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"Christsein" und "Tun"? Was soll das sein?


Long John Silver
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Long John Silver

Ich habe ein Problem. Seit einiger Zeit kommt immer wieder die Frage oder Ansicht, Christsein sei vielleicht an einem gewissen "Tun" (offenbar vor allem irgendeiner Art von "Naechstenliebe") zu erkennen und sogar ursaechlich damit verbunden, und ich kann damit gar nichts anfangen mit dieser Idee. Ich kann mir unter diesem angeblichen Zusammenhang nichts vorstellen und auch nicht herstellen. Ich meine jetzt nicht die Caritas, die Werke der Barmherzigkeit - das ist schliesslich normal fuer christliche Gemeinden oder viele Christen allgemein. Aber das leisten auch Nichtchristen (wobei ich schon sagen wuerde, dass es fuer Christen eine besondere Aufgabe ist, aufgrund des Evangeliums).

 

Was fuer ein "Tun" soll das noch sein? Wenn ich mir so verschiedene Threads der letzten Zeit durchlese, kriege ich den Eindruck, ich haette mit der Taufe irgendein aktuelles "Tun" versprechen sollen, irgendeinen "Auftrag", irgendeine Handlungsanweisung, aber ich kann das nicht entdecken in meiner Vorstellung von "Christ-sein".

 

Es graust mir sogar ziemlich vor der Vorstellung, da gaebe es ein "Tun", was unabdingbar mit "Christ-Sein" verbunden sei, etwas das an mir klebt wie ein Sticker "Sei Christ! Tue Gutes!" oder so aehnlich.

 

Wie geht es denn euch bei der Vorstellung, auf Teufel komm her "Gut sein" zu sollen (was immer das auch sein soll)? Bekomme nur ich einen ganz engen Hals vor Beklemmung? Kriege nur ich das Grausen bei der Vorstellung, jemand ueberrollte mich ungefragt im Namen irgendeiner von ihm konstatierten "Naechstenliebe?"

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Ich erkläre mir das meist so, daß unser Tun eine Konsequenz aus unseren inneren Haltungen ist.

 

 

Und wenn man diese Idee umdreht, dann versucht man dann so zu handeln, wie man sich christliches Handeln vorstellt, weil man hofft, dass man dann so ist, wie man handelt. Was ja auch stimmt, aus vielen ähnlichen Handlungen wird wohl mal eine Haltung. Aber man ist viel mehr als seine innere Haltung. (im "Guten" und im "Bösen" mehr). Trotzdem habe ich oft das Gefühl, wenn ich irgendwie von der Idealnorm abweiche, beschädige ich das Ansehen des Christentums, schließlich weiß jeder hier im Ort, dass ich in die Kirche gehe.

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GerhardIngold

Ich habe ein Problem. Seit einiger Zeit kommt immer wieder die Frage oder Ansicht, Christsein sei vielleicht an einem gewissen "Tun" (offenbar vor allem irgendeiner Art von "Naechstenliebe") zu erkennen und sogar ursaechlich damit verbunden, und ich kann damit gar nichts anfangen mit dieser Idee. Ich kann mir unter diesem angeblichen Zusammenhang nichts vorstellen und auch nicht herstellen. Ich meine jetzt nicht die Caritas, die Werke der Barmherzigkeit - das ist schliesslich normal fuer christliche Gemeinden oder viele Christen allgemein. Aber das leisten auch Nichtchristen (wobei ich schon sagen wuerde, dass es fuer Christen eine besondere Aufgabe ist, aufgrund des Evangeliums).

 

Was fuer ein "Tun" soll das noch sein? Wenn ich mir so verschiedene Threads der letzten Zeit durchlese, kriege ich den Eindruck, ich haette mit der Taufe irgendein aktuelles "Tun" versprechen sollen, irgendeinen "Auftrag", irgendeine Handlungsanweisung, aber ich kann das nicht entdecken in meiner Vorstellung von "Christ-sein".

 

Es graust mir sogar ziemlich vor der Vorstellung, da gaebe es ein "Tun", was unabdingbar mit "Christ-Sein" verbunden sei, etwas das an mir klebt wie ein Sticker "Sei Christ! Tue Gutes!" oder so aehnlich.

