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Marcellinus

Popper und die Wissenssoziologie

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GermanHeretic
vor 24 Minuten schrieb duesi:

Ich bin der Meinung, dass die Aussage, dass das stattgefunden hat, dennoch nur eindeutig wahr oder falsch sein kann.

 

Der aristotelische Wahrheitsbegriff ist bei fraktaler Logik natürlich absolut nicht mehr haltbar. Wo man wieder im Problem der Semantik angelangt ist, denn der aristotelische hat sich fest eingebürgert. Dennoch reicht er nicht aus, wie Russel schon gezeigt hat. Es gibt Aussagen, auf die er schlichtweg nicht paßt. Man braucht mindestens einen dritten Begriff wie "nicht entscheidbar".

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duesi
vor 6 Minuten schrieb GermanHeretic:

 

Der aristotelische Wahrheitsbegriff ist bei fraktaler Logik natürlich absolut nicht mehr haltbar. Wo man wieder im Problem der Semantik angelangt ist, denn der aristotelische hat sich fest eingebürgert. Dennoch reicht er nicht aus, wie Russel schon gezeigt hat. Es gibt Aussagen, auf die er schlichtweg nicht paßt. Man braucht mindestens einen dritten Begriff wie "nicht entscheidbar".

Von Bertrand Russel kenne ich nur die Aussage mit der Teekanne und seine Religionskritik. "Nicht entscheidbar" ist eine sinnvolle Kategorie und nicht unbedingt ein Widerspruch zum binären Wahrheitsbegriff. Was genau hat Russel gezeigt? Bzw., wenn die Erläuterung zu lang wäre, wo kann ich das nachlesen?

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GermanHeretic
vor 7 Minuten schrieb duesi:

Von Bertrand Russel kenne ich nur die Aussage mit der Teekanne und seine Religionskritik. "Nicht entscheidbar" ist eine sinnvolle Kategorie und nicht unbedingt ein Widerspruch zum binären Wahrheitsbegriff. Was genau hat Russel gezeigt? Bzw., wenn die Erläuterung zu lang wäre, wo kann ich das nachlesen?

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Barbier-Paradoxon

 

Im Prinzip läuft man immer bei selbstbezüglichen Definitionen in die Falle. Obwohl sich natürlich die Frage stellt, hebelt das den aristotelischen Wahrheitsbegriff aus, oder sind die Definitionen einfach nur Kappes.

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duesi
vor 13 Minuten schrieb GermanHeretic:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Barbier-Paradoxon

 

Im Prinzip läuft man immer bei selbstbezüglichen Definitionen in die Falle. Obwohl sich natürlich die Frage stellt, hebelt das den aristotelischen Wahrheitsbegriff aus, oder sind die Definitionen einfach nur Kappes.

Ich würde auf zweiteres tippen. Der Barbier kann nicht gleichzeitig alle rasieren, die sich nicht selbst rasieren und nur diejenigen rasieren, die sich nicht selbst rasieren. Die erste Bedingung impliziert, dass er sich selbst rasiert. Die zweite Bedingung impliziert, dass er sich selbst nicht rasiert. Also kann die Definition schon mal auf niemanden zutreffen. Und der nicht existente Barbier rasiert sich auch nicht selbst. Also kann die Frage mit "nein" beantwortet werden. Also ist die Frage hier entscheidbar.

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Soulman
vor 16 Stunden schrieb GermanHeretic:

 

Der aristotelische Wahrheitsbegriff ist bei fraktaler Logik natürlich absolut nicht mehr haltbar. Wo man wieder im Problem der Semantik angelangt ist, denn der aristotelische hat sich fest eingebürgert. Dennoch reicht er nicht aus, wie Russel schon gezeigt hat. Es gibt Aussagen, auf die er schlichtweg nicht paßt. Man braucht mindestens einen dritten Begriff wie "nicht entscheidbar".

Damit kann ich gut leben. Das "nicht entscheidbar" ist eine schöne Herausforderung für das gebildete Ego.

 

Gruss, Martin

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Aristippos
vor 19 Stunden schrieb GermanHeretic:

Im Prinzip läuft man immer bei selbstbezüglichen Definitionen in die Falle. Obwohl sich natürlich die Frage stellt, hebelt das den aristotelischen Wahrheitsbegriff aus, oder sind die Definitionen einfach nur Kappes.

