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Basiert die Ablehnung "widernatürlicher Akte" auf einem Fehlschluss?


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Werner001
vor 3 Minuten schrieb Merkur:

Das geht natürlich, aber bisher ging es um die Behauptung, der derzeitige Umgang damit sei nicht schlüssig oder widersprüchlich. Zu diesem Ergebnis kann man natürlich ebenfalls kommen, aber mMn nicht anhand der Argumentation, die in diesem Thread vertreten wurde. 

Naja, in sich ist der schon schlüssig, es wird aber eine unbegründete These vorausgesetzt, nämlich ein bestimmtes Menschenbild. 
Aus der These, dass der Mond ein großer Schweizer Käse sei, kann man ja auch in sich schlüssig ableiten, dass man durch Erschließung des Mondes den Käsebedarf der Menschheit decken könnte. Nur ist eben die These falsch.

Und inwiefern sich aus dem Christentum das behauptete Menschenbild ergibt, dieser Beleg fehlt.

 

Werner

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Marcellinus
vor 39 Minuten schrieb Werner001:

Wenn jemand sagt, aus dem christlichen Glauben ergebe sich eine pazifistische Einstellung, muss er das begründen können (was bei diesem Beispiel recht einfach geht).

Wenn jemand sagt, aus dem christlichen Glauben ergebe sich die Notwendigkeit, Ketzer zu töten, muss er das ebenfalls begründen (was schwerlich möglich sein dürfte).

 

Ich bin nicht ganz sicher. Nehmen wir nur diese beiden Beispiele, so sind die die allermeiste Zeit des Christentums genau anders beantwortet worden. Die Lehre vom gerechten Krieg war bis in jüngste Zeit Standard, und das Töten von Ketzern ist ebenfalls bis in die Neuzeit üblich gewesen. Die Formel dafür hieß, sie der weltlichen Gewalt zu überantworten, wobei klar war, was man von der erwartete. Heute dagegen werden beide Fragen so beantwortet, wie du es tust.

 

Jetzt hat man zwei mögliche Arten von Erklärungen für diese unterschiedlichen Begründungen. Entweder man stellt fest, daß sich mit dem Christentum beide Fragen sowohl so als auch anders begründen lassen. Oder man entscheidet sich dafür, jeweils eine der beiden Begründungen für genuin christlich zu halten, und die jeweils andere nicht. Das macht die Sache auch nicht besser, denn damit bezeichnet man entweder die Gegenwart oder die Vergangenheit als nicht christlich. Das war übrigens die Information, die ich in dem einzigen Theologie-Seminar bekam, das ich jemals besucht habe: Alle Christen, die andere Ansichten vertreten hätten als die unter den damals Anwesenden vorherrschend, seien eigentlich keine Christen gewesen. Fand ich als Auskunft schon erstaunlich. 

 

Als historisch Interessierter neige ich zu einer anderen Sichtweise. Die frühen Christen lehnten den Militärdienst in weiten Teilen ab, einfach, weil es nicht ihr Reich war, was da verteidigt wurde, während sich das mit der Installation als Staatsreligion änderte (was übrigens die Geschichte mit dem Christus-Symbol auf den Schilden von Konstantins Soldaten in das Reich der frommen Legenden verweist). Die Verfolgung von Ketzern war bis zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nicht möglich, sodaß sich die frühen Christen auf gegenseitige Beschimpfung und Exkommunikation beschränken mußten, was sie auch reichlich getan haben.

 

Erst mit dem Verlust seiner weltlichen Macht haben die christlichen Kirchen zuerst die Ketzerverfolgung notgedrungen eingestellt, nicht ohne im Fall der kath. Kirche noch bis vor wenigen Jahren zumindest von ihnen als ketzerisch empfundene Meinungen auf den Index zu setzen. Segnungen von Waffen finden dagegen meines Wissens bis heute statt. 

 

Meines Wissens gibt es keine Kernaussage des Christentums, mit der man heute meint, bestimmte Wertentscheidungen treffen zu können, die in der langen Geschichte des Christentums von hohen christlichen Autoritäten nicht auch schon anders vertreten worden wäre. 

 

 

 

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Merkur
vor 12 Minuten schrieb Werner001:

Naja, in sich ist der schon schlüssig, es wird aber eine unbegründete These vorausgesetzt, nämlich ein bestimmtes Menschenbild. 

