehen, bis man das Gegenteil feststellen kann.«

 

Das ist einfach Quatsch, Caveman. Das Echtheitsproblem, vor das manche Quelle den Historiker stellt, ist mir durchaus bewußt (wobei übrigens auch ein „unechtes“ Dokument eine Quelle darstellt). Ein Problem ist die – häufig übrigens versehentliche – Pseudepigraphie, die es mitunter schwer macht, den Verfasser eines Textes zu bestimmen.

 

Der klassische Fall eines unechten Dokuments läßt sich aber etwa folgendermaßen skizieren: Da hat jemand – etwa ein Kloster oder ein Grundherr – ein Recht, das er gewohnheitsmäßig ausübt und von seinen Vorfahren oder Vorgängern übernommen hat, zum Beispiel den Besitz eines Weinbergs. Plötzlich wird ihm dies Recht streitig gemacht. Der Nachbar kommt und präsentiert eine königliche Urkunde, durch welche dem Ahn dieses Nachbarn das Nutzungsrecht an eben diesem Weinberg gewährt wird. Nun wissen im Kloster alle, daß der selige Vorgänger des Abts immer erzählt hatte, jener Weinberg sei dem Kloster bei seiner Gründung vom Kaiser geschenkt worden. Man sucht nach einer Urkunde, die das beweist. Man findet keine – und macht sich eine.

 

Solche Fälle gibt es nicht wenige, und häufig kann der heutige Historiker schwerlich entscheiden, welches von zwei einander widersprechenden Dokumenten echt ist, oder ob überhaupt eins. Bei erzählenden Quellen liegen die Dinge aber wiederum anders. Niemand würde zum Beispiel auf die Idee kommen, die Geschichtsbücher Gregors von Tours – um ein merowingisches Beispiel zu bringen – für „gefälscht“ zu erklären. Wohl aber darf man und wird man einzelne berichtete Begebenheiten hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit bewerten. Das ist die Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Dabei wird sich jeder seriöse Historiker aber vor Pauschalierungen hüten und die ihm vorliegenden Quellen erst einmal ernst nehmen.

 

Genauso ist mit Josephus Flavius zu verfahren. Es gibt tatsächlich Anhaltspunkte für Manipulationen, wie oben dargelegt. Nun gilt es, diese zu verifizieren, zu bewerten und möglichst exakt zu identifizieren. Man darf darüber auch streiten und im Detail anderer Meinung sein als ich. Man sollte seine Meinung jedoch begründen können, und für die These einer kompletten Hineinfälschung aller Erwähnungen Christi bei Josephus habe im noch kein plausibles Argument vernommen. Im Gegenteil.

 

»Und zum Thema Mithras: Du hast Dich nicht bemüht, meine Aussage zu wiederlegen, nur indirekte Anspielungen, meine Quellen wären obskur. Wenn Du vom Mithras-Kult etwas anderes weißt, warum postest Du es dann nicht?«

 

Korrekter solltest du hier vom Kult des Sol Invictus reden, den Aurelian errichtet hat. Der Mithraskult wurde davon teilweise aufgesogen. Erst mal dies: Deine „Quellen“ sind wirlich obskur. Wenn da bei AOL ein „Lord Incubus“ mit rauchendem Totenkopf »War on Faith« verheißt, sollte man da ernstlich fundierte historische Information erwarten? – Deine andern Gewährsleute von ancienthistory.about.com sind zwar nicht derart anrüchig, schreiben aber auch bestenfalls einseitige Sekundärlitteratur in populärwissenschaftlichem Stil aus. Ich hatte ganz ernsthaft nach Quellen gefragt, nach historischen Quellen: Kannst du mir eine nennen, die ein Sol-Invictus-Fest am 25. Dezember belegen kann? Daß ein moderner Pamphleteschreiber das vom andern abschreibt, ist für den Historiker ziemlich irrelevant.

 

Am Rande sei erwähnt, daß der Fund eines jüdischen Festkalenders in Qumrân der neueren Forschung ermöglicht hat zu bestimmen, wann die einzelnen jüdischen Priesterklassen mit ihrem Tempeldienst an der Reihe waren. Daraus ließ sich ableiten, wann Zacharias, der Vater des Täufers Johannes, diesen Dienst tat und wann daher gemäß dem Evangelienbericht Johannes geboren wurde: Ende Juni. Die Tradition kennt den 24. Juni, wird also von der neuesten Forschung bestätigt. Rechnen wir die von Lucas berichteten sechs Monate hinzu, die Maria nach Elisabeth empfing, so sind wir ziemlich genau beim 25. Dezember als dem Geburtstag Jesu.

 

Die Forschung liefert inzwischen also Indizien (nein, keine Beweise, so weit kann man längst noch nicht gehen: wohl aber Indizien), daß der 25. Dezember tatsächlich der vom Gedächtnis der Kirche bewahrte Geburtstag Jesu sein könnte.

 

»Immerhin, alter Sünder, präsentiere ich zumindestens ein paar Quellen im Internet.«

 

Quellen, Caveman, sind für den Historiker was anderes. Ad fontes!

 

»Ich gebe zu, dies geht langsam in Erbsenzählerei über, aber auch Tacitus hält Christus für einen Namen, keinen Titel.«

 

Tatsächlich gebrauchen ja auch wir Christen den Christus-Titel fast, als wär’s ein Name. Das kannst du Tacitus nicht vorwerfen, zumal von diesem scheinbaren Namen sich die Bezeichnung der Anhänger ableitet.

 

»Nein Robert, Du machst immer noch den selben (simplen!) Logikfehler, den Du scheinbar nicht sehen willst. Tacitus' und Suteons Passagen sind Belege für Christen, die ihren Glauben von einem Menschen - genannt Christus - ableiten. Dies ist etwas anderes als ein Beleg für die Existenz Jesu selbst.«

 

Nimm noch Plinius und Josephus dazu. Aber von einem logischen Fehler kann keine Rede sein. Wir haben es mit normalen historischen Quellen zu tun. Augenzeugenberichte sind selten, und auch nicht von vornherein bessere Quellen. Wir haben es mit Belegen zu tun, die zwei Generationen nach dem Geschehen eine verbreitete Kenntnis von diesem Geschehen bezeugen, jedenfalls soweit es um Plinius, Josephus und Tacitus geht; Sueton war augenscheinlich schlechter informiert. Es gibt keinen Hinweis auf zeitgenössische Zweifel an der Historizität jenes Geschehens. Das wäre für den Geschichtswissenschaftler auch dann hinreichend, die Historizität vorauszusetzen, wenn es die spezifisch christlichen Zeugnisse – biblische und außerbiblische – nicht gäbe.

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Caveman, du hast das Wesen historischer Forschung immer noch nicht begriffen.

»Du versuchst, eine zweifelhafte Quelle mit anderen zweifelhaften Quellen zu stützen, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Du drehst die Texte solange, um eine Bestätigung der Existenz Jesu zu bekommen, wo sie doch nur Frühchristen bestätigen, Du behauptest, sie wären verläßlich, weißt aber nicht einmal, woher die Informationen kommen, und und und...«

 

Noch mal eine kurze Zusammenfassung:

 

1. Es gibt zwei bis drei Menschenalter nach dem Tode Christi (also um das Jahr 100) mehrere außerchristliche Quellen, die sich mit den zeitgenössischen Christen und Christus selbst befassen, dessen Wirken unter den Juden und dessen Tod unter Pontius Pilatus sie voraussetzen und nicht anzweifeln, obgleich sie gute und teils offiziöse Informationsquellen hatten (Tacitus, Plinius, Trajan, Flavius Josephus).