Die Definition des "Barbiers" im Paradoxon ist schlicht eine umständliche Definition der leeren Menge. Da die leere Menge keine Elemente enthält, machen Aussagen über ihre Elemente keinen Sinn (wie "rasiert sich selbst").

 

Das hebelt aber nicht den aristotelischen Wahrheitsbegriff aus, denn auch dieser bestimmt, dass nur sinnvolle Aussagen "wahr" oder "falsch" sein können, also Aussagen, bei denen das Subjekt ein Element der Definitionsmenge des Prädikats ist. Jedes Prädikat ist nur für eine bestimmte Bezugsmenge definiert, außerhalb dieser Menge verwendet wird die Aussage schlicht sinnlos. Bei umgangssprachlichen Prädikaten (wie "rasiert sich selbst") ist die Definitionsmenge vom allgemeinen Sprachverständnis bestimmt und vielleicht nicht ganz klar umrissen, aber die meisten Menschen würden wohl sagen, dass "sich selbst rasieren" allerhöchstens auf Menschen und Tiere anwendbar ist.

 

Da Russell nun seinen Begriff "Barbier" aber so definiert, dass davon kein Mensch oder Tier umfasst ist, ist damit die Aussage "Der Barbier rasiert sich selbst" sinnlos und daher außerhalb des Anwendungsbereichs des Wahrheitsbegriffs, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint. Vergleichbar ist zum Beispiel der Satz: "Der Zinseszins ist blau." Der ist auch weder wahr noch falsch, sondern schlicht sinnlos. Weil der Begriff "Zinseszins" nicht zur Definitionsmenge des Prädikats "blau sein" gehört.

Edited by Aristippos
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Marcellinus

Nun seid ihr also bei der Wahrheitsfrage gelandet. Es ist paradox. Der Begriff „Wahrheit“, der wie kein anderer für den Wunsch nach Erkenntnis, Eindeutigkeit, Gewissheit und Sicherheit seht, hat wie kein anderer Begriff für Unklarheit, Dissens und Verwirrung gesorgt (höchstens noch übertroffen vom Gottesbegriff). 

 

„Wahrheit“ ist ein von Menschen geschaffenes, sprachliches Symbol, ein Begriff, und was man damit zu begreifen versucht, das ist die Frage. Was immer man unter „Wahrheit“ versteht, es ist verbunden mit denn Begriffspaar „wahr/falsch“. Ob es sich um eine Aussage, Theorie oder sonstige Vorstellung handelt, immer ist sie entweder definitiv und absolut „wahr“ oder eben nicht. 

 

Nun gibt es viele Fälle des täglichen Lebens, in denen das scheinbar unproblematisch ist. Der Wahrheitsgehalt von Aussagen wie „Ich hab mir den Arm gebrochen“, „Hier regnet es gerade“ oder „Caesar hatte eine Glatze“ ist prinzipiell kein erkenntnistheoretisches Problem, auch wenn der letzte Fall vielleicht nach 2000 Jahren in der Praxis schlecht zu recherchieren ist. Nur hat das eben nichts mit der „Wahrheit™“ zu tun, und auch im täglichen Leben kommen auf jeden Fall, den ich nach einem schwarz-weiß-Muster beurteilen kann, hundert andere, bei denen das nicht geht. In der Mathematik oder Logik dagegen ist Existenz wie Bestimmbarkeit des Wahrheitswertes einer Aussage nicht die Ausnahme, sondern die Regel, allerdings nicht, weil die Fragen immer einfach zu beantworten wären, sondern weil Mathematik wie Logik als menschengemachte Symbolsysteme eben so eingerichtet sind, daß Problemstellung wie Lösung nur aus eben diesen Symbolen bestehen. 

 

Nur in den theoretisch-empirischen Wissenschaften will das mit der „Wahrheit“ nicht so richtig klappen. Da hilft es auch nichts, zu behaupten, Wahrheit und Wirklichkeit seine irgendwie identisch, oder „Wahrheit eine Wesenseigenschaft der Wirklichkeit“, denn damit behauptet man ja nichts mehr und nichts weniger als daß „Wahrheit“ kein von Menschen erfundener Begriff ist. Das ist reine Esoterik.