Ja sicher, aber wenn man schon ausführen will, warum man diese Lehre ablehnt, sollte man sie zumindest zutreffend darstellen und auch den richtigen Grund für seine Ablehnung nennen: Man teilt das zugrundeliegende Menschenbild nicht. Das ist für mich überzeugender als irgendwelche Spekulationen über Gottes Willen und dessen angebliche Unschlüssigkeit.

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o_aus_h
vor 18 Stunden schrieb iskander:

Im Kontext der kath. Lehre ist die von der "sittlichen Ordnung geforderte" geschlechtliche Beziehung  die eheliche Gemeinschaft, bei der jeder einzelne Akt "offen für das Leben" ist oder es jedenfalls im Prinzip sein könnte.


Gibt es eine Begründung dafür? Nicht dass ich wüsste, oder jedenfalls keine "naturrechtliche". Es wird m.E. im Prinzip einfach immer implizit bereits als wahr angenommen, was gerade noch zu beweisen wäre.

Also bleibt mein Verdacht vorerst unwiderlegt, dass die „sittliche Ordnung“, auf die sich die Passage beruft, ein moralischer Siemens-Lufthaken ist. Die Schlussfolgerung ist in sich logisch, aber die Herleitung ist ohne wirkliches Fundament. 

Edited by o_aus_h
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Werner001
vor 35 Minuten schrieb Marcellinus:

Nehmen wir nur diese beiden Beispiele, so sind die die allermeiste Zeit des Christentums genau anders beantwortet worden.

Ich sagte, der Pazifismus ließe sich leicht begründen. Um den „gerechten Krieg“ zu begründen argumentierten gelehrte Theologen ganze Bibliotheken voll, was zeigt, dass dies Begründung nicht so einfach ist wie jene.

Eine christliche Begründung für das Töten Andersgläubiger gibt es nicht. Natürlich hat man es trotzdem getan. 
So wie man heute auch ohne überzeugende Begründung eine Sexuallehre verkündet, für due es keine christliche Begründung gibt

 

Werner

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Marcellinus
vor 18 Minuten schrieb Werner001:
vor einer Stunde schrieb Marcellinus:

Nehmen wir nur diese beiden Beispiele, so sind die die allermeiste Zeit des Christentums genau anders beantwortet worden.

Ich sagte, der Pazifismus ließe sich leicht begründen. Um den „gerechten Krieg“ zu begründen argumentierten gelehrte Theologen ganze Bibliotheken voll, was zeigt, dass dies Begründung nicht so einfach ist wie jene.

Eine christliche Begründung für das Töten Andersgläubiger gibt es nicht. Natürlich hat man es trotzdem getan. 
So wie man heute auch ohne überzeugende Begründung eine Sexuallehre verkündet, für due es keine christliche Begründung gibt

 

Könnte es sein, daß du von einer bestimmten Vorstellung von Christentum ausgehst? Die Ablehnung von Homosexualität zieht sich vom frühen Christentum bis heute. Woher du da die Behauptung nimmst, für das, was Christen fast 2000 Jahre gelehrt und geglaubt haben, gäbe es keine christliche Begründung, erschließt sich mir nicht. 

 

Natürlich gibt es auch für das Töten Anders- oder Falschgläubiger eine christliche Begründung. Auch das findet sich schon bei den frühen Christen. Es kann nur eine Wahrheit geben, und nur die führt zum Heil. Daher muß man ihr mit allen Mitteln zum Durchbruch verhalten. "Den Ketzer sollst du nicht leben lassen". 

 

Der Pazifismus der frühen Christen war vor allem der Ablehnung des heidnischen Staates geschuldet, dem man nicht dienen wollte. Als diese Staat dann christlich wurde, wurde seine Verteidigung zur frommen Pflicht. 

 

Das waren Begründungen, die Jahrhundertelang das Christentum bestimmt haben. Wieso sollten es also keine christlichen Begründungen sein? Weil es deinen Vorstellungen vom Christentum widerspricht? Für dieses dein Dilemma (das mir wie gesagt schon vor über 40 Jahren an der Uni zum ersten Mal begegnet ist), gibt es nur zwei Lösungen: Entweder, du akzeptierst, daß Christen im Laufe der Geschichte über bestimmte Fragen völlig andere Vorstellungen hatten als heute, oder du vertrittst die Ansicht, daß das damals alles keine Christen waren.