 

2. Es gibt ungleich zahlreichere christliche Quellen, teils Berichte von Augenzeugen oder von späteren Gefährten der Augenzeugen (Neues Testament); sodann

 

3. umfangreiche Litteratur – teils fragmentarisch, teils auch nahezu vollständig überliefert – der unmittelbar folgenden Generationen;

 

4. schließlich archäologische Quellen, insbesondere Inschriften, die indirektes Zeugnis geben, während verschiedene direkt auf Jesus weisende Relikte zwar vorhanden, jedoch nicht zweifelsfrei zuzuordnen sind (sindon, titulus crucis, crux).

 

 

Angesichts solcher Quellenlage zweifelt kein Historiker, der bei Sinnen ist, an der tatsächlichen Existenz der Person, von der diese Quellen direkt oder indirekt handelt. Der Zweifel, der hier vorgebracht wird, ist offensichtlich religiöser Natur, und zwar negativ-religiös. Was dem eigenen (Un-)Glauben widerspricht, kann ja gar nicht wahr sein, also wird jeder Strohhalm ergriffen, um die Historizität zu bestreiten, um den Wert der Quellen hyperkritisch in Abrede zu stellen, wo man niemals auf die Idee käme, auch bloß kritisch nachzufragen, sobald es nur um Personen oder Fakten geht, die dem eigenen Glauben konform oder gleichgültig sind.

 

Und in der Tat ist es genau so: Als Gegen-„Quellen“ werden Zitate obskurster Herkunft im Internet zusammengesucht, ohne daß auch bloß der Versuch unternommen würde, diese Pamphlete auf ihre historischen Quellen hin abzuklopfen. Das ist kein seriöses Verfahren.

 

Dennoch will ich auf eine aufgeworfene Frage näher eingehen, nämlich das Mithras-Problem. Richtig ist, daß sich Christentum und Mithras-Kult im Römischen Reich zunächst zeitlich parallel entwickelt haben. Aber auch formale oder inhaltliche Parallelen sind nicht zu bestreiten und auch gar keine neue Entdeckung: Vielmehr haben schon frühchristliche Schriftsteller darauf hingewiesen, so Justin der Märtyrer und Tertullian, etwas später auch die Kirchenväter Gregor von Nazianz und Hieronymus. Dazu unten mehr.

 

Ein wesentlicher Unterschied ist dabei jedoch deutlich erkennbar: Während das Christentum von Anfang an sich an das ganze Volk wendete – Männer, Frauen, Kinder, Reiche, Arme, Freie, Sklaven –, war die Mithrasreligion ein elitärer, männerbündischer, logenartig organisierter Mysterienkult. Weiter, während die Formen und Inhalte der christlichen Verkündigung und der kirchlichen Organisation trotz mancher Fragezeichen vor allem bezüglich der frühesten Zeit insgesamt recht offen zutage liegen, ist die Quellenlage für den Mithras-Kult überaus dürftig.

 

Die zugrundeliegenden indischen und iranischen Vorstellungen, Mythen und Mysterien sind kaum durchschaubar und im einzelnen auch sehr umstritten. Ich will aber auch darum hier davon absehen, weil auf dem Boden des Römischen Reichs in der lateinisch-hellenistischen Kultur sich auf synkretistische Weise auf der orientalischen Basis durchaus etwas Neues entwickelt hat. Welche Quellen aber haben wir nun? Es sind dies vor allem Inschriften, insgesamt an die sechshundert an der Zahl. Meist handelt es sich aber um reine Dedikationsinschriften, die nur über die Verbreitung des Kults ein wenig aussagen. Weniges geht weiter, und von diesem Wenigen besteht vieles in Skulpturen, die die Inskriptionen begleiten und deren Interpretation, auf der viel beruht, was als Inhalt des Mithras-Kults beschrieben wird, äußerst schwierig ist. Daneben haben wir die oben erwähnten Hinweise christlicher Provenienz sowie wenige dürre heidnische-philosophische Zeugnisse, insbesondere bei Porphyr (Porph. abst. 4,6; antr. XV).

 

Kurz, fast alles, was über den Mithras-Kult geschrieben steht, ruht argumentativ auf dünnem Eis. Ich will nicht sagen, daß man als Historiker auf solche dünnem Eis gar nicht gehen könne: Aber man sollte doch um die Stärke des Argumenteneises wissen, auf dem man sich bewegt, und forsches Herumtrampeln vermeiden. Aber du stellst mir einige konkrete Fragen, Caveman – oder besser, du wirfst mir unbewiesene Behauptungen an den Kopf, daß ich sie widerlege. Nun gut.

 

»*Mithras wurde am 25. Dezember als Sohn einer Jungfrau geboren.«

 

Auf das Datum gehe ich noch gesondert ein; der Mithras-Kult kennt innerhalb seiner Kosmogonie oder Theogonie eine Geburt des Mithras aus einem Felsen, keine Jungfrauengeburt. (Jungfrauengeburt wird in der Regel auch eher vom ägyptischen Horus aus der Isis behauptet, was aber auch nicht korrekt ist, da Osiris andererseits als posthumer Zeuger des Horus galt. Ausgangspunkt der Behauptung ist hier die häufige Darstellung der Isis mit dem Horuskinde, was an manche Madonnendarstellungen erinnern mag, sofern man an der kuhhäuptigen Isis nicht Anstoß nimmt. Diese Darstellung knüpft aber daran an, daß Isis ursprünglich der Herrscherthron personifizierte, während der Herrscher [oder Thronfolger] selbst mit Horus identifiziert wurde.)

 

»* Er war der Sohn des Sonnengottes, starb und ist wiederauferstanden.«

 

Hier ist die Überlieferung nicht eindeutig, wie so oft in den alten Göttermythen. Einerseits wird Mithras als Sohn des Sonenngottes angesehen, andererseits aber auch mit diesem identifiziert. Seine Rettungstat für die Menschheit besteht im Kampf mit einem Stier und dessen Opferung, wobei dem Stierblut eine nicht ganz klare Rolle zukommt. Anschließend kehrt er zur obersten Gottheit (der infiniten Zeit, Zervan) oder „in den Himmel“ zurück. All dies spielt aber noch innerhalb des Mythus von der Kosmogonie, vor der Entstehung oder Erschaffung der Menschen, ist also weder als historisch gedacht noch bezeugt. Am Ende der Zeit soll er zu einem erneuten Stierkampf und Opfer wiederkehren. Von Tod und Auferstehung keine Rede.

 

»* Bei seiner Geburt waren Hirten anwesen. Die Geburt fand in einer Höhle oder Stall statt.«

 

Die Hirten sind die sehr unsichere (und gleichsam von Lucas inspirierte) Interpretation einer im Zusammenhang einer Inschrift aufgefundenen bildlichen Darstellung. Da es dem Mythus zufolge, wie er sich sonst erschließen läßt, bei der Geburt des Mithras noch keine Menschen gab, sind die Hirten einigermaßen paradox. Die Vermutung liegt auf der Hand, daß hier ein Mithras-Jünger bei Lucas abgekupfert hat. Die Geburt schließlich fand aus dem oben schon erwähnten Felsen unter einem Baum an einem Fluß statt. In Grotten – oder in zu Grotten stilisierten Versammlungsräumen – fanden die rituellen Zusammenkünfte der Mithras-Anhänger statt.