 

Wie geht es denn euch bei der Vorstellung, auf Teufel komm her "Gut sein" zu sollen (was immer das auch sein soll)? Bekomme nur ich einen ganz engen Hals vor Beklemmung? Kriege nur ich das Grausen bei der Vorstellung, jemand ueberrollte mich ungefragt im Namen irgendeiner von ihm konstatierten "Naechstenliebe?"

 

Jesus formulierte:

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? 17Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte. 18Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte hervorbringen und ein schlechter Baum keine guten. 19Jeder Baum, der keine guten Früchte hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. 20An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen. 21Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. 22Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? 23Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!

 

Nun zitiere ich Dich:

Ich habe ein Problem. Seit einiger Zeit kommt immer wieder die Frage oder Ansicht, Christsein sei vielleicht an einem gewissen "Tun" (offenbar vor allem irgendeiner Art von "Naechstenliebe") zu erkennen und sogar ursaechlich damit verbunden, und ich kann damit gar nichts anfangen mit dieser Idee. Ich kann mir unter diesem angeblichen Zusammenhang nichts vorstellen und auch nicht herstellen.

 

Gibt Jesus hier nicht eine Antwort auf Deine Frage?

 

Für mich gilt: Ich hatte Hass erlebt und gab diesen Hass weiter. Ich habe Schläge erlebt und wurde zum Schläger. Doch ich habe auch vergebende Liebe erlebt und darum legte ich mein altes Leben ab und begann, die Liebe zu leben, die mir in der Vergebung zuteil wurde.

 

Für mich war das, was die Bibel Metanoia benennt.

Gott war mit mir barmherzig, wie kann ich dann gegenüber Fehlern meiner Mitmenschen unbarmherzig sein?

Gott gab mir seine Liebe, wie kann ich dann gegenüber Mitmenschen lieblos sein. (Bin ich trotzdem ständig.)

Gott zwang mich nicht mit Gewalt zu sich. Wieso sollte ich dann Gewalt anwenden.

Ich war ein Feind Gottes. Er aber lebte Feindesliebe. Wieso sollte ich dann diese Liebe nicht auch selbst leben?

 

Eine Frau wusch in der Legende Jesus die Füsse mit Tränen und trocknete seine Füsse mit ihren Haaren. Jesus sah die Blicke der Männer, welche diese Frau kannten. Jesus sagte zu ihnen. "Wem viel vergeben ist, der liebt viel...."

 

Ergeben sich die neuen Denk- und Verhaltensmuster nicht selbstredend aus dem, was wir durch die vergebende Liebe Gottes erfahren haben?

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Long John Silver

Ich erkläre mir das meist so, daß unser Tun eine Konsequenz aus unseren inneren Haltungen ist.

 

Wenn ich von einer Sache oder Person in einer bestimmten Weise denke gehe ich sie in entsprechender Weise an bzw. rede von ihr entsprechend.

 

Und da komme ich dann ganz schnell an die Punkte Sünde, Unvollkommenheit, etc.

 

Jemand, der völlig von der Liebe Gottes durchdrungen ist, kann sich nach meinem Verständnis nach nur sehr schwierig "nicht liebevoll" verhalten. Dieses Durchdrungensein ist - so habe ich es verstanden - das Ergebnis der stetigen Öffnung für Gott.

 

Für 99% der Bevölkerung ist dieser Status allerdings wohl kaum erreichbar. Jedes Lästern oder Fluchen, jede vermiedene Zuvorkommenheit, jede Unfreundlichkeit, jedes nicht geschenkte Lächeln, jede zurückgehaltene Geste der Zuneigung, jeder nicht entbotene Ausdruck des Respekts ist wohl eine Konsequenz daraus, daß man eben nicht "vollkommen liebt" - und sobald einem das bewusst ist, kann man sich jeden Beichtspiegel schenken.

 

Für mich bin ich der Überzeugung, daß Gott barmherzig sein muss - sonst hätte ich gar keine Chance auf das Ewige Leben, wenn er aber selbst mich liebt, haben etliche andere tröstlicherweise trotzallem gute Karten. Das ist kein Ruhekissen. Das Bewusstsein der Unvollkommenheit kann ein Nagetier sein, das gerade bei leicht abzustellenden Kleinigkeiten Ego und Seele malträtiert. Aber irgendwas muss uns ja immer weiter antreiben. Womit das "Tun" aus Deiner Frage, vielleicht definiert ist: Sich nach der Vollkommenheit in der Liebe Gottes zu sehnen.