 

Dann gibt es das Christentum in diesem Sinne erst allerdings erst seit wenigen Jahrzehnten, und es ist unter denen, die sich heute zum Christentum rechnen, vermutlich noch nicht einmal die Mehrheit. Ich will dir deinen Glauben wahrlich nicht absprechen, aber irgendwie überzeugt mich dieses Konzept nicht. Allerdings hat es mit den Christen aller Zeiten eines gemeinsam: die Überzeugung, daß es nur eine "Wahrheit" gibt, und nur die macht einem zu einem "wahren" Christen. Darin war man sich immer einig, nur nicht darin, worin diese "Wahrheit" besteht. ;)

 

Edited by Marcellinus
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Werner001

Vermutlich haben wir unterschiedliche Vorstellungen davon, was Religion ist. Man kann natürlich sagen, eine Religion ist genau das, was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt real existierend ist.
Sieht man das so, dann hat z. B. das Christentum in seinen Ursprüngen, in der Renaissance und heute außer dem  Namen und ein paar Geschichten rein gar nichts miteinander zu tun.

Ich neige dazu, eine Religion als eine Idee zu sehen. Eine Idee, die ausgelegt und interpretiert werden muss, die aber auch immer noch erkennbar bleiben muss, weil man sich sonst nicht mehr auf diese Idee berufen kann. 

Und wenn es also eine solche Grundidee gibt, dann kann man auch alle strittigen Fragen an dieser Idee messen.

Jahrhundertelang hatte die Christenheit kein Problem mit der Sklaverei. Als die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Sklaverei aufkam, hat man auf diese Grundidee zurückgegriffen und ist, nicht überraschend, zu dem Schluss gekommen, dass Sklaverei abzulehnen sei. Ebenso beim Thema des Tötens Andersgläubiger. Und nun fordere ich ganz einfach, auch das Thema Homosexualität an der Grundidee zu messen.

Dass man seit Jahrhunderten HS abgelehnt habe, ist kein Argument (siehe Sklaverei). Die Grundidee ist es, was zählt.

Und da sehe ich keine auch nur annähernd überzeugende Begründung. 
 

Werner

 

 

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Marcellinus
vor 10 Minuten schrieb Werner001:

Ich neige dazu, eine Religion als eine Idee zu sehen. Eine Idee, die ausgelegt und interpretiert werden muss, die aber auch immer noch erkennbar bleiben muss, weil man sich sonst nicht mehr auf diese Idee berufen kann.

 

Und welche Idee sollte das sein?

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Werner001
vor 14 Minuten schrieb Marcellinus:

 

Und welche Idee sollte das sein?

Das ist nichts was ich dir mit einem Satz sagen könnte.

Aber damit du vielleicht besser verstehst was ich meine: ein sehr zentraler Grundgedanke im Christentum ist das Thema Nächstenliebe. Es ist ziemlich leicht einsehbar, dass sich z. B. Sklaverei oder Ketzerverbrennung mit diesem Thema nicht gut in Einklang bringen lassen. Bei der Sklaverei hat man sich lange an Paulus gehalten, der schrieb „ihr Sklaven, gehorcht euren Herrn“, aber dass da ein Widerspruch zur Nächstenliebe besteht, war trotzdem offensichtlich (sonst hätte man nicht nach Begründungen gesucht, sie trotzdem beizubehalten). 
Wie Ketzerverbrennung theologisch gerechtfertigt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, aber auch da liegt der Widerspruch zur Grundidee der Nächstenliebe auf der Hand.

Und nun wüsste ich gerne (von den Theologen, nicht von dir), welcher Grundgedanke des Christentums verletzt würde, wenn man zu einer anderen Beurteilung der Homosexualität käme. 
 

Werner

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Marcellinus

Ich denke, man kann ziemlich einfach zeigen, daß Nächstenliebe nicht der Grundgedanke des Christentums war. Das Christentum ist entstanden aus einer jüdischen Splittergruppe, deren Kerngedanke der Glaube an eine herausragende Mission dieses Jesus war. Sie waren überzeugt, daß er der Maschiach sei, ein Mensch mit einem göttlichen Auftrag, die Juden zu befreien und eine Reich des Friedens und der Freiheit zu errichten. 