 

»* Der Feiertag Mithras war der Sonntag.«

 

Der Sonntag war der Tag des Sonnengottes. Die Verbindung des Mithras zur Sonne bringt ihn mit demselben Sonntag zusammen. Na und? Derselbe Tag – der erste der Woche – war derjenige, an dem Christus auferstand.

 

»* Im Mithraskult gab es eine heilsbringende Taufe, es wurde die Messe und Kommunion gefeiert, es gab sieben Sakramente und die Lehre der Dreifaltigkeit.«

 

Fangen wir hinten an. Dreifaltigkeit ist Unfug. Die philosophische Gotteslehre des zeitgenössischen Mittel- und Neuplatonismus kennt drei göttliche Hypostasen, die allerdings hierarchisch geordnet sind. (Weil die Arianer Ähnliches vertreten haben, hat die Kirche lange kämpfen müssen.) Die Mythen des Mithras-Kults sind viel zu unscharf und schwankend, um irgendeine Zuordnung zu solch philosophischer Gotteslehre zu erlauben.

 

Es gab keine sieben Sakramente, sondern eine siebenstufige Initiation in die Mithras-Mysterien. Abgesehen von der Siebenzahl, die chaldäisch-iranischen Ursprungs ist und die das Christentum ebenso kennt, liegt der Gedanke an die Grade der Freimaurerei wesentlich näher als an die sieben Sakramente.

 

Eine Art Taufe gab es, jawohl, und ebenso eine Art „Eucharistie“, ein rituelles Mahl. Auf beides haben die genannten Kirchenschriftsteller schon hingewiesen, und zwar mit ganz eindeutiger Stoßrichtung: Den Mithras-Jüngern wirft man vor, christliche Riten und Sakramente entstellend zu imitieren. Für den Interessierten die Stellen: Tert. bapt. V; præscr. XL; cor. XV; Just. apol. I,66; Greg. Naz. or. IV,70; Hieron. ep. 107. Selbst wenn man dem christlichen Vorwurf der Imitation nicht folgen mag, wird man zugeben müssen, daß um die Mitte des zweiten Jahrhunderts – also noch nah an den Ursprüngen, so wie heute einer, der sich auf Bismarck beruft – die Christen die feste Überzeugung hatten, daß ihre Sakramente auf eigener, originärer Tradition beruhten, während die vermeintlichen Parallelen im Mithras-Kult überhaupt erst durch diese christlichen Zeugen historisch greifbar werden.

 

Bleibt mir noch, mein oben gegebenes Versprechen einzulösen, zum Datum des 25. Dezember Stellung zu nehmen. Mit Blick auf die Uhr verschiebe ich das auf morgen und erbitte Verständnis.

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Fortsetzung von gestern: Zur Frage des 25. Dezember.

 

Die überwiegende Mehrheit der Gelehrten – auch der katholischen – ging und geht seit langem davon aus, daß die Einführung des Geburtsfests Jesu am 25. Dezember im vierten Jahrhundert in bewußtem Gegensatz zum am selben Tag begangenen Feier des Sol Invictus erfolgte, daß man also diesen heidnischen Tag christlich besetzen, gleichsam „taufen“ wollte. Das wäre an sich völlig legitim, jedenfalls gar nicht sensationell und schon gar kein Anlaß, weitgehende Spekulationen daran zu knüpfen.

 

Ich will nun meinerseits keineswegs die „Antithese“ aufstellen, daß also zu diesem heidnischen Fest keinerlei Verbindung bestehe und es sich vielmehr um das tatsächliche Geburtsdatum Christi handele: Einer solchen These mangelt es an hinreichenden Belegen, wenn sie mit einer gewissen Sicherheit vorgetragen werden soll. Wohl aber wollte ich in meinen vorigen Beiträgen einige Zweifel an der von der herrschenden Meinung vertretenen These anmelden sowie Hinweise aus Ergebnissen der neueren Forschung mitteilen, daß es eben doch anders gewesen sein könnte, als allgemein angenommen wird. Kurz: Ich wollte ein wenig heilsame Unsicherheit stiften.

 

Meine Frage nach Belegen, also urkundlichen, inschriftlichen oder erzählenden Quellen, war durchaus ernst gemeint. Ich finde nämlich in der mir hier greifbaren Litteratur diverse Angaben, daß am 25. (oder auch 24./25.) Dezember das oder ein Fest des Sol Invictus, des Aion oder der Geburtstag des Mithras begangen worden sei. Daneben stehen auch Angaben, die genannten Feste habe man zur Wintersonnenwende gefeiert. Durchweg fehlt aber jeder Hinweis auf Quellen der genannten Art, und zwar auch da, wo für andere Details der genannten Kulte fleißig auf das CIL (Corpus inscriptionum Latinarum) verwiesen wird. Die Suche in den recht umfäglichen Auszügen aus dem CIL auf meiner Festplatte hat auch nichts erbracht.

 

Mag sein, daß die Speziallitteratur – ich denke etwa an Manfred Clauss, dessen einschlägige Monographien leider vergriffen sind – solche Hinweise bringt. Daher meine Frage. Das Fehlen der Quellenangaben in der bisher zu Rate gezogenen Litteratur hat mich jedoch etwas mißtrauisch gemacht. Selbst wenn es etwa einschlägige Inskriptionen gibt, ist dann dort tatsächlich ein konkretes Datum genannt, oder wird bloß allgemein auf die Sonnenwende (das solstitium, oder genauer: die bruma) verwiesen? Oder wird überhaupt nur vermutet, das Begängnis müsse auf das solstitium fallen, und von daher dann auf den 25. Dezember geschlossen? Nochmals: Ich nehme jeden Quellenbeleg dankbar entgegen. Aber bitte nur echte Quellen, keine Internetzitate von LordAhriman@aol.com oder asrael@gurgelhals.slu.

 

Daß es dabei durchaus von Belang ist, zwischen 25. Dezember und Wintersonnenwende zu unterscheiden, liegt an den Schwierigkeiten der Kalenderberechnung. Cäsars Reform, die falsche Anwendung durch die Magistrate – nämlich alle drei Jahre einen Tag eingeschaltet –, die Korrektur durch Octavian im Jahre acht vor Christi Geburt, die dennoch bestehende Ungenauigkeit des Julianischen Kalenders, die Neufestsetzung des Frühlingsbeginns durch das nicænische Konzil: All das führt dazu, daß wir für den Termin des solstitium brumale einen Tag zwischen dem 22. und dem 26. Dezember erwarten können, aber nicht einfach vom 25. Dezember ausgehen dürfen.

 

Daß Kaiser Aurelian – seine Mutter war Priesterin des Sonnengotts – im Jahre 274 dem Sol Invictus einen Tempel geweiht hat, ist bekannt. Insbesondere durch die Erwähnungen in der vita Aureliani der Historia Augusta wissen wir davon. Der Kult sog auch den Mithras-Kult in sich auf – wie wir insbesondere aus zahlreichen Inschriften erfahren –, ohne dessen spezifische Struktur und Mysterien aufzuheben, war aber im Gegensatz zu den Mithras-Mytserien als öffentlicher Volks- und Staatskult konzipiert. Leider berichtet die Historia Augusta nichts über den Tag der Weihe. Der Gedanke ans solstitium liegt nahe. Es soll eine Inschrift geben, die das belegt, publiziert in CIL I², p. 278. Sollte jemand das CIL zur Hand haben – bitte nachschauen und Text und Beschreibung der Inschrift mitteilen!