 

Mhm. Eigentlich habe ich nicht erlebt, dass ich Handeln von mir aus meiner Religion begruende oder es so in einen Zusammenhang setze. Es waere mir auch suspekt, wenn das so waere. Ich begruende mein Handeln aus notwendigen sozialen Zusammenhaengen, ja. Sehnen nach der Vollkommenheit in der Liebe Gottes klingt fuer mich (persoenlich) eigentlich eher ... erschreckend.

Edited by Long John Silver
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Mhm. Eigentlich habe ich nicht erlebt, dass ich Handeln von mir aus meiner Religion begruende oder es so in einen Zusammenhang setze. Es waere mir auch suspekt, wenn das so waere. Ich begruende mein Handeln aus notwendigen sozialen Zusammenhaengen, ja.

Das ist auch keine Kopfentscheidung wie "meine Religion sagt, darum tue ich". Es geht darum eine bestimmte Einstellung zu den Dingen zu entwickeln, so daß sich bestimmte Dinge eben nicht nur aus sozialen Zwängen heraus verbieten oder gebieten, sondern daß das eigene Handeln im Einklang mit Herz und Gewissen ist. Und die Maßstäbe, die daran anzulegen sind, ergeben sich eben aus der Frage inwieweit man sich von Gott geliebt fühlt und was man davon weitergeben will.

 

Klar kann auch ein Massenmörder im Einklang mit seinem Gewissen leben - aber es dürfte sehr schwierig bis unmöglich sein, solches Verhalten mit "Ich bin von Gott geliebt." in Einklang zu bringen.

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Christliches Handeln

 

Ergibt sich für mich

1. aus der Gewissheit dass das Himmelreich wirklich die kostbare Perle ist

 

Das alleine reicht allerdings nicht aus.

Denn das kann der Umweltverpester genauso für sich beanspruchen wie die "Mit Schlauchboot vor den Walfänger Fahrerin".

 

Deswegen

2. Das hätte Christus auch so gemacht. (Da gibt es einige Überraschungen)

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Trotzdem habe ich oft das Gefühl, wenn ich irgendwie von der Idealnorm abweiche, beschädige ich das Ansehen des Christentums, schließlich weiß jeder hier im Ort, dass ich in die Kirche gehe.

Ja?

Verstehe ich das richtig, dass das sozusagen ein reflexartiges anerzogenes Gefühl ist und auch im Widerspruch stehen kann zu dem, was du eigentlich für richtig hältst?

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Klar kann auch ein Massenmörder im Einklang mit seinem Gewissen leben - aber es dürfte sehr schwierig bis unmöglich sein, solches Verhalten mit "Ich bin von Gott geliebt." in Einklang zu bringen.

Manche Massenmörder - gelegentlich sogar die Schlimmsten - sehen das genau andersrum. Die sehen ihre Untaten sozusagen als Sendung Gottes.

"Gott liebt mich. Und ich erweise mich ihm gegenüber als dankbar, indem ich all seine Feinde vernichte."

 

Ein solcher Satz steckt voller Variablen.

"Gott" kann man sich eben so oder so vorstellen.

Gottes Wille kann man so oder so vermuten.

"Liebe" kann man sich so oder so vorstellen. (Es gibt ja auch Menschen, die aus lauter Liebe zu ihren Kindern die Rute nicht schonen. Seht, wie sie einander lieben!)

Und auch die Frage, AN WEN man die Liebe Gottes weitergeben soll, wird unterschiedlich beantwortet.

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Klar kann auch ein Massenmörder im Einklang mit seinem Gewissen leben - aber es dürfte sehr schwierig bis unmöglich sein, solches Verhalten mit "Ich bin von Gott geliebt." in Einklang zu bringen.

Manche Massenmörder - gelegentlich sogar die Schlimmsten - sehen das genau andersrum. Die sehen ihre Untaten sozusagen als Sendung Gottes.

"Gott liebt mich. Und ich erweise mich ihm gegenüber als dankbar, indem ich all seine Feinde vernichte."

 

Ein solcher Satz steckt voller Variablen.

"Gott" kann man sich eben so oder so vorstellen.

Gottes Wille kann man so oder so vermuten.

"Liebe" kann man sich so oder so vorstellen. (Es gibt ja auch Menschen, die aus lauter Liebe zu ihren Kindern die Rute nicht schonen. Seht, wie sie einander lieben!)