 

In dem Maße, in dem die Christen versuchten, Anhänger im heidnischen Umfeld der Synagogen zu gewinnen, wandelte sich diese Vorstellung. So wurde aus der Vorstellung des jüdischen Erlösers die heidnisch-griechische Vorstellung vom Christos, aus der Befreiung der Juden wurde die Erlösung aller Gläubigen in einem Reich Gottes, das immer mehr ins Jenseitige entrückt wurde. Und wie die Erlösung immer mehr ins Jenseitige geriet, so auch dieser Christos, der von einem Menschen, einem Gesandten und Gesalbten, zu einem Sohn Gottes, und dann zu einem Gott selbst wurde. 

 

Wenn es einen zentralen Gedanken gibt, der die Christen die ersten Jahrhunderte, und eigentlich bis in die Neuzeit hin beschäftigt hat, dann ist es diese Diskussion um die Christologie, die Frage also, wer dieser Christos war und ist, und worin die von ihm verheißene Erlösung bestehen möge, und wie man sie erhält oder auch nicht.

 

Was du mit dem Gedanken der Nächstenliebe meinst, bezieht sich vermutlich auf die Bergpredigt. Nur ist das weder exklusiv christlich, noch hat es die christliche Praxis in den letzten fast 2.000 Jahren auch nur maßgeblich bestimmt. Die Ablehnung der Sklaverei, bei uns übrigens bis in die Neuzeit Realität in Form der Leibeigenschaft, die von den christlichen Kirchen immer gestützt wurde, kam erst, als diese sich wirtschaftlich schon überlebt hatte, und die industrielle Lohnarbeit, die oft mit noch schlimmerem Elend als die Sklaverei verbunden war, war den christlichen Kirchen erst eine zögerliche Antwort wert, als ihnen die Arbeiterbewegung zunehmend die Massen streitig machte. 

 

Die Fragen der Sexualität waren im Christentum von Anfang an vom Gegensatz bestimmt zwischen dem Geistlichen, das Gott zugeordnet wurde, und dem Körperlichen, das ein Reich des Teufels war. Daher stammt die Idee, Sexualität sei nur zu rechtfertigen, wenn sie der Fortpflanzung diene, und, das ist entscheidend, keine Spaß mache. Damit war die Homosexualität aus mehrfachen Gründen außen vor. 

 

Ich denke daher, der Grundgedanke des Christentums, sein Alleinstellungsmerkmal, ist seine Christologie, alles was sich rankt um die Einmaligkeit dieser Figur und der damit verbundenen, jenseitigen Verheißung.  Moralische Fragen sind dagegen immer nachrangig behandelt worden, was angesichts des eskapistischen Charakters des Christentums auch nicht verwundern sollte. Eine bessere Welt erträumten sich die Christen immer nur im Jenseits. 


 

Edited by Marcellinus
Das kommt davon, wenn man seinen eigenen Ratschlägen nicht folgt, und einen längeren Post nicht vorher sichert.
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iskander
Posted (edited)
Am 6.6.2021 um 00:26 schrieb Werner001:

Letztlich geht es doch nur darum, dass Sexualität als schmutzig und ekelhaft gilt. Alles andere ist frommes Geschwurbel, um das nicht so deutlich sagen zu müssen.

Und die Vorstellung, dass der männliche Same bereits ein kleiner Mensch sei, spielt(e) hier sicher auch eine gewisse Rolle.

 

vor 7 Stunden schrieb Merkur:

Das geht natürlich, aber bisher ging es um die Behauptung, der derzeitige Umgang damit sei nicht schlüssig oder widersprüchlich. Zu diesem Ergebnis kann man natürlich ebenfalls kommen, aber mMn nicht anhand der Argumentation, die in diesem Thread vertreten wurde. 

 

Einige Leute, darunter ich, haben uns sehr eindringlich mit der kirchl. Argumentation auseinandergesetzt, soweit sie sich überhaupt rekonstruieren lässt. Dabei argumentiert die Kirche jedenfalls in den hier betrachteten Fällen traditionell "naturrechtlich". Sie meint aus der biologischen Natur und ihren funktionalen Zusammenhängen Gottes Willen ableiten zu können, und zwar einen ganz bestimmten göttlichen Willen.

 

Wir haben versucht darzulegen, was offenbar die (versteckten) Prämissen dieser Argumentation sind und wieso aus ihnen gerade nicht das folgt, was die Kirche behauptet.
Von Dir hingegen kommt nichts als die Behauptung, dass die Rekonstruktion die kath. Lehre angeblich nicht treffe, frei von Belegen und inhaltlichen Erörterungen. Stattdessen Behauptungen und suggestive Bilder.