 

Nebenbei bemerkt zeigt diese Tempelweihe und der ganze, bald scheiternde Versuch Aurelians, den Sonnenkult zur Reichsreligion zu erheben, mit welchen Mitteln man heidnischerseits bemüht war, dem längst auf dem Siegeszug befindlichen Christentum Einhalt zu gebieten. Keine fünfundzwanzig Jahre später mußte Diocletian schon zu brutaler Verfolgung greifen – und ein paar Jahre später griff Constantin im Zeichen Christi erfolgreich nach der Macht im Reich.

 

Abgesehen von jenen für mich interessanten, aber eben auch noch offenen Fragen der Datierung liegt die symbolische Bedeutung der Sonnenwende natürlich auf der Hand, und dies nicht nur für heidnische Sonnengottheiten, sondern auch für Jesus Christus, auf den die Licht- und Sonnensymbolik von den Christen jedenfalls seit frühester Zeit angewandt worden ist – man denke nur an die Ausrichtung des Gebetes nach Osten, um ein Beispiel zu nennen. Selbst wenn also der tatsächliche Geburtstag Jesu auf den 25. Dezember fiele, könnte man die Symbolik der Sonnenwende nachträglich darauf angewandt haben – was im übrigen sogar im Plan Gottes gelegen haben mag.

 

Was endlich diesen Geburtstag betrifft, so hat tatsächlich der von Schemarjahu Talmon 1958 entschlüsselte jüdische Festkalender – weitere Untersuchungen dazu stammen insbesondere von Annie Jaubert – mit seinen Angaben über die „Tempeldienstzeiten“ der einzelnen Priesterklassen vor einigen Jahren Anlaß zu neuen Überlegungen gegeben. Hervorgetreten sind hier vor allem Antonio Ammassari und Tommaso Federici von der römischen Urbaniana. Es bleiben durchaus noch offene Fragen, und von einer exakten Datierung auf den genauen Tag kann keine Rede sein: Doch paßt die Dienstzeit des Zacharias frappierend gut zu den von Lukas geschilderten Abläufen um Verkündigung und Geburt des Täufers und Jesu, sofern man die entsprechenden Festtage der kirchlichen Tradition als reale Daten ansetzt. Mehr läßt sich noch nicht sagen, aber man sollte weiter darüber forschen.

 

Die vorgebrachten Einwände gegen einen Geburtstermin im Winter können mich nicht überzeugen. Wie willst du denn belegen, daß die Römer Steuererhebungen oder »Volkszählungen niemals im Winter abgehalten haben«? Darauf bin ich gespannt. Und daß im Winter keine Hirten mit ihrer Herde auf der Weide gewesen sein könnten, ist gleichermaßen unbelegt, oder vielmehr unbelegbar: Denn das palästinische Klima erlaubt das durchaus, selbst wenn es nicht üblich gewesen sein mag.

 

 

Vermischte Nachträge:

 

»Und die Bischofsmütze wird Mitra genannt. Kurios ...«

 

Räusper. Bessere Argumente hast du nicht mehr? Das eine Wort (Mithras) ist persischen Ursprungs, das andere griechischen. Allerdings könnte eine indogermanische Urverwandtschaft vorliegen, nämlich in Gestalt einer Wurzel mit der Bedeutung „Band“.

 

»Der einzige Grund dafür ist der, daß auch andere Religionen ihre gekreuzigten Gottheiten hatten.«

»Also: Sol Invictus, ja, Auferstehungstradition auch, Kreuzigung nein.«

 

Nicht »Auferstehung« kennt der Mithras-Mythus, sondern eine Himmelfahrt – allerdings ohne vorangegangenen Tod. Also auch keine Kreuzigung. Allerdings gibt es doch eine Art heidnischen Kreuzigungsmythus, nämlich in Odins Runenlied aus dem Hávamál:

 

Veit ek, at ek hekk

vindgameiði á

nætr allar níu,

geiri undaðr

ok gefinn Óðni,

sjalfur sjalfum mér,

á þeim meiði

er manngi veit

hvers af rótum renn.

 

Ich weiß, daß ich hing,

am windigen Baum,

neun Nächte lang,

mit dem Ger verwundet,

geweiht dem Odin,

ich selbst mir selbst,

an jenem Baum,

da jedem fremd,

aus welcher Wurzel er wächst.

 

Das ist allerdings so spät, daß die Annahme christlichen Einflusses mehr als naheliegt, ebenso wie bei der Heilandsprophezeihung am Ende der Völuspá.

 

»[...] einfach dessen Indeologie assimiliert [...]«

 

Hä? Indologie?

 

»Und daß das Christentum durchaus heidnische Bräuche assimilierte, dürfte wohl jedem klar sein. Bestes Beispiel ist wohl der Weihnachstbaum.«

 

Das mußt du erklären. Ich hielt den Weihnachtsbaum bisher immer für eine recht junge Erfindung.

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Hier geht wieder einmal manches durcheinander. Die sattsam bekannte und einschlägig vorbelastete Parole vom „Sachsenschlächter“ Karl bezieht sich auf die Hinrichtungen von Verden; die capitulatio de partibus Saxoniæ hat damit nichts zu tun, der nachgeschobene Hinweis auf sie geht darum an der Sache vorbei. Zunächst zu Verden.

 

Wohl um Karls Ansehen zu retten – oder gar seine Heiligkeit, an der die Kirche festhält? –, zieht Ute unter Berufung auf einen Geschichtsatlas die Historizität des „Verdener Blutbades“ in Zweifel, wo den annales regni Francorum zufolge viereinhalbtausend aufständische Sachsen auf Befehl Karls enthauptet wurden. Ute schlägt vor, statt „decollati“ („enthauptet“) „delocati“ („umgesiedelt“) zu lesen. Indes hält diese Lesart der Überprüfung anhand der Quellen nicht stand.

 

Die annales regni Francorum, die als offiziöse Geschichtsschreibung vom Hofe Karls selbst anzusehen sind, liegen in zwei Rezensionen vor: einer älteren, den sogenannten annales Laurissenses majores, und den jüngeren annales Einhardi. Die ältere Fassung wurde, in der Darstellung weiter zurückgreifend, um 788 begonnen, ab 795 von einem anderen Autor fortgeführt, der in den dreißiger Jahren des neunten Jahrhunderts dann selbst eine komplette Neubearbeitung des Werks schuf, eben die annales Einhardi. Sehr wahrscheinlich handelte es sich bei diesem zweiten Autor um niemand andern als Einhard, den Biographen Karls.

 

Die in Rede stehende Formulierung findet sich – zum Jahre 782 – in den annales Einhardi. Nun teilt aber die ältere Rezension mit anderen Worten denselben Tatbestand mit: Die Sachsen hätten sich Karl unterworfen und jene 4.500 Übeltäter, die den Aufstand am entschiedensten betrieben hätten, „ad occidendum“ ausgeliefert, also zur Tötung, zur Hinrichtung, zum Verderben; dies sei auch vollzogen worden. Darüber hinaus teilen auch die annales Fuldenses sinngemäß ganz dasselbe mit. Damit scheidet die Möglichkeit eines Abschreibefehlers aus. Ja mehr noch: Es ist die offiziöse Geschichtsschreibung des fränkischen Königshofes selbst, die das Ereignis der Massenhinrichtung von Verden der Nachwelt überliefert hat.