Und auch die Frage, AN WEN man die Liebe Gottes weitergeben soll, wird unterschiedlich beantwortet.

Deswegen ist "christliches" Handeln meiner Meinung nach eine Untermenge von "Handeln im göttlichen Auftrag"

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Ich frage mal andersrum: Was bleibt vom Christentum übrig, wenn nicht auch ein bestimmtes Handeln (oder mindestens die Tendenz dazu) damit verunden ist? Außer reiner Frömmelei fällt mir nichts ein.

 

Werner

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Ich frage mal andersrum: Was bleibt vom Christentum übrig, wenn nicht auch ein bestimmtes Handeln (oder mindestens die Tendenz dazu) damit verunden ist? Außer reiner Frömmelei fällt mir nichts ein.

 

Werner

Wie wäre es mit Optimismus? (als Überbleibsel)

 

Gabs da nicht mal einen Philosophen, der etwas von "wenn Sie nur erlöster wirken würden" geschrieben hat?

 

Das Handeln ist ja ganz nett, aber ...

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Ich frage mal andersrum: Was bleibt vom Christentum übrig, wenn nicht auch ein bestimmtes Handeln (oder mindestens die Tendenz dazu) damit verunden ist? Außer reiner Frömmelei fällt mir nichts ein.

 

Werner

Das ist aber schade. Für mich ist Christentum in erster Linie ewas, das ich gelernt habe und das Einfluß auf meine Ansichten und Überzeugungen hat. Es führt aber nicht automatisch zu einem bestimmten Handeln, das wäre eine abzulehnende Fremdbestimmung.

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Klar kann auch ein Massenmörder im Einklang mit seinem Gewissen leben - aber es dürfte sehr schwierig bis unmöglich sein, solches Verhalten mit "Ich bin von Gott geliebt." in Einklang zu bringen.

Manche Massenmörder - gelegentlich sogar die Schlimmsten - sehen das genau andersrum. Die sehen ihre Untaten sozusagen als Sendung Gottes.

"Gott liebt mich. Und ich erweise mich ihm gegenüber als dankbar, indem ich all seine Feinde vernichte."

 

Ein solcher Satz steckt voller Variablen.

"Gott" kann man sich eben so oder so vorstellen.

Gottes Wille kann man so oder so vermuten.

"Liebe" kann man sich so oder so vorstellen. (Es gibt ja auch Menschen, die aus lauter Liebe zu ihren Kindern die Rute nicht schonen. Seht, wie sie einander lieben!)

Und auch die Frage, AN WEN man die Liebe Gottes weitergeben soll, wird unterschiedlich beantwortet.

Ich finde so viele Variablen sind das gar nicht. Zumindest nicht, wenn ich von meinem katholischen Standpunkt aus schaue.
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Der katholische Standpunkt besteht darin, dass Du den Variablen einen konkreten Wert zuweist.

Das Dumme ist: Es bleiben Variablen. Nichtkatholiken weisen andere Werte zu. Und selbst innerhalb der katholischen Kirche werden andere Wert zugewiesen.

 

Allein "Gott" ist eine extrem vielfältig besetzbare Variable. Jeder stellt sich was anderes darunter vor.

Ebenso vielfältig ist die Besetzungsmöglichkeit von "Liebe".

Diese beiden Worte sind hochgradig variabel. Auch innerhalb des katholischen Standpunktes.

"Gottes Liebe" ist somit zweidimensional variabel.

 

Hier in diesem Forum hat schon mal jemand eine Liturgie für die Delinquenten einer Ketzerverbrennung entworfen. Ich sage Dir: Das war kein durch und durch böser Mensch. Der hat diesen Entwurf als einen Liebesdienst für die armen, fehlgeleiteten und nur noch auf diese Weise errettbaren Ketzer gesehen. Ein Liebesdienst. Sozusagen, ein letzter, ultimativer Liebesdienst.

Es ist, finde ich, erstaunlich, was man alles aus "Gott", aus "Liebe" und aus "Dienst" machen kann - und zwar besten Willens.

Und das ist alles möglich - und zwar wegen der hohen Variabilität solcher Worte.