 

Zitat

Überhaupt nicht, die These ergibt sich aus dem christlichen Menschenbild und der Geschichte des Christentums eigentlich von selbst.

 

 

Das ist nichts als eine Behauptung, frei von jeder erkennbaren argumentativen Grundlage!

 

Zitat

 

Ja sicher, aber wenn man schon ausführen will, warum man diese Lehre ablehnt, sollte man sie zumindest zutreffend darstellen und auch den richtigen Grund für seine Ablehnung nennen: Man teilt das zugrundeliegende Menschenbild nicht. Das ist für mich überzeugender als irgendwelche Spekulationen über Gottes Willen und dessen angebliche Unschlüssigkeit.

 

 

Diese Passage hat mich erheblich geärgert, weil Du einem hier ohne sachliche Basis versteckte Motive unterstellst. Das ist nicht wirklich toll, vor allem wenn die andere Seite Original-Texte zitiert und diese analysiert und erörtert, wie diese sinnvoll gemeint sein könnten und was sie voraussetzen - und vom anderen außer allgemeinen Behauptungen und Meinung wenig kommt.

 

Und die Spekulationen über Gottes Wille, der sich angeblich in der von der kath. Kirche intendierten Weise aus der Natur herauslesen lasse, kommen von der Kirche selbst.

(Und auch das ist an sich auch legitim; wenn man glaubt, dass ein guter und vernünftiger Gott die Welt geschaffen hat, lässt sich sicherlich zumindest plausibel machen, dass er wohl dies und jenes beabsichtigt hat. Das Problem ist aber, was die Kirche da nun genau ableitet.)

 

Ein Großteil der kath. Sexuallehre hat nach meiner Überzeugung mit einem allgemeinen "christlichen Menschenbild", wie der Begriff gemeinhin verstanden wird herzlich wenig zu tun, es sei denn verstehst etwas sehr Spezielles und sehr Ungewöhnliches unter "christlichem Menschenbild".

Wenn Du das anders siehst, dann nochmals der Appell: Aus welchen Aspekten des christl. Menschenbildes (so wie Du es vestehst) soll sie konkret folgen? Es müsste doch möglich sein, das wenigstens stichwortartig zusammenzufassen.

Edited by iskander
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iskander

  

 

vor 4 Stunden schrieb Marcellinus:

Ich bin nicht ganz sicher. Nehmen wir nur diese beiden Beispiele, so sind die die allermeiste Zeit des Christentums genau anders beantwortet worden. Die Lehre vom gerechten Krieg war bis in jüngste Zeit Standard, und das Töten von Ketzern ist ebenfalls bis in die Neuzeit üblich gewesen. [...]

 

Ohne mich da in Eure Grundatzdebatte einmischen zu wollen, möchte ich anmerken, dass die Lehre vom gerechten Krieg zumindest von der Grundidee her wohl auch heute noch anerkannt ist, und zwar ziemlich allgemein. Diese Lehre bedeutet nämlich nicht, dass der Krieg als solcher gerecht wäre, sondern dass nicht jeder, der an einem Krieg teilnimmt, eo ipso ungerecht handeln müsste. Zumindest bezogen auf den Verteidigungsfall ist dies ja nach wie vor weithin die übliche Überzeugung.

 

Falls Die Wikipedia recht hat, stellt sich die Sache wie folgt dar (ich zitiere hier sehr selektiv einige wichtige historische Stationen und lasse z.B. die Griechen und die Neuzeit weg):


 

Zitat

 

Die in der Scholastik entwickelten und in das Kriegsvölkerrecht übernommenen Kriterien eines gerechten Krieges verteilen sich auf

  • das Recht zum Krieg (ius ad bellum: Wer darf aus welchen Gründen wozu Krieg führen?) und
  • das Recht im Krieg (ius in bello: Welche Art der Kriegführung ist legitim?)