 

Kann ein König, der solches befiehlt, nicht heilig sein? – Dazu nur zwei Anmerkungen. Erstens waren alle Heiligen der Kirche Sünder. Es ist die Gnade des Herrn, nicht unsere moralische Qualität, die uns heiligt. Zweitens war Karls Urteil gerecht und entsprach dem Gesetz. Nicht Karl war eidbrüchig, wie Alfred Rosenbergs Adepten zu behaupten pflegen, sondern der Sachse Widukind – der sich freilich wie stets vor dem Erscheinen der Franken feige davon gemacht hatte, alles andre als der Held, als den ihn mancher heute noch sehen will – und seine Genossen. Karl hatte schon mehrfach die sächsischen Rebellen begnadigt. Diesmal ließ er das Urteil vollstrecken. Er tat, was seines königlichen Amtes war.

 

Daß der sächsische Adel selbst es war – nach Widukinds Flucht und im Angesicht des mit Macht heranrückenden Frankenkönigs –, der die viereinhalbtausend Aufrührer aus den eigenen Reihen gefangensetzte und ausdrücklich zur Hinrichtung den Franken auslieferte, wird merkwürdigerweise kaum beachtet, wirft aber ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Situation.

 

Und wie hält es die sächsische Historiographie mit Karl? – Sie verschweigt das Ereignis von Verden. Aber sie verschweigt durchaus nicht Karls Kriege gegen die Sachsen. Die Haltung der sächsischen Großen anderthalb bis zwei Jahrhunderte nach Verden, also zur Zeit der sächsischen Kaiser, lassen die res gestæ Saxonicæ Widukinds von Corvey erkennen, der möglicherweise selber ein Nachfahre des alten Rebellen Widukind war. Die Franken vor Karl werden als treulos gekennzeichnet, die Sachsen als dem väterlichen Irrglauben verhaftet. Karl aber als tapferster und weisester aller Könige habe die Sachsen nicht im leeren Irrglauben verharren lassen wollen, sondern sie teils durch sanfte Überredung, teils durch Krieg auf den rechten Weg geführt; so seien nun Franken und Sachsen gleichsam ein Volk aus dem christlichen Glauben geworden („quasi una gens ex christiana fide“, res gestæ Saxonicæ I,15).

 

Mit andern Worten, der sächsische Stamm hat nach seiner Bekehrung Karl den Großen gleichsam „adoptiert“, ihn zu einer Grundlage der eigenen Identität gemacht. Die deutsch-nationale, von den Nationalsozialisten aufgegriffene Verleumdung vom Sachsenschlächter Karl hätte der Sachse des zehnten Jahrhunderts mit Empörung zurückgewiesen. Die Christianisierung der Sachsen war innerhalb weniger Generationen zum wesentlichen Teil des völkischen Selbstverständnisses geworden.

 

Können nun aber solche Methoden, wie sie die berüchtigte capitulatio de partibus Saxoniæ beschreibt, mit diesem Resultat im nachhinein gerechtfertigt werden? – Stellen wir zunächst klar, worum es in diesem Dokument geht. In der Tat wird eine Reihe von Delikten mit der Todesstrafe bedroht. Vor allem geht es dabei um die Bekämpfung heidnischer Greuel wie der Menschenopfer und des rituellen Kannibalismus sowie um den Schutz der Kirchen – auch und gerade als Asylstätten –, um den Schutz von Leib und Leben der Bischöfe, Priester und Diakone sowie um die Wahrung der königlichen Rechte und Hoheitsgewalt.

 

Richtig ist freilich auch, daß dies Gesetz den mit dem Tode bedrohte, der sich verbarg, um so die Taufe zu vermeiden, oder der während des Großen Fastens Fleisch aß. Für diesen wurde jedoch eingeschränkt, daß von der Bestrafung abzusehen sei, wenn ein Priester bezeugte, die Tat sei nur aus Not heraus begangen worden. Grundsätzlich galt für alle Tatbestände, daß nicht bestraft wurde, wer nach dem Zeugnis eines Priesters wegen der mit Strafe bedrohten Tat zur Beichte gekommen sei und eine Buße auf sich genommen habe. Verweigerung des Zehnten war entgegen obiger Behauptung nicht mit dem Tode bedroht.

 

Die capitulatio de partibus Saxoniæ beruht auf Übereinkunft der fränkischen Seite mit den Vertretern des sächsischen Adels, der Karl die Treue gelobt hatte. Dies erklärt die sonst im fränkischen Bereich ganz ungekannte Härte des Sondergesetzes für Sachsen: Es war sächsischer Brauch und sächsische Kapitaljustiz, welche die Vorlage für die neuen Bestimmungen abgegeben hatte. Freilich hatten sie nicht lange Bestand: Zehn, spätestens fünfzehn Jahre später wurden durch ein neues Gesetz die schon damals den christlichen Missionaren ganz unmöglich erscheinenden Strafbestimmungen gemildert oder aufgehoben.

 

Ob sie bis dahin jemals angewandt worden waren, ob also Todesurteile etwa wegen Taufverweigerung tatsächlich vollstreckt worden sind, darüber ist, soweit ich sehe, nichts überliefert. Von massenhafter Anwendung oder gar „Schlächterei“ kann mit Sicherheit nicht die Rede sein. Aber auch wenn das Gesetz nicht wirklich angewandt worden ist, so ist doch unbestreitbar, daß ein obrigkeitlicher Druck ausgeübt wurde – durch fränkische Grafen ebenso wie durch einheimische Herren –, das Christentum anzunehmen. Man sollte sich jedoch vor übertriebenen Vorstellungen hüten: Das Christentum in Sachsen fing nicht mit Karl dem Großen an. Christliche Mission und christliche Gemeinden hatte längst vorher schon gegeben – freilich in steter Unsicherheit und unter Bedrohung lebend.

 

Die fränkische Vorherrschaft kehrte die Verhältnisse um, und sie tat dies auch unter Anwendung von Druck oder Zwang. Die Gründe sind politischer Art. Die Kirche befürwortet diese Methoden nicht – und hat es auch damals nicht getan –, sofern es nicht um staatliche Bekämpfung schwerer Verirrungen geht. Solche Verirrungen waren im Falle Sachsens zum Beispiel Menschenopfer und Kannibalismus, aber auch die Verfolgung der einheimischen Christen und ausländischen Missionare. Dagegen soll heute wie damals die Staatsgewalt einschreiten. Zum Glauben zwingen soll sie nicht. Darum wurde die capitulatio de partibus Saxoniæ schleunig revidiert.

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»Dazu [zur Frage, ob vor der Taufe begangene Sünden zu beichten seien] scheint es zwei Meinungen zu geben (Säuglinge mal ausgenommen, die brauchen nicht zu beichten ...).«

 

Meinungen gibt’s zu allem wie Sand am Meer. Christlich ist in diesem Falle nur eine: die Taufe wäscht alle Sünden ab, die Erbsünde ebenso wie die persönlichen, bis zur Taufe begangenen.