 

Wenn Du nun sagst, dass Deine Zuweisung die einzig richtige oder die einzig katholische sei: Das ist eine fundamentalistische Denkweise, die sowieso nicht funktioniert. Mit welcher Berechtigung soll Deine Begriffsfassung besser oder katholischer sein, als die von Thomas Morus? Oder Papst Benedikt? Oder Hans Küng? Die haben alle die Variablen anders besetzt, als Du. Warum soll ihre Art schlechter oder weniger katholisch sein, als Deine?

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GerhardIngold
Klar kann auch ein Massenmörder im Einklang mit seinem Gewissen leben - aber es dürfte sehr schwierig bis unmöglich sein, solches Verhalten mit "Ich bin von Gott geliebt." in Einklang zu bringen.

Manche Massenmörder - gelegentlich sogar die Schlimmsten - sehen das genau andersrum. Die sehen ihre Untaten sozusagen als Sendung Gottes.

"Gott liebt mich. Und ich erweise mich ihm gegenüber als dankbar, indem ich all seine Feinde vernichte."

 

Ein solcher Satz steckt voller Variablen.

"Gott" kann man sich eben so oder so vorstellen.

Gottes Wille kann man so oder so vermuten.

"Liebe" kann man sich so oder so vorstellen. (Es gibt ja auch Menschen, die aus lauter Liebe zu ihren Kindern die Rute nicht schonen. Seht, wie sie einander lieben!)

Und auch die Frage, AN WEN man die Liebe Gottes weitergeben soll, wird unterschiedlich beantwortet.

 

Als ich die drei ersten Evangelien und sie mit dem Rest des NTs und besonders mit dem AT verglich, empfand ich Folgendes:

 

Der Gott, den Jesus lehrt, hat mit dem AT kaum noch Übereinstimmungen. Das Gleichnis über den verlorenen Sohn und den wahren verlorenen Sohn, ist ein Beispiel dafür. Da ist nicht mehr der zürnende Gott, sondern ein liebender Vater, der seine Kinder frei lässt, es ihnen zulässt, Fehler zu machen und sich aber freut, wenn ein Metanoja stattfindet.

 

Der zweite Sohn im Gleichnis steht für selbstgerechte Menschen. "Ich danke dir Gott, dass ich nicht so bin, wie dieser Zöllner...." Der Revoluzzer brach aus der Tradition aus. Viele Menschen taten und tun das nicht. Sie meinen deshalb, besser als alle anderen Menschen zu sein. So benennen gewisse Christen Sozialhilfeempfänger als Sozialschmarotzer. Im Gegenzug würden diese Christen die Millionengagen-Nehmenden nie als Sozialschmarotzer einstufen. Eher bewundern sie diese und betrachten wie Zwingli Reichtum als Segen Gottes.

 

Die unterschiedlichen Reaktionen zeigt Jesus am Beispiel der Frau, die ihm mit den Tränen die Füsse gewaschen hat. Die Frau wusste, dass sie fehl gegangen war. Die anderen Tischgenossen aber hatten nie sichtbar gewordene Fehler gemacht. Sie glauben daher, keine göttliche Vergebung notwendig zu haben. Daher sagt Jesus: "Wem viel vergeben worden ist, der liebt viel..."

 

Wenn ich die Brief des Apostels Paulus neben das liebende Gottesbild stelle, wie es mir in den drei ersten Evangelien entgegen kam, empfinde ich die Briefe einen Rückschritt zum alttestamentlichen Gottesbild. Mit seinen diversen Sündenregistern fördert er gerade die Selbstgerechtigkeit der Menschen, die nie ausgebrochen sind. Sie befinden sich, ihrer Selbsteinschätzung nach, auf dem schmalen Pfad der Gerechten. Auf dem Pfad, der schnurstracks zum Heil und nach dem Tod ins Paradies führt.

 

Greifen solche Menschen, welche sich auf dem schmalen Pfand zu befinden meinen, auf atl. Muster zurück, meinen sie alles austilgen zu müssen, was ihrer Ansicht nach nicht ihrem Gottesverständnis entspricht. Die Hexenverfolgungen, die Täuferverfolgungen, die Kreuzritter usw. gehören zu dem Geist des ATs. Der Geist, den die drei ersten Evangelien aus meiner Sicht atmen, widerspricht dem Geist des ATs. Der Koran und das AT atmen den Geist des Gesetzes, des Buchstabenglaubens und dem Recht, an Gottes Stelle Rächer zu sein.