Recht zum Krieg:

  • legitime Autorität (legitima auctoritas/potestas)
  • Vorliegen eines zulässigen Kriegsgrundes (causa iusta)
  • gerechte Absicht der Kriegführenden (recta intentio)
  • letztes Mittel zur Wiederherstellung des Rechts (ultima ratio)
  • Aussicht auf Frieden mit dem Kriegsgegner (iustus finis)

Recht im Krieg:

  • Verhältnismäßigkeit (proportionalitas) der angewandten militärischen Mittel
  • Unterscheidung von Soldaten und Zivilisten (Diskriminierungsgebot) und Schutz der letzteren während der Kampfhandlungen (Immunitätsprinzip). [...]

 

Augustins Kriterien für einen gerechten Krieg des vom Christentum geprägten Römischen Reiches waren:

  • Er muss dem Frieden dienen und diesen wiederherstellen (iustus finis).
  • Er darf sich nur gegen begangenes, dem Feind vorwerfbares Unrecht – eine gravierende Verletzung oder Bedrohung der Rechtsordnung – richten, das wegen des feindlichen Verhaltens fortbesteht (causa iusta).
  • Eine legitime Autorität – Gott oder ein Fürst (princeps) – muss den Krieg anordnen (legitima auctoritas). Dabei muss der Fürst die innerstaatliche Ordnung wahren, d. h. die gegebenen Strukturen des Befehlens und Gehorchens.
  • Sein Kriegsbefehl darf nicht gegen Gottes Gebot verstoßen: Der Soldat muss ihn als Dienst am Frieden einsehen und ausführen können.[24]

Damit stellte Augustin schärfer als Cicero das Ziel des gerechten Krieges – Frieden mit dem besiegten Gegner, nicht dessen Vernichtung –, die alleinige Kriegsentscheidung der gegebenen Regierung und die Verantwortung aller Kriegsteilnehmer für eine legitime, dem Friedensziel angemessene Kriegführung heraus. Auf diese Weise wollte er Privatfehden, Bürgerkriege und reine Eroberungskriege delegitimieren. Andererseits schloss er die Möglichkeit eines Heiligen Krieges für eine als gottgewollt geltende Ordnung nicht aus. Seine Bedingungen blieben für die Lehre vom gerechten Krieg im ganzen Mittelalter maßgebend. [...]

 

Nicht jede äußere Bedrohung der eigenen Rechtsordnung war für Thomas [von Aquin] eine causa iusta, sondern erst eine damit einhergehende, äußeren Angreifern vorwerfbare Schuld, die es verdiene, mit Krieg bestraft zu werden: nämlich Angriffe, die die gesamte Rechts- und Heilsordnung nachhaltig bedrohten. So wollte Thomas den Fürsten an seinen Auftrag binden, das Recht für alle, nicht nur für seine Herrschaft, zu wahren und wiederherzustellen. Erst diese gerechte Absicht, nicht schon Berufung auf Gottes Auftrag legitimierte für ihn also militärische Verteidigung.

[...] Die Kriegführenden sollten sich auf jeden Fall von schlechten Motiven wie Habgier, Hass, Rache oder Ehrgeiz freihalten.[29] Sie durften im Verlauf Kriegsgegner nie absichtlich, nur als unbeabsichtigte Folge von Selbstschutz töten.[30] Dies schloss eine direkte Bekämpfung von feindlichen Zivilisten und das Töten von Soldaten, die nicht als unrechtmäßige Angreifer identifizierbar waren, aus.[31]

Gerecht war der Krieg für Thomas also nur dann, wenn er von einer dazu legitimierten Regierung zur Verteidigung einer potentiell für alle gültigen Rechtsordnung mit Aussicht auf ein positives Ergebnis, auf weniger statt mehr Sünde und ohne eigensüchtige Motive geführt werden konnte. Er wandte diese Kriterien jedoch nicht auf bestimmte Kriege seiner Zeit an und verbot Angriffskriege nicht ausdrücklich. Jedenfalls ist auch nach einer Machtübernahme verboten, einen Heiden oder Juden zum Glauben zu zwingen[32], was einen eigentlichen Missionskrieg ausschließt.

 

Natürlich gab es auch Leute (auch Päpste), die beispielsweise die "Heidenmission" als gerechten Kriegsgrund erachteten, und die religiösen Bestandteile der Argumentation sind heute obsolet oder säkularisiert, und sicher hat sich auch sonst vieles verändert. Aber die Grundidee ist nach wie vor da. Und sie stellt im Prinzip auch schon von ihren historischen (antiken) Wurzeln her eine Begrenzung und (gewisse) Humanisierung des Krieges dar, oder jedenfalls die Forderung danach.

 

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