 

»Deine Variante ist die Schlimmste, denn demnach braucht man sich vor dem Tode nur schnell taufen lassen, dann bereut man aus ganzem Herzen, was man getan hat, und wenn man in der Gnadenlotterie Glück hat, wird man erlöst. Gilt das auch für Adolf Hitler, wenn er kurz vor seinem Tode gebeichtet hätte und sich nicht selbst umgebracht hätte? Oder sich hätte taufen lassen, mal angenommen, er sei kein Katholik gewesen?«

 

Ja (und zwar ohne die blödsinnige Voraussetzung des Lotterieglücks), sofern die Beichte mit Reue verbunden gewesen wäre oder wenn das Bekenntnis der Glaubens bei der Taufe echt gewesen wäre. Denkbar – wenn auch nach menschlichem Ermessen extrem unwahrscheinlich – ist sogar, daß er tatsächlich zwischen selbstmörderischer Tat und Eintritt des Todes noch aufrichtig und vollständig bereuen konnte, was mangels Möglichkeit zur Beichte diese voll ersetzte. Abgesehen aber von der konkreten Person, ist eines sicher: Wer in den Himmel kommt, der wird dort berüchtigte schwere Sünder treffen – und vielleicht überrascht sein, sich aber gewiß freuen.

 

»Und wenn die nicht die Beichte zur Vergebung der Sünden beiträgt, sondern nur Gott: Wozu beichtet man dann, und lügt einen dann der Priester nicht an, wenn er von der Vergebung der Sünden spricht?«

 

Mit der Gratuität der Gnade ist es wie mit dem Freibier: Man muß hingehen und es sich holen. Verdienen tut man sich damit gar nichts. Wer von weither kommt, kriegt auch nicht mehr. Und wer das Bier ablehnt und ’ne Camel verlangt, der hat Pech und geht leer aus.

 

»Und ist es nicht sehr dumm, Kinder zu taufen, wäre es nicht besser, damit so lange zu warten wie nur irgend möglich?«

 

Nein, das wäre verantwortungslos, denn die Fülle der Taufgnade dürfen christliche Eltern ihren Kindern nicht vorenthalten. Voraussetzung der Kindertaufe ist freilich, daß die Übergabe des Glaubens dann in der Familie stattfindet.

 

»Das war übrigens im Urchristentum so, da gab es nur die Taufe zur Vergebung der Sünden, da wartete man möglichst bis kurz vor dem Tode - Pech, wenn der Tod überraschend kam, dann war alles umsonst!«

 

Falsch. Das Sakrament der Buße kannte auch die Urkirche schon. Die Gestalt dieses Sakraments hat sich allerdings im Lauf der Kirchengeschichte deutlich gewandelt: In der alten Kirche war bei schwerer, öffentlicher Sünde vor der Rekonziliation öffentliche Buße gefordert; dies wurde ursprünglich nur einmal im Leben gewährt.

 

Daß »man« mit der Taufe bis kurz vor dem Tode wartete, ist auch Unfug. Kinder christlicher Eltern wurden ohnehin als Säuglinge getauft. Wer als Jugendlicher oder Erwachsener getauft werden wollte, mußte zunächst ein in der Regel dreijähriges Katechumenat absolvieren und wurde dann getauft. Zutreffend ist allerdings, daß es Zeugnisse gibt, das mitunter nach diesem dreijährigen Katechumenat die Katechumenen sich noch nicht zur Taufe meldeten, sondern sozusagen noch weitere Warteschleifen drehten. Nicht selten werden auch die Katechisten Bewerber als noch nicht reif beurteilt und auf die Katechumenatsbank zurückgeschickt haben. Im Extremfall kann sich das bis an die Schwelle des Todes hinausgezögert haben. Das war aber niemals der Normalfall.

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Die Heilskasuistik, die diese Diskussion eröffnete, beruht auf so viel falschen Voraussetzungen und beinhaltet so viele heimtückisch placierte kleine Kirchenmausefallen, daß ich nicht daran denke, sie als Basis der Diskussion anzuerkennen. Ich werde statt dessen nur zu zwei grundsätzlichen Fragen Stellung nehmen.

 

1. Es ist zu unterscheiden zwischen Gottes universalem Heilsplan für die gesamte Menschheit und den individuellen Plänen für jeden einzelnen Menschen. Der universale Heilsplan beginnt mit der Erschaffung des Menschen, in einem engeren Sinne damit, daß die Verheißung an Abraham erging. Von da an läßt sich durch die Geschichte – die Heilsgeschichte – verfolgen, wie Gott machtvoll gewirkt hat bis zur Erfüllung Seiner Verheißung durch die „Einfleischung“, die Menschwerdung Seines eingeborenen Sohnes und dessen Kreuzestod und Auferstehung in der Fülle der Zeit.

 

Die Völker, die im Finstern wandelten, – alle Völker – haben dies helle Licht gesehen. Für jeden einzelnen hat Gott einen Plan der Rettung. Wer Augen hat zu sehen, der erkennt in seiner Geschichte die Anreden und Eingriffe Gottes. Doch bleibt jeder frei, sich darum nicht zu scheren. Gott zwingt dich nicht.

 

Häufig freilich ist es so, daß wir Gottes Zeichen nicht sehen, seine Sprache nicht verstehen. Diese Blindheit und Taubheit ist die Folge der Sünde. Das ist ungefähr so, als ob ich vor lauter Aufgeblasenheit und Ich-Sucht nicht merke, wie meine Frau unter mir leidet, obwohl sie versucht, es mir zu verstehen zu geben. Da ist es hilfreich, jemanden zu haben, der einem diese Zeichen auslegt. Das tut die Kirche, und das tut jeder Zeuge Christi – oder sollte es tun. Mitunter sind wir nachlässig oder feige. Aber der beste Freund oder Seelenführer vermag nichts, wenn der andere nicht will, wenn der seine Frau verachtet – oder Gott verachtet.

 

2. Es gibt kein Heil ohne Jesus Christus und darum kein Heil außerhalb seines mystischen Leibes, der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Wer gerettet wird, der gehört in Ewigkeit dieser Kirche an. Diese Kirche ist nun aber mehr als nur die „sichtbare“, hierarchisch verfaßte Kirche – ihr je aktual durch die Zeitlichkeit pilgernder Anteil –, sondern die ewige Gemeinschaft aller Engel und Heiligen, das Neue Jerusalem, das wahre Israel.

 

Wohl aber ist dies Neue Jerusalem in der irdischen Zeit gegenwärtig durch die sakramentale, hierarchische Kirche, eingesetzt vom Herrn als Mittel unseres Heils. Sie ist darum der Leib Christi, sie ist der Weg des Heils. Ist sie aber wirklich der einzige Weg? Ja – der einzige, der offen daliegt, der einzige, um den wir wissen, weil Jesus Christus selbst durch seine Apostel ihn gebaut und befestigt hat.

 

Und doch bleibt die bedrängende Frage, was mit den Menschen sei, die Jesus Christus und seine Kirche ohne ihre Schuld nicht kennen. Daß es solche Menschen gab und weiterhin gibt, kann man schwerlich bestreiten. Kann es gerecht sein – so fragen wir, obgleich wir wissen, daß Gottes Gerechtigkeit unsere übersteigt und daß seine Wege nicht unsere sind – kann es also gerecht sein, wenn ein absolut guter Mensch ohne eigene Schuld die Kirche nicht finden kann?

 

Nein, antworten wir spontan, und unser nach Fried’, Freud’ und Eierkuchen strebender Sinn möchte gleich den ach so braven Massen aller Völker und Religionen den Weg ins Paradies dogmatisch ebnen. Doch so klingt nicht die Antwort der Kirche. Die Kirche hält die Möglichkeit fest, daß Gott auf Ihm allein bekannte Weise auch den rette, der – schuldlos in Unkenntnis des in Jesu Christo offenbar gewordenen Heiles – ehrlichen Herzens Gott suche, um dessen dank der Gnade im Anruf des Gewissens erkannten Willen in seinem Leben umzusetzen.