 

Ich bin mitnichten der erste, der diese Unterschiede empfindet.

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Lothar1962

Ich wüsste absolut nicht, was ich im ganz normalen, außerkirchlichen Leben anders machen würde, wenn ich kein Christ wäre.

 

- Ich wäre ebenfalls Chemiker, und im Öffentlichen Dienst

- Ich würde in irgendwelchen Vereinen ehrenamtliche Dienste leisten

- ich würde Musik machen

- ich würde meine Mieter nicht ausnehmen

- ich wäre in Haus & Grund Mitglied

- ich hätte den Militärdienst verweigert (das begründete ich zwar christlich, das war aber nicht der tatsächliche Grund)

- ich würde Aktienfonds von Lebensmittelgroßkonzernen kaufen.

- ich würde zu einem weltlichen und nicht zu einem kirchlichen Psychotherapeuten gehen.

- ich würde einen gewissen Anteil meines Einkommens für soziale Zwecke spenden - der Fokus liegt auf Naturschutz und Medizin in der 3. Welt.

 

Und nachdem ich mir schon anhören durfte, dass ich als Christ weder in Haus & Grund Mitglied sein dürfe (weil die die armen Mieter schikanieren) und auch keinen Lebensmittelfonds halten dürfe (weil die die Inder und Malgassen ausnehmen), sehe ich das inzwischen eher intergalaktisch großzügig.

 

Soziales Handeln ergibt sich bei mir aus meiner Gesellschaftssicht, nicht aus meinem Glauben. Das war schon immer so - außer bei der unsäglichen Gewissensprüfung als Militärdienstverweigerer habe ich mich niemals auf meinen Glauben bezogen.

 

Der Glaube liefert mir den metaphysischen Überbau, den Freundeskreis, den Kreis, der meine Musik gerne hört, und oft genug die Gelassenheit, wenn ich mal wieder - wegen was auch immer - wie ein HB-Männchen in die Luft gehen wollte bzw. den Ärger in mich rein fresse. Und er liefert mir die festen, strukturierten Rituale, die ich meine, zu brauchen. Mit meinen Taten hat das erst mal sehr wenig zu tun.

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Die Annahme dass mit christlichem Handeln soziales Handeln gemeint ist führt zu dem Stress mit den Weihnachtsgeschenken.

Wäre ich auch nur 50 Hauche christlicher - ich könnte mich mehr auf Weihnachten freuen.

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Ich frage mal andersrum: Was bleibt vom Christentum übrig, wenn nicht auch ein bestimmtes Handeln (oder mindestens die Tendenz dazu) damit verunden ist? Außer reiner Frömmelei fällt mir nichts ein.

 

Werner

Das ist aber schade. Für mich ist Christentum in erster Linie ewas, das ich gelernt habe und das Einfluß auf meine Ansichten und Überzeugungen hat. Es führt aber nicht automatisch zu einem bestimmten Handeln, das wäre eine abzulehnende Fremdbestimmung.

Fremdbestimmungen wäre, wenn dein Handeln von etwas anderem als deinen Ansichten und Überzeugungen bestimmt würde.

 

Werner

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Long John Silver

Ich wüsste absolut nicht, was ich im ganz normalen, außerkirchlichen Leben anders machen würde, wenn ich kein Christ wäre.

 

- Ich wäre ebenfalls Chemiker, und im Öffentlichen Dienst

- Ich würde in irgendwelchen Vereinen ehrenamtliche Dienste leisten

- ich würde Musik machen

- ich würde meine Mieter nicht ausnehmen

- ich wäre in Haus & Grund Mitglied

- ich hätte den Militärdienst verweigert (das begründete ich zwar christlich, das war aber nicht der tatsächliche Grund)

- ich würde Aktienfonds von Lebensmittelgroßkonzernen kaufen.

- ich würde zu einem weltlichen und nicht zu einem kirchlichen Psychotherapeuten gehen.

- ich würde einen gewissen Anteil meines Einkommens für soziale Zwecke spenden - der Fokus liegt auf Naturschutz und Medizin in der 3. Welt.

 

Und nachdem ich mir schon anhören durfte, dass ich als Christ weder in Haus & Grund Mitglied sein dürfe (weil die die armen Mieter schikanieren) und auch keinen Lebensmittelfonds halten dürfe (weil die die Inder und Malgassen ausnehmen), sehe ich das inzwischen eher intergalaktisch großzügig.