 

Modelle in den theoretisch-empirischen Wissenschaften bestehen aus menschengemachten Begriffen und Symbolen; die Zusammenhänge, die man mit ihnen beschreiben will, dagegen nicht. Das ist der eigentliche Grund dafür, daß diese Modelle immer unvollständig, vorläufig oder beides sind. Wenn man sie nicht allesamt für falsch erklären will, kommt man mit einem alles-oder-nichts-Schema nicht zurecht. Manche helfen sich dann mit der gedanklichen Konstruktion einer „Annäherung an die Wahrheit“, ein ganz besonderer Witz, denn wie will ich das Maß einer solchen „Annäherung“ bestimmen, wenn ich nicht weiß woran? 

 

In der Praxis habe ich außerhalb der Physik noch keinen Wissenschaftler erlebt, der sich getraut hat, seine Modelle „wahr“ zu nennen, und die Physiker lernen auch gerade auf die harte Tour, daß ihre Wissenschaften mehr Fragen als Antworten hat, und das Verfallsdatum ihrer Theorien immer kürzer wird, wenn sie überhaupt das Stadium der Hypothese verlassen.

 

Was theoretisch-empirische Wissenschaftler tun, ist der Versuch, zu zeigen, daß ihre Modelle besser sind als die bisherigen, besser durch Tatsachenbeobachtungen belegt, besser in ihrem Erklärungs- oder vielleicht sogar Prognosewert, was immer in ihrem jeweiligen Fach als Qualitätskriterium etabliert ist. Dieser Komparativ, dieses „besser als vorher“, ist der eigentliche, und realistische Maßstab, mit dem Fortschritt in den theoretisch-empirischen Wissenschaften bestimmt wird. „Wahrheit“ (außerhalb von Mathematik und Logik) ist einfach eine veraltete Glaubensvorstellung.

 

Daß es sich beim Wahrheitsbegriff eigentlich um eine Glaubensvorstellung handelt, daß also Subjektivismus und Wahrheit untrennbar verbunden sind, ist übrigens keine so neue Erkenntnis. Das folgende Zitat fand ich bei meiner Beschäftigung mit Popper (womit wir wieder beim Threadthema wären):

 

„Das ummittelbar Erlebte ist subjektiv und absolut […] Die objektive Welt hingegen, welche die Naturwissenschaft rein herauszukristallisieren sucht, [..] ist notwendigerweise relativ […] Dieses Gegensatzpaar: subjektiv - absolut und objektiv - relativ scheint mir eine der fundamentalsten erkenntnistheoretischen Einsichten zu enthalten, die man aus der Naturforschung ablesen kann. Wer das Absolute will, muß die Subjektivität, die Ichbezogenheit, in Kauf nehmen; wen es zum Objektiven drängt, der kommt um das Relativitätsproblem nicht herum.“

(Hermann Weyl, Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft, 1966, S. 150f, zitiert bei Karl Raimund Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1984, S. 75)

 

Popper selbst schreibt dazu:

 

„Das alte Wissenschaftsideal, das absolut gesicherte Wissen (episteme), hat sich als Idol erwiesen. Die Forderung der wissenschaftlichen Objektivität führt dazu, daß jeder wissenschaftliche Satz vorläufig ist. Er kann sich wohl bewähren - aber jede Bewährung ist relativ, eine Beziehung, eine Relation zu anderen, gleichfalls vorläufigen Sätzen. Nur in unserem subjektiven Überzeugungserlebnissen, in unserem Glauben können wir absolut sicher sein." (Popper a.a.O. S. 225)

 

Und um diese „subjektiven Überzeugungserlebnisse“, diese persönlichen Gewißheiten, scheint es mir bei der Debatte um den Wahrheitsbegriff eigentlich zu gehen. Diese Gewißheit wollen manche offenbar mit allem (sprachlichen) Mitteln retten. Aber es hilft nichts: immer wenn jemand davon spricht, dieses oder jenes sei „wahr“, begeht er entweder eine sprachliche Ungenauigkeit oder formuliert einen Glauben , und zwar ganz egal, ob religiös oder nicht.

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