 

Wissen können wir nicht, für wen das gilt oder ob überhaupt für jemanden. Wir hoffen es nur. Es kommt aber – um dies zu verdeutlichen – nicht darauf an, daß einer ein „guter Mensch“ ist. Gute Werke verdienen mir gar nichts. Niemand ist gut, außer Jesus Christus. Unsere Natur ist durch die Erbsünde verdorben. Darum bedürfen wir der Heilung, und Heiland ist ein einziger: Jesus Christus. Die Rettung eines Menschen, der nichts von Jesus weiß, ist darum nur möglich, wenn dieser – von der Gnade angerührt und ihr sich öffnend – sich in Sehnsucht Christo hingibt, wenn auch das Ziel seiner Sehnsucht bloß ahnend oder erhoffend, ohne seinen Namen nennen zu können. „Begierdtaufe“ kann man das mit einem etwas aus der Mode gekommenen, aber treffenden Begriff auch nennen.

 

Die Werke folgen dann sicher aus solcher Sehnsucht und Hoffnung, aber retten kann sich keiner durch noch so gewaltige Werke. Ins Herz eines Menschen aber vermag nur Gott zu schauen. Darum können wir gar nichts darüber aussagen, wer, wann oder wieviele Menschen gerettet werden. Wir wissen bloß, daß der Herr unserer Schwachheit eine feste Straße bereitet hat, gepflastert mit den Sakramenten als den Mitteln des Heils. Darum verkünden wir diesen Weg allen Völkern, keinen andern, keine vage Ahnung, keine Moral und keine Werkgerechtigkeit, sondern allein den gekreuzigten Christum, der da lebt in seiner Kirche.

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»(1) Man reklamiert für seine Position die Aufhebung der Logik, wenn die einem gerade nicht in den Kram paßt - dazu postuliert man "eine andere Dimension jenseits der Zeit", in der die fundamentale Logik quasi "außer Kraft gesetzt wird" (aber wehe, wehe, man entdeckt nur die geringste Unlogik im Gegenpart, dann fällt man wie ein Wolf darüber her und macht sich darüber lustig).

(2) Vorsorglich immunisiert man sich gegen Kritik, in dem man der Gegenseite unterstellt, sie selbst sei nicht in der Lage, das zu verstehen, nur man selbst könne es (weil man es so will).

(1) ist intellektuell höchst unredlich - man ändert die Spielregeln immer genau dann, wenn man zu unterliegen droht. (2) ist noch unredlicher, ein Kunstgriff der Ideologen und der Demagogen. Mit diesen beiden Tricks kann man jeden Unsinn begründen. [...]

Von genau dieser Art sind Roberts Argumente, die er "Perlen" nennt. Man nenne mir irgendeine vollkommen blödsinnige Theorie, und ich verteidige sie mit denselben Argumenten, mit denen Robert seine Position verteidigt. [...]

Diese Art des "unscharfen Denkens" zu entlarven ist meine Mission. [...]

Als weitere Übung habe ich selbst ein Universalargument in meine Diskussionsweise geschmuggelt - wer findet es?«

 

Ich finde mehr als ein Beispiel. Tatsächlich besteht die ganze Argumentation aus Taschenspielertricks. In Wahrheit beschreibt hier nur einer seine eigene Methode.

 

»Es gibt auch eine Sorte von Ideologen und Demagogen die diese "schmutzigen Tricks der infamen Rhetorik" bewußt einsetzen, aber die sind selten, wenn auch gefährlich.«

 

Hureka! Nennt das auf neudeutsch „Outing“?

 

In der Sache ist es natürlich gröblicher Unsinn, Argumentation mit dem Begriff der Ewigkeit als angesichts argumentativer Not ad hoc aus dem Hut gezaubert abzuqualifizieren. (NB: In dem Augenblick, da er andern den Trick unterstellt, wendet er ihn selber an.) Einerseits werden da zweieinhalbtausend Jahre abendländischer Philosophiegeschichte unter den Teppich gekehrt.

 

Zum andern kann das Absolute nicht zeitlich gedacht werden, das Sein an sich, das Gute schlechthin, das höchste Prinzip: kurz, Gott. Gott kann nur als ewig gedacht werden, und zwar im Sinne von: jenseits aller Zeit, unwandelbar, ungeschaffen, ungeworden, unvergänglich, unendlich. Wäre Gott zeitlich, endlich, wandelbar, dann wäre er nicht Gott.

 

Nun mag einer einwenden: Genau! Gott ist ja auch derselbe Quark wie deine Ewigkeit. – Nun wohl, sag ich, ich weiß, daß du ungläubig bist oder – wie drücktest du es aus? – »gegen Gott glaubst«. Kein Gott, keine Ewigkeit. Das hat eine gewisse Konsequenz. Nur ist es ausgesprochen unredlich, dem, der notorisch an der Existenz Gottes festhält, unredliches Argumentieren vorzuwerfen, wenn er die Ewigkeit als gegeben annimmt. Auch für den Ungläubigen oder Widergläubigen ist es rein logisch leicht nachzuvollziehen, daß Gott, so er existiert, ewig sein muß.

 

Als kleine Anregung zum Weiterdenken hier die ersten paar Sätze aus Rudolf Eislers »Wörterbuch der philosophischen Begriffe« zum Stichwort »Ewigkeit«:

 

Ewigkeit: unbegrenzte Dauer, zeitloses Sein. Im Begriff des (absoluten) Seins liegt schon das Nicht-entstanden-sein und Nicht-zunichte-werden, die Beharrung, das Währen durch alle Zeit hindurch. Die Zeit betrifft nur das Geschehen, nicht das Seiende, den Grund (die Substanz) des Geschehens. Der Begriff der Ewigkeit beruht auf einem logisch-ontologischen Postulat.

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»1. Der freie Willen steht im Widerspruch zum Allwissen Gottes.

 2. Da Gott der Schöpfer von allem ist, ist er auch Schöpfer aller Übel.

 3. Die Übel der Welt stehen im Widerspruch zur Allmächtigkeit und

     zur Allgüte Gottes.

 4. Die Existenz einer Hölle steht im Widerspruch zur Allgüte Gottes.

 5. Die Existenz des Himmels steht im Widerspruch zur Annahme, Gott

     könne keine Welt ohne Übel schaffen.

 6. Das Allwissen Gottes steht im Widerspruch zur Annahme, dies sei eine

     Art Test - was wäre der Sinn eines Tests, dessen Ausgang man bereits

     kennt?«

 

ad 1.: Hierzu nur wegen des neuerlichen Begründungsversuchs noch einmal:

 

»Wenn es gibt einen Standpunkt außerhalb der Zeit gibt, wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von diesem Punkt aus eins sind, [...]«

 

Wer sagt denn, daß sie »eins« seien?

 

»[...] dann sind diese nicht voneinander unterscheidbar (von diesem Standpunkt aus).«

 

Doch, natürlich. Die Zeit ist der (veränderlichen, erschaffenen) Materie zugeordnet. Daß der außerhalb der Zeit stehende absolute oder reine Geist den Verlauf der Zeit, die Materie in ihrer Wandelbarkeit insgesamt und auf einmal schaut, bedeutet ja nicht, daß dieser Verlauf, daß diese Wandlungen der Materie nicht real wären. Wir haben es mit zwei völlig verschiedenen Dimensionen zu tun.