 

Soziales Handeln ergibt sich bei mir aus meiner Gesellschaftssicht, nicht aus meinem Glauben.

 

 

Das kommt dem, was ich meine, recht nahe.

 

Ich denke, dass ich anderen auch keine andere als diese Art von Christsein guten Gewissens anbieten koennte oder sie dazuerziehen (Kinder) oder beeinflussen wollte.

 

Nein, wollte ich keinesfalls. Der "grosse Rest" von dem, was Christsein fuer mich ausmacht, ist nicht in einem ganz bestimmten Tun oder Handeln feststellbar oder gar damit zu erzielen. Allenfalls koennte ich sagen, dass der "grosse Rest" eine Kraftreserve ist, eine Geborgenheit, die durch das Wissen um eine bestimmte Verortung kommt.

Edited by Long John Silver
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GerhardIngold

Ich wüsste absolut nicht, was ich im ganz normalen, außerkirchlichen Leben anders machen würde, wenn ich kein Christ wäre.

 

- Ich wäre ebenfalls Chemiker, und im Öffentlichen Dienst

- Ich würde in irgendwelchen Vereinen ehrenamtliche Dienste leisten

- ich würde Musik machen

- ich würde meine Mieter nicht ausnehmen

- ich wäre in Haus & Grund Mitglied

- ich hätte den Militärdienst verweigert (das begründete ich zwar christlich, das war aber nicht der tatsächliche Grund)

- ich würde Aktienfonds von Lebensmittelgroßkonzernen kaufen.

- ich würde zu einem weltlichen und nicht zu einem kirchlichen Psychotherapeuten gehen.

- ich würde einen gewissen Anteil meines Einkommens für soziale Zwecke spenden - der Fokus liegt auf Naturschutz und Medizin in der 3. Welt.

 

Und nachdem ich mir schon anhören durfte, dass ich als Christ weder in Haus & Grund Mitglied sein dürfe (weil die die armen Mieter schikanieren) und auch keinen Lebensmittelfonds halten dürfe (weil die die Inder und Malgassen ausnehmen), sehe ich das inzwischen eher intergalaktisch großzügig.

 

Soziales Handeln ergibt sich bei mir aus meiner Gesellschaftssicht, nicht aus meinem Glauben. Das war schon immer so - außer bei der unsäglichen Gewissensprüfung als Militärdienstverweigerer habe ich mich niemals auf meinen Glauben bezogen.

 

Der Glaube liefert mir den metaphysischen Überbau, den Freundeskreis, den Kreis, der meine Musik gerne hört, und oft genug die Gelassenheit, wenn ich mal wieder - wegen was auch immer - wie ein HB-Männchen in die Luft gehen wollte bzw. den Ärger in mich rein fresse. Und er liefert mir die festen, strukturierten Rituale, die ich meine, zu brauchen. Mit meinen Taten hat das erst mal sehr wenig zu tun.

 

Ich finde diese Sicht passt zu Christen, Juden, Muslimen, Atheisten usw..

 

Was ich mich hingegen frage, wozu benötigen Christen, Juden, Muslime noch Gott?

 

Die noch drängendere Frage: Wieso zusätzlich noch Jesus?

Edited by GerhardIngold
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Ich bin mir sehr sicher, ohne meinen Glauben (und alles was damit zusammenhängt) wäre mein Leben völlig anders verlaufen.

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Ich bin mir sehr sicher, ohne meinen Glauben (und alles was damit zusammenhängt) wäre mein Leben völlig anders verlaufen.

 

Wäre das zwingend etwas schlechtes?

 

DonGato.

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Ich bin mir sehr sicher, ohne meinen Glauben (und alles was damit zusammenhängt) wäre mein Leben völlig anders verlaufen.
Wäre das zwingend etwas schlechtes?
Eine Frage des Standpunktes. Für viele meiner Zeitgenossen vielleicht.
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]Eine Frage des Standpunktes. Für viele meiner Zeitgenossen vielleicht.

 

 

Ist es nicht so, ganz gleich welchen Weg man geht, man nimmt immer sich und seien Persönlichkeit mit. Warum soll Deine Persönlichkeit - und damit Deine Auswirkung auf Deine Zeitgenossen - essenziell anderes sein, nur weil Dein Leben anders verläuft?

 

DonGato.

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