 

Daß unsere Einbildungskraft, die Phantasie, sich die Dimension der Ewigkeit nicht vorzustellen vermag, liegt auf der Hand. Aber so geht es uns ja bereits mit vielen Erkenntnissen der modernen Physik. Vielleicht kann ein (wie stets hinkendes) Beispiel dies verdeutlichen: Der Mittelpunkt einer Kugel schaut unmittelbar jeden Punkt der Kugeloberfläche. Du als Punkt der Oberfläche, der nur zwei Dimensionen kennt, schaust bloß deine Nachbarpunkte. Sie bilden deinen Horizont.

 

»Das bedeutet, die Zukunft ist bereits vergangen (oder kann so gesehen werden).«

 

Nein, wie sich aus oben Gesagtem ergibt. Für uns ist die Zukunft Zukunft, in Gottes Schau aber ist meine Zukunft ebenso gegenwärtig wie Tamerlans Zukunft und Kleopatras Vergangenheit.

 

»Was unterscheidet für uns, die wir diesen "Außerzeitlichen Standpunkt" nicht einnehmen können, die Vergangenheit von der Zukunft? Die Gegenwart, die für uns die Zukunft formt.«

 

Nun wird es immer schwieriger. Was ist für uns denn Gegenwart? Können wir sie greifen? Sie ist nicht mehr als ein Punkt, der mir bereits entflohen ist, wenn ich ich zu definieren suche. Außer diesem Punkt ist alles schon vergangen oder noch künftig. Das ist das Wesen der wandelbaren Kreatur. Gott aber ist das ungeschaffene, das Sein schlechthin, unwandelbar. Darum ist Ihm alles gegenwärtig, die ganze Materie in ihrem realen Wandel.

 

»Können wir an der Vergangenheit etwas ändern? Nein. Sie ist eben vergangen. Können wir an der Zukunft etwas ändern? Ja, wenn (und nur wenn) wir einen freien Willen haben.«

 

Genau. Den haben wir ja. Genauer sollte man vielleicht sagen: Wir können dem beschriebenen Wandel die Richtung geben – soweit unsere begrenzte Macht reicht.

 

»Wenn Gott einen außerzeitlichen Standpunkt einnehmen kann, sind aber Vergangenheit und Zukunft identisch - unsere Unterscheidung ist eine Täuschung.«

 

Eben nicht. Man denke an das obige Kugelgleichnis.

 

»Wenn also die Zukunft dasselbe ist wie die Vergangenheit [..],«

 

Das haben wir eben widerlegt.

 

»[...] dann ist die Zukunft für uns ebensowenig veränderbar wie die Vergangenheit. Daraus folgt, daß es keinen freien Willen gibt, denn mein freier Willen erstreckt sich nicht auf die Vergangenheit. «

 

Das ist damit ebenso widerlegt.

 

ad 2.: Falsch, denn das Übel hat keine eigene Substanz. Das Übel besteht in einer Defizienz, nämlich in dem Mangel am Guten – eine Folge der Wandelbarkeit der aus dem Nichts geschaffenen Materie.

 

ad 3.: Da sie nicht Etwas sind, sondern – insoweit übel – Nichts, sind sie nicht geschaffen. Insofern sie menschengewirkt sind, sind sie Folge des vom Sein zum Nichts verkehrten (freien) Willens des Menschen.

 

ad 4.: Die ewige Pein ist ebenso Folge der Willensverkehrung des Menschen.

 

ad 5.: Gott hat den Menschen mit freiem Willen geschaffen, daher die Übel. Gott will aber auch die „verkehrte Welt“ wiederherstellen, daher der Himmel.

 

ad 6.: Auch mir ist nicht klar, welche Art Test hier gemeint sei. Wenn gemeint ist, daß Gott den Menschen „prüft“, so ist es wie mit dem Gold: Es wird im Feuer geläutert.

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Junge, junge - Roberts gesammelte Besserwissereien. Da braucht man ja Monate, um sich da durchzukämpfen. Ob sich das lohnt?

 

Immerhin, aus einigen dieser Sachen habe ich durchaus etwas gelernt. Die Sache mit der Kreuzessymbolik z. B. habe ich weitgehend zurückgezogen (revidiert), das mit dem Kamel hatte ich auf meiner Website vorher allerdings in Frage gestellt, was Robert durch verkürztes zitieren einfach unterschlagen hat. Allerdings muss man Roberts Beiträge auch genauestens analysieren - vor allem beherrscht er die perfekte Kunst, soviele Mehrdeutigkeiten aus den Sätzen zu quetschen, bis herauskommt, was er gerne möchte. Ich erinnere nur an das "subjektive dunkel" des Johannesevangeliums. Das fand ich sehr amüsant.

 

Wenn ich mal zuviel Zeit habe, gehe ich auf ein paar Sachen noch ein. Obwohl hier mit starker Rhetorik von Robert auch viel Unsinn verzapft wird und hochspekulative Dinge einfach als Gewißheiten ausgegeben werden. Trotzdem beeindruckt die Belesenheit. Aber gegen massive Besserwisserei kämpfen selbst die Götter vergebens ...

 

Auf viele dieser Beiträge von Robert gab es übrigens schon Entgegnungen von mir. Aber dank der schlechten Forensoftware werde ich die zum großen Teil nicht wiederfinden - den Trick muss ich mir merken: Meine gesammelten Beiträge veröffentlichen, wenn alle anderen ihre Entgegnungen bereits verloren haben. Wer macht sich die Mühe, längst widerlegte Dinge nochmal zu widerlegen? Ich jedenfalls nicht. Ich lasse es einfach so stehen.

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Pünktlich zum aktuellen Crash der Gladiatoren-Arena bringt der Kath.de-Verlag als Vorgeschmack auf die Werksausgabe im Schmuckschuber einen redaktionell betreuten Auszug aus dem Gesamtwerk von Robert Ketelhohn heraus. Der gelehrige Ketelhohn-Fan, aber auch der interessierte Einsteiger in die Gedankenwelt des Berliner Aussenseiters der zeitgenössischen katholischen Szene, erhält hier einen komprimierten Einblick in die Gedankenwelt eines ebenso beindruckenden wie verstörenden Vertreters des unverfälschten Katholizismus. Bereinigt von verwirrenden Nebengleisen (wie z.B. Rahner & Co), stellt sich hier der katholische Glaube als das dar, was er immer schon war und immer schon sein wollte.

 

So wirbt zumindest der Verlag. Kenner werden sich wahrscheinlich über diese Auswahl freuen, Neueinsteiger werden durch die etwas schlampige Redaktion jedoch abgeschreckt. Viele Texte sind nur Versatzstücke aus unterschiedlichen Debatten, in denen Robert Ketelhohn sich zu Wort gemeldet hat. Leider wird der Kontext an keiner Stelle näher erwähnt, weshalb viele der Texte sich dem unbefangenen Leser nicht auf Anhieb erschliessen. Tröstlich stimmt aber das Nachwort von Volker Dittmar, auch wenn er nicht auf alle Schwächen dieser recht knappen Sammlung eingeht.

 

Ungeduldigen mag diese Sammlung die Wartezeit auf die komplette Werksausgabe vielleicht versüssen. Alle anderen sollten besser noch warten. Eine Taschenbuchausgabe wird es auf Wunsch von Herrn Ketelhohn übrigens nicht geben, aber dafür hat sich Paramount bereits die Filmrechte gesichert.

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